Einige volkswirtschaftliche Seltsamkeiten

Schon mal vom Okunschen Gesetz gehört? Es beschreibt den Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit und ist das, was Ökonomen anscheinend unter einem „Gesetz“ verstehen: Eine Korrelation. Wenn das Wirtschaftswachstum über einem bestimmten Wert liegt, dann sinkt die Arbeitslosigkeit. Liegt es darunter, dann steigt sie. Auf dem Wert bleibt sie gleich.

Wo liegt der Wert? Das ist von Land zu Land und Zeit zu Zeit ein wenig verschieden, aber Pi mal Daumen sind es 3% Wirtschaftswachstum.

Wenn Sie noch nicht wussten, warum unsere Medienökonomen und Politiker immer so scharf auf Wirtschaftswachstum sind: Dies dürfte ein maßgeblicher Grund sein.

Aber was bedeutet das? Es bedeutet nichts anderes, als dass wir von Jahr zu Jahr mehr produzieren müssen, um dieselbe Zahl von Leuten zu beschäftigen. Wenn alle Wirtschaftsteilnehmer in einem Jahr ein bestimmtes Bruttoinlandsprodukt erzeugt haben, dann müssen sie im kommenden Jahr mindestens 3% mehr erzeugen, um noch alle Arbeit zu haben. Und im Jahr darauf wieder 3% mehr. Und nach 24 Jahren müssen sie doppelt so viel produzieren. Und nach knapp 50 Jahren viermal so viel, nach 75 achtmal, nach 100 sechzehnmal . . .

Volkswirtschaftler und Politiker scheinen sich nicht zu fragen, warum das so ist, und wie das gehen soll.

*

Wissen Sie, wie viel Zeit Jäger und Sammler, also die Menschen auf der vermeintlich primitivsten Kulturstufe, durchschnittlich pro Tag für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen?

Raten sie mal.

Ethnologen haben Zeitbudgets in solchen Gemeinschaften überall auf der Welt aufgestellt, in Afrika, Ozeanien, Südamerika, Sibirien. Das Ergebnis ist immer dasselbe: Rund vier bis fünf Stunden.

Ich habe diese Zahl zum ersten Mal vor fast 20 Jahren in einem Soziologieseminar gehört, und sie hat mich nicht mehr losgelassen. Wie kann das sein? Wozu haben wir zwei-, dreitausend Jahre antike und abendländische Kultur- und Technikgeschichte, wozu die industrielle Revolution, Ölzeitalter, Produktivitätssteigerung, Maschinisierung, Automatisierung, Rationalisierung, Computerisierung, – wozu haben wir all das veranstaltet, wenn wir heute mindestens acht Stunden am Tag arbeiten müssen, um einigermaßen gut leben zu können? Vom subjektiven Glücks- und Sicherheitsgefühl ganz zu schweigen.

Heute kenne ich die Antwort. Aber die Zahl hört nicht auf, mich fassungslos zu machen.

Vier bis fünf Stunden.

*

Heute morgen, an der Bushaltestelle, fuhr der Straßenreinigungswagen mit seinen Rotationsbesen über den Bürgersteig und am Bordstein entlang. Ein Mann darin, ein zweiter mit dem Laubbläser nebenher.

Wie viele Männer mit Besen und Schubkarre die beiden wohl ersetzen? Vielleicht zehn? Wahrscheinlich mindestens.

Ob sie auch zehnmal so viel verdienen?

Wohl eher nicht.

*

Deutschland ist eine Exportnation. Das hören wir jede Woche, und man ist sehr stolz darauf. Bis letztes Jahr waren „wir“ sogar Exportweltmeister. Das klingt wie Fußballweltmeister, nur noch ernster, und natürlich ist man da bombastisch stolz drauf. Seit 1952 exportiert Deutschland mehr, als es importiert. Mann, sind wir toll.

12-12-03 Außenhandelsbilanz BRD

(eigene Graphik. Datenquelle: Statistisches Bundesamt)

Aber was haben wir dafür bekommen? Geld, natürlich. Wenn man alles zusammenrechnet – ich habe das getan -, dann sind es etwa 2,7 Billionen Euro von 1952 bis 2011. Mit anderen Worten: Wir haben Waren und Leistungen im Wert von 2700 Milliarden Euro mehr ans Ausland geliefert, als wir zurückbekommen haben.

Auf jeden von uns – d.h., eigentlich nur auf diejenigen, die produktive Arbeit geleistet haben, also Unternehmer, Arbeiter, Handwerker, Wissenschaftler, Angestellte, Putzleute, Lehrer, vielleicht auch, mit Einschränkungen, Beamte, usw. – aber rechnen wir der Einfachheit halber alle, also auch Kinder, Rentner und die Nichtstuer wie Millionenerben, Aufsichtsräte, Hedgefondsmanager, FDP-Wähler -, kurz und gut: Auf jeden von uns kommen im Durchschnitt 33500€, die wir beim Rest der Welt gut haben.

Komisch. Ich habe diese 33500€ nicht. Sie vielleicht?

Und wenn wir dieses Geld immer nur anhäufen, und niemals ausgeben – wenn wir also die Leistung, die wir der Welt erbracht haben, niemals zurückfordern – , haben wir unsere Leistungen dann der Welt nicht faktisch geschenkt? Denn Geld kann man ja bekanntlich nicht essen.

Und warum ist das toll?

Und wie sollen die anderen Länder, solche wie Griechenland, Spanien, Portugal, USA, jemals ihre Geldschulden zurückzahlen, wenn wir nie etwas bei ihnen kaufen?

Muss man wirklich stolz darauf sein, eine Exportnation zu sein?

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Ein Kommentar zu “Einige volkswirtschaftliche Seltsamkeiten

  1. […] umgesetzt. Diese 2,7 Billionen sind Selbstzweck. Aber leider nicht essbar. Und zweitens: Wie ich früher bereits einmal schrieb, ist dieser Reichtum alles andere als gleich und gerecht verteilt. Gerade jene, die das Geld […]

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