Die armen, ungeliebten Länder

Ist Patriotismus Vaterlandsliebe? Wir haben gelernt, dass man eine Person um ihrer selbst willen liebt, mit all ihren Fehlern, und nicht wegen ihrer Leistungen und Fähigkeiten. Die Liebe sagt: „Es ist egal, was Du kannst; ich nehme Dich, wie Du bist.“

Doch für Vaterländer scheint dies nicht zu gelten. „Doit-Schland! Doit-Schloond!!“ höre ich es prall und prollig bei jedem Spiel von Jogi Löws Mannschaft unter unserem Fenster grölen, wo der Restaurantfernseher steht, und das klingt siegestrunken und testosterongeladen, klingt nach breitbeinigem Stratzen. Da wird Deutschland geliebt, weil es (also: 11 seiner 80Mio. Einwohner) gewinnt.

Woanders nicht anders. Keine Politikerrede, kein Wahlwerbespot in Honduras, wo ich ein gutes Jahr verbrachte, kam ohne die Versicherung – oder die Beschwörung – aus: Honduras es un gran país! Honduras ist ein großes Land! Dabei gibt es, objektiv betrachtet, wenige Länder auf der Welt, die der Größe ferner wären. Swasiland vielleicht. Ost-Timor. Mecklenburg-Vorpommern. Dennoch gibt es durchaus schöne Dinge, die sich von Honduras sagen ließen: „. . . es un país lindo“ (ein süßes Land), „un país amable“ (ein liebenswertes Land), „un país aventurero y variopinto“ (ein abenteuerliches und vielfältiges Land). Aber das genügt anscheinend nicht. Ebensowenig wie in Frankreich, das noch immer Wert darauf legt, „la grande nation“ zu sein („la“, wohlgemerkt, nicht „une“). Oder in Deutschland, wo es wieder um das „Stolz-Sein“ geht, und es doch völlig genügen würde, wenn man glücklich sein könnte. (Bella Italia macht eine rühmliche Ausnahme; ihr genügt es, „bella“ zu sein.)

Der Patriot – den man richtiger auch „Patridiot“ nennt – erwartet von seinem Land, dass es groß sei, überlegen und siegreich. Die Zufriedenheit mit seinem Land soll ihm die mangelnde Selbstzufriedenheit ersetzen. Er mag sich stolz fühlen auf sein Land, aber lieben tut er es nicht.

Dazu müsste er es kennen, denn Vertrautheit – das hat schon der Fuchs dem kleinen Prinzen erklärt – ist der sicherste Weg zur Liebe. Und das Wunderbare ist: Da man sich mehrere Länder und Kulturen vertraut machen kann, kann man auch mehrere lieben, ohne dass dies ein Widerspruch wäre. Man ist dann zwar vielleicht kein Patridiot, aber auch kein Vaterlandsverräter.

Und jedenfalls ist es einem völlig egal, wer die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen hat.

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