Die letzte Nacht

(Zum langersehnten Weltuntergang übermorgen präsentiere ich noch schnell meinen liebsten Apokalypse-Text:)

„Es ist acht Uhr, Sie hören Nachrichten.“
Die gepanzerte Stimme wird aus unzähligen Radios rinnen, in Schlafzimmern, Küchen und Büros. Und Millionen erstaunte Spiegelbilder werden in schwarzpolierte Fenster schauen, denn es wird dunkel sein.
“ . . . ist in Washington eingetroffen, um an der Konferenz . . . “
Glitzernde Perlenketten von Lichtern werden sich durch die Straßen winden, an den Lenkrädern anonyme Schemen mit dem Radio als Beifahrer. Und sie werden die Köpfe wenden zu den Silhouetten in den gelben und weißen Fenstern und sich wundern, denn es wird dunkel sein.
„Das Wetter:“

„Es ist neun Uhr, wir senden Nachrichten.“
Auf den verödeten Bürgersteigen werden die Leute ihre Uhr beleuchten und dann dem Himmel ihr Gesicht zeigen. Doch kein Stern, kein Mond und keine Sonne wird es sehen, denn es wird dunkel sein.
“ . . . wurden in Genf die Verhandlungen fortgesetzt.“
Mit blendenden Lichtnadeln und blassen Augen werden sich gehetzte Autos ihre Straßen suchen, die einst in den Sonnenaufgang geführt haben. Doch nur das andere Fernlicht wird aufgehen in der nächsten Kurve, denn es wird dunkel sein.
“ . . . sonnig und trocken mit Temperaturen . . . “

„Es ist zehn Uhr, Sie hören Nachrichten.“
In den verschwitzten Telephonhörern wird das Besetztzeichen sein Unwissen kundtun, während atemlose Polizisten den Grund zur Panik nicht sehen dürfen. Doch niemand wird ruhig bleiben und seiner normalen Tätigkeit nachgehen, denn es wird dunkel sein.
„In Moskau . . . NEIN, ICH HALTE DAS NICHT MEHR AUS! Es ist etwas Schreckliches passiert, Sie müssen es doch erfahren!“
„Schweigen Sie!“ wird eine Stimme aus dem Hintergrund pochen.
„Nein, ich kann nicht mehr schweigen! Es ist alles zu Ende, wir sind alle verloren. In . . . “
Ein Schuss wird die Spannung vor den Radiogeräten sprengen, und dann wird es still sein. Und die Menschen werden zu den Obsidianfenstern rennen und auf die aufwallenden Straßen fliehen, doch wird ihre Flucht im Kreise toben, denn es wird dunkel sein.
“ . . . über eine Programmänderung. Sie hören jetzt ein Potpourri aus Songs von Peter Kreuder . . . „

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