Integration: Mit dem Fremden über das Fremdsein reden

Bisweilen beweist der Weltgeist ein sicheres Händchen: Gerade habe ich mir hier ein paar Gedanken dazu gemacht, weshalb einige Schafzüchter bei der Integration so schwarz sehen; gerade haben einige Leser dazu sehr richtig kommentiert, dass mein Erklärungsansatz auf die gerade sehr lautstarken Xenophoben von PEGIDA nicht zutrifft – da erscheint am vergangenen Freitag die neue Ausgabe der Science mit einer Studie zu just diesem Thema:

Michael J. LaCour & Donald P. Green: When contact changes minds: An experiment on transmission of support for gay equality.

Die beiden Autoren wollten die gängigste Theorie zum Abbau von Vorurteilen empirisch prüfen und erweitern, nämlich die Kontakthypothese, die – dem gesunden Menschenverstand sehr einsichtig – vermutet, dass Vorurteile abgebaut werden, wenn man mit Mitgliedern der betreffenden Gruppe unmittelbar zu tun hat. Also stellten sie eine Stichprobe von 972 kalifornischen Wählern zusammen, die mehrfach Fragebögen mit 50 Fragen ausfüllen sollten, unter denen auch einige Fragen zur Befürwortung oder Ablehnung homosexueller Eheschließung versteckt waren. Nach dem ersten Ausfüllen wurden die Versuchspersonen in Gruppen eingeteilt, deren mittlere Haltung zur Homoehe gleich war, und bekamen – scheinbar ohne Bezug zu der Umfrage – Besuch von Aktivisten, die mit ihnen an der Haustür diskutierten: Die Aktivisten sprachen entweder über die Homoehe oder über etwas ganz anderes (Recycling), und sie waren entweder schwul (und gaben das auch zu erkennen), oder nicht. Über Tage und Monate danach füllten die Versuchspersonen wieder die Fragebögen aus, so dass untersucht werden konnte, wie sich kurz- und langfristig ihre Haltung zur Homoehe änderte.

Das elegante und umfassende Design der Studie bringt gleich mehrere interessante Ergebnisse hervor. Zunächst einmal – und nicht sehr überraschend – stieg die Zustimmung der Befragten zur Homoehe bei denjenigen, die darüber diskutiert hatten, und zwar unabhängig von der sexuellen Ausrichtung der Aktivisten. Aber: Nur, wenn ihre Diskussionpartner selbst schwul gewesen waren, hatte dieser Sinneswandel auch über Monate Bestand! Und mehr noch: Auch andere registrierte Wähler im selben Haushalt, die an der Diskussion nicht beteiligt gewesen waren („Secondhand Contact“), wurden befragt, und auch diese stimmten der Homoehe leichter und bleibend zu, wenn ihr Mitbewohner mit Schwulen darüber diskutiert hatte.

LaCour & Green (2014)

Die Zustimmung zur Homoehe steigt dauerhaft, wenn Befragte mit Schwulen darüber diskutiert habe, und sogar (Secondhand Contact), wenn sie mit Leuten zusammenwohnen, die mit Schwulen darüber diskutiert haben. Die gestrichelte Linie „Court Decision“ bezieht sich auf das Urteil des Supreme Court, mit welchen das Verbot der Homoehe für nichtig erklärt wurde.
Aus: LaCour & Green (2014)

Also: Vorurteile können tatsächlich durch Kontakt abgebaut werden, aber nur, wenn es im Gespräch auch um die Belange der benachteiligten Gruppe geht: Sprachen die schwulen Aktivisten über Recycling (violett dargestellte Daten), dann hatte das überhaupt keine Wirkung.

Womit wir zurück nach Sachsen kommen. Hier gibt es, wie Spiegel Online in einem ungewöhnlich klugen Artikel vorrechnete, rund 4000 Muslime, womit „auf jeden Muslim in Sachsen […] also 2,5 Demonstranten [kommen], die sich von ihm bedroht fühlen.“ Man sagt den PEGIDA-Demonstranten sicher nichts Falsches nach, wenn man annimmt, dass die meisten von ihnen noch nie einen leibhaftigen Muslim gesehen haben – allenfalls hinter der Theke der Dönerbude, ohne ihn wahrzunehmen. Dass auch nur einer von ihnen jemals mit einem Muslim über Diskriminierung und Integration gesprochen hat, darf man wohl ausschließen.

Genau solche Kontakte wären aber nötig, um der Xenophobie entgegen zu wirken. Und das Gute dabei ist: Man bräuchte die Zehntausend Marschierer nicht selbst zu erreichen. Es würde genügen, mit ihren Eheleuten und Kumpeln zu diskutieren, um sie von weiteren Märschen abzuhalten.

Also, Kurzfazit: Der Osten braucht mehr Ausländer.

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