Irrwissen 6 : Physiker dürfen das.

Widerspricht : Meistens Vernunft

Fachbereich: Physik

Bei meinen bisherigen Beiträgen in dieser Serie war es mir wichtig, mir meiner Sache sehr sicher zu sein. Keine Verschwörungstheorien, keine Pseudowissenschaften, kein esoterisches Geraune, kein „Das kann doch nicht sein.“ In jedem der fünf Fälle, die ich vorgestellt habe, irrt sich eine wissenschaftliche Disziplin offenkundig, nachweislich und unbestreitbar. Und dabei, das zu erkennen und zu akzeptieren, hilft es, dass in jedem Fall bessere Vorschläge vorhanden sind. Denn TINA – „there is no alternative“ – ist zwar kein sonderlich gutes Argument, aber trotzdem mächtig. In der übernächsten (und voraussichtlich letzten) Folge werde ich darauf zurückkommen.

Mit den drei Seltsamkeiten in der physikalischen Theoriebildung, die ich hier versammle, verhält es sich anders. Erstens scheinen die Physiker sich z.T. selbst sehr wohl bewusst zu sein, dass die Lage der Dinge unbefriedigend ist. Und zweitens ist mir keine bessere Alternative bekannt. Daher kann man niemandem einen Vorwurf machen. Aber zeigen, dass die Welt nicht so sicher ist, wie die Wissenschaft verspricht, kann man trotzdem.

a) Physik 1 : Urknall – Der unbewegte Beweger

Laut herrschender Kosmologie ist das Universum entstanden, als ein unendlich kleiner Punkt aus Energie / Materie (das war in dem Zustand dasselbe) explodiert ist – der sogenannte Urknall. Dabei entstanden die gesamte Energie und Materie des Weltalls, die dann begannen, sich zusammenzuballen, zu verdichten, zu kreiseln etc., bis am vorläufigen Ende ich am Schreibtisch diese Sätze tippe.

Aber ein Punkt ist in sich homogen. Er hat, mathematisch betrachtet, überhaupt keine Eigenschaften, aber wenn wir uns ihn physikalisch als ein materielles „Etwas“ vorstellen, dann muss er jedenfalls in alle Richtungen völlig gleich sein. Also gab es beim Urknall keine Ungleichmäßigkeiten. Das Universum flog auseinander wie eine perfekt kugelförmige Seifenblase. Es gab keine Unregelmäßigkeiten, die an einer Stelle zu Verdichtungen hätten führen können, an der Nachbarstelle aber nicht. Denn solche Unregelmäßigkeiten müssten ja eine Ursache haben – eine Ursache, die es in einem homogenen Punkt nicht geben kann. („Wir haben also gerade gezeigt, dass, wenn wir hier wären, wir nicht hier wären“, sagte Kublai Khan. „Und hier sind wir“, sagte Marco Polo. – Italo Calvino, Die unsichtbaren Städte).

Soweit ich weiß, „lösen“ die Physiker dieses Dilemma mit Hilfe von „Singularitäten“ im Quantenbereich. Nun gut, „nobody understands quantum mechanics“, und ich am allerwenigsten. Aber für mich als handfesten Naturwissenschaftler klingt „Singularität“ schon sehr nach: „Ein Wunder geschieht.“

b) Physik 2 : Dunkle Materie – “ . . . dann umso schlechter für die Fakten.“

Es ist schon erstaunlich, was andere Leute dürfen. Man stelle sich Folgendes vor: Im Jahre 1952 stellten Alan L. Hodgkin & Andrew F. Huxley das nach ihnen benannte mathematische Modell auf, um die Entstehung des Aktionspotentials am Riesenaxon des Tintenfischs zu beschreiben, das sie gemessen hatten. Angenommen, die Messwerte hätte mit ihren eleganten Differentialgleichungen nicht zusammengepasst, und sie hätten daraufhin „dunkle Ionen“ postuliert, die man nicht direkt beobachten kann, sowie, zusätzlich zu den sie antreibenden elektrischen und chemischen Gradienten, noch „dunkle Energie“, damit die Messwerte zu den Gleichungen passen. Hätten Hodgkin und Huxley dann, zusammen mit John. C. Eccles, im darauffolgenden Jahr den Nobelpreis bekommen? Schwerlich.

Physiker dürfen das. Die gemessene Rotation der Galaxien passt nicht zum dritten Keplerschen Gesetz. Bezweifelt man also die Gültigkeit der Keplerschen Gesetze zur Beschreibung der Rotation von Galaxien? Nein. Man nimmt an, dass es da draußen zusätzlich zur Materie, die wir sehen können, noch dreimal soviel „dunkle Materie“ gibt, die wir nicht sehen können, und von deren physikalischen, chemischen und sonstigen Eigenschaften wir nichts wissen. Und da zu allem Überfluss das Universum auch noch beschleunigt expandiert, was durch die sichtbare Materie nicht erklärbar scheint, wird ein weiteres Dreifaches an „dunkler Energie“ hinzugedichtet. Als redlich werkelnder Biologe, der sich an harte Fakten klammert, bin ich entsetzt.

c) Physik 3 : Teilchenphysik – leere Käfige im Zoo

Aber bei Physikern ist das anscheinend normal. „Wie oben, so unten“, und also steht es mit der Teilchenphysik wenig besser. Das Standardmodell braucht zwar nur die, und genau die, Teilchen, die bislang gefunden worden sind, kann aber nicht alles erklären, schon gar nicht die Gravitation. (Die durch sogenannte Gravitationswellen erklärt werden soll, die man, trotz millionenteurer Detektoren an mehreren Orten der Welt, noch immer kein einziges Mal beobachtet hat.) Also erfinden die Theoretiker andere Modelle: Die Stringtheorie mit ihren elf Dimensionen, die sich nicht beobachten und mithin nicht falsifizieren lassen. Oder die Supersymmetrie, die zu jedem Elementarteilchen, das gerade erst mit lieber Mühe entdeckt worden ist, noch ein symmetrisches Gegenstück postuliert. So dass wieder nur die Hälfte des Teilchenzoos empirisch vorhanden ist – immerhin eine bessere Quote als bei der dunklen Energie.

Ich habe, wie gesagt, keine besseren Vorschläge. Und ich glaube den Physikern, dass sie sich redlich darum bemühen. Aber das Vertrauen, das ich etwa den wackeren newtonschen Bewegungsgesetzen entgegenbringe, kann ich für die Astro- und Teilchenphysik leider nicht anbieten.

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4 Kommentare zu “Irrwissen 6 : Physiker dürfen das.

  1. ausgesucht sagt:

    Wie wohltuend, das auch mal „von anderer Seite“ lesen zu können 😉

  2. […] nicht unwidersprochen lassen konnte. In meiner Erwiderung wies ich u.a. darauf hin, dass auch die Physik im Großen wie im Kleinen mit postulierten Substanzen wie der Dunklen Materie oder dem (damals noch nicht gemessenen) […]

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