Irrwissen 1 : Wer im Glashaus sitzt, der schwitzt.

Widerspricht: Empirie

Fachbereich: Architektur / Bauingenieurswesen

Glasfassaden sind kein angenehmer Anblick. Die kahlen, eintönigen Flächen bieten dem betrachtenden Auge keinen Halt, bieten weder Rhythmus noch Struktur, bieten auch keine Hinweise auf Raumeinteilung und Nutzungsbereiche. Sie verleugnen den menschlichen Betrachter. Zum Schein sind sie offen und durchsichtig, aber es ist die einseitige Durchsichtigkeit der Spiegelbrille, hinter welcher der coole Bursche seine Gefühle verbirgt. Die Glasfassade ist kalt, abweisend, unmenschlich; sie kennzeichnet eine Architektur, die nicht für den Menschen da ist, sondern für die Maschinerie der industrialisierten Produktion, in welcher auch der Mensch nur ein Rädchen ist. Als eine Architektur, die den Menschen verleugnet, ist sie im Arendtschen Sinne totalitär.

Und dieser Totalitarismus in Stahl, Glas und Beton muss wohl – und sei es unbewusst – gewollt sein, denn: Praktische Gründe sprechen anscheinend nicht für die Glasfassade. Zwar wird sie angepriesen mit ihren angeblichen Vorzügen: Energiesparend soll sie sein, indem sie die Sonnenwärme einfängt, und zumal in ihrer höchsten Entwicklung, als doppelschalige Glasfassade, soll sie die ganzjährige Klimatisierung fast ohne Energieverbrauch ermöglichen. Die Idee hinter dieser Behauptung klingt überzeugend: Die Glaswände fangen wie ein Treibhaus die Sonnenwärme ein. Zwischen den beiden Glashüllen entsteht so ein Kamineffekt, die warme Luft strömt nach oben. Je nachdem, wie weit man die Dachluken öffnet, bleibt die Wärme erhalten, um im Winter zu heizen, oder wird im Sommer ausströmen gelassen, um kühlere Bodenluft nachfließen zu lassen. Das Konzept klingt bezwingend, und es gibt reizvolle Entwürfe in kleinen Maßstab nach diesem Prinzip. Als Bauingenieurslaie bin ich außerstande, den Fehler darin zu benennen.

Aber einen Fehler muss es geben, denn: Es funktioniert nicht. Dipl.-Ing. Werner Eicke-Hennig vom Darmstädter „Institut für Wohnen und Umwelt“ hat den Praxistest gemacht. Seit 2003 ist er durch Deutschland gefahren und hat sich Gebäude mit Glasfassaden angesehen. Soweit es ihm möglich war, hat er sich Zutritt verschafft, Temperaturen gemessen, mit Insassen gesprochen und nach Kühl- und Heizungssystemen und deren jährlichem Energieverbrauch gefragt. Natürlich kamen dabei nur Momentaufnahmen heraus, eine Sammlung von Einzelbeobachtungen und Anekdoten. Das aber war durchaus nicht die Schuld von Herrn Eicke-Hennig. Das Problem ist vielmehr, dass es umfassendere Daten anscheinend nicht gibt. Zu dem Zeitpunkt, als er seine Netzseite schrieb, gab es nach seinen Angaben überhaupt keine systematische, wissenschaftliche Erhebung der Nutzungseigenschaften von Gebäuden mit Glasfassaden. Und mehr noch: In den meisten Bauten, die er besuchte, waren auch die Angaben, die er suchte, nicht verfügbar – oder sie wurden ihm nicht verraten. So musste er sich auf Indizien verlassen: nachträglich eingezogene Kühldecken, nachträglich eingebaute Klimaanlagen mit enormen Leistungen, leerstehende Büros auf der Südseite, Geschichten von Reglern, die nie genutzt, sondern immer auf volle Pulle gestellt werden, und immer wieder Einzelmesswerte, die im Sommer Innentemperaturen weit über der Außentemperaturen anzeigten. Kein einziges der von ihm besuchten Gebäude funktionierte wie geplant.

Sein Bericht ist recht lang, und, wo er Glashaus nach Glashaus mit seinen Fakten bewirft, auf die Dauer etwas langatmig. Zudem sind, seitdem ich die Netzseite vor einigen Jahren erstmals fand, die meisten Photos verschwunden – vielleicht aus Urheberrechtsgründen. Trotz alledem lohnt sich ein Blick hinein. Zum Einen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie objektiv und gründlich die Untersuchung durchgeführt wurde, zum Anderen aber auch, weil gerade in der Einleitung einige kluge Bemerkungen über das Bauen am Rande abfallen: Etwa, dass ein Gebäude, das von allen Seiten gleich aussieht, nicht gut geplant sein kann, weil die Witterung von allen Seiten verschieden ist. Oder dass Häuser doch eigentlich für Menschen geplant werden sollten, es zu deren Wohlbefinden in diesen Glashäusern aber keine Forschung gibt – was mich, s.o., nicht überrascht. Der Mensch – als wahrnehmendes, fühlendes, urteilendes, kulturschaffendes, individuelles Subjekt, als Mensch im eigentlichen Sinne – der Mensch spielt in allen Planungen, die über den Familienkern hinaus gehen, keine Rolle mehr.

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2 Kommentare zu “Irrwissen 1 : Wer im Glashaus sitzt, der schwitzt.

  1. norbert sagt:

    Stimmt nich. Es gibt sie, die Weiterdenker! Traf im November Prof. Gnter Pfeifer. Video hier zu sehen. Clever! http://www.youtube.com/watch?v=MGq8yD9AnGA

    PS: Kommentarfunktion auf deinem Blog recht restriktiv. Muss mich anmelden, will aber nich.

  2. Lieber Norbert,
    ich behaupte ja nicht, dass es in der Architektur keine Weiterdenker gäbe! Es gibt da die dollsten Entwicklungen. Strohballenhäuser sind ja mittlerweile schon fast normal, und gelegentlich bauen Leute sogar wieder in Lehm, was ich aus persönlicher Erfahrung besonders empfehle. Ich führe hier nur EINEN Irrtum vor, der anscheinend gerade unter Stararchitekten sehr verbreitet ist.

    Was die Kommentarfunktion angeht: Ja, anscheinend ist sie etwas abschreckend. Andererseits bietet sie mir halt eine Menge Kontrolle. Leider habe ich sie selbst noch nicht ausprobiert. M.E. ist es doch durchaus üblich, bei Blogkommentaren eine Email-Adresse angeben zu müssen, oder? Soweit ich weiß, tut die Funktion nichts Anderes (klär mich bitte auf, wenn ich mich irre). Und bei einer neuen Adresse muss ich den Kommentar erst freischalten; bekannte Adressen genießen Vertrauen.

    Liebe Grüße,
    Konrad

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