Zum Einheitstag

Nachdem das Sklavenschiff, vom Osten kommend, im Hafen der neuen Welt festgemacht hatte, schleppten sich, taumeln und hinkend, kaum fähig, ihre Ketten zu tragen, die Überlebenden über die Gangway auf den Kai. Die endlose Qual der Reise hatte jede Erinnerung an ein „Vorher“ ausgelöscht. Nach der Finsternis und Enge des Schiffbauches, nach dem miasmatischen Gestank, der Seekrankheit und dem allgegenwärtigen Jammern und Stöhnen waren sie vom Sonnenlicht geblendet, die Luft erschien ihnen frisch, der Spielraum ihrer Bewegungen unendlich. Es kam ihnen vor wie Freiheit.

Und noch, als sie auf den Zuckerrohrplantagen schufteten, geknechtet von den Peitschen sadistischer Aufseher und der ewig wachsenden Nachfrage nach Melasse, da gedachten sie mit Freude des Tages, an dem sie das Schiff hatten verlassen können, und fühlten sich befreit. Jene wenigen Wirrköpfe aber, jene ewig Unzufriedenen, die nörgelten, „Freiheit“ könnte man das doch wohl nicht nennen, die wurden verhöhnt und gedemütigt. Dass sie sich nach der Mangelwirtschaft und Drangsal des Schiffes zurücksehnten, sagte man ihnen nach, und nannte sie, ob der Richtung ihrer Sehnsucht, „Ostalgiker“.

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