Der Karneval der Tiere

M. Camille ist eingeladen

zum Ball – es ist im Februar,

und hofft, es sei keins dieser faden

Feste, wo er oft schon war.

Der Grand Salon erstrahlt im Glanze

der Lichter, und der Gäste Schar

ist längst beisammen und zum Tanze

bereit – doch erst gibt’s Kaviar

auf Ei und kleine Kanapées:

Noch wartet alles aufs Buffet.

 

M. Camille streift durch die Räume

und schaut sich um mit wachem Blick:

Die Damen tragen Seidenträume

und Masken – nun, vielleicht zum Glück.

Denn manche tragen sonst schon Fratzen,

und mancher Herr geht schon gebückt,

und manch Korsett droht bald zu platzen,

manch Haaransatz reicht weit zurück.

Und eins nur fragt die Haute Volée:

Wann geht es endlich zum Buffet?

Der Löwe

Sein Auftritt sorgt für kurze Stille.

Er ist zwar klein, doch wirkt er groß,

schaut prüfend übern Rand der Brille

und stürmt gleich auf zwei Diener los

und grollt: Der Schampus ist zu wenig!

Doch jemand fragt ihn quelque chose:

Da grüßt er huldvoll wie ein König

und ist der Majordomus bloß

und spricht, in seiner Prachtlivree:

“Gewiss, es geht gleich zu Buffet.”

 

Hennen und Hahn

Der Saal füllt sich nun rasch mit Leuten.

Etliche sind kostümiert

mit falschen Federn, fremden Häuten,

und alle prächtig ausstaffiert,

und plaudernd, lachend, Küsschen gebend,

und rufend: “Sire, quelle plaisier!”

und kreuz und quer die Stimme hebend,

kaum sieht man wen: “Sie hier, cherie?

Ach, sagen Sie, soweit ich seh

lud man noch nicht uns zum Buffet?”

 

Wilde Esel

Tatsächlich eilen Diener in den

Saal, sie tragen das Geschirr,

und wirbeln gleich gedrehten Winden

von hier nach da, von dort nach hirr.

Die Gäste flüchten in die Ecken.

Die Dienerschar wirkt etwas wirr

und hetzt recht unbedacht um Ecken,

kein Wunder drum, dies laute “Klirr!”

Und allenthalben stöhnt’s: “O weh!

Wird das noch was mit dem Buffet?”

 

Schildkröten

Sie kommen, Gläser abzuräumen,

denn der Champagner ist längst schal

und wandeln still, als ob sie träumen,

schneckengleich von Saal zu Saal.

So zart wie Küh’ mit Spitzensäumen,

behende wie ein junger Wal,

so schweben sie zwischen den Räumen

wie Elfenvolk auf Barbital.

Wenn die servieren, dann, oh weh!,

gibt’s nicht vor Ostern das Buffet.

 

Elefant

Je nun, sie ist schon etwas reifer.

Und nein, sie hat sich nichts versagt.

Manch andre kleidet sich wohl steifer,

doch nein, ihr scheint’s nicht zu gewagt.

Warum denn nicht dies Kleid mit Blümchen?

Und Spitzen trägt man heutzutag.

Und dies zart-duftige Parfümchen

ziert sie wie die junge Magd.

So tanzt sie fast auf großem Zeh

stets vor der Türe zum Buffet.

 

Känguruh

Camille fällt eine Dame auf,

leicht blass, mit langen Wangen,

grad eilt sie mit beschwingtem Lauf,

doch nein, sie hält, fühlt sich befangen,

wendet sich zu neuem Ziel,

und kann es wieder nicht erlangen,

doch jetzt – jetzt fragt sie: “Monsieur, s’il

vous plait . . . ” – er ist schon weggegangen,

und wieder springt sie, wie ein . . . Reh?

Und wüsst nur gern: Wann gibt’s Buffet?

 

Aquarium

Blasse Mienen an den Scheiben

sieht Camille dort in der Nacht.

Gierig folgen sie dem Treiben

nach dem Licht, der Speis, der Pracht.

Große Augen, stumme Münder,

schwarze Hände ohne Macht

drücken sehnsuchtsvolle Kinder

an die Fenster scheu und sacht.

Ein schwacher Trost für die im Schnee:

Auch hier drinnen: Kein Buffet.


Persönlichkeit mit langen Ohren

“Monsieur” – und schon dies Wort ist Klage –

“das ist Musik nicht, das ist Krach.

Erreicht denn niemand heutzutage

Rossini oder Offenbach?!

Bizet ist mir zu roh, und erst der

Berlioz ist Frankreichs Schmach!

Doch von den Klangverbrechern schwerster

ist dieser Saint- . . . Sie gehen? Ach!

Und unser Komponist denkt jäh

an einen Giftmord beim Buffet.

 

Kuckuck

“Madame sind Freund des Hauses?” – “Oui, oui.”

“Und amüsieren sich?” – “Gewiss.”

“Der Winter ist zum Grausen.” – “Oui, oui.”

“Eh bien, wir frieren nicht.” – “Gewiss.”

“Die Masken – wundervoll.” – “Oui, oui.”

“Ein Fest aus schierem Licht.” – “Gewiss.”

“Auch das Buffet wird toll.” – “Oui, oui.”

“Nur sind die Türen dicht.” – “So’n Mist.”

Sie leidet still – träumt vom Soufflé.

Und spricht nicht viel – bis zum Buffet.

 

Vogelhaus

Nun bricht doch noch etwas Leben

in der Gäste Hungerpein:

Mit Flattern, Schwirren, hellem Beben

rauschen Demoiselles herein.

Ein bunter Seidentraum, ein Flirren

von Federn, Fächern, Edelsteinen,

mit Stimmen, die wie Tauben girren,

so laut, als wär’n sie hier allein. –

Vorbei! Sie fliehn. Sie kamen eh

nur in der Hoffnung aufs Buffet.

 

Pianisten

Nun soll mit ein paar kleinen Stücken

des Hauses Tochter am Klavier

die Wartezeit hübsch überbrücken.

Stolz steht der Vater neben ihr.

Doch autsch! Das hätte Fis sein sollen!

Und bitte! Bleiben Sie im Takt!

Und weh! Jetzt langt sie in die Vollen!

Und nein! Der Lauf war zu vertrackt.

Und alle sehnen mehr denn je

sich nach Erlösung durchs Buffet.

 

Fossilien

Auf Wunsch wohl jedes alten Herren

stimmt das Orchester sich neu ein.

Fast scheint er aufs Parkett zu zerren

sein greises Weib – ganz dürr und klein.

Der Taktstock zuckt – und welche ein Rhythmus!

Die beiden schwingen wild das Bein.

Da merkt man nichts vom Rheumatismus,

da glotzt die Jugend hilflos drein.

Die haben noch Saft, die sind noch zäh,

die brauchen dafür kein Buffet.

 

Der Schwan

Und nun begibt sich ein Mirakel:

Just als der Hausherr ruft zum Mahl –

vergisst die Menge das Debakel,

denn sehet: Sie betritt den Saal.

Sie schreitet hoheitsvoll und schweigend,

umweht von einem langen Schal,

sie lächelt sanft, das Haupte neigend,

als träumte sie von süßer Qual.

Die Menge gleicht dem stillen See.

Nichts rührt sie – nicht mal das Buffet.

 

Finale

Doch einer hat etwas gerochen,

und da erschnuppern’s andre auch,

Da ist der Zauber jäh gebrochen!

Da denkt man nur noch mit dem Bauch!

Da springt man auf!

Und stellt sich an!

In schnellem Lauf!

So rasch man kann!

Zum Buffet! Zum Buffet!

Lakaien sausen durch die Menge

und liefern ohne Pause nach.

Doch selbst im dichtesten Gedränge

bleibt jeder Meister seines Fachs.

Sie tragen schnell!

Und stellen hin:

Das Obstrondell,

die Kalbsterrin’.

Zum Buffet! Zum Buffet!

Der Raum füllt sich mit frohem Plappern

der aufgescheuchten Gästeschar.

Das mischt sich mit dem Tellerklappern,

mit Rufen, Lachen, Gackern gar.

Wie delikat!

Der Coq au vin!

Flusskrebssalat!

Und Ragout fin!

Zum Buffet! Zum Buffet!

Und selbst der trübsinnige Esel

klagt nur über den vollen Wanst:

“Ich kann nicht mehr. Nicht einmal Käse.

Ach hätt’ ich vorher doch getanzt!

Ich bin schon voll!

Ich kämpfe ja!

Es schmeckt so toll!

I-ah! I-ah!”

Welch Jubel und Hilarité

an diesem Abend am Buffet!

 

M. Camille allein bleibt hier:

Er ist vom Schauen satt.

Er setzt sich leise ans Klavier

und sucht ein leeres Blatt.

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Ein Kommentar zu “Der Karneval der Tiere

  1. g teuchert-noodt sagt:

    es hat mich an den Opernball in Wien erinnert, sehr zutreffend!! Das könntest Du der ZEIT zusenden, die mag das in ihrer nächsten Ausgabe drucken

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