Fazit 1: Oh Mensch!

Viel miteinander zu tun haben sie auf den ersten Blick nicht, die verschiedenen Beispiele von Irrwissen, die ich in dieser kleinen Serie gesammelt habe. Fehlgeleitete Hochhausarchitektur, merkbefreite Geldtheorie, geistlose Geistesphilosophie und ein fehlzündender Urknall – das wirkt wie ein zufälliges Sammelsurium von Irrtümern, von denen jeder seine eigenen Hintergründe und Ursachen hat, die in der Geschichte des jeweiligen Faches begründet sind.

Oder? Steckt nicht vielleicht doch mehr dahinter? Ich glaube schon. Denn Eines haben fast alle Beispiele, die ich zusammengetragen habe, gemeinsam: Sie verleugnen den Bezug der Welt zum Menschen. In einigen Fällen ist das offensichtlich: Kosmologie und Evolutionstheorie (die ich allerdings nicht widerlegen konnte) haben in den vergangenen Jahrhunderten zwei der drei sogenannten Demütigungen des Menschen hervorgebracht, indem sie ihn aus der Mitte des Universums und von der Krone der Schöpfung gestürzt haben ( – die dritte Demütigung war bekanntlich Freuds Feststellung, dass der Mensch noch nicht einmal Herr im eigenen Ich ist -), und im Allgemeinen zeigt sich die Wissenschaft stolz auf diese Leistungen. Anthropozentrismus gilt als altbacken, überheblich und sowieso als Ursache aller gegenwärtigen Probleme, daher wird dem Menschen gerne aufs Brot geschmiert, dass er nur ein vergängliches Stäubchen auf einem unbedeutenden Planeten ist, der um eine mediokre Sonne am äußeren Spiralarm einer gewöhnlichen Galaxie kreist. Die abstrusen Versuche zu einer „nicht-anthropozentrischen Ethik“, die daraus erwachsen sind, hätte man in die kleine Sammlung auch noch aufnehmen können.

Nein, Naturwissenschaft und Philosophie verhehlen nicht, dass sie stolz darauf sind, den Menschen entmachtet, gedemütigt und zum bloßen biochemischen Prozess degradiert zu haben. Bei anderen Wissenschaften ist der Zusammenhang weniger offensichtlich, aber trotzdem vorhanden. Ich schrieb schon in dem Artikel über Glasdoppelfassaden, dass ich derartige Architektur für nicht nur technisch untauglich, sondern auch für weltanschaulich totalitär und unmenschlich halte. Es sind nicht Häuser nach dem Maß des Menschen, sondern Gebäude nach den Ansprüchen der Weltmaschine. Und ist nicht unser Geldsystem, das den Bezug zur menschlichen Arbeit als dem einzigen wertschöpfenden Produktionsfaktor längst verloren hat und alle Schranken menschlicher Moral und Kultur niederwalzt, genauso: totalitär und unmenschlich?

Viele zucken die Achseln und sagen: „Nun ja, so ist es nun mal. Damit muss der Mensch sich abfinden, dass er nicht das Maß der Dinge ist.“ Aber erstens, wie ich hinreichend gezeigt habe, ist es in Wahrheit gar nicht so: Das menschliche Bewusstsein ist nicht Ergebnis, sondern Voraussetzung der materiellen Welt. Die Determiniertheit der Welt kollidiert nicht mit menschlicher Moral und Freiheit. Geld ist weder Nahrung noch Selbstzweck, sondern aktuell schlicht katastrophal fehlkonstruiert. Und hätten wir ein brauchbares Geld, dann könnten wir es uns auch wieder leisten, Häuser zu bauen, die wie ein Seelenhandschuh sind.

Und zweitens: Selbst wenn wir Kosmologie und Evolutionstheorie nicht grundsätzlich widerlegen können – was zwingt uns, ihren vorläufigen Wahrheiten normative, kulturbildende Macht einzuräumen? Sollte eine lebendige Kultur nicht stark genug sein, ihr Menschenbild auch angesichts hochinteressanter Spekulationen zu bewahren? Kann man nicht die Wissenschaft im Sandkasten spielen lassen, während Frau Müller und Herr Schmidt nebendran ihr Haus bauen?

Mir macht die allgegenwärtige Menschenverleugnung Angst. Sie hat etwas von einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn erst einmal eine Mehrheit den Menschen für überflüssig hält, verhindert nichts mehr, dass er tatsächlich verschwindet. Daher müssen wir dem in allen Bereichen – in der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft und im Miteinander – einen neuen Humanismus entgegensetzen, der seinen Namen verdient. Einen Humanismus, der das Bedürfnis des Menschen nach Sinn erkennt und daher die Welt auf ihn bezieht. Dabei geht es gar nicht darum, dass der Mensch sich arrogant über die Welt erhebe, wie er es – vermeintlich – früher getan hat. Sondern nur darum, dass er notwendigen Gegenpart der Welt begreift. Der Mensch kann nur ganz Mensch werden, wenn er die Welt mit allen Sinnen und Fähigkeiten erkennt, erfasst, erlebt, aber die Welt kann auch nur vom Menschen in ihrer Fülle erkannt und ihrer Schönheit bewundert werden. Wir brauchen den Menschen, wir brauchen die Welt, und wir brauchen eine menschliche Welt.

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