Pansen und das Offensichtliche

Ich komme gerade zurück von einer Dienstreise nach Warschau. Hin und zurück bin ich mit dem Berlin-Warschau-Express gefahren, über den Steffen Möller ein nettes, informatives Buch geschrieben hat. Einer der größte Vorzüge des Zuges ist sein Speisewagen. Während ich im Herrschaftsbereich der Deutschen Bahn nie in den Speisewagen gehe, weil mir dazu der Lottogewinn fehlt, kann man im Speisewagen des Warschau-Berlin-Expresses an großen Panoramafenstern gemütlich sitzen, preiswert und lecker essen (Zwei Gänge mit Bier und Cappucino 11:40€) und mit Mitreisenden ins Gespräch kommen.

Auf der Hinfahrt setzte sich in Posen ein älterer, gutgekleideter Herr an meinen Zweiertisch, der fließend Englisch und Polnisch sprach und sich rasch und selbstbewusst als polnischstämmiger Mediziner und Wissenschaftler von einer Ostküstenuniversität vorstellte, der zu einer Akademiesitzung in der alten Heimat weilte. Er war sehr mitteilsam und frei von Bescheidenheit, und wir unterhielten uns angeregt, bis wir in Warschau einfuhren.

Ich hatte bereits eine köstliche Kuttelnsuppe gegessen, die auch mein Gesprächspartner bestellte. Kutteln, auch Flecken genannt, also der Pansen der Wiederkäuer (Ruminantia) ist eine meiner Leibspeisen. Viele Deutsche ekelt es davor, vielleicht, weil der Geschmack anders ist als von Muskelfleisch – strenger, interessanter -, vielleicht auch, weil die weißen Streifen mit den dichten Zotten an ein seltsames, schleimiges Meeresgetier erinnern. Wie dem auch sei, ich mag Gerichte mit Pansen, seit ich in Bulgarien vor rund 13 Jahren erstmals eine Ischkembe gegessen habe. Das ist die türkische Fleckensuppe, welche 500 Jahre osmanischer Besetzung dort zurückgelassen haben, und in unserem Hotelrestaurant schwamm stets eine mehrere Millimeter dicke Fettschicht darauf, die in der türkischen Küche üblicherweise abgeschöpft wird. Einige Jahre später genoss ich in El Chorro in Andalusien in einem kalten, feuchten Februar abends nach dem Klettern stets „Callos y Garbanzos“, das sind Kutteln mit Kichererbsen. Für den leicht durchfrorenen, hungrigen Kletterer gab es keine bessere Energiequelle; danach klebte stets ein krustiger Rand rötlichen Fetts um meine Lippen. Pansen, will ich damit sagen, sind ein sehr fettes Essen (25% Fett, belehrt mich eine rasche Googlesuche). Auch die Suppe im Speisewagen hinterließ diesen Fettrand auf meiner Oberlippe.

Mein Gesprächspartner aber äußerte beim Essen die Ansicht, Kutteln seien eine sehr gesunde, weil völlig fettfreie Speise. Ich wagte zu widersprechen, wurde aber belehrt: Pansen sei reines Muskelfleisch, mithin: kein Fett. Ich beließ es dabei, und unser Gespräch wandte sich, wie kaum zu vermeiden, der Ukrainekrise zu. Während ich mein Verständnis für Putins Schachzüge erläuterte, war mein Mitreisender, als Pole und Amerikaner, völlig auf der antirussischen Linie der westlichen Medien und Regierungen. Ich dürfe nicht glauben, wurde ich belehrt, dass die USA diesen Konflikt gewollt hätten, im Gegenteil. Die Amerikaner wollten nichts von und in der Ukraine; sie hätten dort keine strategischen Interessen; es gebe kein amerikanisches Interesse an Umzingelung Russlands, militärischen Konflikten, Hegemonie. Amerikaner seien einfach nur so gestrickt, dass sie, wannimmer ein Volk auf der Welt um Freiheit kämpfe, auf jeden Fall helfen wollten.

Ich aber dachte an den fettfreien Pansen und überlegte: Hier ist ein intelligenter Mann, emeritierter Professor der medizinischen Physik, laut eigener Auskunft Mitglied mindestens einer wissenschaftlichen Akademie, noch immer Einwerber von mehreren Millionen Dollar Drittmitteln, mit Beratertätigkeit in verschiedenen Ländern – darunter der Türkei -, Duzfreund von Spitzenwissenschaftlern und Milliardären, und doch jemand, dem anscheinend – ich bin verführt zu sagen: offensichtlich – vollständig die Fähigkeit abgeht, das Offensichtliche wahrzunehmen.

So, und dies kann man nun lesen als Kommentar zur Ukrainekrise, oder zum Zustand unserer Wissenschaft, oder natürlich vor allem zu den Vor- und Nachteilen von Pansen als Delikatesse.

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3 Kommentare zu “Pansen und das Offensichtliche

  1. Norbert sagt:

    Obwohl ich zu den Pansen-Verschmähern gehöre (im Gegensatz zu meinem Vater), lese ich den Artikel dennoch lieber als Restaurant-Kommentar. Denn bei allem anderen wird mir schlecht.

    • Wie ist das zu verstehen? Hast Du etwas gegen die Ansichten meines Gesprächspartners, oder gegen die meinen?
      (Man könnte auch sagen: Karten auf den Tisch! Putinversteher oder Nato-Kriegstreiber?)

      • Norbert sagt:

        Dein vorletzter Absatz ist, was mich den Kopf schütteln läßt – weil er gut zusammenfasst, was ich unglaublich finde.

        Und dennoch: Eine weiße Weste hat weder Herr Putin noch die Nato in diesem Zusammenhang. Aber die Propagandamaschinerie, die sich aus unseren Medien ergießt, ist schwer erträglich. Geschichtsvergessen…

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