Irrwissen 5 : Geld kann man nicht essen.

Widerspricht : Empirie & Vernunft

Fachbereich : Volkswirtschaftslehre

Es gibt eigentlich nur zwei Weltmeister, die in Deutschland etwas bedeuten, und es ist schwer zu sagen, welcher davon wichtiger ist: Fußballweltmeister – Exportweltmeister. Fußballweltmeister zu werden, wäre vermutlich das tollere, aber da das mit der deutschen Gurkentruppe nie so recht klappt, ist man auf die Exportweltmeisterschaft umso stolzer. Dass die Chinesen uns diesen Titel seit vier Jahren abgejagt haben – das schmerzt.

Dabei exportieren wir doch wie (aber eben nur wie, und nicht als) die Weltmeister. Immer schon. Seit 1952, Deutschland lag noch halb in Trümmern, ist unsere Außenhandelsbilanz durchgängig positiv. Jahr für Jahr exportieren wir mehr Waren, als wir importieren – und sehen uns damit als Vorbild für die Welt. Ja, wenn das alle so machen würden, dann . . . dann, tja, dann würde das offensichtlich nicht funktionieren. Aber egal. Wir jedenfalls machen das so. Und finden das toll.

12-12-03 Außenhandelsbilanz BRD

Außenhandelsbilanz der BRD im Zeitverlauf seit 1950. Datenquelle: Bundesamt für Statistik

Wäre der zwischenstaatliche Handel ein Tauschhandel, dann spränge es wohl ins Auge, dass dieser Exporteifer „toll“ nur ist im altmodischen Sinne des Wortes: wahnsinnig und tobend. Jahr um Jahr tauschen wir Waren, die einen gewissen Wert haben, ein gegen Waren, die weniger wert sind. Nur ein Verrückter würde das freiwillig regelmäßig tun.

Aber wir bekommen ja Geld dafür. Und nicht zu knapp.

Aufsummierte Außenhandelsbilanz der BRD

Außenhandelsbilanzsumme der BRD

Stolze 2,75 Billionen Euro haben wir seit 1950 eingenommen. Das ist etwas mehr als der Gegenwert aller Waren und Dienstleistungen, die im Jahr 2012 in der BRD produziert worden sind (nämlich 2,645 Billionen Euro). Wir haben ziemlich genau soviel Geld gespart, wie wir in einem Jahr zum Leben brauchen. Sind wir also reich?

Ja und nein. Gewiss, als Ganzes ist Deutschland reich. Es gibt nur zwei Einwände: Erstens: Es deutet nichts darauf hin, dass jemand vorhätte, sich für dieses Geld auch etwas zu kaufen. Klar, es werden damit Börsenpapiere und Ähnliches gekauft, aber in realwirtschaftliche Güter aus anderen Ländern wird es nicht umgesetzt. Diese 2,7 Billionen sind Selbstzweck. Aber leider nicht essbar. Und zweitens: Wie ich früher bereits einmal schrieb, ist dieser Reichtum alles andere als gleich und gerecht verteilt. Gerade jene, die das Geld erarbeitet haben, besitzen es nicht. Dabei würden sie es bestimmt gerne ausgeben, denn sie könnten es gebrauchen. Was wäre das für eine paradisische Vorstellung: Jeder von uns bekommt ca. 50000 Euro; ganz Deutschland macht ein Jahr lang Urlaub, kauft das Essen in Italien, die Kleidung in Frankreich, die Software in den USA, macht Urlaub in Griechenland und Spanien – und am Ende haben wir kein Guthaben mehr, die erwähnten Länder keine Schulden, und wir könnten mit einer vernünftigen Wirtschaftsordnung von vorne anfangen. (Telepolis hat gerade vorgestern einen tollen Artikel von Tomasz Konicz veröffentlicht, der scharf und klar analysiert, wie Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten seine Staatsschulden exportiert hat. Lesen!)

Aber so ist es nicht. Geld kann man nicht essen, und so verschenken wir weiter unsere Leistung, ohne etwas Brauchbares dafür zu bekommen. Das Einzige, was wir davon haben, ist Arbeit. Sie wird – siehe die vorangegangene Folge in dieser Serie – immer schlechter bezahlt, aber immerhin: Man hat Arbeit. Das toll zu finden, ist wohl nur durch die hierzulande tief eingebrannte protestantische Ethik zu erklären. Um diese zufrieden zu stellen, könnte eine konsequente Lösung der europäischen Wirtschaftsprobleme darin bestehen, dass wir Deutschen unsere Waren dem Ausland einfach gleich schenken. Dann müssten sich diese Länder wenigstens nicht mehr verschulden, und hier könnten wieder alle arbeiten. Es sähe zwar aus wie Sklaverei – aber nein! Es wäre toll. Und wir wären wieder Weltmeister.

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2 Kommentare zu “Irrwissen 5 : Geld kann man nicht essen.

  1. Lampi[tm] sagt:

    Besser auf den Punkt bringen kann man das nicht.
    Danke schwarzer Kater

    • Lieber Lampi,

      danke für den Zuspruch.
      Da ich am Tag Deines Kommentars für drei Wochen in den Urlaub gefahren bin, konnte ich den Kommentar leider nicht eher freistellen. Entschuldige das bitte.

      Liebe Grüße,
      Konrad alias Der Schwarze Kater alias Cosimo

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