Irrwissen 4 : Hoffen auf die Supernova

Widerspricht : Empirie & Vernunft

Fachbereich : Volkswirtschaftslehre

Der Wachstumsmotor! Ach, der Wachstumsmotor! Er stockt und sprotzt und ruckelt, und dabei tun unsere Politiker doch alles, damit er „wieder anspringt“. Denn einige vermeidbare Unfälle – Lehman Brothers, Staatsschuldenkrise – sind schuld daran, dass er derzeit nicht rundlaufen mag. Sonst wäre alles in Ordnung. Oder nicht?

Wählen wir doch einmal einen ungewöhnlichen Zugang: Schauen wir uns die Fakten an. Die folgende Graphik zeigt die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts in der BRD seit 1951.

13-02-21 Wirtschaftswachstum BRD

Jährliche Veränderung des BIP in der BRD

Auf den ersten Blick können sich die Vertreter der „Wellentheorie“ bestätigt fühlen: Es geht zyklisch immer rauf und runter. Doch auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Wellen links, in den Fünfzigern, erheblich höher ausfallen als in den letzten Jahrzehnten mehr rechts. Das ist übrigens, wie man in dieser Broschüre sieht, sogar dem Statistischen Bundesamt aufgefallen. Im ersten Jahrzehnt der BRD lag das stärkste Wirtschaftswachstum 1955 bei 12,1%, das schwächste zwei Jahre später immerhin noch bei 6,1%. Ein so hoher Wert ist seit 1970 nicht mehr erreicht worden. Und die 5%-Hürde überschritt das Wirtschaftswachstum zuletzt im Jahr der Wiedervereinigung und dem Folgejahr.

Verdecken die Konjunkturzyklen möglicherweise einen langfristigen Trend? Tun wir also das Naheliegende und filtern die Schwankungen durch ein gleitendes Mittel mit einer Spanne von sieben Jahren heraus.

13-02-21 BRD Wirtschaftswachstum und Mittel

Wirtschaftswachstum mit gleitendem Mittel

Tatsächlich: Die Kurve, die sich ergibt, fällt ziemlich hyperbolisch ab. Einen auffallenden Buckel gibt es um 1990: Die Wiedervereinigung war ein wirkungsvolles Konjunkturprogramm. Seit 1995 dagegen konvergieren die Werte deutlich gegen 1%.

Ein bisschen Mathematik bestätigt den optischen Eindruck. Nach der „Wellentheorie“ müsste das Wirtschaftswachstum um einen festen Mittelwert schwanken. Versucht man aber, eine Regressionsgerade in die Daten zu legen, dann fällt sie mit einer Steigung von –0,12 Prozentpunkt/Jahr, hat die Nulllinie im Jahr 2010 gekreuzt und erklärt auch nur 43% der Schwankungen.

13-02-21 BRD Wirtschaftswachstum mit Trends

Lineare (blau) und gebrochen-rationale (blaugrün) Regression des Wirtschaftswachstums in der BRD

Eine gebrochen-rationale Funktion leistet Besseres (59% der Variation) und läuft asymptotisch auf 1,1% Wirtschaftswachstum hin, wobei auch 0% durchaus im Konfidenzintervall liegen. Noch besser wird es, wenn man die Hyperbel an die gefilterten Daten anpasst: Dann steigt das Bestimmtheitsmaß auf 0,94, also 94% der Variation. Das mittlere Wirtschaftswachstum innerhalb von sieben Jahren lässt sich, das sei hier für die Nachwelt festgehalten, recht gut mit folgender Formel vorhersagen: f(x) = 140,7/(x-1939) –0,7549.

13-02-21 BRD mittleres BIP mit Trend

Gebrochen-rationale Regression am gleitenden Mittel der BIP-Veränderung

Ein interessanter Nebenaspekt dieses hyperbolisch sinkenden prozentualen Wirtschaftswachstums zeigt sich beim Blick auf die absolute Wirtschaftsleistung, die sich daraus ergibt. Verkünden uns Ökonomen und Ökologen nicht immer das exponentielle Wachstum, die einen mit verheißungsvollem, die anderem mit warnendem Ton? Nun, ob unendliches exponentielles Wirtschaftswachstum nun wünschenswert oder bedrohlich ist, ist irrelevant: Es existiert nämlich gar nicht. Die Wirtschaftsleistung in der BRD (1950 = 100, rückgerechnet aus den Wachstumsraten) liegt bemerkenswert genau auf einer Gerade (R² = 0,996). Das ist auch kaum verwunderlich, denn eine Exponentialfunktion mit gebrochen-rationalen Wachstumsraten (e^(1+1/x)) nähert sich einer Geraden an. So erfährt Malthus eine späte Genugtuung.

13-02-21 BRD Wirtschaftsleistung

Wirtschaftsleistung BRD mit Trendlinie

Es ist also eine Fehlannahme, dass exponentielles Wirtschaftswachstum möglich und machbar sei. Dann drängt sich die Frage mit verstärkter Vehemenz auf: Wozu wird es so dringend gebraucht?

Zum  Beispiel brauchen wir es, dem Okunschen Gesetz zufolge, um die Beschäftigungsquote hoch bzw. die Arbeitslosenquote niedrig zu halten. Dieses Gesetz fasst den empirischen Befund zusammen, dass sich die Arbeitslosenzahl gegenläufig zum Wirtschaftswachstum ändert: Wächst diese, schrumpft jene, und umgekehrt. Dabei wird die Nulllinie bei ungefähr 2 bis 3% Wirtschaftswachstum geschnitten. Bei Wachstumsraten von rund 1% sagt das Okunsche Gesetz also voraus, dass die Arbeitslosenzahl steigen wird. Leider ist es nahezu unmöglich, diese Vorhersage zu prüfen, da die Arbeitslosenstatistik laufend umdefiniert wird. Viel aufschlussreicher als die Arbeitslosenzahl sind allerdings sowieso die Entwicklung der Reallöhne und der geleisteten Arbeitsstunden. Erstere befinden sich mindestens seit 2000 im Sinkflug, letztere stagniert. Selbst wenn man also die offiziellen Verlautbarungen der letzten Jahre glauben wollte, nach denen die Beschäftigtenzahlen gestiegen und die Arbeitslosenzahlen gesunken seien, bedeutete dies nur, dass für einen gleichbleibenden Arbeitsumfang immer weniger Lohn gezahlt, und beides auf mehr Leute verteilt wird. Dass also mehr Leute weniger arbeiten und noch weniger verdienen, dabei aber (siehe steigendes BIP) immer mehr leisten.

Ein kurzer Zwischenstand: Die Bedingung, unter der eine Volkswirtschaft nach herrschender Lehre funktionieren könnte – nämlich unendliches exponentielles Wirtschaftswachstum mit mindestens 3% p.a. – ist nachweislich nicht gegeben. (Ganz zu schweigen davon, ob sie wünschenswert wäre, denn ungebremstes exponentielles Wachstum finden wir sonst nur bei Atombombenexplosionen, Krebserkrankungen und – siehe Beitragstitel – Supernovae.).

Damit stellt sich aber eine Frage mit schreiender Dringlichkeit: Warum funktioniert eine Volkswirtschaft nur, wenn sie exponentiell wächst?

Man bedenke (ich verweise noch einmal auf den letzten Link): Das Bruttoinlandsprodukt ist in der BRD allein in den letzten zwölf Jahren um über 60% gestiegen. Die Volkswirtschaft hat also um über 60% mehr eingenommen. Warum sind Arbeitsvolumen und Löhne nicht ebenfalls um über 60% gestiegen, sondern eher zurückgegangen? Wo ist das ganze Geld hin?

Ich habe den Eindruck, dass sich Volkswirtschaftler diese grundlegende Frage niemals stellen. Sonst hätten sie ja bemerken müssen, dass eine plausible Antwort von Silvio Gesell schon seit bald hundert Jahren darauf wartet, von ihnen bemerkt zu werden.

Der grundlegende Irrtum der Volkswirtschaftler besteht darin, Geld als neutrales Medium zu behandeln. Das ist es aber nicht. Geld ist ein von Menschen konstruiertes Werkzeug, das mit bestimmten Eigenschaften versehen wird. Eigenschaften, die man ändern kann, Eigenschaften, die bestimmte Folgen haben. Geld, wie wir es meistens kennen, hat z.B. die Eigenschaft der unendlichen Haltbarkeit: Ein Fünf-Euro-Schein, den ich in der Schreibtischschublade finde, ist noch genauso frisch wie am Tag, als ich ihn dort vergessen habe. Diese Eigenschaft hat modernes Geld vermutlich vom Gold geerbt. Damit hat Geld einen Vorteil gegenüber fast allen Waren, gegen die es eingetauscht wird, denn diese verderben entweder oder verursachen Lagerungskosten. Wer Geld übrig hat, muss es nicht anbieten. Er wird es gerne behalten, es sei denn, man bietet ihm einen Zinssatz, der hinreichend dafür entschädigt, auf Liquidität zu verzichten. Dieser Mindestzinssatz, unterhalb dessen man das Ersparte lieber auf dem Girokonto oder unter der Matratze verfügbar hält, als es langfristig zu binden, ist kein fester Wert. Als Richtwert kursieren 3%.

Nun wird alle Realwirtschaft durch Kredite finanziert. Kredite, die also einen Zinssatz von mindestens 3% tragen, meistens wohl eher mehr. Jeder Wirtschaftstreibende muss also jährlich rund 3% mehr Leistung erbringen, als er selbst eingekauft hat. Und was für jeden Einzelnen gilt, gilt in der Summe für die gesamte realwirtschaftliche Produktion: Um die Kreditzinsen bezahlen zu können, muss sie jährlich um mindestens 3% wachsen. Gelingt ihr das nicht, dann muss sie das Geld anderswo sparen. Z.B. bei den Löhnen.

Das ist schon schlimm genug, aber die Daumenschraube geht noch eine weitere Umdrehung: Da die Arbeitseinkommen sinken, verteilen die Zinsen das Geld zu jenen, die ohnehin schon am meisten haben. Die Mehrheit der Bevölkerung hat dagegen immer weniger Geld auszugeben: Die Binnennachfrage sinkt, und damit die Nachfrage nach der Produktion eben jener Volkswirtschaft, die eigentlich wachsen will. Der Kapitalismus schnürt sich selbst die Luft ab.

Hat man dieses Problem erst einmal bemerkt, dann ist die Lösung recht einfach: Geld muss, wie Silvio Gesell es in seinem Hauptwerk „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ forderte, die Alterung der Waren spiegeln, die es tauscht: Es muss verderben. Der Geldbasiszins, also der Zins auf sofort verfügbares Geld (d.h., auch Bargeld) muss negativ sein, bei ungefähr -3% bis -5% (wobei dieser Wert idealerweise ebenso flexibel wäre wie der Leitzins der Zentralbanken). Selbst langfristig angelegt, erreichte es dann nur noch eine Verzinsung von 0%: Der Wachstumszwang wäre verschwunden. Und das Geld könnte nicht mehr zurückgehalten, unter Matratzen oder in spekulativen Börsenkonstrukten versteckt werden: Das Geld stünde der Realwirtschaft vollständig als Tauschmittel zur Verfügung und entspräche in der Menge genau der angebotenen Arbeit. Kurz: Es gäbe keine Arbeitslosigkeit.

Und was dann möglich wäre – welche Welt dann entstehen könnte – das habe ich ganz zu Anfang dieses Blogs träumerisch entworfen. Nie, niemals und nirgends war das Irrwissen einer „Wissenschaft“ so verhängnisvoll.

(Interessenten finden zahlreiche weitere Materialien hier.)

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