Die Fraktalität der Kunst

Gerade habe ich mich darüber ausgelassen, und zu zeigen versucht, dass unser wissenschaftliches Wissen von der Welt fraktal ist – dass es also umso feiner und detaillierter wird, je genauer man hinsieht, ohne dass ein Ende zu erreichen wäre.

Ich glaube, dass Ähnliches für die Kunst gilt.

Was macht ein Kunstwerk faszinierend? Zunächst einmal spricht es uns auf den ersten Blick, oder aufs erste Hinhören, an. Es ist „gefällig“, aber schon dies ist nicht trivial: Was dem einzelnen Kunstfreund gefällt, hängt von dessen jeweiligen Kenntnissen ab. Der musikalisch Gebildete springt auf Bach oder Strawinsky an und fühlt sich von den Wildecker Herzbuben abgestoßen; dem Ungebildeten ergeht es umgekehrt. Das ist nicht einfach mit „Geschmack“ abzutun: Das spiegelt, so scheint mir, die Tätigkeit unserer eingebauten und nimmermüden Mustererkennung wider. Dieses Mustererkennungssystem will gefordert, aber nicht überfordert werden. Das Unterkomplexe stößt ab, das Unbegreifliche ebenso. Im Idealfall ist ein Kunstwerk so, dass es die Mustererkennung seiner Betrachter und Hörer unmittelbar reizt. Damit fängt es sie ein.

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Zweifellos Kunst: La Gioconda von Leonardo da Vinci

Und dann beginnt ein Erkundungsprozess, der lange, sogar sehr, sehr lange dauern kann. Er vollzieht sich in einer positiven Rückkopplung: Das Kunstwerk interessiert uns, daher schauen (oder hören) wir hin. Dadurch entdecken wir neue Einzelheiten, die uns zunächst verborgen gewesen waren. Das erfreut uns und schmeichelt unserem Entdeckerstolz, daher vertiefen wir die Betrachtung. Und entdecken eine weitere Ebene, weitere Details, weitere Bezüge. Und freuen uns, und schauen genauer, und entdecken. Und so weiter. Die Größe eines Kunstwerks zeigt sich darin, wie lange dieser Prozess sich fortsetzen kann. Im Falle der Mona Lisa, der Goldberg-Variationen, der Beethoven-Symphonien, der Unendlichen Geschichte, und vieler weiterer Werke, ist das Ende noch immer nicht erreicht, nach zum Teil Jahrhunderten, in denen sich Menschen immer wieder von diesen Werken haben bezaubern lassen.

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Zweifellos Kitsch: Geburt der Venus von Alexandre Cabanel

Kitsch ist in dieser Betrachtung das, was zwar eine gefällige Oberfläche bietet, aber keine fraktalen Ebenen dahinter. Man schaut oder hört gerne hin, merkt aber bei näherer Beschäftigung, dass der Kitsch keine Tiefe hat. Den gegenteiligen Fehler macht ein großer Teil der modernen Kunst (und Musik): Oft ist sie hochintellektuell, anspielungsreich und ziseliert in den Details, aber es fehlt die ansprechende erste Betrachtungsebene, die den Kunstfreund anlockt. Da der erste Blick keine Belohnung bietet, unterbleibt die weitere Beschäftigung.

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Zweifellos kein Kitsch: Composition Nr. 10 von Piet Mondrian

Die Länge fraktaler Linien – oder die Ausdehnung fraktaler Flächen – ist, wie ich in meinem Essay über das Wachstum unseres Wissens hervorgehoben habe, unendlich. Ein Kunstwerk setzt uns also in einem klar umgrenzten Raum – innerhalb eines Bilderrahmens, oder zwischen Auftakt und Schlussakkord, oder zwischen zwei Buchdeckeln – etwas Unendliches vor. Das ist offenkundig unmöglich – nichts Unendliches kann im Begrenzten Platz finden – und doch nehmen wir es wahr. Der Widerspruch löst sich auf, indem wir das unendliche Kunstwerk als „nicht von dieser Welt“ wahrnehmen. Der Rahmen wird zum Fenster in eine andere Welt, in welcher der Blick unbegrenzt schweifen kann. Und Schönheit findet. Denn Schönheit, sagte Michael Ende, ist „ein Schimmer aus anderen Welten“.

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