Wie werde ich ein Großschriftsteller?

  1. Schreiben Sie dicke Romane!

Auf keinen Fall unter 500 Seiten! Gerne auch mehr, und außerdem mehrbändig. Dann wird man es eine „Chronik“ nennen, oder „episch“, was einer Eintrittskarte auf den Parnass gleichkommt. Kurzgeschichten können Sie allenfalls gelegentlich zwischen Ihre Romane streuen, aber nicht umgekehrt. Nur mit Kurzgeschichten wird man nichts. Und vergessen Sie Lyrik. Damit können Sie zwar den Nobelpreis gewinnen. Aber vorher sind Sie verhungert.

  1. Behandeln Sie aktuelle Themen!

Ihr großer Roman muss einen Gegenwartsbezug haben, den sogar Analphabeten erkennen. Also behandeln Sie „zeitgeschichtliche“, wie man das heute mit einem Dummwort nennt, Ereignisse: Der Mauerfall ist immer gut. Oder die chinesische Kulturrevolution. Oder den spanischen Bürgerkrieg. Oder die Berlusconi-Ära. Dann kann nichts schief gehen. Allegorien sind schon gefährlich, erst recht der Versuch, die Gegenwart in vergangenen Epochen zu spiegeln, und Phantastik geht gar nicht! Tun Sie sie zur Lyrik.

  1. Schreiben Sie über sich.

Ihnen fällt nichts ein? Das macht überhaupt nichts. Einfälle brauchen Sie allenfalls für die Phantastik, und die haben Sie ja schon vergessen, nicht wahr? Schreiben Sie einfach über das, was Sie in den letzten 20 Jahren erlebt haben, weil es jeder erlebt hat. Man wird das die „dringend erwartete Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit“ nennen und Sie als „Chronisten der Zeitgeschichte“ feiern. Und wenn Ihnen überhaupt gar nichts einfällt, dann schreiben Sie über sich. Das heißt dann „Schlüsselroman“ und „autobiographisch gefärbt“.

  1. Leiden Sie!

Es ist immer gut, wenn Sie was zu verarbeiten haben. Gehören Sie irgendeiner diskriminierten Minderheit an? Ausländer, Juden, Intellektuelle, Ossis? Das ist schon mal gut. Sind Sie als Kind missbraucht worden? Großartig! Danken Sie Ihrem Schicksal für diese Gunst! Vielleicht sogar von katholischen Priestern oder Reformpädagogen? Was wünschen Sie sich mehr? Das müssen Sie dringend verarbeiten! Man braucht Ihre Stimme in der aktuellen Debatte! Und wenn nicht? Das macht auch nichts. Sie haben ja gelebt, oder? Nehmen Sie einfach Ihren letzten Liebeskummer, oder schreiben Sie über Ihren Büroalltag. Den Menschen, der nichts zu verarbeiten hat, gibt es nicht.

  1. Gehen Sie ins Detail!

Ihre Beziehungskisten waren eigentlich ziemlich langweilig, und auch Ihrem Umfeld fehlt es erheblich an Spannung? Das schadet nichts. Stellen Sie es umso ausführlicher dar. Das nennt man dann: „genau beobachtet“. Denken Sie dran: 500 Seiten. Mindestens!

  1. Kümmern Sie sich um einen schönen Einbandrücken.

Ihr Buch wird ungelesen in vielen Regalen stehen. Da muss es doch wenigstens nach was aussehen, oder?

Wenn Sie Ihre Sprache einigermaßen beherrschen und sich an diese Tipps halten, ist Ihnen der deutsche Buchpreis schon mal sicher. Vielleicht reicht’s sogar zum Nobelpreis, aber erst, wenn Sie über 70 sind und eigentlich schon keine Bücher mehr schreiben. Sind Sie erst mal preisgekrönt, geht auch Lyrik. Aber niemals, niemals Phantastik! Dann war alles umsonst.

Viel Erfolg!

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Ein Kommentar zu “Wie werde ich ein Großschriftsteller?

  1. […] damit, scheint mir, eine Haltung aus, die in der gegenwärtigen Literaturszene verbreitet und für Großschriftsteller typisch […]

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