Die Armseligkeit unserer Kultur

[Mein langjähriger Freund und Mit-Querdenker Peter Finke hat mir dankenswerterweise diesen Essay zur Publikation angeboten. Er gefällt mir sehr gut, und ich bin stolz, ihn hier im Schwarzen Kater präsentieren zu dürfen.]

Über Geld und Medien

Das Kulturelle kann man nur verstehen auf der Folie des Natürlichen. Als ich vor einigen Jahren einen Vortrag über Kultur hielt und dazu mahnte, unter diesem Stichwort nicht nur immer das Gute und Schöne zu sehen, sondern auch die Fehler und Verbrechen, zu denen wir fähig sind, löste ich damit bei einigen Zuhörern heftige Reaktionen aus. Leider verschließen wir beim Stichwort Kultur verbreitet vor ihren Negativleistungen die Augen, ja wir blenden auch die Rolle eines zunächst nur hilfreichen, später zunehmend lästigen zivilisatorischen Treibmittels aus dem kulturellen Diskurs aus: die Rolle des Geldes. Geld und Kultur? Das scheint fast ebenso wenig miteinander zu tun zu haben wie die moralisch dunklen Seiten unserer Existenz. Der Natur freilich können wir beides nicht anlasten. Geld jedenfalls ist aus unserer gegenwärtigen Zivilisation nicht fortzudenken. Es ist ein ökonomisches Zaubermittel und ein Götze zugleich. Wir nutzen es alle und huldigen ihm. Wenn irgendeine gesellschaftliche Gruppe dies mehr als andere internalisiert hat, dann die Wirtschaft. Es gibt viele, die dies für normal halten. Wirtschaft: Ist das nicht selbstverständlich finanzielles Gewinnstreben, Markt, letztlich messbar nur am monetären Erfolg?

Nein, ist es nicht. Ökonomie bedeutet, mit Ressourcen vernünftig umzugehen, Aufwand und Ziele in ein sinnvolles Verhältnis zu setzen, Gewinne und Verluste zu bilanzieren. Und dies ist keinesfalls nur in der Gelddimension möglich, sondern kann und muss Aufwendungen und Zielsetzungen aller Art berücksichtigen. Auch Gemeingüter und nichtmaterielle Güter übrigens. Wenn freilich viele jegliche Wirtschaft auf die materielle, ja die Gelddimension als Maßstab verengen, wie dies für unsere heutigen Denkweisen typisch ist, zeigt sich darin eine bedenkliche, ja niederschmetternde Erkenntnis: Unsere einst bedeutende und vielseitige Kultur ist klein und armselig geworden.

Die westliche Zivilisation hat große Zeiten hinter sich. Noch lernen wir in der Schule, stolz zu sein auf die philosophische Kreativität der alten Griechen, die Organisationskraft des römischen Reiches, die Menschenliebe der christliche Bergpredigt, die Seelentiefe der Mystiker, die Vernunftentschlossenheit der Aufklärung, die politische Befreiung durch die französische Revolution, die deutschen Dichter und Denker. Gewiss, es gab auch sehr düstere Zeiten, aber die Vielfalt der guten Kräfte in diesem ausgedehnten Kulturraum, der längst auch Nordamerika einschließt,  war noch jedesmal stark genug, sie zu beenden. Viele scheinen aber auch jetzt noch in dem Wahn zu leben, diese positive Fülle sei nach wie vor in dieser Kultur hinreichend lebendig und kraftvoll, um sich als Erben jener Ideen fühlen zu dürfen. Welch ein Irrtum! Bei Lichte besehen leben wir heute in der armseligsten kulturellen Gegenwartsform, in der die Vielfalt des möglichen Ausdrucks von Wertschätzung, die es einmal gab, auf einen einzigen, kümmerlichen, dummen und ausweglosen Ersatz zusammengeschrumpft ist: das Geld.

Nur eine in Geld bezifferbare Wertschätzung scheint heute noch allgemein anerkannt und handfest zu sein. Die Beförderung ist nichts wert, wenn sie nicht mit einer Erhöhung des Gehalts verbunden wäre. Das Teurere ist nicht immer, aber in der Regel das Bessere; es gibt Marken, die genau hiermit werben. Man stellt sich außerhalb des Üblichen, ja des Normalen, wenn man aus dieser Wertschätzungshierarchie ausbrechen will; fast niemand tut es, denn es führt zu Verachtung. Was nicht monetär bewertet wird, scheint ganz ohne Wert zu sein; die Arbeit der Hausfrauen, auch die Natur um uns herum könnten ein Lied davon singen. Mehr Geld, eigentlich ein Ausdruck der Quantität, steht fast immer für mehr Qualität: ein Zeichen dafür, dass wir hier den üblichen, normal gewordenen Bewertungsmaßstab unserer heutigen Kultur gefunden haben.

Häufig heißt es, Gier sei die Triebfeder hierfür. Dies trifft sicherlich in manchen Fällen zu. Aber kennzeichnender noch als die Gier einzelner ist die Leere der ganzen Werteskala, die unsere heutige Kultur anzubieten hat: nichts, außer Geld. Wo Ehre ausgespielt hat, Standesunterschiede verschwunden sind und unterschiedliche Epauletten nur noch komisch wirken, bleibt die Bezahlung übrig. Der am meisten verbreitete Irrtum besteht darin zu glauben, dass die Besten am höchsten bezahlt werden. Tatsächlich können sehr gute Leute oft kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten, während mancher Luftikus nicht weiß wohin mit seinem Geldreichtum. Und wenn jemand schon bisher ein hochdotiertes Gehalt bezieht, kennt unsere Kultur nur eine Dimension, dies noch zu steigern: durch noch mehr Geld. So kommen absurde Größenordnungen zustande, die kein persönliches Glück mehr maximieren, weil sie jenseits des Sinnvollen liegen. Doch die armselige Kultur kann nicht anders, sie kann nur auf diese eindimensionale Weise Rangunterschiede ausdrücken.

Bis zu einem gewissen Grade finden sich noch sekundäre Ausdrucksformen in den materiellen Werte, die wir anhäufen: die Autos werden größer, die Häuser protziger, der ganze Lebensstil immer aufwendiger, aber irgendwann ist Schluss. Dann kann der Hauptgeschäftsführer, der Spitzenbeamte oder der Vorstandssprecher nur noch eine weitere Gehaltserhöhung bekommen, nur noch zu demjenigen aufzuschließen versuchen, der ihm noch voraus ist, und das war’s dann, bis zum nächsten Mal. Das Geldrennen kennt nur einen Maßstab: mehr, es ist sich selbst genug und furchtbar langweilig. Man fühlt sich reich und ist doch bettelarm, verglichen mit Menschen aus früherer Zeit, die den Götzen Geld noch nicht anbeten mussten. Wir sind arm geworden an Alternativen.

Die westliche Kultur ist zu einer Wall-Street-Kultur verkommen und dabei in monetärer Wertmonotonie extrem verarmt. Alles, was es da einst an Standes-, Aufstiegs-, Rang- und Belohnungszeichen gab, Ehrenstufen, Kleidungskennzeichen, Ansehensunterschieden, ist abgeräumt oder wird völlig überstrahlt von der Geldhierarchie, die – mangels Alternativen – in sinnlose Größenordnungen vordringt. Ich wünsche mir die alten Klassen nicht zurück, aber wir sollten doch bemerken, dass wir eine einzige ausweglose Geldklasse geworden sind. Die Abfindung eines geschassten Topmanagers, die mit dreissig Millionen nicht funktioniert, gelingt vielleicht mit sechzig, obwohl dieser Steigerung kein wachsendes Lebensglück entspricht. Die Einkommensmilliardäre belauern sich vielleicht noch gegenseitig, wer wen in der Rangliste überholt, aber es ist ein Selbstzweck, ein sinnloser Wettstreit. Einige Zurückliegende sind zwar von ihm noch beeindruckt, weil sie selbst den eigenen Abstand zu den Geldchampions messen. Aber dieses Maß besagt nichts mehr als eben dies, ist leer und hohl; es ist ein Mehrwert ohne Mehrwert. Eine einstmals reiche Kultur läuft sich in äußerster Armut tot, geistiger Armut. Ihr fehlen die Alternativen, sie sind ihr durch die Vergötzung des Monetären abhanden gekommen.  Wie war dies möglich?

Der Abstieg ging einher mit einem Aufstieg: dem Aufstieg der Medien. Man kann den medialen Wandel ziemlich genau benennen. War ein Medium während des größten Teils der Menschheitsgeschichte tatsächlich nur Vermittler einer Botschaft, wurden in den letzten zweihundert Jahren immer mehr technische Möglichkeiten entdeckt, es selbst zur Botschaft zu machen. Es war die Zeit, in der die Massenmedien entstanden. Dasselbe wie bei ihnen geschah mit dem Geld: Es wurde von einem Medium alter Art zu einem Medium neuer Art, einer eigenständigen Macht. Zuvor wurde es allein gebraucht, um es gegen Waren zu tauschen, die man brauchte. Dann jedoch ist es selbst zur Ware und schließlich, heute, zum Selbstzweck geworden. Es ist nicht mehr nur anderes, was man mit Geld kaufen kann; man kann auch Geld kaufen. Die Geldanlage ist nicht mehr das Mittel zum späteren Zweck, sondern sie ist selbst das Ziel, das möglichst hohe Rendite bringen soll.

Beide Veränderungen, die des Geldes und die der Medien, verliefen gekoppelt. Das ist kein Zufall, sondern konsequent. Es ist attraktiver, selbst Macht und Ziel zu sein, als nur auf anderes zu verweisen. Heute jedenfalls gehören die Massenmedien nicht nur zu den stärksten kulturellen Machthabern, sondern sie stützen entscheidend den Niedergang der Wertevielfalt zugunsten des Einheitswertes Geld. Sie nutzen hierfür die Vorteile, die sie für den Transport von Kommunikation besitzen.

Dabei verschwindet der Inhalt, um den es früher ging; jetzt geht es um die Kommunikation selbst. Nicht der Sachkenner ist gefragt, sondern der kommunikativ erfolgreiche Lobbyist. Wenn die sachlichen Quellen des Erfolgs nebensächlich geworden sind, ist nur noch wichtig, dass er sich einstellt. Eloquenz ist dann viel wichtiger als das Thema der Rede, als sachliches Können. Oberflächlich, aber elegant über Probleme hinwegschwatzen, statt sie exakt zu benennen: Das macht den für eine fast beliebige Position geeigneten Stelleninhaber aus. Es ist auffällig, wie viele Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik und den Medien nach diesem Muster besetzt werden. Qualifikation durch gute Ausbildung ist zweitrangig, in erster Linie zählt Kommunikation. Wer ein flottes Mundwerk, eine schnelle Schreibe hat, ist bevorteilt, er kämpft den Konkurrenten verbal nieder. Wahr oder falsch zählt nicht, wenn das, was richtig ist, durch das kommunikative Duell nach medialen Prinzipien entschieden wird. Interessenvertretung wird sportlich gesehen: Die Punktevergabe geschieht nicht nach Kompetenz, sondern nach medialem Effekt. Und es gibt nur einen Ausdruck hierfür: Geld. Die Gehalte der medialen Protagonisten – ob es nun Showstars, Sportgrößen, Programmdirektoren oder Aufsichtsratsvorsitzende sind – drücken aus, dass es vom Mittel zum Selbstwert wurde. Das Geld selbst ist zum neuen Medium geworden, einem Medium, das seine Vermittlungsfunktion verloren hat und stattdessen ungehemmt als Zielobjekt des Verlangens auftritt.

Gibt es einen Weg zurück? Nein, er wäre auch nicht attraktiv. Attraktiv sind nur Wege nach vorn, echte Auswege aus unserem kulturellen Dilemma. Zwei müssen wir ernsthaft zu gehen versuchen, denn es gibt hierfür noch weitere Gründe als die Entmachtung des Geldes. Der erste besteht darin, dass wir versuchen, Wirtschaft neu zu denken. Der zweite besteht in einer Veränderung der Medienlandschaft.

Wirtschaft neu zu denken bedeutet, die hartnäckig persistenten falschen Lehren der Ökonomik zu vergessen. Soziale und ökologische Grenzen verändern unser Verständnis davon, was ökonomisch sinnvoll ist. Mit Gemeingütern müssen wir anders umgehen als mit Privatgütern. Nicht nur Erwerbsarbeit ist ökonomisch relevante Arbeit, sondern auch ehrenamtlich geleistete Arbeit, Hausarbeit und Familienarbeit. Frauenarbeit ist genau soviel wert wie Männerarbeit. Auch das vorsorgende Wirtschaften ist ein wichtiger Teil eines sinnvoll organisierten ökonomischen Systems. Geld bleibt wichtig, aber es wird in seiner Bedeutung wieder reduziert. Da die neue Ökonomie andere Erfolgsmaßstäbe kennt, verliert es an Bedeutung und wird tendenziell wieder zu dem, was es einmal war: ein bequemes Tauschmittel. Als Selbstzweck hat es ausgedient. So jedenfalls die Vision.

Die Medienlandschaft zu verändern bedeutet, den Medien ihre Eigenmacht wieder zu nehmen, indem man neue Medien schafft, die ohne sie auskommen. Im Prinzip gibt es heute ein solches Medium schon: das Internet. Weil es niemandem gehört, enthält es eine große Chance: die Macht der existierenden Medien zu relativieren. Es ist falsch zu glauben, dies geschähe durch noch mehr Macht, obwohl es bisweilen so aussieht. Richtig ist allerdings, dass man aufpassen muss, damit es nicht doch geschieht. Die Gefahr besteht, dass sich einzelne Personen und Ihre Konzerne das Internet unter den Nagel reißen. Bisher herrscht es nicht in der kommunikativen Welt, es erschließt sie global. Das ist ein Unterschied. Die weltweite Vernetzung, die es ermöglicht, entmachtet die alten Machthaber; sie werden immer weniger gebraucht. Das Geld, das sie stabilisierte, kann im Gefolge dieses Wandels seinen Charakter verlieren: Es kann wieder Zahlungs- und Tauschmittel werden, seine Götzenfunktion verlieren. Stattdessen würde anderes im Wert steigen: Zeit, Sprachenkenntnis, Wissen. Aus ihnen könnten weitere neue Medien werden, die an die Seite des Internets treten. Dies ist die zweite Vision.

Doch noch ist es nicht so weit. Noch versucht die Geldkultur zu überleben und das für sie gefährliche Internet und seine attraktiven neuen Werte mit ihrer Armseligkeit zu infizieren. Noch ist nicht entschieden, wie dies ausgeht. Politische Wachsamkeit ist am Platze, Bürgermut, aber auch Zuversicht. Eine geistig beschränkte Kultur, die nicht lernfähig ist, wird auf Dauer nicht überleben können. Sie entlarvt sich als leer und hohl, als Verräterin ihrer Traditionen. Die Menschen sind frei, sie zugunsten einer besseren aufzugeben. Werden sie es tun? Wem der Zeitwohlstand einleuchtet, für den ist der Güterwohlstand zumindest nicht mehr das allein erstrebenswerte Ziel. Wer sich in verschiedenen Sprachen ausdrücken kann, besitzt einen Schlüssel zur kulturellen Vielfalt. Und wer Wissen sucht, findet Geld allein langweilig. Noch ist der Kulturkampf, der in unserer Mitte entbrannt ist, unentschieden. Wo stehen wir selbst, wie mutig sind wir?

Allerdings muss uns die ökonomische Wissenschaft bei der Entmachtung der Geldkultur helfen. Doch dafür ist es ohnehin Zeit, denn das Anrennen einer neuen Generation von Ökonomen gegen die Bollwerke der alten wird stärker. Sie wird dabei unterstützt von immer mehr Überläufern, unter ihnen nicht wenigen Personen aus der ersten Reihe der alten Lehren. Der Wandel in der Ökonomik, der gegenwärtig abläuft, gehört zu den dramatischen Erscheinungen in der Wissenschaft, wie es im Reich der Rationalität nur wenige gibt. Dies liegt daran, dass rationales Verhalten auch dort nicht ungestört zum Zuge kommt; Emotionen und Gewohnheiten sind auch unter Wissenschaftlern an der Tagesordnung. Wissenschaft bleibt Menschenwerk. Aber mehr als anderswo setzt sich Rationalität dort letztlich durch. Es hat den Anschein, als könne das staunende Publikum zurzeit den Beginn einer solchen Veränderung in der Ökonomik verfolgen.

Skepsis bleibt angesagt. Mut ist weder ein Sache der Wissenschaft, die Mitläufertum viel eher begünstigt, noch der Medien, die nach der Quote schielen. Dabei dürften wir eigentlich zuversichtlich sein, weil eine erneuerte Kultur mit attraktiveren Ideen und reicheren Wertskalen gegen die Armseligkeit der alten stehen könnte. Wir müssen das Geld nicht aufgeben, sondern nur seine Überhöhung zum Götzen.

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Ein Kommentar zu “Die Armseligkeit unserer Kultur

  1. […] sehen die “Deutschländer”  die „Armseligkeit unserer Kultur“, von der Peter Finke kürzlich in diesem Blog schrieb. Das Abendland – nein, das ist nicht Reformation, Aufklärung, wissenschaftlicher Rationalismus, […]

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