Irrwissen 7 : Und der Balken?

In den Beiträgen zu dieser kleinen Serie habe ich, der Biologie, mir Architektur, Volkswirtschaftslehre, Philosophie und Physik vorgenommen und gezeigt, wie die Weltsicht dieser Fächer durch allerlei Splitter im Auge getrübt wird. Unweigerlich drängt sich der Begriff „Betriebsblindheit“ auf, um zu erklären, wie sich solche Wahrnehmungsschwächen hartnäckig in einer Disziplin halten können. Und ebenso zwangsläufig kommt man so zur nächsten Frage: Wenn diejenigen, die in einem Fach forschen, lehren und publizieren, anscheinend aus Gewohnheit, Loyalität und unbewusstem Selbstschutz heraus außerstande sind, die gravierenden Fehler ihres eigenen Mainstreams zu erkennen – gilt das dann auch für mich? Gibt es da draußen Architekten, VWLer, Philosophen und Physiker, welche die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, diesen schütteln und sich sagen: „Was dieser Biologe da unterhinterfragt für wissenschaftliche Wahrheit nimmt, ist doch offensichtlicher Unfug – wie kann der nur? Wie kann er auf die Splitter in unseren Augen verweisen und den Balken in seinem eigenen Auge übersehen?“

Wenn es sie gibt, dann sind sie herzlich eingeladen, mir ihre Bedenken vorzustellen. Ich bin, so glaube ich, frei von Glaubensfuror, was wissenschaftliche Wahrheiten betrifft, und daher – hoffentlich – offen für jedes gute Argument. Bis solche Einwände kommen, muss ich umgekehrt vorgehen: Muss feststellen, welches die Grundannahmen meiner Wissenschaft sind, und selbst versuchen, sie infrage zu stellen.

Nun ist die Biologie weniger ein Fach als ein Fächer, und gewiss gibt es fundamentale Theorien in vielen Bereichen. In der Neurobiologie etwa tangiert uns das Leib-Seele-Problem, und es gibt, wie anderswo besprochen, berechtigte Zweifel, dass die tonangebenden Biologen hier auf der richtigen Spur sind. Aber wenn ich nach der maßgeblichen Theorie der Biologie suche, dann gibt es nur eine Kandidatin: Die Evolutionstheorie, über die Dobzhansky bekanntlich sagte: „Nothing in biology makes sense except in the light of evolution.“

Auch an der Evolutionstheorie gibt es natürlich allerlei Zweifel von Seiten der Kreationisten verschiedener Couleur. Ich habe mich immer wieder mit diesen Zweifeln beschäftigt, und nein: Sie haben mich nie überzeugt. Es gibt, wie man in Richard Dawkins’ exzellentem Buch „The Greatest Show on Earth“ nachlesen kann, keinerlei Zweifel daran, dass die Erde mehrere Milliarden Jahre alt ist; es gibt keinen Zweifel an der genetischen Verwandtschaft aller Lebewesen; es gibt keinen Zweifel an der evolutionären Abfolge der Arten und ihrer Entstehung über ca. drei Milliarden Jahre hinweg. Dies alles ist keine Theorie: Es sind Tatsachen. Wer gegen sie argumentiert, ist entweder dumm oder schlecht informiert oder ein Lügner.

Bedeutet das, dass ich keine Zweifel an der Evolutionstheorie zulasse? Mitnichten. Zwar ist es sicher, dass eine Evolution stattgefunden hat – aber darüber, wie sie stattgefunden hat, lässt sich durchaus reden. Und außerdem gibt es Seltsamkeiten. Und nicht zuletzt: Das Staunen.

Wie geschah Evolution?

Der reinen Lehre zufolge sind Mutation und Selektion die einzigen Mechanismen der Evolutionstheorie. Und wenn man sieht, wie Darwins Wachhunde über jeden herfallen, der es dank etwas kreativem Denken wagt, die Rolle der Selektion infrage zu stellen, dann kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass Mutation und Selektion doch nicht die ganze Story sein können: Je wütender einer um sich schlägt, desto dringender muss er von einer Verteidigungsschwäche ablenken. Tatsächlich mehren sich in den letzten Jahren die Hinweise, dass die synthetische Evolutionstheorie vor einer größeren Krise stehen könnte. Denn die Vererbung erworbener Eigenschaften ist mittlerweile bei Pflanzen ebenso wie bei Mäusen gezeigt, und beim Menschen gibt es zumindest epidemiologische Hinweise darauf: Forscher haben jüngst genetisch identische Zuchtlinien der Ackerschmalwand beschrieben, die sich in der Blütezeit und Wurzellänge unterscheiden. Vererbt werden diese Eigenschaften nicht über die Abfolge der Basenpaare, sondern über Unterschiede in der DNA-Methylierung – und die kann durch Stoffwechselprozesse verändert werden. Bei Mäusen ist diese Möglichkeit schon gezeigt: Männliche Mäuse, die embryonal einen anti-androgenen Pharmakon ausgesetzt waren, produzieren später weniger Spermien – und vererben diese verringerte Produktion über mindestens vier Generationen. Hingegen steigt die Lernfähigkeit des Gehirns nicht nur bei Mäusen, die als Kinder eine reizreiche Umwelt erlebt haben, sondern auch bei deren Nachwuchs. Und beim Menschen werden die Söhne dicker, wenn die Väter früh angefangen haben zu rauchen, und wie viel die Großeltern als Kinder zu essen hatten, beeinflusst die Sterblichkeit der Enkel.

Noch sind das nur Einzelergebnisse. Aber wenn noch mehr solcher Befunde zusammenkommen, dann werden wir über die Entstehung angepasster Merkmale und das Verhältnis von Genotyp zu Phänotyp neu nachdenken müssen. Darwin wird das einerlei sein – der hat bekanntlich selbst die heute sogenannte „Lamarck’sche“ Vererbung für möglich gehalten. Aber seine selbsternannten Bluthunde werden schon unruhig. Dawkins tut die Epigenetik – also das Forschungsfeld, das sich mit erworbenen Modifikationen der DNA befasst – in einer Fußnote als unwichtig ab. Was nur beweist, dass Wissenschaftler Ideologen sein können.

Seltsamkeiten

Allerdings wird auch die Epigenetik mit der Lamarck’schen Vererbeung die synthetische Evolutionstheorie zwar vermutlich modifizieren, aber nicht grundlegend infragestellen. Es scheint gegenwärtig unwahrscheinlich, dass epigenetische Veränderungen des Erbmaterials die Selektion an Bedeutung übertreffen werden. Also doch kein Zweifel?

Nun, keinen, den ich an Daten und Fakten festmachen könnte. Aber es gibt Seltsamkeiten. Allen voran das Problem der Anagenese. Komplementär zur Phylogenese, welche die Auffächerung der Lebensformen beinhaltet, meint Anagenese deren Höherentwicklung im Laufe der Evolution. Das erscheint auf den ersten Blick offensichtlich und gar nicht problematisch: Am Anfang gab es nur einfache, bakterienähnliche Einzeller, und von da an ging es über Eukaryontenkolonien, wurmähnliche Tiere, Quastenflosser und Sahelanthropus stetig aufwärts bis zum modernen Menschen. Doch so einfach ist es nicht. Denn den evolutionären Mechanismen ist keine Richtung eingebaut. Die Selektion wählt nur die Varianten mit den meisten Nachkommen aus, also, verkürzt gesagt, die am besten angepasste Variante. Je nach Selektionsdruck kann eine einfache Form ebenso leicht best-angepasst sein wie eine komplexere Form. Der Regenwurm hat eine ebenso lange Evolution hinter sich wie wir Menschen, und Viren sind ein Extrembeispiel für konsequente Vereinfachung. Folgerichtig bestehen alle großen Popularisierer der Evolutionstheorie darauf, dass es „keine Scala naturae“ gibt und wir einer Sinnestäuschung unterliegen, wenn wir etwas anderes meinen.

Und doch hat Adolf Remane schon vor gut fünfzig Jahren Kriterien formuliert, nach denen sich „höherentwickelte“ von „einfacheren“ Arten im Tier- wie im Pflanzenreich unterscheiden (in Amerika hatte Samuel W. Williston schon 1914 Ähnliches formuliert). Überall hat die ursprüngliche Form ihre Strukturen – z.B. Gonaden, Körpersegmente, Nervenzellen – in vielen, gleichartigen Kopien und über den Körper verstreut, während die späteren Formen die Kopienzahl reduziert, sie differenziert, und an wenigen Stellen konzentriert. Das gilt für die Staubgefäße von Blütenpflanzen ebenso wie für die Rumpfmuskulatur von Wirbeltieren (Vergleichen Sie ein Fischfilet mit Ihren Bauchmuskeln) oder das Nervensystem, das sich bei Quallen über den ganzen Körper verteilt und bei Kraken, Spinnen und Menschen im Kopf gebündelt liegt. Und wie britische Forscher vor fünf Jahren zeigten, gibt es auch für die Crustaceen (also Krebse und so was) der letzten gut 500 Millionen Jahre einen umfassenden, quantifizierbaren Trend zu komplexeren, also unterschiedlich spezialisierten Beinen. Es scheint sich um ein allgemeingültiges Gesetz zu handeln – für das die aktuelle Evolutionstheorie noch keinen Platz hat.

Das Staunen

Wie konnten die Flügel der Insekten entstehen – die ja nicht, wie bei den Vögeln und Fledermäusen, veränderte Gliedmaßen sind, sondern zusätzliche Auswüchse am Rücken? Die Wissenschaft weiß es nicht. Wie ist das Paarungsverhalten jenes kleinen Amazonasfisches evolviert, der im Paar mit streng synchronisiertem Schwung aus dem Wasser an ein überhängendes Blatt springt, dort haften bleibt, um die Eier abzulegen, und sie bis zum Schlupf regelmäßig benetzt? Kein Einzelschritt dieses komplexen Verhaltens wäre überlebensfördernd ohne die anderen. Wann haben die ersten Vorfahren der Fledermäuse angefangen, sich kopfüber zu hängen, und woher „wussten“ sie, dass sie sich bei der Niederkunft zusammenkrümmen und mit den Armen eine Tasche formen müssen, damit das Neugeborene nicht in die Tiefe fällt? Von wem wurde der Schwänzeltanz der ersten Biene verstanden?

Keine dieser Fragen widerlegt die Evolutionstheorie. Ein „Ignorabimus“ ist eine wacklige Vorhersage: Die Evolution des Auges, die Darwin noch ratlos machte, ist längst verstanden und enträtselt. Vermutlich werden künftige Morphologen auch für die Entstehung der Insektenflügel eine einfache Lösung finden.

Trotzdem erwecken diese Beispiele, und überhaupt der faszinierende Reichtum der Natur, bei jedem unbefangenen Betrachter erst einmal Staunen. Können wir das wirklich erklären? Und es ist keine Antwort, wenn der synthetische Evolutionsbiologe schulterzuckend abwinkt: „Bedenke, das ist in Hunderten von Millionen Jahren entstanden.“ Denn diese „Hunderte Millionen Jahre“ erklären alles und nichts. Ob einer sagt: „Ganz einfach: Hunderte Millionen Jahre“ oder „Ganz einfach: Gott“, ist gleichbedeutend. In beiden Fällen werden Konzepte außerhalb des Vorstellbaren herangezogen, als ein Narkotikum, um das Staunen zum Schweigen zu bringen. Das Staunen aber ist bekanntlich der Anfang aller Philosophie.

Nein, in Wahrheit ist die Evolutionstheorie, so logisch und richtig sie im Einzelnen ist, im Ganzen unvorstellbar und unglaublich. Sie konnte von den Menschen des Abendlandes nur akzeptiert werden, weil sie einige Jahrzehnte zuvor den Fortschritt erfunden und an die Stelle Gottes gesetzt hatten, weil sie den Begriff einer in beide Richtungen unendlichen, geschichtlichen Zeit gebildet und hingenommen hatten, der anderen Kulturen fremd ist: Die indische Philosophie, sagt Borges, unterscheidet nicht, wann etwas geschrieben wurde; armenische Kirchenbauten sehen über die 1700 Jahre, welche diese Staatskirche besteht, alle gleich aus; japanische Tempel werden abgerissen und neu gebaut und bleiben doch dieselben: Alle diese Kulturen haben einen anderen – und vermutlich weniger abstrakten – Zeitbegriff. Sie hätten die Evolutionstheorie nie erdenken können. Nicht aus mangelnder Intelligenz, sondern weil sie ihnen bedeutungslos gewesen wäre. Denn jede wissenschaftliche Theorie ist Ausdruck ihrer Kultur und trägt in ihr Bedeutung. Und wenn die abendländische Kultur dahinwelkt und neue Kulturen aufblühen, dann werden diese neuen Kulturen die Evolutionstheorie verwerfen, verdrängen, vergessen. Nicht, weil sie sie widerlegen könnten – das wäre ganz überflüssig, denn sie wird ihnen als unsinnig erscheinen. Sondern weil sie ihnen bedeutungslos sein wird.

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Ein Kommentar zu “Irrwissen 7 : Und der Balken?

  1. […] die Epigenetik und die Vererbung erworbener Eigenschaften übrig hat. Die empirische Evidenz dafür ist mittlerweile überwältigend. Aber sie stellt halt die Synthetische Evolutionstheorie infrage. Und an dieser hat Dawkins mit […]

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