Wieviele Arten Rationalität?

Wir erfahren die Welt durch unsere Sinne (selbstverständlich nur im Rahmen der a priori gegebenen Modalitäten der Wahrnehmung, Immanuel) und versuchen mittels der Vernunft, in diesen Sinnesdaten Zusammenhänge, Muster, Sinn zu erkennen. Die Ergebnisse dieses Versuchs können sehr verschieden aussehen – vielleicht, weil schon die Erfahrungen, mit denen die Vernunft zu arbeiten hat, bei jedem Menschen andere sind, oder vielleicht, weil nicht jedermanns Vernunft gleich zuverlässig arbeitet (denn es gibt natürlich Philosophaster, Arthur).

Beide Fehlerquellen versiegen zu lassen, unternimmt die Naturwissenschaft. Gegen die Ungleichheit der Erfahrungen setzt sie die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen; gegen die Dummheit die kritische Überprüfung durch Andere. Zwar tropfen die Quellen weiterhin, und das Wasser tritt dafür anderswo aus (etwa bei der Paradigmentreue, der Expertenmacht, dem Kreativitätsmangel, nicht wahr, Peter?), aber es ist weitgehend gelungen, wissenschaftliche Erkenntnis zu normieren. Sie scheinbar sicher zu machen.

Und daher kommt Peter Finke in seinem vorzüglichen Buch „Citizen Science“ zu der Vermutung / der Behauptung, es gebe nur eine Rationalität. Womit gemeint ist: Der Drang, die Welt verstehen zu wollen, ist allen Menschen eigen; wir alle erforschen die Welt von Kindesaugen an und bewahren uns diese Neugier – in unterschiedlichem Maße – zeitlebens. Es gibt daher keinen qualitativen Unterschied zwischen kindlichem Forscherdrang, Liebhaberwissenschaft und Profiforschung: Alles ist rationale Welterkenntnis; alles ist dieselbe, eine Rationalität.

Es versteht sich, dass ich sofort widersprechen wollte (gelle, Paul?). Ich dachte zum Beispiel an den „Untergang des Abendlands“. Das darin entwickelte Geschichtsverständnis ist vollkommen empirisch (total irres Register, Oswald!) und auch ganz rational – und ist dabei ein der naturwissenschaftlichen Methode diametral entgegengesetzter, komplementärer Ansatz: Nicht Kausalität spiele eine Rolle, sondern Analogie. Geschichte erschließe sich nicht durch das Erkennen von Ursachen, sondern durch das Verstehen von Formen. – Man kann das mit guten Gründen ablehnen, denn die intuitive Einsicht in „Gleichzeitigkeiten“ und „Morphologie der Weltgeschichte“ ist, da akausal, nicht beweisbar. Sie verlangt einen Glaubensakt. Aber es wäre falsch, das Buch irrational zu nennen. Es ist nicht das Werk eines Irren, sondern dokumentiert klar und zusammenhängend geschrieben die minutiöse Durchführung einer Methode.

Oder nehmen wir „Momo“. Bzw., um mal etwas Abwechslung in meine Kardinalpunkte zu bringen (sorry, Michael), Peter S. Beagles poetisches Meisterwerk „Das letzte Einhorn“. Fabelwesen sind darin „wirklich“ („Wenn Wirklichkeit das ist, was Wirkung hat – welche Wirklichkeit haben dann Träume?“ – Da bist Du doch wieder, Michael), können aber von den meisten Menschen, die nicht an sie glauben, nicht erkannt werden, sondern erscheinen als gewöhnliche Tiere. Nur Zauberer, Hexen und andere „wirkliche“ Wesen erkennen einander. So entwickelt sich die Geschichte einerseits auf der Ebene eines spannenden Plots, andererseits zugleich als Parabel auf die Entzauberung der Welt. Obwohl es die Personen und Wesen des Buches nicht objektiv gibt, hat die Konstruktion der Geschichte also eine strenge poetische Logik; sie gehorcht (und das gilt für jede gute Geschichte) einer erzählerischen Vernunft, die hart und gründlich gearbeitet hat. Und da eine gute Geschichte wie „Momo“ oder „Das letzte Einhorn“ oder viele andere mehr auch zum Verständnis der Welt beiträgt, haben wir hier eine weitere Form nicht-naturwissenschaftlicher, rationaler Welterkenntnis.

Und eigentlich brauchen wir gar nicht so weit zu schweifen. Denn selbst innerhalb der Wissenschaftler halten doch Naturwissenschaftler das Vorgehen der Geisteswissenschaftler für ziemlich irrational (jaja, Du sagtest schon dergleichen, Charles Percy). Und beide belächeln die Konstrukte und Abstraktionen der Wirtschaftswissenschaftler. Und bei näherer Betrachtung empfindet sogar der Biologe die Modelle des Kernphysikers als Geistesgespinst, während der analytische Philosoph die Arbeiten des Existenzialisten für Geschwafel hält (wir würden ihm bisweilen Recht geben, nicht wahr, Karl?). Ganz zu schweigen von den Hervorbringungen des Theologen, des Dogmatikers gar. Und dabei sind doch die meisten dieser Wissenschaftler helle Köpfchen und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte (was, nebenbei bemerkt, durch das Possessivpronomen so gut wie gar nichts aussagt) und arbeiten höchst vernunftgeleitet.

Ist mein spontaner Zweifel also gerechtfertigt? Gibt es viele Arten von Rationalität? Die naturwissenschaftliche, die hermeneutische, die poetische, und all ihre Unterformen? Einen grenzenlosen Zoo von Rationalitäten, ein Sammelsurium von Vernünften?

Kein sehr ansprechendes Szenario (und sei’s auch nur Deinetwegen, William). Hieße es doch nicht nur, dass wir kein einheitliches philosophisches Konzept von Vernunft bilden könnten – das wäre allenfalls noch zu verschmerzen. Sondern auch, dass wir letztlich außerstande wären, den Gedankengängen eines Anderen zu folgen, weil bzw. wenn er eine andere Vernunft hat. Gedachtes zu veröffentlichen, wäre überflüssig, wir wären lauter Autisten des Geistes.

Zum Glück ist es wahrscheinlich nicht so. Sondern die Vernunft ist (da hättest Du also doch Recht, Peter) nur eine, aber die Spielregeln, nach denen sie spielt, können unendlich vielfältig sein. So wie Schach und Skat zwei völlig rationale Spiele sind, aber niemand auf die Idee käme, beim Schach die Dame mit dem König zu stechen, und umgekehrt ein Bauernopfer beim Skat nur gelegentlich sinnvoll ist (nämlich das Ausspielen des Karobuben beim Grand mit Einem, liebe Skatfreunde meiner Jugend). Die Vernunft tut eigentlich nichts, als Regeln anzuwenden, seien dies Regeln über Beobachtetes, Regeln über Gedachtes, Regeln über Begriffe, oder Regeln über Regeln. Aber welchen Satz von Regeln und Begriffen man verwendet, das ist wahrscheinlich nicht objektiv zu beurteilen (womit Du ins Spiel kämst, David). Gewiss ist es ratsam, sich an den naturwissenschaftlichen Regelkanon zu halten, wenn man Erfolg in der Wissenschaft haben will. Aber dass Erfolg in der Wissenschaft erstrebenswert sei, ist ja ihrerseits eine Regel, der nicht jeder folgen will. Es können ja, wie oben gezeigt, auch andere Spiele dazu dienen, die Welt auf andere Weise zu verstehen.

(Wobei Du einwenden würdest, Hubert, dass zumindest bei Tieren das Spiel dadurch gekennzeichnet sei, dass es eben gerade nicht auf die Umwelt bezogen ist. Ein Spiel mit Weltbezug wäre damit ein Widerspruch. Worauf ich versuchsweise erwidern würde, dass Tiere im wachen, umweltbezogenen Zustand nicht zum rationalen Denken befähigt sind. Wenn Vernunft das „Vermögen der Begriffe“ ist – und damit sind wir wieder bei Dir, Immanuel –, dann verfügen Tiere über Verstand, aber nicht Vernunft. Und so möchte ich zum Abschluss dieser Überlegung die steile These in den Raum werfen, dass sich die Vernunft des Menschen aus dem Spiel der Tiere entwickelt hat (und mithin vielleicht auch die Vernunft des Erwachsenen aus dem Spiel der Kinder). Und dass die spielerische Umdeutung von etwas, das ist, zu etwas, das nicht ist (Alphamännchen zu Spielkamerad, Ball zu Maus, Bauklotz zu Flugzeug) der phylogenetische (und vielleicht auch ontogenetische) Ursprung der Begriffsbildung ist.)

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3 Kommentare zu “Wieviele Arten Rationalität?

  1. Peter Finke sagt:

    Lieber Konrad, ich habe soviele Reisen und Vorträge und Seminare zu Citizen Science hinter mir (und bis Anfang Dezember stehen noch einige bevor, im Januar geht es weiter), dass ich zurzeit etwas abgeschlafft bin. Deshalb ist wohl erstmal kein Beitrag von mir im Schwarzen Kater zu erwarten. Es läuft ja auch noch der Editionsprozess für „Freie Bürger, freie Forschung“, wie Du sehr wohl weißt, lieber Konrad.

    Aber eins muss ich doch schnell loswerden. Du schreibst:

    Ist mein spontaner Zweifel also gerechtfertigt? Gibt es viele Arten von Rationalität? Die naturwissenschaftliche, die hermeneutische, die poetische, und all ihre Unterformen? Einen grenzenlosen Zoo von Rationalitäten, ein Sammelsurium von Vernünften?

    Eher sehe ich es so: Wir verstehen Rationalität immer noch nicht. Also nicht: Wir wissen, was Rationalität ist und davon gibt es nur eine vs. davon gibt es viele. Sondern: Wir wissen offenbar immer noch nicht genau, was das eigentlich ist: Rationalität. Beim einen kommt dies als Vielfalt an, beim anderen als das Gegenteil. Das könnte auch daran liegen, dass wir nach unterschiedlichen Dingen suchen und doch nicht alle das Gleiche meinen, wenn wir von „Rationalität“ reden.

    Ich hoffe, es verschlägt mich nächstes Jahr mal wieder nach Jena!

    Herzliche Grüße, gelegentlich auch an die Eltern, Peter

    Univ.-Prof. em. Dr. Dr. h.c. Peter Finke

    Bielefeld university

    Theory of Science, Citizen Science and Cultural Ecology

    Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Finke_(Wissenschaftstheoretiker)

    http://www.oekom.de/nc/allgemeine-verlagsinformationen/aktuelles/neuerscheinungen/buch/citizen-science.html

    • Lieber Peter,
      Dein Kommentar macht mich schmunzeln, weil ich den Eindruck habe, dass er mir unglaublich geschickt und höflich durch die Blume sagt, dass ich mit dem Begriff „Rationalität“ herumfuhrwerke, ohne ihn vorher vernünftig definiert zu haben. Und das stimmt sicherlich. Ich werfe ja sogar „Verstand“ und „Vernunft“ durcheinander.
      Andererseits weiß ich aber natürlich, dass Du nicht den philosophischen Zuchtmeister spielen wolltest, sondern auf eine tatsächliche Unschärfe im Begriff „Rationalität“ verweisen möchtest. Kann es sein, dass diese Unschärfe u.a. dadurch entsteht, dass verschiedene Leute dem Begriff unterschiedlich viel Normativität oder (und vielleicht hängt das zusammen) Weltbezug zuschreiben? Für mich ist „Rationalität“ ungefähr – mit einem definitorischen Schnellschuss – „das Treffen von Urteilen nach den Regeln der Logik“. Worüber geurteilt wird, ist dabei unwichtig. Ob die Ergebnisse des Urteilens „gut“ oder „böse“ sind, ebenso. Viele Leute würden aber berücksichtigt sehen wollen, dass anhand von Tatsachen geurteilt wird. Und würden vermutlich implizit annehmen, dass ein rationales, tatsachenbezogenes Urteil irgendwie „gut“ ist. (Mir kommt da der Vortrag von Herrn Patzelt in den Sinn, den wir vor etlichen Jahren in Bielefeld gehört haben. Der wollte die Moral aus der Vernunft heraus begründen, was vermutlich nur geht, wenn man das Vernünftige für gut hält.)
      Wahrscheinlich – wie so oft in der Philosophie – bestimmt die Persönlichkeit des Philosophierenden mit, welche Definition er für richtig und wünschenswert hält.

      Ich habe übrigens zu dem Themenbereich noch einen Text auf Lager, den ich am Ende dieser Woche freischalten werde. Da ich ihn schon lagern habe, nimm es mir bitte nicht übel, wenn ich Deinen Einwand nicht darin berücksichtige.

      Liebe Grüße,
      Konrad

  2. […] auf einem Mangel an Vernunft auf der einen oder anderen Seite, sondern auf dem meist übersehenen (hier kürzlich behandelten) Umstand, dass vernünftiges Handeln nur eine Methode ist, der ihre Ziele vorgegeben werden […]

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