Hiergeblieben!

„Reality is haunting me, cause everything’s exactly as it is.“

Nits, “The Cold Eye”

Hören Sie auf zu träumen! Als Mitglied der Realitätspolizei fordere ich Sie auf: Unterlassen Sie jegliche Versuche, die Wirklichkeit zu verlassen. Es ist Ihre staatsbürgerliche Pflicht, sich der einen und einzigen Wirklichkeit zu stellen. Sie müssen an ihr teilnehmen, dann dürfen Sie auch hoffen, die Wirklichkeit zu ändern. Wobei es sich von selbst verstehen sollte, dass Änderungen kleinschrittig, situationsangemessen und im Einklang mit den Sachzwängen zu erfolgen haben. Es gibt keine andere Wirklichkeit, also auch kein Vorbild.

Ich wiederhole: Es ist Ihnen jeglicher Versuch verboten, die Wirklichkeit zu verlassen. Insbesondere untersagt ist Ihnen der Gebrauch von bewusstseinsverändernden Mitteln, als da sind: 1. Drogen und 2. Kunst.

Ad 1: Sucht- und Rauschmittel, die imstande sind, ihren Konsumenten aus der Wirklichkeit zu lösen oder gar in eine vermeintliche „andere Wirklichkeit“ zu versetzen, sind verboten. Widerspruch ist zwecklos, denn das Gefährdungspotential, das von wohlmeinenden Unwissenden oft zur Begründung dieses Verbotes vorgeschoben wird, spielt tatsächlich keine Rolle. Ob eine Droge legal oder illegal, akzeptiert oder verpönt ist, richtet sich überhaupt nicht danach, ob sie süchtig macht oder psychische Schäden auslöst. Es richtet sich allein danach, inwiefern die Droge die Beziehung des Konsumenten zur Wirklichkeit verändert. Erlaubt sind mithin vor allem Drogen, welche den Konsumenten leistungsstärker machen. Dies gilt insbesondere für Koffein und Nikotin – ich weise an dieser Stelle darauf hin, dass das Zigarettenrauchen noch in den 1950er Jahren vom ADAC empfohlen wurde, um die Aufmerksamkeit im Straßenverkehr zu erhöhen. Geduldet sind weiterhin Antidepressiva und Aufputschmittel. Auch der weitverbreitete Konsum von Kokain und Amphetaminen bei den Leistungsträgern unserer Gesellschaft wird von uns hingenommen, wenngleich veraltete Moralvorstellungen einer vollständigen Legalisierung dieser enorm leistungsfördernden Stoffe entgegenstehen. Anerkannt ist schließlich und vor allem der Alkoholgenuss, da er enthemmt und eine begrüßenswerte Aggressivität fördert.

Kriminell ist demgegenüber der Gebrauch von Halluzinogenen und Rauschdrogen. Ja, meine Dame, mein Herr, wir, die Realitätspolizei, wissen auch, dass Cannabis und LSD erheblich weniger gesundheitsschädlich sind als Alkohol und Nikotin, und kaum abhängig machen. Das ist, wie ich oben sagte, irrelevant. LSD und andere Halluzinogene sind geeignet, den Konsumenten in eine vermeintlich „andere Wirklichkeit“ zu versetzen, und dies ist untersagt. Cannabis versetzt den Konsumenten in einen heiteren Rauschzustand, in dem er aus der Wirklichkeit gelöst und in seiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist: Auch dies gilt es zu unterbinden. Dasselbe gilt selbstverständlich in noch stärkerem Maße für die Opiate. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie die Welt hinnehmen, wie sie ist, und sich tatkräftig in ihr behaupten.

Ad 2: Die Aufgabe der Kunst ist die Beschäftigung mit der Wirklichkeit. Die Kunst soll über die Wirklichkeit reflektieren, neue Sichtweisen, Perspektiven, Verständnisse der einen Wirklichkeit ermöglichen. Ihr legitimer Gegenstand sind die Gegenwart und die geschichtliche Vergangenheit. Diese mögen in der bildenden Kunst kollagiert, verfremdet, verzerrt, dekonstruiert oder zerstört werden – niemals aber durch Bilder aus einer vermeintlich „anderen Wirklichkeit“ ersetzt: Das wäre Kitsch. Sie mögen Versatzstücke aus der realen Welt auf surreale Weise kombinieren, aber der Versuch, so etwas wie „mystische Traumwelten“ darzustellen, wird mit Ruhmentzug geahndet. Ebenso können phantastische Literatur, Fantasy und Science Fiction selbstverständlich niemals echte Literatur sein. Es handelt sich um verdammungswürdigen, pubertären  Eskapismus, und mithin automatisch um Kinder- und Jugendbücher. Begabte Autoren, die sich auf dieses Feld begeben, verschwenden ihre Fähigkeit und werden mit kritikaler Verachtung und vollständiger Chancenlosigkeit bei großen Preisen bestraft.

Ich hoffe, Sie durch diese Hinweise vor weiteren Irrwegen bewahrt zu haben. Diese unsere eine Wirklichkeit duldet keine Konkurrenz neben sich. Akzeptieren Sie also bitteschön die einzige uns zur Verfügung stehende Wirklichkeit! Unterlassen Sie das Träumen! Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen! Und jetzt sprechen Sie mir zum Abschluss bitte dreimal nach:

Es gibt nur eine Wirklichkeit. Ich darf sie nicht verlassen.

Es gibt nur eine Wirklichkeit. Ich darf sie nicht verlassen.

Es gibt nur eine Wirklichkeit. Ich darf sie nicht verlassen.

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