Antwort an einen Rassisten

Heute wurde mir ein Beitrag für den Schwarzen Kater angeboten. Über solche Angebote freue ich mich normalerweise. Nicht in diesem Falle. Es handelt sich um diesen Text, den der Autor an mehreren anderen Stellen im Netz untergebracht hat. Man sieht sofort, warum ich den Beitrag hier nicht veröffentlichen, ja, nicht einmal zitieren will.

Der Kommentar ging also beschleunigt in den Papierkorb. Aber die Höflichkeit – und vielleicht ein naiver Glaube an das Gute und Kluge im Menschen – gebot mir, dem Absender meine Entscheidung zu begründen. Hier die Antwort, die ich ihm geschickt habe:

„Sehr geehrter Herr Neumann,

danke für Ihren angebotenen Beitrag. Allerdings hätten Sie vielleicht erst einmal meine Beiträge zu Migration, Integration und PEGIDA lesen sollen. (Etwa hier: https://derschwarzekater.wordpress.com/2014/12/15/integration-mit-dem-fremden-uber-das-fremdsein-reden/ oder hier: https://derschwarzekater.wordpress.com/2014/12/03/der-ewige-rassist/ oder hier: https://derschwarzekater.wordpress.com/2014/01/27/kultur-und-geld-eine-west-ostliche-autofahrt/)
Dann hätten Sie erkennen können, dass ich keine andere Wahl habe, als Ihren Beitrag auf geradem Wege in den Papierkorb zu befördern. Dass ich (auf Werben meines Dresdner Freundes hin) für einen Dialog mit den Pegida-Teilnehmern geworben habe, heißt nicht, dass ich auch nur die geringste Sympathie für Nationalismus oder rassistische Hetze habe. Und darum – Verzeihung – handelt es sich bei Ihrem Beitrag. Wenn Sie ihn noch einmal nüchtern durchlesen, wird Ihnen vielleicht selbst die völlige Abwesenheit von Argumenten oder konkreten Lösungsangeboten auffallen.
Das Einzige, was ich mit Ihrem Beitrag anfangen könnte, wäre, in einer eigenen Antwort ein Exempel zu statuieren und ihn Satz für Satz zu zerpflücken. Aber dazu fehlen mir Zeit und Lust, und es dürfte auch nicht das sein, was Sie sich erhofften.

Ich bezweifle, dass es zwischen Ihnen und mir zu einem fruchtbaren Dialog oder irgendeiner Form von Annäherung kommen kann, und darum möchte ich Sie bitten, den Kontakt hiermit auch zu beenden. Aber ich möchte Ihnen noch zwei Gedanken mit auf den Weg geben:
1. Derzeit geht es m.E. überhaupt nicht darum, ob einige Hunderttausend Einwanderer aus muslimischen Ländern die deutsche Kultur bedrohen (was sie mit Sicherheit nicht tun). Es geht auch nur nachrangig darum, ob sie hier eine längerfristige Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis etc. bekommen. Sondern es geht erst einmal ganz unmittelbar darum, dass kurz vor dem Winter (bzw., weiter östlich, schon mitten darin) Zehntausende von Menschen (und darunter, anders als Sie schreiben, etwa zur Hälfte Frauen und Kinder) ohne Obdach in Europa unterwegs sind. Es kann überhaupt keinen Zweifel daran geben, dass diesen Menschen geholfen werden muss. Ob sie dann im Frühjahr wieder abgeschoben werden, ist ein andere Frage.
2. Die Wurzeln des Abendlandes, dessen Bewahrung Sie und Ihresgleichen so selbstgewiss im Munde führen, sind das Christentum und die Aufklärung. Wie stark Sie das Eine oder die Andere in den Vordergrund rücken, bleibt Ihren persönlichen Vorlieben überlassen.
Das zentrale Gebot Jesu Christi lautet: „Du sollst den Herrn, Deinen Gott, ehren, und Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.“ Oder konkreter: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen […] Was ihr für die geringsten unter meinen Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“ (http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/bibeltext/bibelstelle/mt%2025,%2031-46/).
Das zentrale Gebot der Aufklärung hingegen lautet: „Handle stets so, daß die Maxime Deines Handelns jederzeit zur Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnte!“ (Immanuel Kant) Alle Aufklärer, ob Kant, Lessing oder Voltaire, haben für religiöse Toleranz, Menschlichkeit und einen rationalen Diskurs gekämpft.
Angesichts dieser Kernbestände unserer Kultur frage ich mich dann natürlich, welche Schimäre Sie verteidigen, und warum?

Mit besten Grüßen,
Konrad Lehmann „

Selbstgewisse Zweifler

Die deutschen Alphajournalisten hören nicht gerne, dass sie gleichgeschaltete Propaganda machen. Da mögen die Nachdenkseiten noch so hartnäckig das Unisono etwa zur Griechenlandkrise dokumentieren, da mag die Propagandaschau tagtäglich bei den Leitmedien fündig werden – diese reagieren allenfalls, indem sie missliebige Kommentatoren als „Putin-Trolle“ schmähen und sicherheitshalber die Kommentarfunktion im Netz abschalten. Und wenn die Kabarettsendung „Die Anstalt“ auf Basis einer wissenschaftlichen Studie nachweist, dass die deutschen Alphajournalisten in transatlantischen Netzwerken zusammenglucken, dann erweist einer der Betroffenen – Stefan Kornelius von der SZ – in seiner Erwiderung seine völlige Unkenntnis vom wissenschaftlichen Arbeiten, während zwei andere – Jochen Bittner und Josef Joffe von der Zeit – ein bildschönes Eigentor schießen, indem sie die missliebige Analyse zensieren lassen wollen („Wie, Ihr behauptet, abweichende Darstellungen würden nicht zugelassen? Das dürft Ihr nicht sagen!“). Einsicht? Keine.

Es überrascht daher nicht, dass nun mit Gero von Randow wieder ein Zeit-Journalist nachkartet und allen, die an der (objektiv nicht gegebenen) Medienvielfalt zweifeln und mehr als kosmetische Kritik üben, Fehlwahrnehmung, Selbsterhöhung, Sektierertum und Ressentiment unterstellt und sie kurzerhand zum „Mob“ stempelt. Das ist alles peinlich genug und braucht hier nicht noch einmal zerpflückt zu werden; andere haben das hervorragend getan.

Mich interessiert ein anderer Aspekt. Von Randow hat als Wissenschaftsjournalist begonnen und sich mit der Herausgabe mehrerer Bücher intensiv in der sogenannten „Skeptiker“-Bewegung engagiert. „Skeptiker“ – und ich werde das hartnäckig in Anführungszeichen setzen – sind Leute, welche jegliche Aussagen über die Welt einer kritischen und rationalen Betrachtung zu unterziehen streben, und das hinreichend wichtig finden, um es sich zur Weltanschauung zu machen. Sie sind daher in verschiedenen nationalen und internationalen Verbänden organisiert, wie CSI(COP) in den USA oder der GWUP in Deutschland, und geben Zeitschriften wie den Skeptical Inquirer oder den Skeptiker heraus. Das wäre sicherlich alles sehr lobenswert und vernünftig, wenn es nicht unter den Anhängern dieser Bewegung allzu viele „Pseudo-Skeptiker“ gäbe, wie das abtrünnige CSICOP-Gründungsmitglied Marcello Truzzi sie nannte: Leute, die am Paranormalen oder anderen außergewöhnlichen Behauptungen nicht einfach unvoreingenommen zweifeln, sondern von vorneherein wissen, dass sie falsch sind. Leute also, die hingebungsvoll an allem zweifeln, das sie selbst nicht glauben.

Mir fiel das auf, als ich vor Jahren mal aus längst vergessenen Gründen in ein „Skeptiker“-Diskussionsforum zur Homöopathie geriet. Irgendein Artikel hatte eine Welle von Häme in dem Forum ausgelöst, die ich einfach nicht unwidersprochen lassen konnte. In meiner Erwiderung wies ich u.a. darauf hin, dass auch die Physik im Großen wie im Kleinen mit postulierten Substanzen wie der Dunklen Materie oder dem (damals noch nicht gemessenen) Higgs-Boson operierte, die nie beobachtet worden waren. Dieselbe großzügige Haltung, meinte ich, sollte man auch der Homöopathie gewähren. – Nix da! Das sei etwas ganz anderes. Homöopathie sei pseudowissenschaftlicher Humbug; hingegen die Existenz der Dunklen Materie gehe aus Gleichungen ganz klar hervor. Als ob die Keplerschen Gleichungen am Himmel beobachtet worden wären . . .

Aber diese Verwechslung von Vernunft und Empirie – oder vielmehr: die Bevorzugung von Vernunft vor der Empirie – scheint mir typisch zu sein für die „Skeptiker“. In einem der von von Randow herausgebenen Bücher gibt es einen Beitrag aus dem Skeptical Inquirer, der folgendes Phänomen . . . nun, nicht eigentlich untersucht . . . :

Vier Leute versuchen einen erwachsenen Menschen mit den Spitzen ihrer Zeigefinger hochzuheben. Das klappt nicht. Dann klatscht der Proband in die Hände, alle machen einen zweiten Versuch, und plötzlich klappt es.

Der Autor des Beitrags zitiert ausführlich verschiedene Schilderungen dieses Phänomens aus verschiedenen Kulturkreisen. Dann stellt er Berechnungen an und ergeht sich in langen Spekulationen, wie der plötzliche Erfolg zu erklären sei – etwa dadurch, dass die Bemühungen durch das Klatschen synchronisiert würden. Nur Eines, das Allernächstliegende, tut er nicht: Vier Leute zusammentrommeln und sich hochheben lassen.

„Skeptiker“, so scheint mir, sind Rationalisten. Sie gehen von einem anerkannten Satz von Wahrheiten aus und beurteilen anhand derer alle ihnen neuen Aussagen. Empirie stört da nur. Es ist im höchsten Maße frappierend, dass sie damit dieselbe Geisteshaltung und dasselbe Verhalten zeigen, das Paul Feyerabend in „Wider den Methodenzwang“ bei den Wortführern der katholischen Kirche gegen Galilei diagnostiziert. Auch diese weigerten sich ja, durch das von Galilei bereitgehaltene Fernrohr zu schauen, weil die Beobachtung für ihre Überzeugung irrelevant gewesen wäre.

Der sich selbst für sehr „bright“ haltende Ober-„Skeptiker“ Richard Dawkins imitierte dieses Verhalten kürzlich getreulich, wie Rupert Sheldrake berichtet: Die beiden waren von einem Fernsehsender zur einem Streitgespräch über Parapsychologie eingeladen worden. Sheldrake hatte Dawkins seine (in peer-reviewten Zeitschriften) publizierten Arbeiten über Telepathie vorab zugeschickt und regte an, sich die Beweise anzusehen: Richard seemed uneasy and said, „I don’t want to discuss evidence“. „Why not?“ I asked. „There isn’t time. It’s too complicated. And that’s not what this programme is about.“ The camera stopped. The Director, Russell Barnes, confirmed that he too was not interested in evidence.

Es passt, dass Dawkins in seinem (ansonsten sehr guten Buch) “The Greatest Show on Earth“ nur eine abfällige Fußnote für die Epigenetik und die Vererbung erworbener Eigenschaften übrig hat. Die empirische Evidenz dafür ist mittlerweile überwältigend. Aber sie stellt halt die Synthetische Evolutionstheorie infrage. Und an dieser hat Dawkins mit absoluter Sicherheit niemals, niemals gezweifelt.

Dies also ist das Umfeld, ist die Geisteshaltung, aus der Gero von Randow kommt: Man zweifelt an allem, was man ohnehin schon für Unfug hält, aber niemals an dem, was man selbst glaubt. Als skeptisch kann man solch eine Haltung selbstverständlich nicht bezeichnen, allenfalls als „skeptisch“.

Mit seinem Wechsel vom Wissenschafts- ins Politikressort hat von Randow diese pseudoskeptische Herangehensweise mitgenommen und verwendet sie jetzt gegen alle, die politisch anders denken als er: Sie sind Spinner; ihre Beweise und Argumente braucht er nicht wahrzunehmen. Der Mainstream hat Recht, weil er der Mainstream ist. Es scheint leider, dass von Randow mit dieser Haltung nicht allein ist in den deutschen Redaktionsbüros.

PEGIDA verstehen?

Die folgenden, von mir nur etwas zusammengeschnittenen Gedanken stammen von einem guten Dresdner Freund. Aus den im ersten Absatz genannten Gründen möchte er lieber anonym bleiben, aber er hat mir dankenswerter Weise erlaubt, seine Emails hier zu verwursten. Denn obgleich ich Jakob Augsteins beißende Wut vollkommen nachvollziehen kann, finde ich diesen Aufruf zu Offenheit und Dialog erheblich konstruktiver:

Die Tretmine, auf die ich fürchte zu treten, hat mit der Angst zu tun, ich könne als Fremdenfeind dastehen, als Nazi oder Faschistenversteher, nur weil ich nicht pauschal 15.000 Demonstranten als rechte Dumpfbacken abstempeln will, aber auch nicht einfach die Klappe halten kann, wenn über die Medien genau dieses Bild gezeichnet wird. Oder ich könnte als Abtrünniger dastehen, wenn ich bekenne, nicht bei der „Gegendemo“ zu sein, weil ich glaube, dass Willkommenskultur nicht als Demonstrationszug daherkommt und Gespräche nicht mit Megafonen geführt werden sollten. So einfach will ich’s mir nicht machen, denn einfache Antworten auf komplexe Fragestellungen führen nicht in gute Häfen.

Ich möchte diese Stadt nicht gespalten sehen! Ich möchte, dass eine Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen ebenso entwickelt wird wie eine Gesprächskultur mit jenen, die Sorgen haben (und äußern). An beidem mangelt es derzeit: Wir haben beides der Bürokratie überlassen, die in dieser Stadt wie anderswo ihr (teilweise absurdes) Unwesen treibt. Sie verwaltet die Flüchtlingswellen nur, die auch in den kommenden Jahren wachsend (!) in diese Stadt schwappen werden und die ihren Ursprung auch in 9/11 und unserem Lebensstil haben. Seit 13 Jahren werden wir medial beschallt vom Islamistischen Terror. Niemand hat 9/11 seelisch aufbereitet, ein planetarer, kollektiver Schock besteht fort, abgedämpft, aber er ist da: „Muslime haben Flugzeuge in Hochhäuser gejagt. Ein Krieg gegen Terror begann, der Jahrzehnte anhalten sollte. Panzer überrollten muslimische Staaten, Köpfe wurden abgeschnitten; Boston, Madrid, London. Die NSA überwacht uns alle, um diesen Terror von uns fern zu halten, oder vielleicht auch um uns zu überwachen. Und in der Zeitung steht JEDEN Tag etwas von islamistischem Terror oder Toten in islamisch geprägten Staaten.“ In unseren Köpfen ist Islam und Terror so massiv miteinander gekoppelt, dass es ohne psychologische Betreuung kaum rauszukriegen ist. Das „Kopftuch“, so könnte man zuspitzen, ist kollektiv mit „Terror“ verbunden.

Und zugleich ist es doch traurig, dass erst Pegida kommen muss, damit das mal thematisiert wird! Da muss erst die Verneinung des Sinnvollen mit voller Macht auf die Straße treten, damit die linke Seite in die Gänge kommt; weil sie das Elend in der Vergangenheit doch mitgetragen hat und keineswegs strukturiert und zielgerichtet Politik für sinnvolle Entwicklungen gemacht hat, sondern sich gern hinter Empörung in der Opposition verkrochen hat, statt außer „Nazis raus“ auch konstruktive Sachen zu machen (du müsstest mal die Politikkultur im Dresdner Stadtrat erleben, das ist oft hässlich und beschämend und keineswegs nur vom konservativen Spektrum aus!). Wollen wir wirklich mit Gegendemos eine Willkommenskultur simulieren? Hilft das? Da verspüre ich genauso Instrumentalisierung wie die Medien sie bei Pegida wahrzunehmen glauben. Und eine sich hochschaukelnde Spirale: Weil die Medien in Pegida erstmal nur Fremdenfeindlichkeit sehen, muss die Gegenseite natürlich gegen Fremdenfeindlichkeit auftreten, woraufhin die Pegida-Seite, die sich möglicherweise gar nicht so gut ausdrücken KANN, sich in die braune Ecke gedrängt fühlt – und was macht ein Kind, wenn man es so behandelt? Es wird bockig und sagt sich: Jetzt erst Recht! Wunderbar, wenn unsere Journalisten ihren Auftrag so erfüllen, selbsterfüllende Prophezeiungen zu hegen und zu pflegen; bis dass der linke Mob den rechten Mob vorm Dresdner Ratshaus trifft und ganz nebenbei die Innenstadt abfackelt. Sozialen Frieden herbeizuschreiben ist zugegeben schwieriger, als mal eben ein paar Lunten bereitzutippen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich halte Pegida nicht für dumpfen Ausländerhass, sondern für einen Ausdruck des kollektiven Fiebers, in das wir seit 9/11 gestolpert sind. Die Pegida-Flechte mit der Xenophobie-Kernseife vom Gesellschafts-Körper abkratzen zu wollen ist wie der Versuch, einen Leberfleck rauszuschneiden, damit man drohendes Unheil nicht mehr sehen muss. Aber es lauert unter der Oberfläche. Medial kleistern wir uns grade die Augen zu, wir spielen Potemkin’sche Problembehandlung. An die Wurzeln haben wir noch nicht mal GEDACHT: Ein dumpfes, unbesprochenes Unbehagen über die Welt.

Integration: Mit dem Fremden über das Fremdsein reden

Bisweilen beweist der Weltgeist ein sicheres Händchen: Gerade habe ich mir hier ein paar Gedanken dazu gemacht, weshalb einige Schafzüchter bei der Integration so schwarz sehen; gerade haben einige Leser dazu sehr richtig kommentiert, dass mein Erklärungsansatz auf die gerade sehr lautstarken Xenophoben von PEGIDA nicht zutrifft – da erscheint am vergangenen Freitag die neue Ausgabe der Science mit einer Studie zu just diesem Thema:

Michael J. LaCour & Donald P. Green: When contact changes minds: An experiment on transmission of support for gay equality.

Die beiden Autoren wollten die gängigste Theorie zum Abbau von Vorurteilen empirisch prüfen und erweitern, nämlich die Kontakthypothese, die – dem gesunden Menschenverstand sehr einsichtig – vermutet, dass Vorurteile abgebaut werden, wenn man mit Mitgliedern der betreffenden Gruppe unmittelbar zu tun hat. Also stellten sie eine Stichprobe von 972 kalifornischen Wählern zusammen, die mehrfach Fragebögen mit 50 Fragen ausfüllen sollten, unter denen auch einige Fragen zur Befürwortung oder Ablehnung homosexueller Eheschließung versteckt waren. Nach dem ersten Ausfüllen wurden die Versuchspersonen in Gruppen eingeteilt, deren mittlere Haltung zur Homoehe gleich war, und bekamen – scheinbar ohne Bezug zu der Umfrage – Besuch von Aktivisten, die mit ihnen an der Haustür diskutierten: Die Aktivisten sprachen entweder über die Homoehe oder über etwas ganz anderes (Recycling), und sie waren entweder schwul (und gaben das auch zu erkennen), oder nicht. Über Tage und Monate danach füllten die Versuchspersonen wieder die Fragebögen aus, so dass untersucht werden konnte, wie sich kurz- und langfristig ihre Haltung zur Homoehe änderte.

Das elegante und umfassende Design der Studie bringt gleich mehrere interessante Ergebnisse hervor. Zunächst einmal – und nicht sehr überraschend – stieg die Zustimmung der Befragten zur Homoehe bei denjenigen, die darüber diskutiert hatten, und zwar unabhängig von der sexuellen Ausrichtung der Aktivisten. Aber: Nur, wenn ihre Diskussionpartner selbst schwul gewesen waren, hatte dieser Sinneswandel auch über Monate Bestand! Und mehr noch: Auch andere registrierte Wähler im selben Haushalt, die an der Diskussion nicht beteiligt gewesen waren („Secondhand Contact“), wurden befragt, und auch diese stimmten der Homoehe leichter und bleibend zu, wenn ihr Mitbewohner mit Schwulen darüber diskutiert hatte.

LaCour & Green (2014)

Die Zustimmung zur Homoehe steigt dauerhaft, wenn Befragte mit Schwulen darüber diskutiert habe, und sogar (Secondhand Contact), wenn sie mit Leuten zusammenwohnen, die mit Schwulen darüber diskutiert haben. Die gestrichelte Linie „Court Decision“ bezieht sich auf das Urteil des Supreme Court, mit welchen das Verbot der Homoehe für nichtig erklärt wurde.
Aus: LaCour & Green (2014)

Also: Vorurteile können tatsächlich durch Kontakt abgebaut werden, aber nur, wenn es im Gespräch auch um die Belange der benachteiligten Gruppe geht: Sprachen die schwulen Aktivisten über Recycling (violett dargestellte Daten), dann hatte das überhaupt keine Wirkung.

Womit wir zurück nach Sachsen kommen. Hier gibt es, wie Spiegel Online in einem ungewöhnlich klugen Artikel vorrechnete, rund 4000 Muslime, womit „auf jeden Muslim in Sachsen […] also 2,5 Demonstranten [kommen], die sich von ihm bedroht fühlen.“ Man sagt den PEGIDA-Demonstranten sicher nichts Falsches nach, wenn man annimmt, dass die meisten von ihnen noch nie einen leibhaftigen Muslim gesehen haben – allenfalls hinter der Theke der Dönerbude, ohne ihn wahrzunehmen. Dass auch nur einer von ihnen jemals mit einem Muslim über Diskriminierung und Integration gesprochen hat, darf man wohl ausschließen.

Genau solche Kontakte wären aber nötig, um der Xenophobie entgegen zu wirken. Und das Gute dabei ist: Man bräuchte die Zehntausend Marschierer nicht selbst zu erreichen. Es würde genügen, mit ihren Eheleuten und Kumpeln zu diskutieren, um sie von weiteren Märschen abzuhalten.

Also, Kurzfazit: Der Osten braucht mehr Ausländer.

Der ewige Rassist

Arthur Dinter (1876-1948) war ein deutschnationaler und antisemitischer Schriftsteller, der bereits in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg ein erklärter und einflussreicher Vorkämpfer des Antisemitismus war. Beim Eintritt in die NSDAP hatte er die Mitgliedsnummer 5. Dass er bei der Entnazifizierung nur 1000 Reichsmark Strafe zu zahlen hatte, verdankt er dem Umstand, dass er nach Flügelkämpfen aus der Partei ausgeschlossen wurde.

Thilo Sarrazin (*1945) ist ein deutschnationaler und antimuslimischer Schriftsteller, der in den letzten Jahren ein erklärter und einflussreicher Vorkämpfer der Xenophobie gewesen ist. Dass er aus der SPD nicht ausgeschlossen wurde, verdankt er dem Umstand, dass die Partei nicht darauf verzichten wollte, am rechten Rand Stimmen zu fangen.

 

I

Im Folgenden habe ich Zitate der beiden Autoren einander gegenüber gestellt. Erkennen Sie, welches Zitat von wem stammt?

(Auflösung in den Fußnoten)

 

„Der konservative Politiker Enoch Powell […] prognostizierte […], dass bei unverändertem Immigrationstempo nach 30 Jahren große Teile von Yorkshire, der Midlands und der Home Counties vorwiegend oder ausschließlich afroasiatisch bevölkert sein würden, und warnte eindringlich vor den Folgen. Seine Äußerungen verursachten einen Skandal, und er verlor sein Amt als Schattenverteidigungsminister. Aber die Zustimmung aus der Bevölkerung war überwältigend: Powell erhielt in zehn Tagen 100000 Briefe, in nur 800 davon wurde ihm widersprochen.“[1]

„Daß ich aber mit meiner Gesinnung nicht allein stehe, beweisen mir Tausende und Abertausende von Zustimmungen, die mir täglich und stündlich aus allen Schichten und Kreisen des deutschen Volkes zugehen, vom General herab bis zum Leutnant, von Künstlern und Gelehrten, beamteten Professoren und Studenten, von Kaufleuten, Fabrikherren und einfachen Tagelöhnern. […]“[2]

 

„Mir sind in Berlin allmählich die Augen aufgegangen. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, das wir, das Volk, das die Hermannsschlacht geschlagen, das 1813 und 1870 erlebt, bis in fünfzig Jahren kein deutsches Vaterland mehr haben werden, wenn es uns nicht gelingt, diesen fremdblütigen Geist wirksam zu bekämpfen. Unser von außen schwer bedrohtes Vaterland birgt in seinem Innern einen viel furchtbareren Feind als unsere äußeren Gegner es sind, weil wir diesen Feind nicht mit dem Schwerte in der Hand niederzwingen können. In unseren deutschen Ahnungslosigkeiten haben wir, das Herrenvolk, einem fremdblütigen Volke Gastfreundschaft gewährt und werden von ihm zum Danke dafür nunmehr erdrosselt. Es handelt sich hier um die fundamentale Frage, ob in Deutschland arischer oder semitischer Geist siegen wird.“[1]

„Die Muslime in Deutschland und im übrigen Europa unterliegen einem fremden kulturellen und religiösen Einfluss, den wir nicht überblicken und schon gar nicht steuern können. Wir dulden das Anwachsen einer kulturell andersartigen Minderheit, deren Verwurzelung in der säkularen Gesellschaft mangelhaft ist, die nicht unsere Toleranzmaßstäbe hat und die sich stärker fortpflanzt als ihre Gastgesellschaft.“[3]

„Ich möchte, dass auch meine Urenkel in 100 Jahren noch in Deutschland leben können, wenn sie dies wollen. Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist, dass dort über weite Strecken türkisch und arabisch gesprochen wird, die Frauen ein Kopftuch tragen und der Tagesrhythmus vom Ruf der Muezzine bestimmt wird. […] Ich möchte nicht, dass wir zu Fremden im eigenen Land werden.“[4]

 

„Allerdings lasse ich mich als gründlich geschulter Naturwissenschaftler und methodisch denkender Mensch nur durch Tatsachen belehren und nicht durch Redensarten, und meinen Lesern und Hörern übermittle ich wiederum nur Tatsachen und methodische Gedanken und keine Redensarten.“[5]

„Ich stütze mich in meinen Ausführungen auf empirische Erhebungen, argumentiere aber direkt und schnörkellos. Es geht mir vor allem um Klarheit und Genauigkeit, die Zeichnung ist daher kräftig, nicht unentschlossen oder krakelig. Ich habe darauf verzichtet, heikel erscheinende Sachverhalte mit Wortgirlanden zum umkränzen, mich jedoch um Sachlichkeit bemüht – die Ergebnisse sind anstößig genug.“[6]

 

II

Noch eine Parallele zwischen Dinter und Sarrazin fällt auf: Dinters erster Bestseller „Die Sünde wider das Blut“ ist fixiert auf die Ansteckung und Verbreitung des „Jüdischen“ durch Sexualkontakte und wurde von einem Kommentator als „sexualantisemitisch“ bezeichnet. Mit der Sexualität hat es auch Sarrazin. „Deutschland schafft sich ab“ offenbart eine überaus peinliche Besessenheit von der Fruchtbarkeit muslimischer und deutscher, bzw. dummer und gebildeter Frauen. Vielleicht ist es ein allgemeines Gesetz, dass sich Rassismus stets im Schoß der Frauen austobt. Und das liegt wiederum möglicherweise daran, dass im Kern jedes Rassismus die geistige oder körperliche Impotenz steckt.

 

III

Es gibt aber auch einen bemerkenswerten Unterschied: Während Sarrazin, wie allgemein bekannt sein dürfte, seitenlang unvollständige, missverstandene oder nur Momentaufnahmen bietende Statistiken zitiert, die belegen sollen, dass muslimische Einwanderer auf allen Stufen des Bildungssystems unterrepräsentiert und mithin „bildungsunwillig“ seien (Naika Fouroutan hat das schon umfassend widerlegt (PDF), ebenso wie meine Frau in ihrer Masterarbeit (PDF)), beschwert sich Dinter in „Lichtstrahlen aus dem Talmud“ (S.68f) darüber, dass der Anteil von Juden an den Politikern, Beamten, Richtern, Rechtsanwälten, Professoren, aber auch Gymnasiasten und Studenten weit überproportional hoch sei, und dass damit die deutsche Kultur bedroht sei.

Was nur zeigt, dass man es dem Gesocks auf keine Weise recht machen kann.

 

Auflösung:

[1] Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab“, S. 263

[2] Arthur Dinter, Deutsches Volksblatt vom 20.6.1914, S. 8

[3] Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab“, S. 277

[4] Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab“, S. 308

[5] Arthur Dinter, „Lichtstrahlen aus dem Talmud“, 1920, S. 64

[6] Thilo Sarrazin, „Deutschland schafft sich ab“, S. 11

 

Pansen und das Offensichtliche

Ich komme gerade zurück von einer Dienstreise nach Warschau. Hin und zurück bin ich mit dem Berlin-Warschau-Express gefahren, über den Steffen Möller ein nettes, informatives Buch geschrieben hat. Einer der größte Vorzüge des Zuges ist sein Speisewagen. Während ich im Herrschaftsbereich der Deutschen Bahn nie in den Speisewagen gehe, weil mir dazu der Lottogewinn fehlt, kann man im Speisewagen des Warschau-Berlin-Expresses an großen Panoramafenstern gemütlich sitzen, preiswert und lecker essen (Zwei Gänge mit Bier und Cappucino 11:40€) und mit Mitreisenden ins Gespräch kommen.

Auf der Hinfahrt setzte sich in Posen ein älterer, gutgekleideter Herr an meinen Zweiertisch, der fließend Englisch und Polnisch sprach und sich rasch und selbstbewusst als polnischstämmiger Mediziner und Wissenschaftler von einer Ostküstenuniversität vorstellte, der zu einer Akademiesitzung in der alten Heimat weilte. Er war sehr mitteilsam und frei von Bescheidenheit, und wir unterhielten uns angeregt, bis wir in Warschau einfuhren.

Ich hatte bereits eine köstliche Kuttelnsuppe gegessen, die auch mein Gesprächspartner bestellte. Kutteln, auch Flecken genannt, also der Pansen der Wiederkäuer (Ruminantia) ist eine meiner Leibspeisen. Viele Deutsche ekelt es davor, vielleicht, weil der Geschmack anders ist als von Muskelfleisch – strenger, interessanter -, vielleicht auch, weil die weißen Streifen mit den dichten Zotten an ein seltsames, schleimiges Meeresgetier erinnern. Wie dem auch sei, ich mag Gerichte mit Pansen, seit ich in Bulgarien vor rund 13 Jahren erstmals eine Ischkembe gegessen habe. Das ist die türkische Fleckensuppe, welche 500 Jahre osmanischer Besetzung dort zurückgelassen haben, und in unserem Hotelrestaurant schwamm stets eine mehrere Millimeter dicke Fettschicht darauf, die in der türkischen Küche üblicherweise abgeschöpft wird. Einige Jahre später genoss ich in El Chorro in Andalusien in einem kalten, feuchten Februar abends nach dem Klettern stets „Callos y Garbanzos“, das sind Kutteln mit Kichererbsen. Für den leicht durchfrorenen, hungrigen Kletterer gab es keine bessere Energiequelle; danach klebte stets ein krustiger Rand rötlichen Fetts um meine Lippen. Pansen, will ich damit sagen, sind ein sehr fettes Essen (25% Fett, belehrt mich eine rasche Googlesuche). Auch die Suppe im Speisewagen hinterließ diesen Fettrand auf meiner Oberlippe.

Mein Gesprächspartner aber äußerte beim Essen die Ansicht, Kutteln seien eine sehr gesunde, weil völlig fettfreie Speise. Ich wagte zu widersprechen, wurde aber belehrt: Pansen sei reines Muskelfleisch, mithin: kein Fett. Ich beließ es dabei, und unser Gespräch wandte sich, wie kaum zu vermeiden, der Ukrainekrise zu. Während ich mein Verständnis für Putins Schachzüge erläuterte, war mein Mitreisender, als Pole und Amerikaner, völlig auf der antirussischen Linie der westlichen Medien und Regierungen. Ich dürfe nicht glauben, wurde ich belehrt, dass die USA diesen Konflikt gewollt hätten, im Gegenteil. Die Amerikaner wollten nichts von und in der Ukraine; sie hätten dort keine strategischen Interessen; es gebe kein amerikanisches Interesse an Umzingelung Russlands, militärischen Konflikten, Hegemonie. Amerikaner seien einfach nur so gestrickt, dass sie, wannimmer ein Volk auf der Welt um Freiheit kämpfe, auf jeden Fall helfen wollten.

Ich aber dachte an den fettfreien Pansen und überlegte: Hier ist ein intelligenter Mann, emeritierter Professor der medizinischen Physik, laut eigener Auskunft Mitglied mindestens einer wissenschaftlichen Akademie, noch immer Einwerber von mehreren Millionen Dollar Drittmitteln, mit Beratertätigkeit in verschiedenen Ländern – darunter der Türkei -, Duzfreund von Spitzenwissenschaftlern und Milliardären, und doch jemand, dem anscheinend – ich bin verführt zu sagen: offensichtlich – vollständig die Fähigkeit abgeht, das Offensichtliche wahrzunehmen.

So, und dies kann man nun lesen als Kommentar zur Ukrainekrise, oder zum Zustand unserer Wissenschaft, oder natürlich vor allem zu den Vor- und Nachteilen von Pansen als Delikatesse.

Die armen, ungeliebten Länder

Ist Patriotismus Vaterlandsliebe? Wir haben gelernt, dass man eine Person um ihrer selbst willen liebt, mit all ihren Fehlern, und nicht wegen ihrer Leistungen und Fähigkeiten. Die Liebe sagt: „Es ist egal, was Du kannst; ich nehme Dich, wie Du bist.“

Doch für Vaterländer scheint dies nicht zu gelten. „Doit-Schland! Doit-Schloond!!“ höre ich es prall und prollig bei jedem Spiel von Jogi Löws Mannschaft unter unserem Fenster grölen, wo der Restaurantfernseher steht, und das klingt siegestrunken und testosterongeladen, klingt nach breitbeinigem Stratzen. Da wird Deutschland geliebt, weil es (also: 11 seiner 80Mio. Einwohner) gewinnt.

Woanders nicht anders. Keine Politikerrede, kein Wahlwerbespot in Honduras, wo ich ein gutes Jahr verbrachte, kam ohne die Versicherung – oder die Beschwörung – aus: Honduras es un gran país! Honduras ist ein großes Land! Dabei gibt es, objektiv betrachtet, wenige Länder auf der Welt, die der Größe ferner wären. Swasiland vielleicht. Ost-Timor. Mecklenburg-Vorpommern. Dennoch gibt es durchaus schöne Dinge, die sich von Honduras sagen ließen: „. . . es un país lindo“ (ein süßes Land), „un país amable“ (ein liebenswertes Land), „un país aventurero y variopinto“ (ein abenteuerliches und vielfältiges Land). Aber das genügt anscheinend nicht. Ebensowenig wie in Frankreich, das noch immer Wert darauf legt, „la grande nation“ zu sein („la“, wohlgemerkt, nicht „une“). Oder in Deutschland, wo es wieder um das „Stolz-Sein“ geht, und es doch völlig genügen würde, wenn man glücklich sein könnte. (Bella Italia macht eine rühmliche Ausnahme; ihr genügt es, „bella“ zu sein.)

Der Patriot – den man richtiger auch „Patridiot“ nennt – erwartet von seinem Land, dass es groß sei, überlegen und siegreich. Die Zufriedenheit mit seinem Land soll ihm die mangelnde Selbstzufriedenheit ersetzen. Er mag sich stolz fühlen auf sein Land, aber lieben tut er es nicht.

Dazu müsste er es kennen, denn Vertrautheit – das hat schon der Fuchs dem kleinen Prinzen erklärt – ist der sicherste Weg zur Liebe. Und das Wunderbare ist: Da man sich mehrere Länder und Kulturen vertraut machen kann, kann man auch mehrere lieben, ohne dass dies ein Widerspruch wäre. Man ist dann zwar vielleicht kein Patridiot, aber auch kein Vaterlandsverräter.

Und jedenfalls ist es einem völlig egal, wer die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen hat.