Tatsachenliebe

Über Wissenschaft, Wirtschaft und Sprache

Von Peter Finke

[Eine Bemerkung von mir vorab: Übermorgen marschieren in vielen deutschen Städten, auch in Jena, Kollegen und Wissenschaftsinteressierte beim sogenannten „March for Science„. Nun bin ich sicherlich der Letzte, der etwas gegen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn hat. Dennoch befällt mich bei diesem seltsam ziellosen Marsch ein gewisses Unwohlsein, und nicht nur mich (s. auch hier). Kurz gesagt befremdet mich diese kritiklose Affirmation, die ich in der Initiative spüre. Ich war schon drauf und dran, hier etwas dazu zu schreiben, als mir Peter Finke seinen tief bohrenden Artikel dazu anbot. Danke, und Vorhang auf!]

Was ist eigentlich eine Tatsache? Wenn auf der Kreuzung nebenan zwei Autos kollidieren, kann man zwar ohne Worte auf diese und das Ereignis zeigen, nicht aber auf die damit verbundene Tatsache. Denn diese besteht nicht nur aus Dingen oder Ereignissen, sondern benötigt immer auch eine sprachliche Formulierung. Wir müssen einen Satz bemühen, um uns auf eine Tatsache zu beziehen, mithin eine Sprache. Und davon gibt es viele, großenteils höchst unterschiedliche. Deshalb ist es oft auch ein Problem, ob zwei Sätze in verschiedenen Sprachen wirklich die gleiche Tatsache zum Ausdruck bringen.

Nun ist es zweifellos richtig, sich dafür zu engagieren, dass Tatsachen ernst genommen und das schändliche Spiel von Trump und seiner „Beraterin“ Conway mit Lügen und „Fake News“ in aller Deutlichkeit an den Pranger gestellt werden. Wer nach dem Motto „America first!“ zum Beispiel die Forschungsergebnisse zum Klimawandel einfach leugnet, wird seiner Pflicht als Staatsmann und Erdretter nicht gerecht. Wer ihn so berät, dass man zwischen wirklichen und nur behaupteten Tatsachen, ja Lügen, keine scharfe Unterscheidung mehr soll treffen können, klärt nicht auf, sondern untergräbt Wirklichkeit.

Deshalb ist der für den 22. April geplante „March for Science“, der die Bedeutung von Wahrheit und Macht für die Wissenschaft wieder zurecht rücken soll, eine gute Sache. Dennoch sollte man sich von einer ernsthaften Initiative eine differenzierte Begründung erwarten, die auch einen kritischen Blick auf die Realitäten der Wissenschaft einschließt. Die Organisatoren jenes „Marsches“ machen es sich freilich zu einfach. Das beginnt bei der Wahl einer solchen Gleichschrittmetapher mit militärischem Anklang für eine ganz und gar zivile Sache. Schon Oster- und Friedensmarschierer würden ihrer wichtigen Sache dienen, wenn sie die kriegerischen Marsch-Assoziationen als hinderlich erkennen und künftig beiseite ließen. Die Wissenschaft aber ist leider nicht der unbedingte Garant für Tatsachentreue. Sie sollte es sein, das ist aber etwas anderes. Die Unterscheidung von Ideal und Wirklichkeit wird leider häufig nicht so ernst genommen, wie sie es verdient. Es wäre schön, wenn sich Wissenschaftler immer an den Tatsachen orientieren würden, aber tun sie das? Ich sehe, dass kenntnisreiche, ehrenamtlich forschende Amateure auf ihrem Gebiet sehr oft zuverlässigere Liebhaber der Tatsachen sind als in Fachstudien zu Spezialisten ausgebildete Berufswissenschaftler, die für ihre Forschung bezahlt werden.

Die Sache hat zwei Hauptaspekte: einen ökonomischen und einen linguistischen. Die Frage, aus welchen Quellen das Geld stammt, das Berufsforscher erhalten, war noch nie so aktuell wie heute. In einer Zeit, in der die überwiegend aus Wirtschaft und Industrie fließenden Drittmittel quantitativ inzwischen die Steuermittel des Staates überholt haben, ist die Tatsachenqualität der publizierten Resultate keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie ist es umso weniger, als unbefristete Stellen selten geworden sind und sich die meisten Forscher von einem Auftrag zum nächsten hangeln müssen, gerade auch wenn sie jung sind. Häufiger, als es uns lieb sein kann, stehen sie bei Ablieferung ihrer Ergebnisse vor der Frage abzuwägen, wie man die gefundenen Sachverhalte formulieren soll, wenn sie die Chance auf Anschlussaufträge nicht verlieren sollen. Es gibt leider viel zu viele Beispiele dafür, dass Einschränkungen gemacht, Teilergebnisse ausgelassen, Kommata verrutscht, Rücksichten genommen, Formulierungen geschönt worden sind, als dass man die naive Gleichung „Wissenschaft = unbedingte Tatsachentreue“ noch ernst nehmen könnte.

Die Abhängigkeit der institutionalisierten Wissenschaft von ihren Geldquellen führt für viele abhängig gewordene, nicht mehr wirklich freie Wissenschaftler zu einer früher ungeahnten Unsicherheit im Umgang mit der Darstellung der Resultate. Es findet sich freilich kaum ein Repräsentant unseres Wissenschaftssystems, ob Hochschullehrer oder Bildungspolitiker, der jenes Abhängigkeitsdilemma als ernsthaftes Problem der Verfasstheit der heutigen Wissenschaft anzuerkennen bereit ist; fast alle tun es als Persönlichkeitsproblem ab. Aber geht es tatsächlich nur um eine Serie bedauerlicher Einzelfälle psychisch instabiler Forscherindividuen? Hat es nicht doch etwas mit dem Wandel des Systems zu tun, das wir uns heute als Wissenschaftssystem leisten?

Unsere Universitäten sind spätestens seit der erheblich von ökonomischen Überlegungen inspirierten „Bologna-Reform“ zu Dienstleistern der Drittmittelgeber gemacht worden; ihre Leitung sollte sogar eine unternehmerische Qualität bekommen, Dozenten wurden zu Produktanbietern, Studierende zu „Kunden“ degradiert: ein Unding, wenn man das Grundgesetzwort von der Freiheit der Wissenschaft wirklich noch ernst nimmt. Die Bildungspolitiker Europas haben sich dabei parteiübergreifend wie brave Helfer des stärkeren Nachbarsystems Wirtschaft benommen. Und es ist erst wenige Jahre her, dass in Deutschland Akademiepräsidenten, die selbst eine Karriere in der Pharmaindustrie gemacht haben, vor zuviel Bürgerbeteiligung bei der Wissenschaft gewarnt haben; ihnen war sicher bewusst warum. In einer Demokratie aber kann sich selbst die Wissenschaft nicht leisten, sich auf Dauer außerhalb der offenen Gesellschaft zu stellen. Karl Popper wusste, wovon er sprach, als er „The Open Society and its Enemies“ schrieb.

Nein, die Organisatoren jenes „Marsches“ reden an den Problemen vorbei, so sehr auch ihre Motive ehren- und unterstützenswert sind. Auch sie sparen sich die nötige Wissenschaftskritik, ohne die es heute nicht mehr geht, wenn die Wissenschaft selbst das Thema ist. Dies macht das Problem komplexer, aber zur Tatsachenliebe gehört das dazu. Die Organisatoren verstecken sich hinter dem Ideal, wie sie überhaupt pauschal und falsch „die Wissenschaft“ mit der Berufswissenschaft identifizieren. Nicht nur die fragwürdige Marschmetapher zeigt, dass hier etwas mit der heißen Nadel gestrickt worden ist, sondern auch die Tatsache, dass man nonchalant Englisch redet, weil das angeblich heute die internationale Sprache par excellence und damit auch die Sprache der Wissenschaft ist.

Gibt es auf unserer vielsprachigen Erde wirklich eine internationale Sprache? Und ist dies ausgerechnet das Englische? Ist nicht gerade die tatsachenliebende Wissenschaft aufgerufen, aus der Vielsprachigkeit dieser Welt eine Pflicht zu kognitiver Differenzierung abzuleiten, auch wenn dies  die Kommunikation erst einmal erschwert? Die englische Sprache hat nicht das internationale Gewicht erlangt, welches sie heute besitzt, weil sie die Tatsachen kulturneutral am besten zum Ausdruck brächte und deshalb die perfekte Wissenschaftssprache wäre, sondern aus politischen und ökonomischen Machtgründen. Deshalb haben wir eine wirkliche Globalisierung noch nicht erreicht; sie funktioniert nur vielsprachig. Der Anlass, dass Liebhaber der Wissenschaft und der Tatsachen dieses wahrnehmen, wäre gegeben. Es ist ein doppelter: ein ökonomischer und ein linguistischer. Mit Leisetreterei durch Verschweigen ist niemandem geholfen.

Deshalb muss man darauf hoffen, dass die unbezahlt forschenden Personen in den verschiedensten Ländern, die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sich im Verbund mit einigen verbliebenen kritischen Beobachtern der wissenschaftlichen Entwicklung aufraffen, die komplexere Problematik der wirklichen Tatsachenliebe zu verteidigen und zugleich die hiermit offenbar bei vielen ihrer institutionengebundenen Kollegen oft verbundene linguistische und ökonomische Naivität infrage zu stellen. Es wäre zu wünschen, dass diese auch beim Protestmarsch der Wissenschaftler durchbrochen und angeprangert wird. Denn auch diese verbreitete Naivität macht die Vereinfachungen und Lügen der Trumps allererst möglich.

Aufgeräumt!

Zufällig, weil ich ein paar Links raussuchen musste, habe ich vor ein paar Tagen bemerkt, dass eine elektronische Windhose durch den „Schwarzen Kater“ gewirbelt sein muss: Im Inhaltsverzeichnis (das ich Neubesuchern übrigens sehr ans Herz lege) stimmten reihenweise Links nicht: Einige verwiesen auf andere Beiträge, andere ins Leere – was wiederum daran lag, dass sich die Veröffentlichungsdaten verändert haben. „Der ewige Rassist“ zum Beispiel ist – das kann ich sicher nachvollziehen – am 12.11.2014 geschrieben und publiziert worden, und so stand es auch im Link. Aber jetzt datiert ihn WordPress auf den 3.12. desselben Jahres. Nun, zum Glück kommt es nicht darauf an.

Was das für ein Bit-Tornado war, werde ich wohl nie erfahren. Ich habe mir einfach Inhaltsverzeichnis und Beitragsliste vorgeknöpft und alle Verweise wieder in Ordnung gebracht. Denn da dieser Blog weniger ein Tagebuch als vielmehr eine Essaysammlung ist, lohnt es sich meiner bescheidenen Meinung nach, auch mal in alten Texten zu stöbern.

Und in den nächsten Tagen gibt es auch mal was Neues.

Antwort an einen Rassisten

Heute wurde mir ein Beitrag für den Schwarzen Kater angeboten. Über solche Angebote freue ich mich normalerweise. Nicht in diesem Falle. Es handelt sich um diesen Text, den der Autor an mehreren anderen Stellen im Netz untergebracht hat. Man sieht sofort, warum ich den Beitrag hier nicht veröffentlichen, ja, nicht einmal zitieren will.

Der Kommentar ging also beschleunigt in den Papierkorb. Aber die Höflichkeit – und vielleicht ein naiver Glaube an das Gute und Kluge im Menschen – gebot mir, dem Absender meine Entscheidung zu begründen. Hier die Antwort, die ich ihm geschickt habe:

„Sehr geehrter Herr Neumann,

danke für Ihren angebotenen Beitrag. Allerdings hätten Sie vielleicht erst einmal meine Beiträge zu Migration, Integration und PEGIDA lesen sollen. (Etwa hier: https://derschwarzekater.wordpress.com/2014/12/15/integration-mit-dem-fremden-uber-das-fremdsein-reden/ oder hier: https://derschwarzekater.wordpress.com/2014/12/03/der-ewige-rassist/ oder hier: https://derschwarzekater.wordpress.com/2014/01/27/kultur-und-geld-eine-west-ostliche-autofahrt/)
Dann hätten Sie erkennen können, dass ich keine andere Wahl habe, als Ihren Beitrag auf geradem Wege in den Papierkorb zu befördern. Dass ich (auf Werben meines Dresdner Freundes hin) für einen Dialog mit den Pegida-Teilnehmern geworben habe, heißt nicht, dass ich auch nur die geringste Sympathie für Nationalismus oder rassistische Hetze habe. Und darum – Verzeihung – handelt es sich bei Ihrem Beitrag. Wenn Sie ihn noch einmal nüchtern durchlesen, wird Ihnen vielleicht selbst die völlige Abwesenheit von Argumenten oder konkreten Lösungsangeboten auffallen.
Das Einzige, was ich mit Ihrem Beitrag anfangen könnte, wäre, in einer eigenen Antwort ein Exempel zu statuieren und ihn Satz für Satz zu zerpflücken. Aber dazu fehlen mir Zeit und Lust, und es dürfte auch nicht das sein, was Sie sich erhofften.

Ich bezweifle, dass es zwischen Ihnen und mir zu einem fruchtbaren Dialog oder irgendeiner Form von Annäherung kommen kann, und darum möchte ich Sie bitten, den Kontakt hiermit auch zu beenden. Aber ich möchte Ihnen noch zwei Gedanken mit auf den Weg geben:
1. Derzeit geht es m.E. überhaupt nicht darum, ob einige Hunderttausend Einwanderer aus muslimischen Ländern die deutsche Kultur bedrohen (was sie mit Sicherheit nicht tun). Es geht auch nur nachrangig darum, ob sie hier eine längerfristige Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis etc. bekommen. Sondern es geht erst einmal ganz unmittelbar darum, dass kurz vor dem Winter (bzw., weiter östlich, schon mitten darin) Zehntausende von Menschen (und darunter, anders als Sie schreiben, etwa zur Hälfte Frauen und Kinder) ohne Obdach in Europa unterwegs sind. Es kann überhaupt keinen Zweifel daran geben, dass diesen Menschen geholfen werden muss. Ob sie dann im Frühjahr wieder abgeschoben werden, ist ein andere Frage.
2. Die Wurzeln des Abendlandes, dessen Bewahrung Sie und Ihresgleichen so selbstgewiss im Munde führen, sind das Christentum und die Aufklärung. Wie stark Sie das Eine oder die Andere in den Vordergrund rücken, bleibt Ihren persönlichen Vorlieben überlassen.
Das zentrale Gebot Jesu Christi lautet: „Du sollst den Herrn, Deinen Gott, ehren, und Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.“ Oder konkreter: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen […] Was ihr für die geringsten unter meinen Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“ (http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/bibeltext/bibelstelle/mt%2025,%2031-46/).
Das zentrale Gebot der Aufklärung hingegen lautet: „Handle stets so, daß die Maxime Deines Handelns jederzeit zur Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnte!“ (Immanuel Kant) Alle Aufklärer, ob Kant, Lessing oder Voltaire, haben für religiöse Toleranz, Menschlichkeit und einen rationalen Diskurs gekämpft.
Angesichts dieser Kernbestände unserer Kultur frage ich mich dann natürlich, welche Schimäre Sie verteidigen, und warum?

Mit besten Grüßen,
Konrad Lehmann „

Selbstgewisse Zweifler

Die deutschen Alphajournalisten hören nicht gerne, dass sie gleichgeschaltete Propaganda machen. Da mögen die Nachdenkseiten noch so hartnäckig das Unisono etwa zur Griechenlandkrise dokumentieren, da mag die Propagandaschau tagtäglich bei den Leitmedien fündig werden – diese reagieren allenfalls, indem sie missliebige Kommentatoren als „Putin-Trolle“ schmähen und sicherheitshalber die Kommentarfunktion im Netz abschalten. Und wenn die Kabarettsendung „Die Anstalt“ auf Basis einer wissenschaftlichen Studie nachweist, dass die deutschen Alphajournalisten in transatlantischen Netzwerken zusammenglucken, dann erweist einer der Betroffenen – Stefan Kornelius von der SZ – in seiner Erwiderung seine völlige Unkenntnis vom wissenschaftlichen Arbeiten, während zwei andere – Jochen Bittner und Josef Joffe von der Zeit – ein bildschönes Eigentor schießen, indem sie die missliebige Analyse zensieren lassen wollen („Wie, Ihr behauptet, abweichende Darstellungen würden nicht zugelassen? Das dürft Ihr nicht sagen!“). Einsicht? Keine.

Es überrascht daher nicht, dass nun mit Gero von Randow wieder ein Zeit-Journalist nachkartet und allen, die an der (objektiv nicht gegebenen) Medienvielfalt zweifeln und mehr als kosmetische Kritik üben, Fehlwahrnehmung, Selbsterhöhung, Sektierertum und Ressentiment unterstellt und sie kurzerhand zum „Mob“ stempelt. Das ist alles peinlich genug und braucht hier nicht noch einmal zerpflückt zu werden; andere haben das hervorragend getan.

Mich interessiert ein anderer Aspekt. Von Randow hat als Wissenschaftsjournalist begonnen und sich mit der Herausgabe mehrerer Bücher intensiv in der sogenannten „Skeptiker“-Bewegung engagiert. „Skeptiker“ – und ich werde das hartnäckig in Anführungszeichen setzen – sind Leute, welche jegliche Aussagen über die Welt einer kritischen und rationalen Betrachtung zu unterziehen streben, und das hinreichend wichtig finden, um es sich zur Weltanschauung zu machen. Sie sind daher in verschiedenen nationalen und internationalen Verbänden organisiert, wie CSI(COP) in den USA oder der GWUP in Deutschland, und geben Zeitschriften wie den Skeptical Inquirer oder den Skeptiker heraus. Das wäre sicherlich alles sehr lobenswert und vernünftig, wenn es nicht unter den Anhängern dieser Bewegung allzu viele „Pseudo-Skeptiker“ gäbe, wie das abtrünnige CSICOP-Gründungsmitglied Marcello Truzzi sie nannte: Leute, die am Paranormalen oder anderen außergewöhnlichen Behauptungen nicht einfach unvoreingenommen zweifeln, sondern von vorneherein wissen, dass sie falsch sind. Leute also, die hingebungsvoll an allem zweifeln, das sie selbst nicht glauben.

Mir fiel das auf, als ich vor Jahren mal aus längst vergessenen Gründen in ein „Skeptiker“-Diskussionsforum zur Homöopathie geriet. Irgendein Artikel hatte eine Welle von Häme in dem Forum ausgelöst, die ich einfach nicht unwidersprochen lassen konnte. In meiner Erwiderung wies ich u.a. darauf hin, dass auch die Physik im Großen wie im Kleinen mit postulierten Substanzen wie der Dunklen Materie oder dem (damals noch nicht gemessenen) Higgs-Boson operierte, die nie beobachtet worden waren. Dieselbe großzügige Haltung, meinte ich, sollte man auch der Homöopathie gewähren. – Nix da! Das sei etwas ganz anderes. Homöopathie sei pseudowissenschaftlicher Humbug; hingegen die Existenz der Dunklen Materie gehe aus Gleichungen ganz klar hervor. Als ob die Keplerschen Gleichungen am Himmel beobachtet worden wären . . .

Aber diese Verwechslung von Vernunft und Empirie – oder vielmehr: die Bevorzugung von Vernunft vor der Empirie – scheint mir typisch zu sein für die „Skeptiker“. In einem der von von Randow herausgebenen Bücher gibt es einen Beitrag aus dem Skeptical Inquirer, der folgendes Phänomen . . . nun, nicht eigentlich untersucht . . . :

Vier Leute versuchen einen erwachsenen Menschen mit den Spitzen ihrer Zeigefinger hochzuheben. Das klappt nicht. Dann klatscht der Proband in die Hände, alle machen einen zweiten Versuch, und plötzlich klappt es.

Der Autor des Beitrags zitiert ausführlich verschiedene Schilderungen dieses Phänomens aus verschiedenen Kulturkreisen. Dann stellt er Berechnungen an und ergeht sich in langen Spekulationen, wie der plötzliche Erfolg zu erklären sei – etwa dadurch, dass die Bemühungen durch das Klatschen synchronisiert würden. Nur Eines, das Allernächstliegende, tut er nicht: Vier Leute zusammentrommeln und sich hochheben lassen.

„Skeptiker“, so scheint mir, sind Rationalisten. Sie gehen von einem anerkannten Satz von Wahrheiten aus und beurteilen anhand derer alle ihnen neuen Aussagen. Empirie stört da nur. Es ist im höchsten Maße frappierend, dass sie damit dieselbe Geisteshaltung und dasselbe Verhalten zeigen, das Paul Feyerabend in „Wider den Methodenzwang“ bei den Wortführern der katholischen Kirche gegen Galilei diagnostiziert. Auch diese weigerten sich ja, durch das von Galilei bereitgehaltene Fernrohr zu schauen, weil die Beobachtung für ihre Überzeugung irrelevant gewesen wäre.

Der sich selbst für sehr „bright“ haltende Ober-„Skeptiker“ Richard Dawkins imitierte dieses Verhalten kürzlich getreulich, wie Rupert Sheldrake berichtet: Die beiden waren von einem Fernsehsender zur einem Streitgespräch über Parapsychologie eingeladen worden. Sheldrake hatte Dawkins seine (in peer-reviewten Zeitschriften) publizierten Arbeiten über Telepathie vorab zugeschickt und regte an, sich die Beweise anzusehen: Richard seemed uneasy and said, „I don’t want to discuss evidence“. „Why not?“ I asked. „There isn’t time. It’s too complicated. And that’s not what this programme is about.“ The camera stopped. The Director, Russell Barnes, confirmed that he too was not interested in evidence.

Es passt, dass Dawkins in seinem (ansonsten sehr guten Buch) “The Greatest Show on Earth“ nur eine abfällige Fußnote für die Epigenetik und die Vererbung erworbener Eigenschaften übrig hat. Die empirische Evidenz dafür ist mittlerweile überwältigend. Aber sie stellt halt die Synthetische Evolutionstheorie infrage. Und an dieser hat Dawkins mit absoluter Sicherheit niemals, niemals gezweifelt.

Dies also ist das Umfeld, ist die Geisteshaltung, aus der Gero von Randow kommt: Man zweifelt an allem, was man ohnehin schon für Unfug hält, aber niemals an dem, was man selbst glaubt. Als skeptisch kann man solch eine Haltung selbstverständlich nicht bezeichnen, allenfalls als „skeptisch“.

Mit seinem Wechsel vom Wissenschafts- ins Politikressort hat von Randow diese pseudoskeptische Herangehensweise mitgenommen und verwendet sie jetzt gegen alle, die politisch anders denken als er: Sie sind Spinner; ihre Beweise und Argumente braucht er nicht wahrzunehmen. Der Mainstream hat Recht, weil er der Mainstream ist. Es scheint leider, dass von Randow mit dieser Haltung nicht allein ist in den deutschen Redaktionsbüros.

Nur Skylla oder Charybdis?

Welche Wahl haben die Griechen? Entweder sie kapitulieren vor den Gläubigern und setzen den Sparkurs fort, der sie seit fünf Jahren in immer tieferes Elend gestürzt hat, und das weiterhin tun wird. Denn jegliches Geschwätz von einem wiedererwachenden Wirtschaftswachstum, das Syriza kaputt gemacht habe, ist genau das: Geschwätz. Oder sie gehen in den Staatsbankrott, mit all den kurzfristigen wirtschaftlichen Turbulenzen, die er mit sich bringen wird. Tsipras’ ferner Vorfahr Odysseus hatte wenigstens noch die Wahl eines dritten Weges; er schaffte es, mitten zwischen beiden Gefahren hindurch zu steuern. Tsipras hat diese Option nicht. Und das muss man, bei aller Sympathie, auch ihm und seiner Partei ankreiden.

Es scheint, dass die Strategen von Syriza bei ihrem Regierungsantritt in entzückender Naivität an die Macht des Arguments geglaubt haben. Der Sparkurs der Troika war offensichtlich und furchtbar gescheitert; ein Schuldenschnitt und staatliche Investitionsprogramme sind für Griechenland unumgänglich: Das ist so. Jeder kann das erkennen, und die Syriza-Regierung glaubte, dass angesichts der Tatsachen auch die Gläubigerinstitutionen zur Vernunft kommen würden. Jedoch: Es wurde sehr schnell klar, dass die Gläubiger für die Vernunft nicht zu sprechen sind. Es mag eiskaltes Machtkalkül sein oder verbitterter Altersstarrsinn: Die Austeritätsfanatiker denken nicht daran, sich von Argumenten beeindrucken zu lassen. Die einzige „Rettung“, welche die Gläubiger Griechenland zu gewähren bereit sind, ist die notdürftige Lebenserhaltung, welche der Folterknecht seinem Opfer zuteil werden lässt, um länger seine sadistischen Gelüste an ihm auslassen zu können. Das, wie gesagt, war innerhalb weniger Wochen nach Amtsantritt der Syriza-Regierung klar. Seit diesem Zeitpunkt hätten Tsipras und sein Kabinett einen Plan B (oder C) entwickeln können. Und müssen.

Aber sie haben das nicht getan. Den Griechen bleibt die Wahl zwischen Skylla und Carybdis, und kein dritter Weg ist in Sicht. Gewiss, eine positive Lösung ist wahrlich nicht einfach. Im Kern liegt das Problem Griechenlands ja – allem Anschein zum Trotz – nicht im Gelde. Geld ist nur eine Verrechnungseinheit für Leistung, und auf der Leistungsebene liegt das Problem: Solange Griechenland keine auf dem Weltmarkt konkurrenzfähigen Industrieprodukte herstellt, und sogar einen Großteil seiner Lebensmittel importieren muss, so lange wird es in jeder beliebigen Währung in Schulden geraten. Hier muss jede Wirtschaftspolitik Entwicklungsrichtungen finden und aufzeigen.

Dies wird allerdings einfacher, wenn Griechenland sich vom Euroraum und der übermächtigen deutschen Konkurrenz abkoppelt. Die Drachme würde gegenüber dem Euro so lange fallen, wie das Leistungsbilanzdefizit bestünde – so lange, bis Importe unbezahlbar, Exporte dagegen konkurrenzlos billig wären. Schon früh haben Kommentatoren eine Parallelwährung vorgeschlagen, als eleganten Weg, den Euroraum faktisch zu verlassen, ohne bei der Umstellung in wirtschaftliches Chaos zu stürzen. Tsipras und Varoufakis scheinen nicht zugehört zu haben. Weder sie noch die Gläubiger haben Griechenland eine Hoffnung zu bieten. Nur Angst – nur entweder Skylla, oder Charybdis.

PEGIDA verstehen?

Die folgenden, von mir nur etwas zusammengeschnittenen Gedanken stammen von einem guten Dresdner Freund. Aus den im ersten Absatz genannten Gründen möchte er lieber anonym bleiben, aber er hat mir dankenswerter Weise erlaubt, seine Emails hier zu verwursten. Denn obgleich ich Jakob Augsteins beißende Wut vollkommen nachvollziehen kann, finde ich diesen Aufruf zu Offenheit und Dialog erheblich konstruktiver:

Die Tretmine, auf die ich fürchte zu treten, hat mit der Angst zu tun, ich könne als Fremdenfeind dastehen, als Nazi oder Faschistenversteher, nur weil ich nicht pauschal 15.000 Demonstranten als rechte Dumpfbacken abstempeln will, aber auch nicht einfach die Klappe halten kann, wenn über die Medien genau dieses Bild gezeichnet wird. Oder ich könnte als Abtrünniger dastehen, wenn ich bekenne, nicht bei der „Gegendemo“ zu sein, weil ich glaube, dass Willkommenskultur nicht als Demonstrationszug daherkommt und Gespräche nicht mit Megafonen geführt werden sollten. So einfach will ich’s mir nicht machen, denn einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen führen nicht in gute Häfen.

Ich möchte diese Stadt nicht gespalten sehen! Ich möchte, dass eine Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen ebenso entwickelt wird wie eine Gesprächskultur mit jenen, die Sorgen haben (und äußern). An beidem mangelt es derzeit: Wir haben beides der Bürokratie überlassen, die in dieser Stadt wie anderswo ihr (teilweise absurdes) Unwesen treibt. Sie verwaltet die Flüchtlingswellen nur, die auch in den kommenden Jahren wachsend (!) in diese Stadt schwappen werden und die ihren Ursprung auch in 9/11 und unserem Lebensstil haben. Seit 13 Jahren werden wir medial beschallt vom Islamistischen Terror. Niemand hat 9/11 seelisch aufbereitet, ein planetarer, kollektiver Schock besteht fort, abgedämpft, aber er ist da: „Muslime haben Flugzeuge in Hochhäuser gejagt. Ein Krieg gegen Terror begann, der Jahrzehnte anhalten sollte. Panzer überrollten muslimische Staaten, Köpfe wurden abgeschnitten; Boston, Madrid, London. Die NSA überwacht uns alle, um diesen Terror von uns fern zu halten, oder vielleicht auch um uns zu überwachen. Und in der Zeitung steht JEDEN Tag etwas von islamistischem Terror oder Toten in islamisch geprägten Staaten.“ In unseren Köpfen ist Islam und Terror so massiv miteinander gekoppelt, dass es ohne psychologische Betreuung kaum rauszukriegen ist. Das „Kopftuch“, so könnte man zuspitzen, ist kollektiv mit „Terror“ verbunden.

Und zugleich ist es doch traurig, dass erst Pegida kommen muss, damit das mal thematisiert wird! Da muss erst die Verneinung des Sinnvollen mit voller Macht auf die Straße treten, damit die linke Seite in die Gänge kommt; weil sie das Elend in der Vergangenheit doch mitgetragen hat und keineswegs strukturiert und zielgerichtet Politik für sinnvolle Entwicklungen gemacht hat, sondern sich gern hinter Empörung in der Opposition verkrochen hat, statt außer „Nazis raus“ auch konstruktive Sachen zu machen (du müsstest mal die Politikkultur im Dresdner Stadtrat erleben, das ist oft hässlich und beschämend und keineswegs nur vom konservativen Spektrum aus!). Wollen wir wirklich mit Gegendemos eine Willkommenskultur simulieren? Hilft das? Da verspüre ich genauso Instrumentalisierung wie die Medien sie bei Pegida wahrzunehmen glauben. Und eine sich hochschaukelnde Spirale: Weil die Medien in Pegida erstmal nur Fremdenfeindlichkeit sehen, muss die Gegenseite natürlich gegen Fremdenfeindlichkeit auftreten, woraufhin die Pegida-Seite, die sich möglicherweise gar nicht so gut ausdrücken KANN, sich in die braune Ecke gedrängt fühlt – und was macht ein Kind, wenn man es so behandelt? Es wird bockig und sagt sich: Jetzt erst Recht! Wunderbar, wenn unsere Journalisten ihren Auftrag so erfüllen, selbsterfüllende Prophezeiungen zu hegen und zu pflegen; bis dass der linke Mob den rechten Mob vorm Dresdner Ratshaus trifft und ganz nebenbei die Innenstadt abfackelt. Sozialen Frieden herbeizuschreiben ist zugegeben schwieriger, als mal eben ein paar Lunten bereitzutippen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich halte Pegida nicht für dumpfen Ausländerhass, sondern für einen Ausdruck des kollektiven Fiebers, in das wir seit 9/11 gestolpert sind. Die Pegida-Flechte mit der Xenophobie-Kernseife vom Gesellschafts-Körper abkratzen zu wollen ist wie der Versuch, einen Leberfleck rauszuschneiden, damit man drohendes Unheil nicht mehr sehen muss. Aber es lauert unter der Oberfläche. Medial kleistern wir uns grade die Augen zu, wir spielen Potemkin’sche Problembehandlung. An die Wurzeln haben wir noch nicht mal GEDACHT: Ein dumpfes, unbesprochenes Unbehagen über die Welt.

Integration: Mit dem Fremden über das Fremdsein reden

Bisweilen beweist der Weltgeist ein sicheres Händchen: Gerade habe ich mir hier ein paar Gedanken dazu gemacht, weshalb einige Schafzüchter bei der Integration so schwarz sehen; gerade haben einige Leser dazu sehr richtig kommentiert, dass mein Erklärungsansatz auf die gerade sehr lautstarken Xenophoben von PEGIDA nicht zutrifft – da erscheint am vergangenen Freitag die neue Ausgabe der Science mit einer Studie zu just diesem Thema:

Michael J. LaCour & Donald P. Green: When contact changes minds: An experiment on transmission of support for gay equality.

Die beiden Autoren wollten die gängigste Theorie zum Abbau von Vorurteilen empirisch prüfen und erweitern, nämlich die Kontakthypothese, die – dem gesunden Menschenverstand sehr einsichtig – vermutet, dass Vorurteile abgebaut werden, wenn man mit Mitgliedern der betreffenden Gruppe unmittelbar zu tun hat. Also stellten sie eine Stichprobe von 972 kalifornischen Wählern zusammen, die mehrfach Fragebögen mit 50 Fragen ausfüllen sollten, unter denen auch einige Fragen zur Befürwortung oder Ablehnung homosexueller Eheschließung versteckt waren. Nach dem ersten Ausfüllen wurden die Versuchspersonen in Gruppen eingeteilt, deren mittlere Haltung zur Homoehe gleich war, und bekamen – scheinbar ohne Bezug zu der Umfrage – Besuch von Aktivisten, die mit ihnen an der Haustür diskutierten: Die Aktivisten sprachen entweder über die Homoehe oder über etwas ganz anderes (Recycling), und sie waren entweder schwul (und gaben das auch zu erkennen), oder nicht. Über Tage und Monate danach füllten die Versuchspersonen wieder die Fragebögen aus, so dass untersucht werden konnte, wie sich kurz- und langfristig ihre Haltung zur Homoehe änderte.

Das elegante und umfassende Design der Studie bringt gleich mehrere interessante Ergebnisse hervor. Zunächst einmal – und nicht sehr überraschend – stieg die Zustimmung der Befragten zur Homoehe bei denjenigen, die darüber diskutiert hatten, und zwar unabhängig von der sexuellen Ausrichtung der Aktivisten. Aber: Nur, wenn ihre Diskussionpartner selbst schwul gewesen waren, hatte dieser Sinneswandel auch über Monate Bestand! Und mehr noch: Auch andere registrierte Wähler im selben Haushalt, die an der Diskussion nicht beteiligt gewesen waren („Secondhand Contact“), wurden befragt, und auch diese stimmten der Homoehe leichter und bleibend zu, wenn ihr Mitbewohner mit Schwulen darüber diskutiert hatte.

LaCour & Green (2014)

Die Zustimmung zur Homoehe steigt dauerhaft, wenn Befragte mit Schwulen darüber diskutiert habe, und sogar (Secondhand Contact), wenn sie mit Leuten zusammenwohnen, die mit Schwulen darüber diskutiert haben. Die gestrichelte Linie „Court Decision“ bezieht sich auf das Urteil des Supreme Court, mit welchen das Verbot der Homoehe für nichtig erklärt wurde.
Aus: LaCour & Green (2014)

Also: Vorurteile können tatsächlich durch Kontakt abgebaut werden, aber nur, wenn es im Gespräch auch um die Belange der benachteiligten Gruppe geht: Sprachen die schwulen Aktivisten über Recycling (violett dargestellte Daten), dann hatte das überhaupt keine Wirkung.

Womit wir zurück nach Sachsen kommen. Hier gibt es, wie Spiegel Online in einem ungewöhnlich klugen Artikel vorrechnete, rund 4000 Muslime, womit „auf jeden Muslim in Sachsen […] also 2,5 Demonstranten [kommen], die sich von ihm bedroht fühlen.“ Man sagt den PEGIDA-Demonstranten sicher nichts Falsches nach, wenn man annimmt, dass die meisten von ihnen noch nie einen leibhaftigen Muslim gesehen haben – allenfalls hinter der Theke der Dönerbude, ohne ihn wahrzunehmen. Dass auch nur einer von ihnen jemals mit einem Muslim über Diskriminierung und Integration gesprochen hat, darf man wohl ausschließen.

Genau solche Kontakte wären aber nötig, um der Xenophobie entgegen zu wirken. Und das Gute dabei ist: Man bräuchte die Zehntausend Marschierer nicht selbst zu erreichen. Es würde genügen, mit ihren Eheleuten und Kumpeln zu diskutieren, um sie von weiteren Märschen abzuhalten.

Also, Kurzfazit: Der Osten braucht mehr Ausländer.