Wissen und Irrwissen

Der Versuch, mit denjenigen zu diskutieren, die sich selbst als „Skeptiker“ bezeichnen, ist fast immer unergiebig. Selbst ein Streitgespräch mit Zeugen Jehovas kann offener und fruchtbarer sein. Es hat nun einmal jede Weltanschauung ihre Dogmen und unumstößlichen Überzeugungen. Und diejenigen, die man als Verteidiger ihres Glaubens trifft, repräsentieren naturgemäß eher die Inquisition als die Hinterfrager ihrer Weltanschauung. Im Falle der sogenannten „Skeptiker“ – also der Hohen Kirche der Wissenschaft und des Rationalismus – ist solcher Dogmatismus aber besonders schwierig und unangenehm. Denn zum Selbstverständnis des „Skeptizismus“ gehört ja gerade, keine Dogmen zu akzeptieren und jede scheinbare Gewissheit zu hinterfragen. Seinem Selbstbild nach kann ein „Skeptiker“ ebensowenig dogmatisch sein wie ein Katholik gottlos. Zu den Konstruktionsmechanismen der Wissenschaft, so halten sie einem entgegen, gehöre die ständige Überprüfung aller Befunde, und damit das ständige Ausmerzen von Irrtümern und Fehlern. Zwar könne es natürlich Irrtümer in der Wissenschaft geben, aber die würden unweigerlich früher oder später beseitigt, und also – nun, wenn der Skeptiker keine Zeugen hat, dann glaubt er eigentlich, dass es nur ganz wenige Irrtümer in der Wissenschaft gibt. Also: Keine gravierenden. Und genau genommen: Fast keine. Also eigentlich: Keine. Der Religiöse weiß, dass er glaubt. Der „Skeptiker“ glaubt zu wissen.

Unwillkürlich neige ich immer zu der Annahme, dass die selbsternannten „Skeptiker“ keine Wissenschaftler sind. Sonst müssten sie wissen, was für einen hanebüchenen Unfug sie glauben.

Aber andererseits gilt, was ein sehr geschätzter Bielefelder Prof, Roland Sossinka, einmal über die Wissenschaft sagte: „Es gehen immer die, die Zweifel haben, und es bleiben die, die keine Zweifel haben. Und das ist bedenklich.“ – Wie dem auch sei. Jedenfalls gibt es in vielen Wissenschaften kapitale, unübersehbare Irrtümer in den Grundannahmen. Dieser Essay ist der Auftakt zu einer kleinen Serie über solches „Irrwissen“. Aber ehe ich mit den Beispielen beginne, will ich erst fragen, wie es sein kann, dass Irrwissen hartnäckig überlebt? Denn ganz unrecht haben die „Skeptiker“ nicht: Es gibt diesen Überprüfungsmechanismus in der Wissenschaft. Experimente werden nachgemacht. Befunde werden repliziert. Fehler werden zugegeben. Natürlich nicht immer und alles und jedes. Aber auch wenn das Selbsttestmodul nicht perfekt, und vielleicht sogar recht unvollkommen läuft, darf man es nicht in Bausch und Bogen verwerfen. Es läuft. Wie kann Irrwissen dann trotzdem persistieren?

Selbstverständlich bin ich nicht der Erste, der sich diese Frage stellt. Kuhn und Feyerabend haben schon viel Grundlegendes gesagt zum Selbsterhaltungstrieb von Paradigmata: Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Sie neigen dazu, an Überzeugungen festzuhalten. Und dies umso mehr, wenn sie diesen Überzeugungen ihren Lehrstuhl, ihren Ruhm, ihren Lebensunterhalt verdanken. Daher werden sie widersprechende Befunde wegreden, ignorieren oder mit ad-hoc-Hypothesen anflanschen – bis das beim schlechtesten Willen nicht mehr geht und die Wissenschaft in das gerät, was Kuhn eine „Krise“ nannte. Und was man sich doch eigentlich als Normalfall wünschen würde : Eine Phase offener, kreativer Suche nach erklärungsstarken, neuen Theorien.

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So funktioniert Wissenschaft.
(Arthur Ganson: Machine with concrete. Bildquelle: wikipedia)

Ich möchte dieser Darstellung nur einen kleinen Aspekt hinzufügen: Wissenschaft – jedenfalls empirische Wissenschaft – funktioniert wie die „Maschine mit Beton“ von Arthur Ganson. Dieser amerikanische Künstler fabriziert entzückende, zauberhafte „dreaming machines“, von denen man hier eine größere Auswahl in Betrieb sehen kann (mein persönlicher Favorit: Das hintersinnige „Faster!“). Die „Maschine mit Beton“, in anderen Ausführungen auch „mit Granit“, kann man z.B. im Technorama in Winterthur betrachten. Sie wird angetrieben von einem Elektromotor, der mit 200 Umdrehungen pro Minute rotiert. Die Welle treibt ein Zahnrad mit einer Übersetzung von 1:50. Mittels einer weiteren Welle übersetzt das Zahnrad die Drehung wieder, 1:50, auf ein zweites Zahnrad. Dies wiederholt sich insgesamt zwölf mal. Und das letzte, zwölfte Zahnrad ist fest im Beton bzw. Granit eingebettet. Das erste Zahnrad dreht sich trotzdem, denn es ist genügend Spiel selbst in den präzise gearbeiteten Teilen. Das letzte Zahnrad braucht 2,3 Billionen Jahre für eine Umdrehung; pro Jahr bewegt es sich nur um wenige Atomdurchmesser.

So ähnlich ist es mit den empirischen Wissenschaften. Irgendwo in ihrem Kern haben sie möglicherweise eine fest verankerte THEORIE (ganz großgeschrieben!). Anders, als Popper es gerne gehabt hätte, befassen sich die Wissenschaftler eher selten damit, aus dieser Theorie Hypothesen abzuleiten, in dem Bemühen, darüber die Theorie zu falsifizieren. Lieber – das ist hinlänglich bekannt – bestätigen sie ihre Theorie. Noch häufiger machen sie ein interessantes Experiment und überlegen sich hinterher, was es bedeuten könnte. Aber selbst, wenn sie dem Popperschen Ideal folgten, lägen viele Schritte – viele Zahnräder – zwischen der Theorie und der Hypothese. Sehr selten folgt aus einer Theorie unmittelbar eine testbare Hypothese. Empirische Forschung wird ja nicht an allgemeingültigen Konzepten durchgeführt, sondern an konkreten Beispielen. In einem konkreten Experiment gibt es zahlreiche Rahmenbedingungen, die nicht den idealen Annahmen entsprechen. Ist die Theorie überhaupt irgendwie interessant, dann ist der Versuchsaufbau Teil eines komplexen Systems, dessen Bestandteile niemand alle überblicken kann, und das deswegen modellhaft vereinfacht werden muss. Bestimmte Einflussfaktoren werden b.a.w. vernachlässigt. Und so ist das Ergebnis des Experimentes, das – im Idealfall – die Theorie hätte prüfen sollen – am Ende beliebig weit abgeleitet von der Theorie im Kern der Wissenschaft. Die Folge ist, dass im Prinzip auch das Gegenteil des erwarteten Ergebnisses mit der Theorie vereinbart werden könnte, wenn man andere Rahmenbedingungen und Vereinfachungen annimmt.

Ich habe so einen Fall gerade. Ich habe ein sehr interessantes Ergebnis zur Plastizität des Kortex‘, und habe mir – wie üblich nachträglich – überlegt, wie dieses in das aktuelle theoretische Rahmenwerk zu dieser Plastizitätsform passen könnte. Leider war meine Kontrollbedingung nicht gut gewählt, und es hängt nun von den noch durchzuführenden Kontrollexperimenten ab, ob ich meine Interpretation aufrechterhalten kann. Aber wenn die Experimente anders verlaufen als gewünscht (denn ja, auch Wissenschaftler wünschen sich Ergebnisse!), dann bricht davon nicht die Theorie kortikaler Plastizität zusammen. Sondern es gibt nur auf dem langen, komplexen Weg von der Netzhaut zur Sehrinde Einmündungen und Richtungsänderungen, die ich nicht bedacht habe. Auch das gegenteilige Ergebnis wird sich, mit ein wenig Nachdenken und Recherchieren, mit der Theorie in Einklang bringen lassen.

Je weiter sich also ein Experiment von den Kernaussagen der Theorie entfernt, je mehr Erklärungen, also, je mehr Sätze, nötig sind, um die Hypothese aus der Theorie herzuleiten, desto unschärfer ist die Vorhersage. So erlaubt die Theorie in ihrer Peripherie zahlreiche Umdrehungen der empirischen Befunde, ohne dass sie sich rühren müsste. Und der Dogmatiker wird doch wegen einer Umdrehung in neun Rädern Entfernung seine Theorie nicht losflexen! Und was kümmert ihn der ketzerische Einwand, dass es vielleicht besser gewesen wäre, die Theorie gar nicht erst festzuschweißen? Die Räder da draußen drehen sich doch!

So mag es kommen, dass beides wahr ist: Die Wissenschaft überprüft dauernd ihre Befunde, und verharrt trotzdem in kapitalen Irrtümern. Einige solcher Irrtümer, die mir bekannt sind, will ich in den nächsten Essays dieser Reihe vorstellen. Manche von ihnen widersprechen der Empirie, andere der Logik, und in wenigstens einem Fall bewältigt eine Wissenschaft das Kunststück, an einer Theorie festzuhalten, die beidem widerspricht.

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