Bin ich links?

Eine dumme Frage, nicht wahr? Beim ersten Lesen ist klar, dass sie politisch gemeint sein muss, denn in jedem anderen Kontext wäre sie sinnlos. Links wovon? – müsste man nachfragen.

Doch in politischer Bedeutung enthält die Frage nur unwesentlich mehr Sinn. Das politische Spektrum ist sicherlich nicht eindimensional, auch wenn das Denken der meisten Kommentatoren dies ist. Man sollte die Frage verwerfen, und die politische Verwendung des Attributs „links“ einer ostdeutschen Regionalpartei überlassen.

So einfach ist es jedoch nicht. Das Schlagwort ist nun einmal in der Welt, das Lineal liegt in vielen Köpfen bereit, und wenn man eine gewisse gesellschaftskritische Haltung mit einem Wort umreißen will, greift man – greife auch ich – bevorzugt zum Wort „links“.

Aber was bedeutet es?

Folgende Definitionen sind mir eingefallen:

 

1. Links ist, wer die sozialistische Theorie zu Wirtschaft und Gesellschaft wenigstens tendenziell anerkennt. In abgeschwächter Form ist links, wer den Gegensatz von Arbeiterschaft zu Unternehmerschaft anerkennt und sich in diesem Konflikt auf die Seite der Lohnempfänger stellt.

Nun, in diesem Sinne bin ich genau das Gegenteil von „links“. Ich halte die sozialistische Form des Wirtschaftens für vollumfänglich und hundertprozentig falsch; sie steht meinem Ideal einer selbstorganisierten, von jeglichem staatlichen oder staatlich garantierten Monopol befreiten Volkswirtschaft diametral entgegen. Dasselbe gilt folgerichtig für die Ideologie eines zentralistischen, alles regelnden Staates. Und den Gegensatz von Arbeitern und Unternehmern gibt es nicht: Sie alle teilen sich das Geld, das nach Abzug der Zinszahlungen noch vom BIP übrig bleibt. Sowieso: Wenn man sich die Revolutionen der Geschichte ansieht, ist noch keine davon von Arbeitern veranstaltet worden. Sondern alle von Juristen.

 

2. Links ist, wer Bedürfnisgerechtigkeit gegenüber Leistungsgerechtigkeit bevorzugt.

Es gibt ja diese beiden grundlegenden Vorstellungen von Gerechtigkeit: Bedürfnisgerechtigkeit – Güter sollten nach dem Bedürfnis der potentiellen Empfänger zugeteilt werden („Die alleinerziehende Mutter von fünf Kindern sollte eine größere Wohnung haben als der Single-Manager.“) versus Leistungsgerechtigkeit – Güter sollten nach Leistung verteilt werden („Wer mehr arbeitet, soll auch mehr Geld verdienen.“). Kaum jemand vertritt konsequent in allen Fragen nur eine der beiden Vorstellungen. Aber Linke befürworten bei gesellschaftspolitischen Fragen eher die Bedürfnisgerechtigkeit, Konservative und Liberale eher die Leistungsgerechtigkeit.

Solange es um diejenigen geht, die etwas leisten können – also arbeitsfähige Erwachsene – befürworte ich die Leistungsgerechtigkeit, bin also schon wieder nicht „links“. Leider aber wird die Sache hier kompliziert und mehrdimensional: Der Linke und der Konservative sind sich doch in einem Punkt einig: Dass gegenwärtig Leistungsgerechtigkeit (mit Abstrichen) herrscht. Und da irren sie alle miteinander. Das erwirtschaftete Volkseinkommen fließt eindeutig und nachweislich nicht zu jenen, welche die Arbeit gemacht haben, und schon gar nicht zu jenen, welche sie auch gerne machen würden, sondern zum wachsenden Teil zu jenen, die „ihr Geld für sich arbeiten lassen“, was nur ein Euphemismus für Sklaverei ist.

 

3. Links ist, wer den gesellschaftlichen Status quo ablehnt.

Die allgemeinste Definition, aber, scheint mir, durchaus nicht die ungebräuchlichste. Ihr Keim steckte bereits im vorangegangenen Absatz: Wenn man die Gesellschaft für ungerecht hält (und zwar nach jeglichem Kriterium), dann ist man tendenziell links. Nach dieser Definition wäre ich also tatsächlich links – und wäre damit in denkbar schlechter Gesellschaft. Denn auch Neonazis lehnen die bestehende Gesellschaft ab; auch neoliberale Neureiche finden sie ungerecht (weil sie noch zu viel Steuern zahlen), und Kommunisten jeder Spielart sind sowieso dagegen.

Eine Standortbestimmung durch Negation ist nie hilfreich. „Ich bin nicht in Novosibirsk“ ist aktuell und voraussichtlich auch die meiste Zeit meines Lebens korrekt, aber nicht sehr genau. Ebenso verhält es sich mit „Ich bin gegen die Gesellschaft / den Staat / Zinsen / den Kapitalismus / usw. / usf. / etc. / . . .“ Anarchisten, die sich irrtümlich mit Kommunisten gemein gemacht haben („Anarchokommunisten“ : Darunter müssen wir uns so was vorstellen wie einen Baumfisch, ein Tyrannenparlament oder Sonnenkälte.), haben das ja oft genug bereuen müssen. Der Feind meines Feindes ist eben nicht mein Freund, sondern wahrscheinlicher der Nachfolger meines Feindes.

 

Man braucht eine positive Utopie, oder wenigstens ein paar Skizzen von ihr, um einen politischen Standort zu beschreiben. Und je genauer die Skizzen, desto treffender ist auch der Standpunkt beschrieben. Die „andere Welt“, die möglich ist, ist riesig und kaum kartiert; die gerechtere Gesellschaft, von der viele träumen, besiedelt unbekannte Kontinente; aber wo ich meine Fahne in den Boden ramme, gibt es konkurrierende Gelder, deren langfristiger Zins auf Null fallen kann, gibt es Gemeinschaftseigentum an Boden und ein daraus entstehendes Grundeinkommen (Achtung, großes PDF!), gibt es vollkommene Leistungsgerechtigkeit als Basis für wohltätige Großzügigkeit, und ein kaum spürbares Minimum an staatlicher Einflussnahme. Aber das steht ja auch schon anderswo.

 

Bin ich damit links? Anscheinend nicht. Ich wär’s gerne, denn es verkürzt Aussagen enorm: „Obwohl ich links bin, finde ich . . .“ oder „Ich als Linker bin der Meinung, dass . . .“ Außerdem könnte ich mich damit von dem schlimmen Verdacht freihalten, die bestehende Gesellschaftsordnung zu verteidigen – ein Verdacht, den man mit der i-spitzen Bemerkung: „Ich bin nicht links“ unweigerlich auf sich zieht.

 

Es bräuchte ein eigenes Schlagwort dafür. Vielleicht: „Ich bin drüber“? Oder: „Ich bin draußen“? Oder: „Ich bin frei“?

Vorschläge dürfen gemacht werden.

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3 Kommentare zu “Bin ich links?

  1. norbert sagt:

    Sehr interessante Definitionen! Und ein sehr feiner Beitrag zu einer hoffentlich intensiver aufkommenden Verortungsdebatte. Wie wäre es denn mit „ich bin für …“ 🙂

  2. too-big-to-jail (jiffy) sagt:

    danke für mühe und gedanken. ich tausche zwei meiner meinungen:

    1) „Der Linke und der Konservative sind sich doch in einem Punkt einig:
    Dass gegenwärtig Leistungsgerechtigkeit (mit Abstrichen) herrscht.“

    ich meine doch, dass buntscheckige linke spektrum ist sich – aller divergenzen und
    widersprüche zum trotz – in dem punkt „einig“: leistungsgerechtigkeit ist eine mär und „herrscht“,
    realistisch betrachtet, mehr als ideologische rechtfertigung, bzw. friedenserhaltende-denkweise,
    denn praxis.

    unabhängig davon wie Sie und ich wohlstandsdifferenzen zu legitimieren oder überkommen
    suchen, gilt für beide: verteilungstechnisch wird die gesellschaft als nicht gerecht
    empfunden, oder anders gesagt, es wird nicht nach dem leistungsprinzip verteilt.
    unerheblich ist dabei, ob die „leistungsgerechtigkeit“ nun wegen eines missverhältnisses
    zwischen geleistetem und erhaltener leistung nicht besteht, oder wegen dem von
    schulterstärke und getragenen lasten.

    ich will Ihnen daher widersprechen: ich denke es gibt genügend ‚links-assoziierte‘, die sich in
    dem punkt schneiden, dass (soziale-) „gerechtigkeit“ ein gesellschaftliches defizit darstellt,
    sodass „der (gemeine) Linke“ nicht in den sack zu den konservativen gehört. Eine,
    verteilungstechnisch-ungerechte welt geht eher schlecht mit leistungsgerechtigkeit einher*,
    ungeachtet dessen, ob sie für den einzelnen linken und sein gerechtigkeitsempfinden.überhaupt
    eine rolle spielt.

    die feststellung einer, wie auch immer bedingt und gearteten, sozialen verteilungsungerechtigkeit
    (wie ich sie „meinem gemeinen linken“ hier unterstellen mag), macht das „herrschen“ eines
    leistungsprinzip einfach schwer vorstellbarbar

    2) der zweite gedanke schliesst an diesem punkt an. nun habe ich sie so gelesen, bzw. mir
    eingebildet, dass auch Ihnen die partielle leistungsgerechtigkeit und flächendeckende
    leistungsungerechtigkeit problematisch, die idee der leistungsgerechtigkeit als ideal aber als
    erstrebenswert erscheint?

    von haus aus bin ich zwar durchaus empfänglich für diese denke, aber es stößt bei mir auf, dass
    eine solche ableitung von entlohnung einen legitimierenden charakter für einkommens-,
    vermögens- und klassenunterschiede besitzt, die,akkumuliert, die verteilungsungerechtigkeit
    wieder reproduzieren.

    zudem könnte man annehmen, dass es eine verteilungsungerechtigkeit bei einer tatsächlich, dh.
    eine Ihrem begriff nach, „herrschenden“ leistungsgerechtigkeit eben nicht existieren kann. nur
    wenn die, „die etwas leisten können“ zum teil als „minderleister“ definiert werden, würde die
    resultierende verteilungsungerechtigkeit als leistungsgerecht legitimiert werden. für mich eine
    unreine und moralisch schwer haltbare vorstellung.

    das leistung beispielsweise auch durch finanzielle und quasi-genetische vererbung,
    (zb. vulnerabilitätfaktoren, oder, weiter gefasst, auch die sozialhierarchie) mitbestimmt wird, ist
    nur ein problem von leistungs“gerecht“. Da hilft es auch nichts „mehr Bildung“ zu fordern, oder
    den „leistungunswilligen“ bzgl. ihrer „eigenverantwortung“ nachhilfe zu erteilen.

    wer so denkt verdreht ursachen. es ist link einen zurecht positiv konnotierten begriff wie „bildung“
    ideologisch so umfunktionieren, dass, obwohl scheinheilige, er als „lösung“ für strukturell
    begründete probleme verstanden wird. mies ist dabei vorallem die immanente suggestion des
    glückes eigener schmied zu sein, und dadurch über, z.b., wirtschafts- & arbeitsmarktklima als
    zwingende faktoren außerhalb individueller wirkkraft hinwegzutäuschen. die tücke aber besteht
    darin, dass im umkehrschluss misserfolg individuell begründbar wird: blame the victim a la carte.

    gleichermaßen wächst jeder mensch in ein gefüge hinein, in dem nicht immer ein kausaler
    zusammenhang zwischen dem individuellen leistungspotential und den, durch die individuell
    vorgefundenen räumlich-zeitlich- und sozialen gegebenheiten maßgeblich bedingten,
    tatsächliche leistungen. dem überhaupt gerecht zu werden ist schwer.

    entsprechend denke und fühle ich da nicht mit Ihnen, wenn sie schreiben, sie „befürworten () die
    Leistungsgerechtigkeit“ für die, „die etwas leisten können – also arbeitsfähige Erwachsene“.

    ich glaube, dass bei der Leistung das problem mit dem „gerecht“ bestehen bleibt. abgesehen
    von den definitionsschwierigkeiten bei leistungserfassung, -vergleich und -indizierung, sind auch
    „die etwas leisten können“/“arbeitsfähigen“ ein zu bestimmender begriff. damit einhergehend die
    implizierte voraussetzung,eines funktionierenden arbeitsmarkts, der stellen bietet, die „fähige“
    besetzen können. sozusagen steht das modell leistungs“gerecht“ auf allen vier beinen wackelig.

    damit argumentiere ich nicht für die totale gleichheit, sondern nur gegen gefährliche, bzw. die als
    solche von mir verkannten, begrifflichkeiten. die konzeptionelle schwachpunkte und
    folgeschwächen die ich angeschnitten habe, führen in konsequenz zu verhältnissen die für mich
    nicht als „gerecht“ vertretbar erscheinen. angemerkt soll sein, dass mein anfängliches aufstoßen
    in den verwendeten begrifflichkeiten zu begründen ist. mit ihrer meinung lass ich leben, sowieso.
    ich frage mich nur ob die, aus meiner sicht, beladene begriffe eine bewusste wahl darstellen?

    persönlich halte ich eine ökonomisierte leistungsgeseschaft, ohne in deren ausführungen ins
    detail zu gehen, für einen alptraum übelster sorte, ein grund „auszusteigen“. gegen gewissen
    leitbilder und begrifflich inhärente bestimmung, die richtungsweisend denken strukturiert. um es
    auf ein schlagwort zu bringen: neoliberal instrumentalisierte begriffe.

    in der offenen form definiert, flankiert von intransparent-vorbelasteten begriffen, drängen sich
    beim lesen bestimmte vorstellungen. denen widerspreche ich.

    der eindruck soll nicht entstehen, ich sei dem setzen von anreizmotiven gegenüber nicht
    aufgeschlossen, oder würde individuellen unterschieden gegenüber die augen verschliessen.
    nur erzeugt der ausdruck „gerecht“ in der unterstellten konzeptionellen kombination eine
    dissonanz: Für sie auch?

    , *bestände leistungsgerechtigkeit, würde diese via lohngerechtigkeit zumindest tendentiell der
    verteilungsungerechtigkeit entgegenwirken, bzw. verteilungsungerechtigkeit wird u.a. bedingt
    durch systematische leistungsgerechtigkeit.

  3. […] Heute ist alles durcheinander. Konservative wie Jan Fleischhauer wähnen sich „Unter Linken“, die AfD gar in einer „links-grün versifften“ Gesellschaft, während linke Kommentatoren einen beständigen Rechtsdrift der Politik beobachten. Leute, die sich für links halten, unterstützten im US-Wahlkampf die konservative, kapitalistische und kriegerische Hillary Clinton, während US-Linke wie Bernie Sanders zumindest zeitweise Donald Trump zur Seite sprangen. Was ist noch links? (Bin ich es?) […]

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