Der Traum des schwarzen Katers

Im Traum trägt der schwarze Kater Sieben-Meilen-Stiefel. Gestiefelt zu sein, ist ja nichts Ungewöhnliches für einen Kater. Mit Riesenschritten springt der schwarze Kater durch ein Land, das ihm vertraut vorkommt, und doch ganz fremd. Gewiss, hier ist das Goethehaus. Einige Sprünge nach Süden führen am Hradschin vorbei über Schloss Schönbrunn zum Pantheon, dann Kehrtwendung und in großem Bogen (denn Katzen schwimmen bekanntlich nicht gern) die weißen Pferde der Camargue aufscheuchen und die Alhambra erreichen, bevor es ganz dunkel wird. Sie ist traumhaft schön im Licht des Sonnenuntergangs, von San Nicolás aus gesehen. Danach saust der schwarze Kater mit großen Sätzen heimwärts, schleicht unterwegs neugierig am Seinekai entlang und besucht alte Freunde in Deutz. Und kommt wieder nach Hause.

Er hat all das gekannt. Aber es war nicht so, wie er es kannte. Denn er hat lachende, gutgekleidete Menschen gesehen. Kinder, die auf den Straßen spielten. Grüne Städte, in denen kein Auto fuhr. Neubauten voller Einfallsreichtum und Handwerkskunst. Er hat allenthalben Musik gehört, hat Menschenscharen vor hell erleuchteten Theatern gesehen, hat Speisen voller Geschmack und Lebenskraft gerochen. Kein Bettler suchte Mitleid, keiner, der trotz Arbeit arm gewesen wäre, stapfte mit saurem Gesicht durch die Mengen. Kein Gebäude war schmucklos, kein Haus verzichtete auf Kunst. Der schwarze Kater hat seine Heimat kaum wiedererkannt.  Darum schaut er noch einmal genauer hin.

Und noch genauer. Denn der schwarze Kater möchte bei den Ursachen anfangen, die Erscheinungen zu verstehen. Er hat viele Menschen in Gastwirtschaften essen sehen, überall, und sie aßen gute Dinge. Aber womit haben sie bezahlt? Es waren andere Scheine in Rom gewesen als in Granada, und wieder andere in Prag und Wien. Ja, sogar zwischen Weimar und Köln, Prien und Dresden, Freudenstadt, Potsdam und Magdeburg waren sie verschieden. Ebenso zwischen Paris und Toulouse, Sevilla und Barcelona, Venedig und Rom. Im Traum des schwarzen Katers gibt es viele kleine Währungs- und Wirtschaftsräume. Der schwarze Kater erkennt die Vorteile: Die Nachfrage ist zunächst regional. Was sinnvollerweise in der Nähe hergestellt werden kann, wird auch dort gekauft. Energiefressende Ferntransporte entfallen. Was allerdings in der Ferne besser ist, wird dort erworben, aber: Hier erscheint der zweite Vorteil. Das Geld muss dazu getauscht werden. Und die anpassungsfähigen Wechselkurse gleichen es aus, wenn die Wirtschaftsräume unterschiedlich stark sind. Deshalb also sind Anhalt oder die Lausitz im Traum des schwarzen Katers nicht ärmer als der Chiemgau.

Indem er noch genauer hinsieht, erkennt der Kater noch mehr: Alle diese regionalen Gelder tragen irgendeine Art von Umlaufsicherung. Sie werden weniger: Die einen verfallen nach einer Frist, und müssen gegen Abschlag umgetauscht werden. Andere müssen mit Marken beklebt werden, um ihre Gültigkeit zu bewahren. Noch andere regeln diesen Geldverfall elektronisch. Aber alle Gelder, die der schwarze Kater sieht, haben diesen Mechanismus. Im Traum sagt man dem schwarzen Kater, dass einst, als Währungsvielfalt erlaubt wurde und die dezentralen Gelder als Steuerzahlungsmittel anerkannt wurden, es viele verschiedenartige Währungen gab, oft sogar am selben Ort. Manche waren mit Gold gedeckt, andere hatten keinen Wertverlust, oder einen sehr hohen. Die Menschen hatten die Freiheit, zwischen ihnen allen zu wählen. Und viele gingen unter. So blieben jene, welche die Arbeit der Menschen am besten spiegelten und der Wirtschaft am besten dienten.

Der schwarze Kater weiß natürlich, dass eine Umlaufsicherung des Geldes es möglich macht, dass der langfristige Zins auf Null sinkt (und der kurzfristige noch darunter). Damit lohnt sich jede Investition, die auch nur einen minimalen Ertrag bringt. Es lohnt sich, Wälder anzupflanzen. Es lohnt sich, energiesparende Techniken einzusetzen. Es lohnt sich, Arbeitskräfte einzustellen. Und es gilt nicht mehr, dass derjenige, der viel Geld hat, ganz von allein noch mehr bekommen wird. Im Gegenteil: Wenn er nicht jemand anderes Leistung damit bezahlt, wird er das Geld verlieren. Geld erwirbt ein jeder nur noch durch seine Leistung. Der schwarze Kater weiß auch, dass dann, wenn jeder Kredit zinslos getilgt wird, ein jeder nur gerade soviel Leistung erbringen muss, wie er selbst beansprucht hat. Der Zwang zur Mehrleistung entfällt, und damit der Zwang zum Wirtschaftswachstum.  Darum sieht der schwarze Kater in seinem Traum nur Menschen, die von ihrer eigenen Hände Arbeit leben.

Und er sieht auch, dass sie gerne arbeiten, doch wenig. Da jede Investition  lohnt, sind alle unangenehmen Arbeiten an Maschinen delegiert. Im Gegenzug blüht das Handwerk. Niemand stellt sich Fertigmöbel in die Wohnung, niemand trägt Kleidung von der Stange. Es lohnt sich, Gutes zu erwerben. Auch die Häuser werden nach Maß gefertigt, und es versteht sich, dass man Geld für Fassadenverzierungen einplant. Lüftelmaler, Steinschnitzer und Bildhauer sind wieder zu gefragten Leuten geworden. Ihnen allen genügen vier, fünf Stunden Arbeit am Tag, um ein gutes Auskommen zu haben. Endlich ist damit im Traum des schwarzen Katers die Industriegesellschaft dort angekommen, wo sie einst bei den Jägern und Sammlern angefangen hat. Denn dass in sogenannten „primitiven“ Gemeinschaften auf der ganzen Welt nur vier, fünf Stunden täglich der Subsistenzarbeit dienen, das hat den schwarzen Kater immer schon gewundert.

Jetzt versteht der schwarze Kater, warum die Menschen in seinem Traum so gelöst und glücklich wirken, warum sie Zeit haben zu plaudern und zu spielen, warum sie, da Untätigkeit durchaus nicht ihr Ziel ist, basteln und erfinden, kochen und gärtnern, lesen und Bücher schreiben, malen und musizieren. Und abends gehen sie in Konzerte, denn sie können es sich leisten, und zahllose begabte Musiker können in ihrem Beruf ein gutes Auskommen finden. Und das ganze Jahr über feiern sie jedes Fest, dass die verschiedenen Gruppen in ihrer Gegend ausrichten: Ostern und Jom Kippur, Bayram und Fronleichnam, Opferfest und Laubhüttenfest.

Im Traum des schwarzen Katers gibt es keine Arbeitslosigkeit, keine Armut, keine soziale Unsicherheit mehr. Die Sozialsysteme müssen sich nur um wenige Kranke und Alte kümmern, die sonst niemanden haben, und auch dies geschieht meist regional. Auch auf Krieg haben diese Menschen keine Lust – warum auch? So hat der Staat seine Bedeutung fast gänzlich verloren. Er erhebt keine Steuern mehr für Soziales, für Zinszahlungen, für Kriegvorbereitung (man nannte das „Verteidigung“). Bildungseinrichtungen und Verkehrswege schaffen Menschen regional nach Einigung mit allen Beteiligten und, wenn nötig, einer Volksabstimmung. Da es nicht mehr nötig ist, um jeden Preis, und sei es Energieverschwendung und Umweltzerstörung, Profit zu machen, braucht es kein Umweltministerium mehr. Auch die Polizei hat herzlich wenig zu tun. Und so ist sich der schwarze Kater, als er erwacht, nicht ganz sicher, ob es in seinem Traum überhaupt noch so etwas wie eine Regierung gegeben hat.

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6 Kommentare zu “Der Traum des schwarzen Katers

  1. […] Man braucht eine positive Utopie, oder wenigstens ein paar Skizzen von ihr, um einen politischen Standort zu beschreiben. Und je genauer die Skizzen, desto treffender ist auch der Standpunkt beschrieben. Die „andere Welt“, die möglich ist, ist riesig und kaum kartiert; die gerechtere Gesellschaft, von der viele träumen, besiedelt unbekannte Kontinente; aber wo ich meine Fahne in den Boden ramme, gibt es konkurrierende Gelder, deren langfristiger Zins auf Null fallen kann, gibt es Gemeinschaftseigentum an Boden und ein daraus entstehendes Grundeinkommen (Achtung, großes PDF!), gibt es vollkommene Leistungsgerechtigkeit als Basis für wohltätige Großzügigkeit, und ein kaum spürbares Minimum an staatlicher Einflussnahme. Aber das steht ja auch schon anderswo. […]

  2. […] möglich wäre – welche Welt dann entstehen könnte – das habe ich ganz zu Anfang dieses Blogs träumerisch entworfen. Nie, niemals und nirgends war das Irrwissen einer „Wissenschaft“ so […]

  3. Advocatus diaboli sagt:

    Zunächst freut es mich eine solch schöne Träumerei zu lesen und man ist hingerissen von der sprachlichen Gewandtheit und der ein oder anderen treffenden Metapher. Nun, ich denke es ist immer recht hilfreich ein Licht am Ende eines Tunnels zu haben, worauf man zu läuft und es ist verlockend einem Ideal zu folgen, auf dass man es möglicherweise einmal erreiche.

    Ich hege nur meine Zweifel, ob man damit glücklich wird bzw. im Hier seine Zufriedenheit findet, da die uns gegebene Zeit begrenzt ist. Ist es also erstrebenswert einem Ideal zu folgen, von dem wir nicht wissen, ob es eintreten wird, geschweige denn funktioniert? Nun die Geschichte lehrt uns, dass wir immer wieder solchen Versuchungen verfallen und leider ins Verderben rennen, wo doch die Prognosen so verheißungsvoll klangen. Man wünscht sich Vorreiter, die wissen, was zu tun ist und den Weg vorgeben und bereiten, auf dass wir auf diesem entlang schreiten einer glücksehligen Zukunft entgegen. Diesen Vorreitern wird in aller Regel Skepsis sowie Unglaube entgegengebracht und es ist oft der Fall, dass sprachliche Stilmittel wie Ironie als Hochmut abgetan werden. Aber zurück zum Thema; der eigentliche Punkt, welcher mich daran hindert Utopien oder Idealen zu folgen ist der, dass es uns selbst wenn wir diese Ideale erreichen würden, nicht besser gehen würde als im Hier und Jetzt. Und immer wenn man schwierige Fragen hat sollte man bei Leuten nachschlagen, die Ahnung haben oder hatten. So wird man oft bei Kant fündig, der schreibt: „Es ist eben nicht die lieblichste Bemerkung an Menschen: daß ihr Vergnügen durch Vergleichung mit anderer ihrem Schmerz erhöht, der eigene Schmerz aber durch die Vergleichung mit anderer ähnlichen oder noch größeren Leiden vermindert wird. Diese Wirkung […] hat keine Beziehung aufs Moralische: etwa anderen Leiden zu wünschen, damit man die Behaglichkeit seines eigenen Zustandes desto inniglicher fühlen möge.“ (Immanuel Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Erster Teil. Anthropologische Didaktik § 66) Zu dem gibt es Untersuchungen die zeigen, dass der Gemütszustand subjektiv ist, beispielsweise ist jemand drei Monate nach einem Lottogewinn genauso glücklich oder unglücklich wie zuvor, genauso ergeht es andersherum auch dem nach einem Unfall Querschnittsgelähmten, welcher nach geraumer Zeit ein ähnliche glückliches oder unglückliches Leben führt, wie zuvor. (siehe zu dieesem Thema Arbeiten zu „The hedonic treadmill“)
    Nun ich denke man sollte sich mit ein paar kleinen Lebensweisheiten begnügen und mit offenen Augen und einem Lächeln durchs Leben gehen, auf dass wir hinterschauen womit man uns betrügen will und lächelnd uns aus dem Staub machen. Abschließend eine kleine solche Weisheit, die möglicherweise gar nicht so falsch ist: „In der Gemeinschaft ist es leicht, nach fremden Vorstellungen zu leben. In der Einsamkeit ist es leicht, nach eigenen Vorstellungen zu leben. Aber bemerkenswert ist nur der, der sich in der Gemeinschaft die Unabhängigkeit bewahrt.“ (Ralph Waldo Emerson)

    Mit freundschaftlichen Grüßen,

    A. d.

    • Lieber Höllenjurist,

      danke für den ausführlichen und klugen Beitrag. Es stimmt sicherlich, dass das individuelle Glück nicht hauptsächlich durch die gesellschaftliche Lage bestimmt wird, und schon gar nicht auf geradlinige Weise. Ob jemand im Leben glücklich wird, hängt – das sagen Ethik, Literatur und quantitative Sozialpsychologie übereinstimmend – vorwiegend davon ab, ob er liebt. Klingt kitschig, ist aber wahr und, finde ich, gerecht. Und was den Einfluss der Gesellschaft angeht, so überraschen uns die Statistiken ja immer wieder damit, dass Menschen in ärmeren und politisch unsichereren Ländern als unserem in Umfragen glücklicher sind.
      Aber darf dieser Umstand dafür zur Entschuldigung herangezogen werden, jede soziale Organisationsform, und sei sie noch so dumm, ungerecht, menschenverachtend, grausam, schulterzuckend hinzunehmen, weil es ja doch am Einzelnen liegt, ob er glücklich wird? Ich fände eine solche Einstellung . . . unverantwortlich. Sie widerspricht meinem Gerechtigkeitsempfinden. Und natürlich scheitert eine solche Einstellung auch daran, dass ich selbst in dieser fiebernd dahinsiechenden, ungerechten Gesellschaft zwar glücklich, aber nicht zufrieden bin. Selbstverständlich sind es die Unzufriedenen, die Utopien erträumen. Die Zufriedenen haben keinen Grund dazu.
      Ich teile Dein Misstrauen gegenüber voranschreitenden Lichtgestalten. Ich misstraue auch utopischen Ideologien, die vorgeben, wie die Menschen sein müssten, damit alle glücklich wären. Solche Ideologien werden zwangsläufig totalitär und entsorgen diejenigen in KZs, Gulags und HartzIV, die nicht so sind, wie sie sein müssten. Darum lege ich großen Wert darauf, dass meine Utopie keinen „anderen Menschen“ voraussetzt. Sie setzt einfach nur die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen voraus, die es dem Menschen erlauben würden, zufrieden und, vielleicht, häufiger auch glücklich zu werden, auch wenn er genau so bleibt, wie er ist.

      Dir viel Glück,
      Konrad

  4. Vlado P. sagt:

    „Die Angst vor ei­ner Zu­kunft,
    die wir fürch­ten, kön­nen wir nur
    über­win­den durch Bil­der ei­ner
    Zu­kunft, die wir wol­len.“

    Mit diesem Zitat leite ich seit ein paar Jahren meine Seite zur Geld-Problematik (erreichbar über meinen Namen) ein, ohne dort bisher wirklich solche Bilder zu liefern. Wahrscheinlich tausche ich bei der nächsten Aktualisierung mein Hintergrund-Foto dort aus und setze hinter „Bilder einer Zukunft, die wir wollen“ einen Verweis auf diesen Text. Danke für diese schönen ‚Bilder‘!

    • Lieber Vlado,
      vielen Danke. Und: Ja, genau darum geht es. Um Bilder für eine Zukunft, die wir wollen. Seitdem uns alle Utopien abhanden gekommen sind, werden wir nur noch von Angst geleitet, oder von blindem Pragmatismus. Das genügt nicht. Eine Gesellschaft braucht einen Traum, wie einen Fixstern, um eine gemeinsame Richtung zu finden.

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