Irrwissen 2 : Non cogito ergo dumm.

Widerspricht: Vernunft

Fachbereich: Philosophie

Was Bewusstsein sei, und wie es sich zur materiellen Welt verhalte, ist eine der größten und ältesten Fragen der Philosophie. Über die letzten Jahrhunderte ist im Abendland ein wahres Panoptikum an Ideen zusammengekommen: Vom kartesianischen Dualismus über den spinozistischen Monismus, Leibniz‘ Parallelismus und den romantischen Idealismus bis hin zur wackligen Identitätstheorie und zum gegenwärtigen Materialismus ist so ziemlich jedes denkbare Modell gedacht worden. Und obgleich ich die meisten davon für falsch halte, wäre es doch ratsam, alle Möglichkeiten weiterhin in Betracht zu ziehen. Denn das Problem ist ja mitnichten letztgültig gelöst – jedenfalls nicht zur allseitigen Zufriedenheit. Und die verschiedenen Entwürfe sind auch keineswegs dumm. Berkeley war ein bewundernswert radikaler Denker; Leibniz ein Universalgelehrter, und Popper und Eccles, die den Dualismus in ihrem Buch „The Self and its Brain“ zu retten versuchten, waren beide äußerst helle Köpfchen, und ihr einleitendes Kapitel über den Materialismus ist jedenfalls lesenswert.

Nein, es wäre dumm, angesichts eines noch nicht geknackten Schlosses den größten Teil der Dietriche zum Altmetall zu werfen. Aber die sogenannte Geistesphilosophie tut genau das. Sie erwägt die meisten ontologischen Modelle noch nicht einmal. Mit unhinterfragter Selbstverständlichkeit akzeptiert sie den Materialismus – den sie allerdings, in der Unterstellung, das machte einen Unterschied, „Physikalismus“ nennt. Also die Behauptung, physikalische Dinge seien unabhängig von geistigen Phänomenen primär gegeben, und alles Geistige sei eine Hervorbringung des Materiellen (inklusive der immateriellen physikalischen Phänomene wie Energie, Wellen etc.). „Bewusstsein“ sei also ein Erzeugnis des Gehirns. Wie diese Erzeugung vor sich geht, darüber wird viel gegrübelt und debattiert. Aber dass sie vor sich geht – daran gibt es keinen Zweifel. „Bewusstsein“ wird damit zum Problem der Hirnforschung. Obwohl schon Sartre – wahrlich niemand, den man in den Verdacht stellen würde, ein reaktionärer Romantiker zu sein – darauf hingewiesen hat, dass jede Erklärung des Bewusstseins, auch die materialistische, unweigerlich metaphysisch sei. Aber eine Philosophie, die, wie ich in einem parallelen Artikel beklage, zwischen den Schampusgläsern der Naturwissenschaften tanzt, ignoriert das demütig.

Nun, sich einzig auf den Physikalismus zu versteifen, um das „Bewusstsein“ zu erklären, ist mindestens gewagt, wenn nicht dumm. Es wird aber noch schlimmer dadurch, dass der Physikalismus eindeutig falsch ist.

Aber klären wir zunächst kurz, was überhaupt gemeint wird, wenn in dieser Diskussion von „Bewusstsein“ die Rede ist. Gerade im Deutschen meinen wir mit diesem Wort mehrere Phänomene, für die es etwa im Englischen schon mindestens zwei Worte gibt (die aber auch nicht reichen). Ohne Anspruch auf Vollständigkeit möchte ich hier drei Bedeutungen unterscheiden: Erstens das, was im Englischen „awareness“ ist, also der Umstand, dass bestimmte Umweltgegebenheiten oder Wissensinhalte (in der klassischen Philosophie würde man wohl sagen: Vorstellungen) einem Handelnden für seine Verhaltensplanung verfügbar sind. Wenn ich also sage: „Dies oder jenes ist mir bewusst.“ Es sagt aus, dass es von einem Sachverhalt eine mentale Repräsentation gibt, und dass diese gegenwärtig imstande ist, mein Verhalten zu beeinflussen. Es ist schwierig, aber nicht im Prinzip widersinnig, aus dem Verhalten eines Handelnden – auch eines Tieres – zu schließen, ob ihm ein Sachverhalt in diesem Sinne „bewusst“ ist, ob er also „Bewusstsein“ im Sinne mentaler Repräsentationen hat.

Die zweite Bedeutung ist damit verwandt, meint aber einen Gesamtzustand des handelnden Organismus‘, und wird im Englischen mit „conscious(ness)“ bezeichnet: Das ist die Bedeutungsnuance, die ungefähr so viel wie „wach“ bedeutet. „Sie ist bei Bewusstsein“ heißt etwa: „Sie ist wach“, oder: „Sie kann Informationen über die Umwelt benutzen, um sich angepasst zu verhalten.“ Wollte man diese Bedeutung so eng lassen, dann wäre sie kaum von „awareness“ zu unterscheiden. Manche Theoretiker würden eine so enge Definition bevorzugen und danach lieber mit einem neuen Phänomen beginnen, aber um die Dinge nicht zu sehr zu verkomplizieren, will ich diese zweite Bedeutung lieber weiter fassen und auch die Konstruktion eines „Ich“ innerhalb der repräsentierten Welt einschließen, inklusive der körperlichen Selbstwahrnehmung und der handelnsleitenden Gefühle.

Was bleibt dann noch als Drittes? Nun, es bleiben die ominösen „Qualia“, das „hard problem of consciousness“. Die Frage, wie aus lauter Information über die Welt eine erlebte Vorstellung von der Welt wird. Wie wird aus der Wellenlänge 700nm die erlebte Farbe Rot? Wie aus c-Faser-Reizung die besondere Qualität von Schmerz? Wie aus Aktivität in der Amygdala das unverwechselbare Erlebnis, wie sich Angst anfühlt?

Daraus, dass diese Fragen in der Literatur als „hard problem of consciousness“ firmieren, lässt sich bereits ersehen, dass die ersten beiden Bedeutungen von „Bewusstsein“ nicht ganz so hart sind. Das Gehirn ist kompliziert und raffiniert, und ob wir jemals die Instrumente haben werden, um das neuronale Korrelat einer Vorstellung, zumal der Ich-Vorstellung, wirklich in Aktion zu beobachten, ist noch völlig offen. Aber es kann wenig Zweifel daran geben, dass es diese Korrelate gibt. Denn ich habe nicht ohne Grund mehrfach davon gesprochen, dass „Bewusstsein“ in den ersten beiden Bedeutungen das Verhalten beeinflusst – und sei es das sprachliche Verhalten eines Menschen, mit dem wir über sein Selbstbild sprechen. Verhalten ist eine physikalisch messbare Größe; es wird von Signalen von Neuronen im motorischen Kortex hervorgebracht, die wiederum nichts tun, wenn sie nicht ihrerseits von anderen Neuronen Signale bekommen, und so weiter. Solange ich die Folgen irgendeines mentalen Zustandes als externer Beobachter feststellen kann, ist es sicher, dass dieser Zustand von neuronalen Aktivitäten erzeugt wird.

Aber das gilt nicht für die Qualia. Wie für einen anderen Menschen „Rot“ aussieht, ob es überhaupt irgendwie aussieht, oder ob der andere Mensch nicht eher so etwas ist wie ein Roboter, dem ja auch niemand unterstellen würde, dass er ein subjektives Erleben von „Rot“ hat : Das ist für einen Beobachter nicht festzustellen. Das subjektive Erleben einer anderen Person ist von außen unzugänglich, und mehr noch: Es macht keinen Unterschied für ihr Verhalten.

Die heutigen Geistesphilosophen geben sich überzeugt, auch die Qualia innerhalb eines physikalistischen Weltbildes erklären zu können. Aber es geht nicht. Und zwar aus (mindestens) zwei Gründen:

  1. Wer stellt sich die Welt außerhalb der Vorstellung vor?

Wenn physikalische Gegebenheiten ontologisch primär sind, dann gab es sie schon, bevor geistige Phänomene auf der Welt auftauchten. Dann gab es einst eine Welt außerhalb der Vorstellung (von egal wem). Und davon, wie diese Welt die Fähigkeit zur Vorstellung hervorgebracht hat, handeln die physikalistischen Geistesphilosophen. Nur: Wie können sie über diese Welt außerhalb der Vorstellung sprechen? Was können sie überhaupt über sie wissen, wenn sie keine Vorstellung von ihr haben? Nichts, also haben sie offensichtlich doch eine Vorstellung von ihr. Dann aber ist es keine Welt außerhalb der Vorstellung mehr, sondern die Welt in der Vorstellung des Physikalisten.

Wenn Sie das für leere Sophisterei halten, dann lade ich Sie ein, ein bisschen Descartes zu spielen., Oder, wenn Ihnen das näher ist, seinen modernen Enkel Neo aus dem Film „Matrix“. Nehmen sie an, ein allmächtiger Dämon (oder die Matrix) spielte Ihnen alle Ihre Sinneseindrücke vor. Sie wissen, wie anfällig wir für optische Täuschungen sind. Gibt es irgend etwas, dessen Sie sich ganz sicher sein können? Könnte der Computer vor Ihnen, und der ganze Raum, in dem Sie sitzen, nicht eine Täuschung sein, von wem auch immer hervorgebracht? Schon Descartes konnte das nicht ausschließen, und heute, in der Zeit der virtuellen Realitäten, brauchen wir nicht einmal einen übelwollenden Dämon, um uns eine solche Täuschung vorzustellen (auch wenn sie nicht übermäßig wahrscheinlich ist). Aber was bleibt dann? Gibt es etwas, das Sie nicht bezweifeln können?

An dieser Stelle bringt Descartes seinen berühmten und kein bisschen beweiskräftigen, weil tautologischen Satz. Aber er meint etwas Richtiges: Das Erleben selbst kann ich nicht bezweifeln. Sogar, ob es wirklich ein „Ich“ sein muss, das da ist, darüber ließe sich reden. Aber dass ein Subjekt da ist, das all diese Täuschungen wahrnimmt, ist ein unbezweifelbarer archimedischer Punkt. Ich kann mich selbst – als wahrnehmende Instanz – nicht wegdenken. Die ganze Welt spielt sich im subjektiven Erleben ab – und nicht umgekehrt.

Weiter geht es dann bei Kant und Schopenhauer – aber das braucht uns hier nicht zu interessieren.

  1. Was verursachen Qualia?

„Bewusstsein“ in den ersten beiden Bedeutungen beeinflusst das Verhalten. Es verursacht physikalische Vorgänge. Also ist es selbst ein physikalischer Vorgang. Aber was ist mit den Qualia? Bzw. dem (das meint dasselbe) subjektiven Erleben? Bewirkt es irgend etwas?

Mentale Verursachung

Wenn die Pfeile, die von physischen Zuständen ausgehen, hinreichende Bedingungen symbolisieren : Welcher Platz bleibt für die Pfeile mit Fragezeichen?

Da mir niemand beweisen kann, dass er über Qualia „verfügt“, bewirken sie offensichtlich nichts. Und dieser Schluss wird auch von den Geistesphilosophen akzeptiert. Mentale Zustände gehen zwar für sie aus physikalischen Zuständen hervor. Die physikalische Welt aber ist „kausal geschlossen“, d.h., ihr Zustand zu jedem Zeitpunkt lässt sich im Prinzip vollständig aus dem Zustand im gerade vorangegangenen Zeitpunkt erklären. M.a.W.: Physikalische Zustände verursachen physikalische Zustände. In der Gedankenwelt der Physikalisten verursachen die physikalischen Zustände zusätzlich noch mentale Zustände, also „Bewusstsein“, im harten Sinne: Qualia. Soweit, so schlecht. Eine Begebenheit kann ja durchaus mehrere Wirkungen haben. Aber wenn die physikalische Welt „kausal geschlossen“ ist, wenn also der physikalische Zustand zum Zeitpunkt x hinreichend ist, um den Zustand zum Zeitpunkt x+1 zu erklären: Dann kann kein Quale notwendig sein, um diesen Zustand tx+1 zu erklären. Das heißt: Diese ominösen „mentalen Zustände“, „Qualia“, oder wie man sie nennen will, sind überflüssig. Sie bewirken nichts.

Das bedeutet aber zweierlei: Ersten können wir sie nicht beobachten. Es gibt sie einfach nicht. Und zweitens können sie auch nicht evolviert sein. In der Vorstellung der Physikalisten ist ja das Gehirn evolviert, bis es irgendwann subjektives Erleben erzeugen konnte. Wenn dieses subjektive Erleben aber keine Wirkung hat, dann bietet es auch keinen Evolutionsvorteil, und dann konnte es nicht evolvieren.

Diese Problem kennen die Geistesphilosophen als das Problem der mentalen Verursachung. Wie ich schon anderswo schrieb, hat Jaegwon Kim in seinem vielgerühmten Buch „Philosophy of Mind“ schlüssig bewiesen, dass es nicht lösbar ist. Wer also meinen dürren Worten nicht traut, möge in diesem sehr klaren und gelehrten Buch nachlesen. Aber weder Kim noch seine Kollegen geben bloß wegen ein bisschen Logik den Versuch auf, das Problem trotzdem zu lösen.*

Andernfalls müsste man ja zugeben, seit Jahrzehnten Kraft, Zeit und Steuergeld an eine falsche Theorie zu verschwenden. Und müsste die ganzen anderen Dietriche aus der Altmetalltonne kramen.

* Allerdings will ich Kim Gerechtigkeit widerfahren lassen: Der englischen Wikipedia entnehme ich, dass er genau aus den genannten Gründen den Physikalismus mittlerweile ablehnt – wenn auch sehr schweren Herzens.

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5 Kommentare zu “Irrwissen 2 : Non cogito ergo dumm.

  1. Ich denke mir folgendes:
    Die Zustände lassen sich zwar „zu jedem Zeitpunkt aus den Zuständen im gerade vorangegangenen Zeitpunkt erklären“, doch es kann gar nicht anders sein – die vorangegangenen Zustände gehören ja der Vergangenheit an. Die Vergangenheit lässt sich bekanntlich nicht manipulieren. Die Vergangenheit, nicht die Wirklichkeit ist daher kausal geschlossen. Die Wirklichkeit ist mehr als das, was wir sehen, das was wir nicht sehen, das, was in uns, in der Gegenwart geschieht gehört mindestens auch dazu, wenn es nicht gar das einzig wirkliche an Wirklichkeit ist.
    Vielen Dank für den sehr guten Artikel
    Gruß

    • Danke für den Kommentar.
      Ich gestehe, dass Deine Denkweise der meinen fremd ist – Du denkst in anderen Begriffen. Ich kann daher nicht direkt anknüpfen und sagen: „Ja, richtig“ oder „Ja, aber“, oder „Nee“. Aber die Denkweise reizt mich als eine, die jedenfalls nicht dumm ist.
      Wie geschieht Deines Erachtens der Übergang von „Wirklichkeit“ zu „Vergangenheit“? Oder, noch einen Schritt zurück: Was ist für Dich „Wirklichkeit“?

      • Sehr gute Frage.
        Für mich spielt sich das, was man Wirklichkeit nennt zwischen zwei Unendlichkeiten (zw. sog. Mikro- und Makroinfinität). Ich unterscheide nicht zwischen ihnen, somit denke ich nicht an einen Übergang, der zwischen ihnen notwendig gefunden werden müsste. Sie können jedenfalls für denjenigen, der es unbedingt will, mit dem Begriff der Raumzeit und mit dem der Gegenwart assoziiert werden.
        Nebenbei gesprochen, ich stelle mir sehr gut vor, dass es für diejenigen, welche mit Perspektivenlogik nicht vertraut sind, ausgesprochen schwierig ist, mit ihren Modellen zu umgehen, doch wenn man in sie eintaucht (also ihre Grenze überschreitet), akzeptiert man für sich keine andere logische Grundlage. Sie ist einfach logischer, ruhiger, gerechter und effektiver, als die Machtlogik, mit der man aufgewachsen ist.
        Sie ist nicht unbedingt und nicht dogmatisch.
        Somit ist der Verdacht, dass ich mich, mit dem was ich sage, in Überheblichkeit übe, grundfalsch.

      • Ich habe gestern mal ausführlich bei Dir reingeschaut. Es sieht interessant aus, auch wenn ich keinen spontanen Zugang gefunden habe. Jedenfalls merke ich mir die Perspektivenlogik für spätere intensive Beschäftigung vor – versprochen.

  2. […] in vielen Bereichen. In der Neurobiologie etwa tangiert uns das Leib-Seele-Problem, und es gibt, wie anderswo besprochen, berechtigte Zweifel, dass die tonangebenden Biologen hier auf der richtigen Spur sind. Aber wenn […]

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