Der ewige Rassist

Arthur Dinter (1876-1948) war ein deutschnationaler und antisemitischer Schriftsteller, der bereits in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg ein erklärter und einflussreicher Vorkämpfer des Antisemitismus war. Beim Eintritt in die NSDAP hatte er die Mitgliedsnummer 5. Dass er bei der Entnazifizierung nur 1000 Reichsmark Strafe zu zahlen hatte, verdankt er dem Umstand, dass er nach Flügelkämpfen aus der Partei ausgeschlossen wurde.

Thilo Sarrazin (*1945) ist ein deutschnationaler und antimuslimischer Schriftsteller, der in den letzten Jahren ein erklärter und einflussreicher Vorkämpfer der Xenophobie gewesen ist. Dass er aus der SPD nicht ausgeschlossen wurde, verdankt er dem Umstand, dass die Partei nicht darauf verzichten wollte, am rechten Rand Stimmen zu fangen.

 

I

Im Folgenden habe ich Zitate der beiden Autoren einander gegenüber gestellt. Erkennen Sie, welches Zitat von wem stammt?

(Auflösung in den Fußnoten)

 

„Der konservative Politiker Enoch Powell […] prognostizierte […], dass bei unverändertem Immigrationstempo nach 30 Jahren große Teile von Yorkshire, der Midlands und der Home Counties vorwiegend oder ausschließlich afroasiatisch bevölkert sein würden, und warnte eindringlich vor den Folgen. Seine Äußerungen verursachten einen Skandal, und er verlor sein Amt als Schattenverteidigungsminister. Aber die Zustimmung aus der Bevölkerung war überwältigend: Powell erhielt in zehn Tagen 100000 Briefe, in nur 800 davon wurde ihm widersprochen.“[1]

„Daß ich aber mit meiner Gesinnung nicht allein stehe, beweisen mir Tausende und Abertausende von Zustimmungen, die mir täglich und stündlich aus allen Schichten und Kreisen des deutschen Volkes zugehen, vom General herab bis zum Leutnant, von Künstlern und Gelehrten, beamteten Professoren und Studenten, von Kaufleuten, Fabrikherren und einfachen Tagelöhnern. […]“[2]

 

„Mir sind in Berlin allmählich die Augen aufgegangen. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, das wir, das Volk, das die Hermannsschlacht geschlagen, das 1813 und 1870 erlebt, bis in fünfzig Jahren kein deutsches Vaterland mehr haben werden, wenn es uns nicht gelingt, diesen fremdblütigen Geist wirksam zu bekämpfen. Unser von außen schwer bedrohtes Vaterland birgt in seinem Innern einen viel furchtbareren Feind als unsere äußeren Gegner es sind, weil wir diesen Feind nicht mit dem Schwerte in der Hand niederzwingen können. In unseren deutschen Ahnungslosigkeiten haben wir, das Herrenvolk, einem fremdblütigen Volke Gastfreundschaft gewährt und werden von ihm zum Danke dafür nunmehr erdrosselt. Es handelt sich hier um die fundamentale Frage, ob in Deutschland arischer oder semitischer Geist siegen wird.“[1]

„Die Muslime in Deutschland und im übrigen Europa unterliegen einem fremden kulturellen und religiösen Einfluss, den wir nicht überblicken und schon gar nicht steuern können. Wir dulden das Anwachsen einer kulturell andersartigen Minderheit, deren Verwurzelung in der säkularen Gesellschaft mangelhaft ist, die nicht unsere Toleranzmaßstäbe hat und die sich stärker fortpflanzt als ihre Gastgesellschaft.“[3]

„Ich möchte, dass auch meine Urenkel in 100 Jahren noch in Deutschland leben können, wenn sie dies wollen. Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken türkisch und arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. […] Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden.“[4]

 

„Allerdings lasse ich mich als gründlich geschulter Naturwissenschaftler und methodisch denkender Mensch nur durch Tatsachen belehren und nicht durch Redensarten, und meinen Lesern und Hörern übermittle ich wiederum nur Tatsachen und methodische Gedanken und keine Redensarten.“[5]

„Ich stütze mich in meinen Ausführungen auf empirische Erhebungen, argumentiere aber direkt und schnörkellos. Es geht mir vor allem um Klarheit und Genauigkeit, die Zeichnung ist daher kräftig, nicht unentschlossen oder krakelig. Ich habe darauf verzichtet, heikel erscheinende Sachverhalte mit Wortgirlanden zum umkränzen, mich jedoch um Sachlichkeit bemüht – die Ergebnisse sind anstößig genug.“[6]

 

II

Noch eine Parallele zwischen Dinter und Sarrazin fällt auf: Dinters erster Bestseller „Die Sünde wider das Blut“ ist fixiert auf die Ansteckung und Verbreitung des „Jüdischen“ durch Sexualkontakte und wurde von einem Kommentator als „sexualantisemitisch“ bezeichnet. Mit der Sexualität hat es auch Sarrazin. „Deutschland schafft sich ab“ offenbart eine überaus peinliche Besessenheit von der Fruchtbarkeit muslimischer und deutscher, bzw. dummer und gebildeter Frauen. Vielleicht ist es ein allgemeines Gesetz, dass sich Rassismus stets im Schoß der Frauen austobt. Und das liegt wiederum möglicherweise daran, dass im Kern jedes Rassismus die geistige oder körperliche Impotenz steckt.

 

III

Es gibt aber auch einen bemerkenswerten Unterschied: Während Sarrazin, wie allgemein bekannt sein dürfte, seitenlang unvollständige, missverstandene oder nur Momentaufnahmen bietende Statistiken zitiert, die belegen sollen, dass muslimische Einwanderer auf allen Stufen des Bildungssystems unterrepräsentiert und mithin „bildungsunwillig“ seien (Naika Fouroutan hat das schon umfassend widerlegt (PDF), ebenso wie meine Frau in ihrer Masterarbeit (PDF)), beschwert sich Dinter in „Lichtstrahlen aus dem Talmud“ (S.68f) darüber, dass der Anteil von Juden an den Politikern, Beamten, Richtern, Rechtsanwälten, Professoren, aber auch Gymnasiasten und Studenten weit überproportional hoch sei, und dass damit die deutsche Kultur bedroht sei.

Was nur zeigt, dass man es dem Gesocks auf keine Weise recht machen kann.

 

Auflösung:

[1] Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab“, S. 263

[2] Arthur Dinter, Deutsches Volksblatt vom 20.6.1914, S. 8

[3] Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab“, S. 277

[4] Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab“, S. 308

[5] Arthur Dinter, „Lichtstrahlen aus dem Talmud“, 1920, S. 64

[6] Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab“, S. 11

 

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2 Kommentare zu “Der ewige Rassist

  1. […] gefällig? Ich war versucht, mal wieder ein kleines Quiz daraus zu machen: Wer hat’s gesagt? Aber Luther – unleugbare Sprachbegabung hin oder her – […]

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