Muss man alles tun, was man darf?

Was darf Satire?

Jedesmal, wenn fanatische Mörder Karikaturen oder Filme (geschriebene Satire weit seltener – sie lesen wahrscheinlich nicht) zum Vorwand nehmen, um deren Schöpfer umzubringen, wird Tucholskys Frage wieder gestellt. Meist als rhetorische Frage: „Alles“, lautet bekanntlich die apodiktische Antwort des heiligen Kurt, und „Alles“ muss daher auch die reflexartig aus dem intellektuellen Maschinengewehr gefeuerte Antwort sein. „Alles“: Das ist die richtige Antwort. Wir alle wissen das.

Und insofern es um Rechte und Gesetze, auch ungeschriebene, geht, ist sie richtig. Eines der wichtigsten Rechte, das Menschen behaupten können, ist das Recht auf freie Meinungsäußerung. Innerhalb sehr weiter Grenzen, die nur durch Verleumdung, Ehrabschneidung, Volksverhetzung und den Umgang mit politischem Extremismus gezogen sind, darf jeder alles sagen, was er für richtig hält. Wenn wir uns eine Gesellschaft von aufgeklärten, selbstverantwortlichen Menschen wünschen, dann ist dieses Recht zentral, und kein Gesetz, keine Zensur und kein vorauseilender Gehorsam darf es einschränken.

Aber ist damit alles gesagt?

Muss man alles tun, was man darf?

Die Menschenrechte bestehen aus einer Aufzählung dessen, was man darf. Sie gelten als Grundlage aller Rechtsprechung, und damit aller verbindlichen Regeln sozialen Miteinanders. Aber viele Ethiker und Sozialwissenschaftler – besonders solche aus nicht-westlichen Kulturkreisen, oder mit Forschungserfahrung in diesen – bezweifeln, dass sich eine funktionierende Gesellschaft so zusammenhalten lässt. Wenn jeder auf seine Rechte pocht, wird eine Gesellschaft zu einem Sammelsurium von Monaden in Braunscher Molekularbewegung: Jeder fährt die Ellenbogen aus und verteidigt seinen Bewegungsspielraum. Ein Zusammenhalt ist in so einem Extremmodell nicht vorgesehen, denn es gibt keinen Verzicht auf Freiheiten, und keine Verantwortung. In jeder realen Gesellschaft – wenngleich zu sehr unterschiedlichen Anteilen – beruht das reibungslose Funktionieren hingegen darauf, dass Menschen freiwillig nicht alles tun, was sie dürfen.

Das gilt auch für Meinungsäußerungen. Mir kommt da die berühmte Geschichte der drei sokratischen Siebe in den Sinn:

Zu Sokrates kam einer seiner Schüler gerannt: „Sokrates, Sokrates! Weißt Du, was ich gerade über Diomedes gehört habe? Das muss ich Dir unbedingt erzählen. Hör mal: -„

„Halt“, hob Sokrates die Hand. „Bevor Du es mir erzählst, sage mir: Geht Deine Neuigkeit durch die drei Siebe?“

„Drei Siebe?“

„Ist das, was Du mir erzählen willst, gut?“

„Nee, gut ist es eben nicht, hehe“, kicherte der Schüler verschwörerisch. „Die Sache ist nämlich die . . .“

„Halt. Ist die Sache denn wahr?“

„Ob sie wahr ist“, fragte der Schüler. „Weiß nicht. Ich hab’s gerade von Glaukos gehört, und der hat’s, glaube ich, von Epimetheus, oder so . . .“

„Soso. Ist es denn nötig, dass Du es mir erzählst?“

„Nein“, gab der Schüler kleinlaut zu. „Nötig ist es eigentlich nicht. Ich dachte halt, es würde Dich vielleicht interessieren.“

„Also“, endete Sokrates. „Wenn das, was Du mir erzählen wolltest, weder gut noch wahr noch nötig ist – warum wolltest Du es mir dann erzählen?“

Wir dürfen alles sagen, was wir wollen. Aber wir müssen es vielleicht nicht unbedingt tun. Nicht aus Angst vor Zensur, Sanktionen, Terror. Auch nicht – um Himmels Willen! – weil ein Gesetz es verbieten würde. Sondern weil jeder von uns auch Verantwortung für das übernehmen muss, was er sagt und tut, und für dessen gesellschaftliche Wirkungen. Das ist ein freiwilliges Müssen: In einer freien Gesellschaft darf kein Gesetz mich zwingen, etwas zu unterlassen, wozu ich das Recht habe. Ich muss mich selbst dazu entscheiden, im Hinblick auf die Welt, die ich mir wünsche.

So darf, am konkreten Beispiel, der Spiegel einen Anti-Islam-Hetzaufmacher nach dem anderen bringen. Niemand darf ihm das verbieten. Aber obgleich ich den sunnitischen Islam heutiger Prägung, wie ich ihn etwa in der Türkei erlebe, auch nicht sonderlich mag, habe ich mich längst entschieden, darüber nichts zu schreiben – nicht aus Angst vor Islamisten, sondern weil ich sicher bin, dass ich damit die Welt nicht besser machen würde – im Gegenteil. Ich wünschte, die Spiegel-Redaktion sähe das ähnlich, aber mehr als wünschen kann ich das nicht.

Die Macher von Charlie Hebdo haben sich entschieden, die kompromisslos laizistische Tradition Frankreichs zu verteidigen. Die Welt, die sie sich gewünscht haben, war eine, in der Religionen keinerlei Macht außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft haben. Sie haben dafür – wie manche andere Satiriker und Kommentatoren – ihr Leben riskiert, und einige haben es dafür geopfert. Das bewundere ich.

Aber ich hätte es nicht getan, denn meine Vorstellung vom idealen Miteinander ist eine andere. Ich bestehe darauf, dass Satire alles darf, und dass ich Gott lästern darf, soviel ich will.

Aber ich finde nicht, dass ich es tun muss.

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