Irrwissen 3 : Ich bin so frei.

Widerspricht : Vernunft

Fachbereich : Neurophilosophie

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Philosophen sind, alles in allem, unschuldig. Es sind meine Kollegen, die Neurobiologen, die auf ihnen unbekanntes Gelände vorgedrungen sind und dabei Landkarten und ortskundige Führer achtlos haben links liegen lassen, weil ja doch niemand ein besserer Geometer sein kann als sie selbst. Und so machen sie sich nun wichtig und tönen in allen Gazetten und Talkshows, die Neurobiologie hätte bewiesen, dass es keinen Freien Willen gebe, und darum müsse die gesamte Rechtsprechung, die philosophische Ethik und überhaupt das abendländische Menschenbild neu definiert werden.

Was haben „wir“ denn bewiesen? Nun, es gibt verschiedene Experimente, die den Rang der bewussten Entscheidung in Zweifel ziehen, aber das berühmteste und verstörendste ist das von Benjamin Libet. Er nahm von Versuchspersonen das EEG und maß darin das Bereitschaftspotential – eine Schwankung, die zuverlässig einige hundert Millisekunden auftritt, bevor eine Bewegung ausgeführt wird. In diesem Falle war die Bewegung, um die es ging, das Drücken eines Knopfes. Dann ließ er die Versuchspersonen auf einen Zeiger schauen, der sich drehte, und bat sie, sich zu merken, an welcher Position sie den Entschluss fassten, den Zeiger zu drücken – sie konnten das tun, wann sie wollten. Das Bereitschaftspotential aber – und das ist die Sensation – trat stets schon vorher auf. Es handelt sich zwar nur um Sekundenbruchteile. Aber im Prinzip hätte Libet den Versuchspersonen sagen können: „Du wirst gleich wollen.“

Was hat Libet damit gezeigt? Dass neuronale Prozesse, die uns nicht bewusst werden, Entscheidungen bestimmen, die wir als „frei“ empfinden. Das sieht auf den ersten Blick beunruhigend aus, aber gar so überraschend ist das nicht. Bei Licht betrachtet sind neuronale Prozesse genau dazu da. Mein Gehirn feuert in jeder Sekunde Zigtausende von Aktionspotentialen, aber nur ein Bruchteil dieser Informationsverarbeitung wird mir bewusst. Wenn ich sprachlich denke, geschieht das überwiegend in korrekter deutscher Syntax: Ich baue meine inneren Sätze nicht bewusst zusammen. Also ist da im Stillen ein Grammatikmodul aktiv und liefert das, was ich denke, bereits vorgefertigt an. Das mag staunenswert sein, aber eine große philosophische Herausforderung ist es nicht gerade. Und dasselbe gilt für all die anderen Experimente, mit denen Neurobiologen zeigen, dass meine Handlungen und Gedanken neuronal streng determiniert sind.

Denn: Der Befund, und das Problem, das er mit sich bringt, sind für den Philosophen alles andere als neu. Darüber, was Determinismus für die Willensfreiheit bedeutet, hat schon Platon nachgedacht; Augustinus hat in den Confessiones darüber gegrübelt, wie Gottes Allmacht mit meiner Verantwortung zusammengeht (was im Prinzip dasselbe Problem in anderer Verkleidung ist), die englischen Empiristen bedachten das Problem in ihrer Sprache, und Schopenhauer promovierte über die „Vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“: Zu allen Zeiten, durch die Jahrtausende hindurch, haben Philosophen gewusst, dass alles Geschehen vollständig determiniert ist. Es ist ja nett, wenn Neurobiologen das nun auch rausfinden und hübsch illustrieren, aber neu – nein, neu ist das wirklich nicht. Nebenbei und wohlgemerkt: Es ist dabei völlig irrelevant, ob diese Gründe psychisch oder neuronal sind. Über Determinismus und Willensfreiheit haben Philosophen schon gegrübelt, als noch nie jemand ein Neuron gesehen hatte.

Und mehr noch: Es ist auch eigentlich kein Problem. Die landläufige Annahme besagt: „Wenn alles, was ich tue, vollständig determiniert ist, dann gibt es keinen Freien Willen.“ Das klingt plausibel, ist aber Unfug. Was wäre denn die Alternative zur Determiniertheit? – Die Indeterminiertheit. Also: Dass Dinge geschehen, für die es keinen hinreichenden Grund gibt. Mit anderen Worten: Zufall, Chaos. Es würde bedeuten, dass ich für Handlungen, die ich begangen habe, nicht sagen könnte, warum ich sie begangen habe. Dass ich plötzlich und unvorhersehbar Dinge tue, die sich nicht aus dem Vorangegangenen – meinem Charakter und den Umständen – herleiten lassen. Ich finde diese Vorstellung alles andere als verlockend, und schon gar nicht frei. Tatsächlich benennen wir diese Vorstellung (bzw. das, was ihr am nächsten kommt) mit negativ gefärbten Worten wie: Blackout, Filmriss, Wahnsinn. Das Verlangen, „vernünftig“, also begründet und vorhersagbar, zu handeln, ist bei uns Menschen so stark, dass es sogar das Phänomen der Konfabulation gibt: Wenn wir dazu gebracht werden, Dinge zu tun, deren Ursachen uns nicht bekannt sind – etwa durch unterschwellige Beeinflussung oder Stromstöße im Gehirn -, dann erfinden wir auf Nachfragen hin Gründe dafür, und glauben diese selbst. Schon Schopenhauer hat es gesagt, und die Konstruktivisten später auch: Selbst wenn die Welt nicht kausal determiniert wäre, würden wir sie so wahrnehmen als ob. Wir sind so gemacht.

So scheinen wir vor einer tristen Wahl zu stehen: Zwischen Skylla und Charybdis, Pest und Cholera, Merkel und Steinbrück: zwischen Unfreiheit und Chaos. Aber dem ist nicht so. Wenn die Alternative zu Determinismus nicht Freiheit lautet – dann sind Determinismus und Freiheit auch nicht unvereinbar. Dann ist einfach die Frage falsch gestellt. Wenn wir mit Freiheit in Wahrheit gar nicht meinen, dass wir undeterminierte Dinge tun, dann ist die Frage: Was meinen wir dann?

Die Frage ist nicht knapp und im Handumdrehen zu beantworten. Das Gegenteil von Freiheit ist Zwang, und so ist es wahrscheinlich kein falscher Ansatz, zu sagen, dass Willensfreiheit dann besteht, wenn man ohne Zwang entscheiden kann. (Und es ist begrifflicher Unfug, zu sagen, synaptische Aktivitäten in meinem Gehirn zwängen mich zu etwas. Ich bin diese synaptischen Aktivitäten.) Aber was ist mit inneren Zwängen, wie sie bei einer Geisteskrankheit vorliegen oder einer Zwangserkrankung? Sie schränken zweifellos die Willensfreiheit ein, spielen sich aber in demselben Gehirn ab, welches das unfreie Ich konstituiert. Gehören die neuronalen Prozesse, welche die Zwangserkrankung erzeugen, also nicht zum Ich? Ich habe keine einfache Antwort darauf, aber es scheint, dass nicht alles, was in unserem Gehirn (oder, für die Dualisten unter uns: in unserem Geist / unserer Seele) geschieht, zum Ich gehört. Das ist kein ungewöhnlicher Gedanke; für Freud wäre er trivial.

Aber auch ohne die Frage abschließend gelöst zu haben können wir konstatieren: Die Revolution des Menschenbildes und des Strafrechts (das übrigens längst schon den §20 StGB kennt: Unzurechnungsfähigkeit) durch die Neurobiologie fällt bis auf Weiteres aus. Was Willensfreiheit bedeutet, wird weiterhin in der Philosophie diskutiert.

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3 Kommentare zu “Irrwissen 3 : Ich bin so frei.

  1. Felix Stadtfeld sagt:

    Eine erfrischend einfache Antwort auf die angebliche Bedrohung der menschlichen Autonomie durch Libet und neuerdings Haynes. Bliebe der Hinweis, dass die Abwesenheit von Zwang schon bei Aristoteles auftaucht. Das Neue ist allerdings, dass der Zwang nun von innen her kommt („ich bin mein Gehirn“). Auch interessant: Peter Bieri, der den „freien Willen“ mit dem „verstandenen Willen“ gleichsetzt. Das führt im oben erwähnten Kontext von „Geisteskrankheit und Zwangserkrankung“ zu fesselnden Überlegungen.

    • Danke für den Kommentar. Ich bin mir bewusst, dass meine Antwort mitnichten neu ist. Wenig ist neu in der Philosophie, und trotzdem müssen gerade die scheinbar einfachen Antworten immer von Neuem entdeckt werden.
      Von Bieri – den ich wohl dringend mal lesen sollte – habe ich die Gegensatzpaare Determinismus – Chaos und Freiheit – Zwang aufgeschnappt. Das war in einem Sammelband zum Thema Willensfreiheit, den ich mal durchgeblättert habe. Hast Du eine Lektüreempfehlung für den Anfang?

      • Felix Stadtfeld sagt:

        Entschuldige die Verzögerung (Schuljahresende). Das Wort „einfach“ in meinem Kommentar war als großes Kompliment gemeint!
        Ich benutze zu Unterrichtszwecken den kurzen Spiegelartikel Peter Bieris von 2005 ( http://www.spiegel.de/spiegel/a-336006.html ) um die Begriffe „Entscheidung“ und „Verantwortung“ zu klären.
        Ausführlicher ist Das Handwerk der Freiheit (vgl. hierzu die Rezensionen unter http://www.perlentaucher.de/buch/peter-bieri/das-handwerk-der-freiheit.html). Eine kurze&gute theoretische Einführung zum Thema liefert Geert Keil, Willensfreiheit und Determinismus, Stuttgart (Reclam) 2009; etwas älter, aber lesenswert die Textsammlung von Christian Geyer (Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente. Frankfurt (Suhrkamp) 2004).

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