Kultur und Geld – West-Östliche Autofahrt Frankfurt – Weimar

Gerade kommen wir zurück vom Besuch bei Verwandten meiner Frau. Hart arbeitende Kurden, die im Dönerladen den amerikanischen Traum verwirklich haben. Vom Dönertellerwäscher zum Millionär. Und auf der Heimfahrt haben wir uns gewundert, und diskutiert.

Sie: Mir kommt dieses Leben so hohl vor. Die haben zwar Millionen und fahren dicke Autos, aber sie wissen das Leben nicht zu genießen. Necdet hat mir am Abend eine Flasche Wein angeboten. Das ist Lambrusco, hat er gesagt, das trinken die Frauen. Ich habe dankend abgelehnt. Und bei all den Familien, die wir besucht haben, habe ich kein einziges Buch gesehen. Man kann sich mit denen nur über Geld unterhalten, und über den letzten Urlaub in der Türkei. Denn woanders fahren sie nie hin.

Ich: Und mir fällt auf, dass ihnen nicht nur die deutsche Kultur fremd ist, sondern anscheinend auch ihre eigene. Wenn ich es richtig beobachtet habe, findet dort doch außer Wangenküsschen und ein bisschen – und weniger werdender – gegenseitiger familiärer Hilfe keine kurdische oder alevitische Kultur mehr statt, oder? Die feiern kein Nevroz, halten kein Imam-Fasten, und gehen als Kinder nicht zu den Nachbarn, um Butter und Backzutaten zu erbitten. Sie leben so kulturlos, wie ein Mensch nur leben kann.

Sie: Na ja, sie haben ja auch keine Nachbarn, die zur selben Kultur gehören. Sie wohnen in Wohnblocks, wo die Nachbarn Polen oder Araber oder Serben sind. Die sozialen Bindungen sind nicht da, die nachbarschaftliche Nähe. Das ist alles anonym.

Ich: Mich wundert das, weil ich immer dachte, dass Kultur ein menschliches Grundbedürfnis ist. Unter allen Bedingungen und zu allen Zeiten haben Menschen kulturelle Systeme erschaffen. Wie kommt es dann, dass so viele Menschen – es sind ja nicht nur Deine Verwandten, sondern auch ein großer Teil der urdeutschen, bildungsfernen Bevölkerung – ganz ohne Rituale, Spiritualität, kulturelle Sinngebung leben, und anscheinend zufrieden sind? – Anscheinend kann Kultur nur in kleinen Gemeinschaften mit starken sozialen Bindungen und Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen. Und nur im Mangel. Reichtum ist der Kultur nicht förderlich.

Sie: Wenn man reich ist, will man sich ja auch nicht mehr unterordnen. Das war immer ein Grund, warum Necdet und die anderen reich werden wollten: Weil sie sich nicht mehr klein machen wollten. Weil sie etwas gelten wollten. Weil sie frei sein wollten. Und nicht abhängig von anderen.

Ich: Und das ist genau das Gegenteil von dem, was Kultur tut. Kultur bedeutet zwingend den Verzicht auf persönliche Freiheit. Und zwar für alle Beteiligten, egal, wie viel Macht sie haben. Selbst, wenn sie ganz oben in der Hierarchie stehen, können sie nicht immer tun was sie wollen, sondern unterliegen sozialen Erwartungen, Zeitplänen, Aufgaben. Oder, ein Beispiel: Selbst wir finden es schwierig, halbwegs regelmäßig am Wochenende in die Kirche zu gehen, weil das für eine Stunde Verzicht auf unverbindliche Zeitgestaltung bedeutet. Kultur geht nicht ohne das. Aber Geld bedeutet die Macht, zu tun was man will.

Sie: Und auch Macht über andere. Es bekommen ja nicht alle von dem Geld ab. Sondern die Schwager, also die Männer der Schwestern, werden immer schön klein gehalten.

Ich: Hmm. Man muss allerdings sagen, dass das eine Funktion ist, die auch kulturelle Strukturen haben. Nietzsche würde sagen, dass all unser soziales Handeln bloß dazu dient, Macht auszuüben, und wahrscheinlich hat er recht. In dem Punkt gibt es also gar keinen so großen Unterschied zwischen Geld und Kultur. Vielleicht urteilen wir ja nur aus einer subjektiven Position. Vielleicht ist Kultur gar nicht wichtig. Fehlt Deinen Verwandten denn etwas?

Sie: Ja. Sie sagen eigentlich alle, dass sie irgendwie nicht zufrieden sind.

Ich: Tja, worin Geld halt vollkommen versagt, ist Sinngebung. Man kann mit Geld wunderbar komfortabel leben, aber keine Bedeutung schaffen. Man kann damit eigentlich überhaupt nichts Bleibendes schaffen. Wenn man Kinder liebevoll erzieht, oder ein Buch schreibt, oder einen Garten gestaltet, dann hat man etwas erschaffen, das über den eigenen Tod hinaus reicht. Aber das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen. Geld bleibt zwar, aber nur als unpersönliche, unstrukturierte Masse. Als Potenz, nicht als Akzidenz.

Sie: Damit wird Geld zum Suchtmittel. Man braucht es, um sich über die Hohlheit des Lebens hinwegzutrösten.

Ich: . . . und vertieft sie damit zugleich, weil das Geld einem die Freiheitsbeschränkung verbietet, die für kulturelle Sinngebung nötig ist.

Sie: Darum geben Necdet und die anderen ständig an: Wir machen Urlaub im Hilton, unser Auto ist so teuer, mein Laden macht soviel Geld . . . Sie wollten reich werden, um etwas zu gelten in diesem Land. Und nun stellen sie fest, dass es ihnen zwar gut geht, aber richtig akzeptiert sind sie trotzdem nicht.

Ich: In dieser Hinsicht haben es die armen Schwestern und Schwäger, die nichts abbekommen, langfristig besser. Die und deren Kinder haben wenigstens das Abi oder eine Ausbildung gemacht.

Sie: Damit sind sie zwar immer noch nicht integriert, aber da ist für die nächsten Generationen vielleicht mehr Hoffung.

Ich: Womit von Neuem bewiesen wäre: Geld macht nicht glücklich.

Sie: Aber ich hätte schon gern welches.

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Ein Kommentar zu “Kultur und Geld – West-Östliche Autofahrt Frankfurt – Weimar

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