Nicht alle Schlangen sind giftig, oder: Integriert die Integrationskritiker!

Man stelle sich einen Schaffarmer vor, der in Australien aufgewachsen ist und den Kontinent nie verlassen hat. Durch die Jahre auf den Schafweiden hat er ein solides feldbiologisches Anschauungswissen erworben, und verbindet das mit einem Misstrauen gegen die biologische Profiwissenschaft. Denn seine Erfahrungen sind, nun, halt Erfahrungen, und somit unmittelbar und nicht hinterfragbar.

Solche Leute gibt’s ja.

Es wäre recht verständlich, dass dieser Farmer eine wilde Abneigung gegen Schlangen entwickelt, die ihm und seinen Schafen das Leben bitter machen, und bisweilen kurz. Er wäre überzeugt, dass alle Schlangen giftig seien, ja, mehr noch: tödlich giftig und brandgefährlich. Er würde sich an die Medien wenden mit seiner Warnung vor den teuflischen Reptilien, würde eine Kampagne starten zu ihrer Ausrottung. Und weil die Medien nun einmal so funktionieren, würde darüber auf der ganzen Welt berichtet, und nicht wenige Menschen würden finden, dass er recht hat.

Wohingegen besonnene Geister natürlich darauf hinweisen würden, dass Australien nun mal zufällig evolutionär eine ungewöhnlich große Zuteilung von Giftschlangen abbekommen hat, und dass aber Schlangen sonst meistens ungiftig und harmlos seien. Doch unser Farmer, unbeirrt in seiner Felderfahrung, würde das wütend für verharmlosende Schönrednerei erklären. Ist denn nicht letzte Woche erst das Schaf eines Kollegen am Schlangenbiss gestorben? Das beweist es doch!

Wir alle kennen solche Leute. Nicht immer wenden sie ihren Hass gegen Schlangen, nicht immer wohnen sie in Australien. Manche wohnen auch, z.B., in Berlin. Und ihre Schlangen heißen Muslime.

Arthur Dinter, der geistige Vorfahr (sofern „Geist“ hier das richtige Wort ist) von Thilo Sarrazin, wurde in Berlin zum Antisemiten. Thilo Sarrazin wurde selbigen Ortes zum muslimphoben Rassisten. Heinz Buschkowsky, einer von Sarrazins Kronzeugen, ist Bürgermeister von Neukölln. Seyran Ateş, die Kritikerin missratener Integration, betreibt ihre Kanzlei wo?

Erraten.

Nun ist Berlin ohnehin schon keine Stadt, in der man leben möchte. (Ich habe nie verstanden, warum das Parlament mit seiner Hauptstadtwahl ausgerechnet an die Jahre 1871 bis 1945 anknüpfen wollte, die überwiegend nicht eben zu den besten deutschen Jahren gehören. Und der Nimbus Berlins als Kreativhauptstadt gründet sich auf: nichts. So gut wie kein großer deutscher Künstler gleich welcher Gattung (außer ein paar Stückeschreibern) hat je in Berlin gearbeitet. Aber das nur am Rande.)

Und besonders ist Berlin, das „Groß-Bielefeld“, wie ich es gerne nenne, eine Stadt aus lauter Stadtteilen, in denen eine muntere Gentrifizierung und Ghettoisierung abläuft. Das abgehängte Drittel der Gesellschaft – unter dem sich viele Muslime nicht deswegen finden, weil sie dümmer oder bösartiger wären, sondern einfach, weil ihre Eltern und Großeltern einfache Bauern waren und zu einer Zeit nach Deutschland kamen, als die guten Plätze schon belegt waren -, dieses untere Drittel sammelt sich in Berlin in wenigen Stadtteilen. Und weil diese Stadtteile ziemlich groß sind, bilden sie eine in sich geschlossene Infrastruktur und eigene Stadtteilkultur, und erscheinen von außen problematisch. In den anderen deutschen Großstädten – vor allem dem Rhein-Ruhr-Gebiet und Hamburg, wo (surprise, surprise) Necla Kelek lebt und arbeitet – sieht es ähnlich aus. Wer in diesen Städten wohnt, ist täglich mit einem unabgeschlossenen Integrationsprozess konfrontiert, der sich im Stadium der „Druckkapsel“ befindet, wie Integrationsforscher das nennen: Die Einwanderer bewahren ihre Ursprungskultur noch eine Weile in abgeschlossenen Gemeinschaften, die sich mit der Zeit aber von selbst auflösen. Nichts anderes tun Migranten gleich welcher Religion und Herkunft seit jeher überall auf der Welt.

Aber der Integrationskritiker ist nicht überall auf der Welt, sondern in Berlin und nur in Berlin, und er macht die Erfahrung, dass Integration nicht funktioniert. Auf die Idee, dass in diesen Vierteln nicht nur Muslime leben, sondern auch ebenso abgehängte und sozialschwache Urdeutsche, kommt er nicht. Er sieht vorwiegend Muslime, also sind sie das Problem. Und auf die Idee, diesen anhand der letztlich doch relativ kleinen Stichprobe „Berlin“ gewonnenen Eindruck auf der großen Fläche kritisch zu überprüfen, kommt er schon gar nicht. Berliner Schlangen sind giftig, also sind alle Schlangen giftig.

Dabei braucht man nur die Ghettos und Großstädte zu verlassen, um ein ganz anderes Bild zu gewinnen. Ich denke da z.B. an unsere Freunde Engin und Nihal bei Gifhorn, die in ihrer Eigentumswohnung in einem überwiegend urdeutschen Wohngebiet wohnen; er ist als Facharbeiter festangestellt, sie ist Hausfrau. Oder an Erdal und Sevinc bei Heppenheim, beide Lehrer, mit ihrem gut gepflegten Schrebergarten. Auch an meine Schwippschwägerin, die auf dem Papier die klassische Klischee-Importbraut ist, wie so was die Integrationskritiker nennen, und die, obwohl sie nur Hausfrau ist und gewiss keine große Leuchte, nach wenigen Jahren mittlerweile ganz gut Deutsch spricht. Mir fällt auch mein Schwippschwager ein, ein Sunnit ohne nennenswerten Bildungsabschluss, der aber geschäftlich erfolgreich ist und eine sehr nachsichtige und vernünftige Einstellung zu den amourösen Eskapaden seiner Tochter hat. Natürlich fällt mir auch Canan die Theaterregisseurin ein, und Hassan der Kardiologie-Chefarzt, und Elif die Rechtsanwältin, oder die andere Elif, die Hispanistik studiert . . . – Man missverstehe mich nicht: Diese Menschen gibt es natürlich auch in Berlin. Aber man kann sie dort womöglich leichter übersehen.

Und so sitzen die Integrationskritiker in Berlin in ihrem Latte macchiato-Szeneviertel und schotten sich völlig von der kulturellen Erlebniswelt in Restdeutschland ab. Mir scheint, wir müssen die Integrationskritiker integrieren! Das ist dringender als die Integration der Muslime, vielleicht auch schwieriger, aber auch dem gesellschaftlichen Frieden förderlicher. Wir müssen die Ghettos der Integrationskritiker im gentrifizierten Berlin auflösen und sie auf die kleinen Kommunen zwangsverteilen. Nur so können sie in echten Kontakt mit der türkisch-islamischen Kultur kommen, die halt auch zu Deutschland gehört. Wir müssen Sarrazin nach Fulda umsetzen (nein, wirklich, ich habe nichts gegen Fulda) und Ateş nach Herford. Damit sie mit der Mentalität des australischen Schafhirten auch ihre Integrationsunwilligkeit ablegen und sich friedlich in die multikulturelle Gesellschaft eingliedern.

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3 Kommentare zu “Nicht alle Schlangen sind giftig, oder: Integriert die Integrationskritiker!

  1. Andrea sagt:

    Für das Phänomen Berlin bzw. Kreuzberg mag das Erklärungsmodell des Schafzüchters ein sehr Anschauliches sein. Doch was passiert da gerade in Dresden? Ohne die PEGIDA-Teilnehmer ausnahmlos in die rechte Ecke stellen zu wollen, ist es doch merkwürdig, dass sich in einer beschaulichen, vergleichsweise migrantenarmen Stadt so viele „Islamkritiker“ zusammen finden. In meinem täglichen Durchradeln der Dresdner Innenstadt und Außenbezirke sind die viel beschworenen Zeichen des Islams (Kopftuch, Burka, etc.) die absolute Ausnahme. Und leider zeigen die (etwas weiter zurück liegenden) Wahlergebnisse der Sächsischen Schweiz, dass dieses Phänomen keine Ausnahme ist. Um an Ihrem dargestellten Beispiel zu bleiben: Da ist ein sächsischer Schafzüchter, der selten eine Schlange gesehen, vermutlich noch nie ein Schaf durch einen Schlangenbiss verloren hat oder je verlieren wird und trotzdem alles ausrotten will, was einem Gartenschlauch ähnelt. Die Macht der Medien kann nicht alleinige Erlärung sein, denn dann würden auch in ganz andere Regionen Deutschlands die Demonstationszüge durch die Innenstadt ziehen. Nein, einmal mehr ist es Dresden.

    • Liebe Andrea,
      das Phänomen PEGIDA ist mir natürlich bewusst. Ich beanspruche daher auch gar nicht, Fremden- oder Islamfeindlichkeit im Allgemeinen erklären zu können. Ich versuche nur zu verstehen, was jemanden wie Sarrazin zu seiner Weltsicht bringt.
      Warum gerade Dresden – stellvertretend für ganz Ostdeutschland – so viel Ausländerfeindschaft ausbrütet, ist eine oft gestellte, immer wieder wichtige Frage. Die meisten PEGIDA-Teilnehmer haben ziemlich sicher noch nie einen Muslim in freier Wildbahn gesehen, geschweige denn kennengelernt. Anscheinend nährt sich Abneigung sehr oft aus mangelnder Vertrautheit. Wobei das auch nur die halbe Wahrheit sein kann, denn das, womit ich nicht vertraut bin, weckt bei mir nur meine Neugier.

  2. norbert sagt:

    Treffer. Versenkt!

    🙂

    Norbert

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