Penelope tanzt auf den Tischen.

Stück um Stück haben die Einzelwissenschaften ihre Machtbereiche aus dem einst großen Reich der Philosophie gelöst und zu souveränen Staaten entwickelt. Und im Überschwang ihrer neugewonnenen Bedeutung sind sie gar in ihr bröckelnden Schloss selbst eingefallen und haben die Flügel unter sich aufgeteilt: Die Astrophysik hat den Metaphysiktrakt mit dem eschatologischen Observatorium bezogen, die Teilchenphysik bevölkert das gesamte Ontologiegeschoss, die Psychologie beansprucht den Ethikflügel mit seinen existenziellen Diwanen und phänomenologischen Ballsälen, und die Biologie alle Räume am semiotischen Korridor, die beiden alten Torhäuschen „Sinn“ und „Ursprung“ und den himmelstrebenden Geistesturm. Wie die Freier im Hause des Odysseus markieren die Naturwissenschaften den neuen Herrn, bauen nach ihrem Gutdünken um, entrümpeln kostbare alte Möbel, für die sie keine Verwendung mehr sehen, und feiern im großen Thronsaal bei jeder Gelegenheit ihre neue Macht.

Und die Philosophie? Wohl, man möchte wünschen, sie zöge aus in ihre Tonne, oder in ihre Hütte am Walden Pond. Aber nein, sie mag von ihrem Heim nicht lassen. So scharwenzelt sie im leichten Fummel zwischen den Freiern einher, kredenzt den Wein, in dem sie die Wahrheit wähnen, lässt sich am Po betatschen und tanzt auch mal auf den Tischen, dankbar dafür, in ihren eigenen Hallen geduldet zu sein, und kindisch glücklich, wenn ihr der Eine oder Andere, sei es aus Nostalgie oder Spott, seine Ehrerbietung erweist. – Wahrlich, die Philosophie verlangt einen Odysseus, der den Bogen zu spannen versteht!

Ihr glaubt es nicht? Ich habe es selbst erlebt. Es muss 1998 gewesen sein, da war ich in Bremen zum Kongress der ASSC, der „Association for the Scientific Study of Consciousness“. Unter den Plenarvorträgen gab es auch einen der hochberühmten Patricia Churchland, einer der bekanntesten Geistesphilosophen unserer Zeit. Nach dem Vortrag wurden Fragen aus dem Publikum zugelassen, und jemand stellte eine grundlegende metaphysische Frage. Ich kann mich an den genauen Inhalt nicht mehr erinnern, aber es war eine Frage von dem Kaliber: „Was ist denn nun Bewusstsein?“ oder „Wie entstehen denn nun die Qualia?“. Und was antwortete die bedeutende Philosophin? „Nun, darum sind wir ja alle hier, weil wir hoffen, dass uns die Neurobiologen dazu etwas Neues werden sagen können.“

Nein, gewiss, es gibt auch heute noch unbestechliche Ethiker, düster-unbegreifliche Phänomenologen und zielsicher stechende Gesellschaftskritiker. Aber sie sind allenfalls die linke Hand der Philosophie, die einen Stinkefinger zeigt, während die rechte Hand die Bluse aufknöpft.

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