Der fremde Spiegel

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen den Realismus ist die Wut Calibans, der sein Gesicht im Spiegel sieht.

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen die Romantik ist die Wut Calibans, der sein Gesicht nicht im Spiegel sieht.“

Oscar Wilde

Es ist nicht leicht, sich selbst von außen zu betrachten. Jeder erinnert sich wohl des Schreckens, als er zum ersten Mal seine eigene Stimme auf einer Aufnahme gehört hat. Und größer noch war der Schock, in einem raffinierten Arrangement von Spiegeln sich selbst von der Seite oder von hinten zu sehen. Was, so groß ist die Nase? So fliehend die Stirn? Selbst den Scheitel sehen wir ja in einem normalen Spiegel nicht auf der richtigen Seite.

Was für das Individuum gilt, gilt umso mehr für seine Kultur. Es hat zwar im Abendland immer wieder Versuche gegeben, den Außenblick zu simulieren: Montesquieu schrieb die „Lettres persianes“, Scheurmann den Papalagi und zuletzt Rosendorfer die „Chinesischen Briefe“. Aber so lesenswert diese Bücher auch sind: Letztlich tragen sie doch nur Karnevalsverkleidungen. Montesquieu schreibt nicht wirklich aus Sicht eines Persers, sondern bleibt der Rationalist der französischen Aufklärung, der, versteckt unter dem Turban, die Missstände seiner Zeit anprangert. So auch Scheurmann, so Rosendorfer. Sie alle unterstellen letztlich eine menschliche Weltkultur, die zwar in unterschiedlichen Verkleidungen auftritt, in ihren inneren Werten aber immer dieselbe bleibt.

Eine echte Außensicht dagegen lassen wir nicht zu. Was Muslime („Islamisten“), orthodoxe Christen oder Chinesen von uns meinen, wird allenfalls als Beispiel pittoresker Verbohrtheit und ideologischer Rückständigkeit zitiert. Das ist kein Wunder: Unsere Kultur, unsere Werte (Menschenrechte, Demokratie, etc.) sind ja schließlich universal; es gibt also gar kein „Außen“.

Das ist natürlich ein Irrtum. Auch die abendländische Kultur ist nur eine von vielen Blasen im Schaum des Chaos. Es ist lehrreich und mithin nützlich, die Spiegel so zu arrangieren, dass sie sich wie von außen sieht. Und es gibt diese fremden Spiegel – nicht bei den grünen Männchen auf dem Mars, sondern gleich nebenan.

Was kennzeichnet wohl die abendländische Kultur? Die Innensicht wird zum Beispiel recht gut von den Einbürgerungstests der verschiedenen Länder wiedergegeben. Deutschland fragt:

„Wahlen in Deutschland sind frei. Was bedeutet das?“ Oder: „Der 27. Januar ist in Deutschland ein offizieller Gedenktag. Woran erinnert dieser Tag?“

Österreich fragt sogar:

„Ist die Verletzung von Menschenrechten in Österreich verboten und strafbar?“ (ja, nein, vielleicht) oder: „Wie hieß die einzige Frau an der Spitze des Hauses Habsburg?“ oder: „Wie hieß Österreich bei der ersten urkundlichen Erwähnung?“

Dem entspricht der Schulunterricht, der ja den Nachwuchs auf die Kultur vorbereiten soll, in welcher er leben wird. Da werden Goethe gelesen, und Shakespeare, Frisch und Salinger; Mathematik lernt man natürlich und zunehmend die Naturwissenschaften; Staatsbürgerkunde und Ethik werden wichtig genommen, manchmal auch Musik, obgleich sie meistens ausfällt. Hingegen Wirtschaft wird nicht unterrichtet, denn das hat, so scheint es, mit unserer Kultur nichts zu tun.

Wer sich also in die abendländische Kultur integrieren will, der soll die Menschenrechte und Gesetze kennen, die Klassiker gelesen haben und von der Französischen Revolution wissen; auch von der Reformation sollte er mal gehört haben, und natürlich vom Dritten Reich. Hierzulande muss er Deutsch sprechen. Dann lobt man ihn und seine Integrationswilligkeit und ist sehr zufrieden. Leistet er dagegen diese Dinge nicht, dann verdammt man ihn als integrationsunwillig.

Ich habe vier kurdische Schwägerinnen und Schwager in Deutschland, nebst einer beliebigen Zahl von Schwippvettern, -basen und -großcousins dritten Grades. Drei der vier Geschwister meiner Frau sprechen nicht sonderlich gut Deutsch. Alle vier haben kein Buch im Haus; ob sie mit Namen wie „Goethe“ oder „Beethoven“ allzu viel anzufangen wüssten, bezweifle ich. Bei ihnen laufen türkische und kurdische Programme im Fernsehen; vermutlich bekämen sie nicht alle Landeshauptstädte und verflossenen Bundespräsidenten und die Zusammensetzung des Bundesrats zusammen. Sie wüssten auch gar nicht, wozu.

Sie wollen Geld verdienen. Und die beiden Schwager schaffen das mit beträchtlichem Erfolg; sie führen mittlerweile mehrere Geschäfte, spekulieren in Immobilien und stehen sich finanziell erheblich besser als ich. Ein Cousin meiner Frau kann kaum eine mittelschwere Konversation auf Deutsch führen, aber er hat sich vor einigen Jahren für eine runde Million den gesamten Wohnblock gekauft, in dem sein Imbiss liegt. Das sind die Vorbilder der jüngeren Familienmitglieder.

Eine Nichte immerhin hat etwas Sinn für Bildung. Sie hat den Realschulabschluss erworben, eine Lehre begonnen und das Fachabi ins Auge gefasst. Seit sie jedoch beobachten musste, dass ihr Onkel als habilitierter Neurobiologe am Monatsende aufs Geld schauen muss und noch nicht weiß, ob er im kommenden Sommer überhaupt Arbeit haben wird, und dass ihre Tante einen Magister Artium macht, mit dem sie vermutlich niemals einen Job finden wird, hat ihr Elan sehr nachgelassen. Wozu die Bildung? Geld will sie verdienen. Viel Geld.

Stimmt also das Klischee? Sind sie also so, die Ausländer? Integrationsunwillig, kulturell wurzellos, arbeitsscheu, nur aufs Geld aus? Nein, natürlich nicht. Dieselben Menschen zeigen eine ungeheure Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber Verwandten und Gästen, legen Wert auf Ehre, Ehrlichkeit und Höflichkeit und arbeiten hart und konzentriert in ihren Läden. Sie würden nie einen Cent anrühren, den ich liegen gelassen habe, nie schlecht über mich sprechen oder mir eine unangenehme Wahrheit ins Gesicht klatschen. Was sie von ihren Eltern an alevitischem Brauchtum mitbekommen haben, pflegen sie. Nein, sie sind weder dumm noch kulturlos noch integrationsunwillig.

Sie haben einfach nur gut beobachtet. Einer meiner Schwager sagte es sehr deutlich: „Um in Deutschland akzeptiert zu werden, musst Du Geld haben.“ Das und nur das zählt. Bildung bringt nichts.  Ein Ausländer, der abendländische Bildung hat, ist allenfalls ein dressierter Affe. Ein Ausländer, der Geld hat – der ist wer. So klar wie jeder Kulturphilosoph sehen die „Deutschländer“  die „Armseligkeit unserer Kultur“, von der Peter Finke kürzlich in diesem Blog schrieb. Das Abendland – nein, das ist nicht Reformation, Aufklärung, wissenschaftlicher Rationalismus, es ist nicht Kant, Wittgenstein, Adorno, nicht Sonett, Sonatenhauptsatz und Sonnenblumen von van Gogh, seine Werte sind nicht Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Pluralismus und Toleranz – nein: Sein Wert ist Geld.

Jeder Fremde, der unsere Kultur von außen sieht, erkennt das auf den ersten Blick. Anpassungsfähig, wie der Mensch ist, spiegelt der Fremde seine Beobachtung zurück.

Aber Caliban erkennt Gesicht nicht in diesem Spiegel.

Und dafür hasst er den Spiegel.

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