Der Urknall ist schuld.

Schaut Euch mal dieses kurze Video auf YouTube an:

Es gibt zahllose ähnliche Videos. Ich habe eigens ein kurzes ausgewählt. Und im Besonderen richte ich das Augenmerk des geschätzten Lesers auf den zweiten Trick, der ungefähr bei 00:26min beginnt.

Warum geht der schwarze Ball, der hinten auf dem Queue liegt, ins Loch?

Weil er vom hellroten Ball gestoßen wird. Aber nein: Außerdem auch, weil der weiße Ball vorher den dunkelroten Ball weggeräumt hat. Und warum ist das wiederum geschehen? Weil der hellrote Ball den weißen Ball in Bewegung gesetzt hat. Das wiederum hat er getan, weil er durch den vorderen dunkelblauen oder ebenfalls schwarzen Ball in die richtige Richtung abgelenkt wurde. Und das ist schließlich geschehen, weil Herr Massey den hellroten Ball mit seinem Queue gestoßen hat.

Also geht der hintere schwarze Ball ins Loch, weil der Queue den hellroten Ball gestoßen hat. Alles, was danach gekommen ist, ist zwar auch eine Ursache – denn ohne die Intervention des vorderen schwarzen / blauen, des weißen und letztlich auch den dunkelroten Balles wäre der schwarze Ball nicht reingegangen. Aber es sind nur Zwischenereignisse, ihrerseits verursacht durch den Anfangsimpuls, der dem hellroten Ball gegeben wird.

Das ist der Punkt, an dem ich die Aufmerksamkeit des geschätzten Lesers auf diese Geschichte lenken möchte, die ich vor ein paar Tagen hier im Blog veröffentlich habe. Eines der Themen in der Geschichte ist der physikalische Determinismus: „Da alles, was geschieht, vollständig kausal determiniert ist, ist die viele Milliarden Jahre lange Geschichte des Universums bereits im Augenblick des Urknalls entschieden gewesen. Das Ringen der kosmischen Urkräfte, die Evolution mit ihrem Wechselspiel von scheinbarem Zufall und Auslese – all dies war nichts als ein Reigen, dessen Choreographie von Anbeginn an festgelegt war. Und so hätte eine winzige Änderung im explodierenden Keim genügt, die umgekehrte Drehung eines Atoms vielleicht, oder der veränderte Kollisionswinkel zweier Protonen – und kein Meteorit hätte die Dinosaurier ausgelöscht, Pizarro hätte sich Atahualpa unterworfen, oder Kennedy hätte Kuba angegriffen.“

Die ersten Leute, denen ich diesen Gedanken vorgetragen habe, hielten ihn für eine Sophisterei. Die Idee, dass alles, was geschieht, bereits im Augenblick des Urknalls determiniert ist, wird umso schwindelerregender, je länger man sich damit befasst. Gibt es denn keinen Zufall in dem, was geschieht?

Auf den Zufall setzt sogar Steven Jay Gould, wie man aus diesem Artikel erfährt, der kürzlich in der FAZ erschien. Es geht darin um die Frage, wie außerirdische, intelligente Lebewesen aussehen könnten, wenn sie je auftauchen sollten. Der Autor des Artikels schreibt: „Würde man ‚das Band des Lebens zurückspulen‘ – so Gould – und noch einmal auf einer jungen Erde die Evolution bei gleichen Anfangsbedingungen starten, so würde die Naturgeschichte völlig anders verlaufen und nichts dabei herauskommen, was uns Menschen auch nur entfernt ähnelte.“

Das klingt plausibel. Ist aber falsch. Könnte man die Zeit um, sagen wir, drei Milliarden Jahre zurückspulen, und dann die Welt von neuem laufen lassen, ohne aber – und das ist wichtig! – den Ort oder den Impuls auch nur des kleinsten Atoms im Universum zu ändern, dann hätte die kambrische Explosion genau so wieder stattgefunden, die Saurier wären mit derselben Vielfalt entstanden und vergangen, der Mensch am selben Tag in Afrika geboren worden, und dann säße drei Milliarden Jahre später wieder S.J. Gould an seinem Schreibtisch und schriebe exakt dieselben Worte.

Denn es gibt keinen Zufall im Universum. Die Bewegung jedes Atoms ist vollständig determiniert durch die Impulse, die es von anderen Atomen empfangen hat – und die wieder von ihm, und so weiter, und die Sache wird mächtig komplex und ziemlich bald nicht mehr zu berechnen. Aber zufällig wird sie nicht.

Es ist wie mit den Billardkugeln. Das Ergebnis, das wir wahrnehmen, wird von vielen unmittelbaren Ursachen bestimmt, die wir wahrnehmen können. Diese aber haben ihrerseits Ursachen, und die wieder, und wieder. Und am Ende, bzw. am Anfang, ist der Urknall schuld, dass ich in diesem Augenblick hier sitze und diese Sätze schreibe. Wäre damals, vor 13,7 Milliarden Jahren, ein einziges Atom ein kleines bisschen anders geflogen – dann würde mein geschätzter Leser jetzt nicht diesen Artikel lesen.

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