Der unendliche Augenblick

Das Bild eines Wasserfalls. Breit und voll steht die Wasserwand vor dem Basalt, hoch wie der Flug einer Sylvesterrakete, breit wie der Sprint des Geparden. Unzählige Wassertropfen zeichnen ihre Bahn, ein jeder seinem Vorgänger gleich durch die Form des Felsens, an der sie stürzten. Gemeinsam bilden sie alle den gewaltigen Vorhang aus Wasser, der zugleich fließt und steht.

Einförmig, gleichermaßen dauernd und zeitlos, ist sein Brausen zu vernehmen. Es ist kein Bild. Der Wasserfall stürzt und ändert sich nicht. An seinem Rande, in einem kleinen Becken unmittelbar an der Kante, steht ein Mann. Er steht und blickt in die gischtverhangene Tiefe.

Zeno Creso, von Beruf Ingenieur, muss sich entscheiden. Eine schwindelerregende Einsicht über das Universum füllt sein Bewusstein: Alles geschieht unendlich oft. Er weiß es. Immer schon ist er fasziniert gewesen von der Kosmologie und ihrer Berechnung des Urknalls. Aus einem einzigen Punkt sind alle Materie und Energie des Universums hervorgegangen. Und mehr als das: Da alles, was geschieht, vollständig kausal determiniert ist, ist die viele Milliarden Jahre lange Geschichte des Universums bereits im Augenblick des Urknalls entschieden gewesen. Das Ringen der kosmischen Urkräfte, die Evolution mit ihrem Wechselspiel von scheinbarem Zufall und Auslese – all dies war nichts als ein Reigen, dessen Choreographie von Anbeginn an festgelegt war. Und so hätte eine winzige Änderung im explodierenden Keim genügt, die umgekehrte Drehung eines Atoms vielleicht, oder der veränderte Kollisionswinkel zweier Protonen – und kein Meteorit hätte die Dinosaurier ausgelöscht, Pizarro hätte sich Atahualpa unterworfen, oder Kennedy hätte Kuba angegriffen.

Dies weiß Creso seit langem. Hier aber, fast nackt in dem Becken an der Basaltklippe, erfasst ihn eine noch größere Erkenntnis. Zwar ist es wahr, dass die Welt jetzt eine ganz andere wäre, wenn es im Urknall nur eine unscheinbare, atomare Änderung gegeben hätte, aber es ist hypothetisch. Woher sollte eine solche Änderung kommen, wenn nicht aus einer anderen, vorangegangenen Änderung? Und woher diese? Auf eine Weise, die Creso nicht begreifen, aber auch nicht bezweifeln kann, ist die Weltgeschichte im infinitesimalen Urpunkt festgelegt. Und ist dies, so erkennt er in diesem Augenblick, jedes Mal von Neuem. Wenn das Universum seine ballonartige Ausdehnung beendet haben und von der Schwerkraft wieder zusammengezogen wird, wenn es in einem glühenden Punkt kollabiert, um daraus von Neuem zu erstehen: Dann wird sich die Weltgeschichte haargenau so wiederholen. Wieder wird die Erde mit ihren Geschwistern um die Sonne kreisen, wieder wird Cäsar den Rubikon überschreiten, wieder wird der Blitz Luther verfehlen, wieder wird die Bombe auf Hiroshima fallen.

Und nicht zweimal nur, nein! Die Jahrmilliarden des Universums sind in der Unendlichkeit nur ein Wimpernschlag. Wieder und wieder, unendlich viele Male, explodiert der Urpunkt, dehnt sich der Kosmos und schrumpft, beginnt der Reigen von neuem und vollzieht sich wieder und wieder auf denselben Bahnen. Nicht einmal, nein, unendliche Male zieht Jesus in Jerusalem ein. Unendliche Male flieht Temüdschin aus der Gefangenschaft. Unendliche Male sticht Kolumbus von Palos de la Frontera in See. Unendliche Male erfindet Gutenberg den Druck. Unendliche Male erkrankt Cesare Borgia. Unendliche Male explodiert Stauffenbergs Bombe zu spät.

Die Erkenntnis ist geeignet, Creso zu lähmen. Denn ebenso wie das Erhabene ist das Banale ewig: Nicht einmal, sondern unendliche Male verliert er in Rom den Autoschlüssel. Unendliche Male studiert er Ingenieurwissenschaften. Unendliche Male putzt er sich an diesem Morgen die Zähne. Unendliche Male schlägt er auf dem Weg zum Wasserfall nach einer Mücke. Alles, was er tut: Er tut es unendlich oft.

Wie ist es, dies wissend, möglich zu leben? Jede Entscheidung muss Creso treffen im Wissen, dass er sie unendlich oft trifft. Kein Handgriff, kein Kratzen an der Nase, kein Gruß auf der Straße ist einmalig und vergänglich. Alles wird sich bis in alle Ewigkeit genau so wiederholen. Creso sieht nur zwei Möglichkeiten: Entweder muss er sich dieser Erkenntnis stellen, muss jeden Schritt in seinem Leben in dem Bewusstsein tun, dass er ihn schon und schon getan hat und wieder und wieder tun wird. Nichts Belangloses, Faules, Achtloses kann er noch tun, sondern nur das, was der unendlichen Wiederholung wert ist. Er denkt an das Entwicklungsprojekt, das er auf der Herfahrt in der Savanne gesehen hat: Dort könnte er, der Ingenieur, noch heute anfangen.

Oder er kapituliert vor der Ungeheuerlichkeit seiner Erkenntnis und beendet sein Leben, hier und jetzt, in einem unendlichen Augenblick der Ekstase, im Sprung von der Kante des Wasserfalls. Er sieht das Bild vor sich, den Springer mit ausgebreiteten Armen, wie einen Vogel vor dem weißen Vorhang des Wasserfalls, festgefroren in der Erinnerung des Universums.

Creso steht in dem grob ovalen Becken und blickt in die Tiefe. Nicht einmal, nein, unendliche Male trifft er diese Entscheidung. Die Sonne bestrahlt den Nebel aus Gischt, diese gewaltige, stehende Wolke aus unzähligen wirbelnden Wassertröpfchen. Weit, leuchtend und unbeweglich spannt sich der Regenbogen.

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2 Kommentare zu “Der unendliche Augenblick

  1. […] ist der Punkt, an dem ich die Aufmerksamkeit des geschätzten Lesers auf diese Geschichte lenken möchte, die ich vor ein paar Tagen hier im Blog veröffentlich habe. Eines der Themen in […]

  2. Ein hübsches Bild, das sich wegen der schönen Sprache, in der es gezeichnet ist, auch noch sehr schön liest. Nur…. Der Determinismus entwirft ein sehr depressives und enges Bild unserer Welt und unserer Geschichte. Wenn es denn so wäre, könnten wir uns am besten wie die Lemminge gleich in den nächstbesten Abgrund werfen – wenn da nicht der Determinismus wäre. Also, ich sehe das lieber etwas anders: vielleicht wars mal so. Vielleicht hat der große Spieler so ein Spiel in Gang gesetzt und sich aus der Langeweile der Zeitlosigkeit gerettet, indem er dem immer glech und berechenbar ablaufenden Spiel zugeschaut hat, wie ein Eisenbahnfreak, der seine kleine Dampflok immer wieder die gleiche Runde fahren läßt. Vielleicht. Aber ein echter Spieler wagt immer mehr, sucht die Herausforderung und das Risiko. Und so hat er dann eines Tages ein ganz großes Risiko gewagt: er schuf den Menschen. Und zwar mit (mehr oder weniger) Geist und (mehr oder weniger) Willen und Entscheidungsfreiheit. Oh, großes Risiko!!! Sehr großes, wie sich herausstellte. Gleich fing es an, spannend zu werden: Adam war nicht zufrieden. Wollte mehr. Eine Frau. Und als die dann geschaffen war, da gings dann richtig los mit dem Risiko. Da lief die Sache dann fast aus dem Ruder. Denn als die Schlange sie fragte, ob sie naschen wolle oder nicht, da wählte sie bei einer Chance von nur 1:2 tatsächlich das Falsche: „Ja“. Der große Spieler wurde wütend. Sooo hatte er sich das nicht gedacht. Und er schmiß sie aus dem 5-Sterne-Wellness-Paradies hinaus ins rauhe Leben. Was dann kam, darüber gibts viele Bücher. Alt und viel zu selten gelesen.

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