Nachtrag zum Welttag der Katze

Leider hörte ich gestern erst auf dem Weg ins Büro, dass der 8. August anscheinend der „Weltkatzentag“ ist. So konnte ich erst am Abend daheim in meinen Unterlagen nach einem – wie sich herausstellte – mittlerweile fast 25 Jahre alten Gedicht suchen, das ich hiermit nachreiche:

Du Sphinx, so sanft und fürchterlich,

Geschöpf aus einer Sonne Singen,

du Zephyrkind auf Traumesschwingen,

so hör mich an: Ich liebe dich!

 

Dein Dasein ist ein stiller Tanz,

dein Blick ein Fenster in die Wildnis.

Du bist des Lebens reinstes Bildnis,

der Inbegriff der Eleganz.

 

Der Menschheit selbstverliebter Fratze

drehst du kühl den Rücken zu.

Und wirklich lässt man dich in Ruh.

 

Vor Dir fühl ich mich ärmlich klein.

Ich schaff’s mit Mühe, Mensch zu sein.

Doch Du – bist eine Katze.

Versteckte Regeln

Jene, die sich „Liberale“ nennen, in ihren verschiedenen Spielarten, haben gemeinsam, dass sie staatliche Einflussnahmen ablehnen, als Eingriffe in den scheinbar natürlichen Lauf der Dinge. Das ist im Prinzip nicht völlig falsch (dächte ich anders, wäre ich nicht der Schwarze Kater). Aber dass die Sache mit dem „natürlich“ und „künstlich“ so einfach nicht ist, hätten die Apologeten des freien Spiels der Kräfte vor einiger Zeit an der Kreuzung Katharinenstraße / August Bebel-Straße in Jena lernen können.

 

Hier blickt man von der Katharinenstraße auf diese Kreuzung. Und man sieht schon, dass da was nicht läuft. Der Verkehr nämlich. Und man sieht auch, warum: Wer hier kommt, muss die Vorfahrt achten.

Das ist normalerweise kein Problem. Die kreuzende August Bebel-Straße ist mäßig befahren. Der Hauptverkehr quert eine Straße weiter oben, wo man klein in der Mitte des Bildes die nächste Kreuzung ahnen kann.

Aber für einige Monate war diese große Querstraße, welche die Hauptausfallstraße aus Jena nach Westen ist, bis zur Einmündung der August Bebel-Straße (also links vom Bild) gesperrt, wegen großer Bauarbeiten. Der Verkehr wurde hier über die Katharinenstraße umgeleitet. Das war durchaus logisch, weil das ohnehin der zweite Ausfallweg in die Richtung ist. Und da an der Kreuzung im Bild von rechts kaum je einer kommt, kommt man normalerweise flott raus.

Aber manchmal kommt eben doch einer von rechts. Dann muss man warten. Und wenn das Verkehrsaufkommen (wegen Sperrung der Hauptstraße) größer ist, dann bildet sich eine gewisse Schlange. Und dann kommt vielleicht einer auf die Idee, den (eigentlich unlogischen) Umweg zu fahren, der dafür sorgt, dass man an dieser Kreuzung selbst von rechts kommt.

Die Folge ist klar: Wer aus der Katharinenstraße kommt, muss nun noch länger warten. Die Schlange wird noch länger. Und der Anreiz wächst für weitere Pendler, den Umweg zu nehmen, der ihnen Vorfahrt verschafft. Und schon macht der Teufelskreis seine nächste Umdrehung. Und so weiter.

Nach einigen Wochen ging auf der Katharinenstraße fast gar nichts mehr. Der Rückstau war Hunderte Meter lang und dauerte mindestens eine Viertelstunde. Hätte die Baustelle noch eine Weile weiter bestanden, dann wären irgendwann alle Ortskundigen den Umweg durch die Wohnstraßen der Innenstadt gefahren. Was niemand gewollt haben kann.

Jeder denkende Mensch sieht sogleich, was man dagegen hätte tun können: Ein einfaches Interimsschild mit abknickender Vorfahrt auf der Katharinenstraße, und ein Vorfahrt-achten-Schild auf der August Bebel-Straße, hätten Wunder gewirkt.

Ob dann die Verfechter des freien Spiels der Kräfte auch geschrien hätten: „Staatliche Einflussnahme! Behinderung der freien Selbstentfaltung! Big government!“?

Vermutlich nicht. Sie hätten handgreiflich gesehen, dass so oder so Regeln gelten. Die einen sind wir gewöhnt und erkennen sie darum nicht sofort. Und sie führen zu einer dysfunktionalen Selbstorganisation. Andere wären neu, und darum sichtbar. Aber sie würden funktionieren.

Westliche Werte: Vielleicht Mozart?

Mein Schwager brachte kürzlich die These vor, so etwas wie einen allgemein anerkannten Musiker, über dessen Größe und Bedeutung Konsens herrsche, werde es nie wieder geben. Und mehr noch: Auch die Verbindlichkeit vergangener Stars nehme unwiederbringlich ab. Nicht nur werde es sowas wie die Beatles nicht wieder geben, sie würden auch für kommende Generationen keine große Rolle mehr spielen.

Das war einst anders. Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Liszt waren stilprägend. Sie formten die Musik ganz Europas. Etwas später stritt man sich über Brahms vs. Wagner, oder auch Verdi vs. Wagner – aber immerhin stritt man sich, und aus heutiger Sicht waren die Gegensätze nicht unüberbrückbar. Noch etwas später stritt sich die Jugend über Beatles vs. Stones. Das aber trug sich bereits in der Enklave der Popmusik zu. Aber immerhin.

Heute dagegen könnte man sich nicht einmal mehr darüber einigen, welcher Musikstil der relevante sei, innerhalb dessen über die Vorherrschaft gestritten werden sollte.

Mein Schwager sah das nicht kritisch. Ist halt so.

Das ist vermutlich eine vernünftige Haltung. Kulturelle Entwicklungen „sind halt so“ und kümmern sich herzlich wenig um die Sorgen und Vorlieben des Einzelnen. Wir werden auch das „brauchen“ mit „zu“ und den Komparativ mit „als“ nicht mehr retten, und den Genitiv wohl auch nicht.

Trotzdem kann man sich Gedanken machen über die tiefere Bedeutung solcher Entwicklungen. Es geht ja nicht nur um Musik. Nichts verbindet so stark, schafft so wirkungsvoll Einheit und Identität, wie Musik. Musik definiert Gemeinschaft. Das Zerfasern der Musikstile ist daher auch ein Symptom für das Zerfasern der Gesellschaft. Es gibt nichts kulturell Verbindliches mehr.

Längst leben wir ja nicht mehr in einer Gesellschaft, sondern in einem Zopf paralleler Gesellschaften. Von unseren „westlichen Werten“ wird viel geredet, doch was sind sie? Toleranz? – gilt nur noch für einen zunehmend enger begrenzten Mainstream akzeptabler Meinungen. Die siamesischen Götterzwillinge „Freiheit und Demokratie“ – hindern uns nicht, uns mit brutalen Diktaturen zu verbünden oder etwa gerade in Makedonien einen verfassungswidrig an die Macht gekommenen Parlamentspräsidenten anzuerkennen.

Wer von Werten redet, der tut das stets auch, um sich selbst zu erhöhen. Der moralische Diskurs ist stets auch chauvinistisch: „Wir sind die Guten. Wir sind die mit Freiheit und Demokratie. Und Toleranz. Und das sind jedenfalls die besten Werte, die es gibt.“ Obgleich sie, wie gesagt, längst nichts mehr verbinden.

Besser sollten wir von Musik reden. Wer die abendländische Musik schätzt, fällt damit kein Urteil über andere Musiken. Er leugnet auch nicht ihre Eigenständigkeit und Berechtigung. Es kann viele Musiken geben. Und ein Raga oder eine Peking-Oper sind zweifellos große Musik, auch wenn ich sie nicht verstehe, und darum nicht schätzen kann.

Darum sollten wir uns – wenigstens für einen Anfang – lieber über unsere Musik definieren als über unsere sogenannten Werte. Zugegeben: Das wäre, wie oben gesagt, höchstwahrscheinlich ebenso vergeblich. Aber wenigstens könnte man darüber ohne Dünkel sprechen. „Aha, Ihr seid die mit dem maqām? Interessant, lass mal hören. Wir sind die mit Mozart.“

Was ist links?

Früher war das eindeutig. Das politische Spektrum war genau das: eine lineare Abfolge von Farbschattierungen ohne dritte Dimension. Ganz links war es rot, ganz rechts war es braun, dazwischen verteilten sich schwarz und blau-gelb. Auch, als sich später das Grün außen neben das Rot drängte, war die Linearität zumindest nicht gefährdet. Die Orientierung war einfach.

Ebenso klar wie die Farbgebung waren die programmatischen Standpunkte. Die Linken vertraten die Interessen der Arbeiter, der Armen, der Schwachen im Kapitalismus. Sie waren für staatliche Eingriffe in die Wirtschaft und die Gleichheit aller Menschen. Sie wollten Veränderung. Die Rechten vertraten die Interessen der Arbeitgeber, der Reichen, der Starken im Kapitalismus. Sie waren für eine sogenannte freie Marktwirtschaft und das Recht der Starken auf Ungleichheit. Sie wollten, dass alles so bleibt, wie es gewesen war.

Heute ist alles durcheinander. Konservative wie Jan Fleischhauer wähnen sich „Unter Linken“, die AfD gar in einer „links-grün versifften“ Gesellschaft, während linke Kommentatoren einen beständigen Rechtsdrift der Politik beobachten. Leute, die sich für links halten, unterstützten im US-Wahlkampf die konservative, kapitalistische und kriegerische Hillary Clinton, während US-Linke wie Bernie Sanders zumindest zeitweise Donald Trump zur Seite sprangen. Was ist noch links? (Bin ich es?)

Früher, in den eindeutigen Zeiten, bestand die linke Agenda (für die rechte gilt im Prinzip das Spiegelbild) aus Solidarität auf allen Ebenen: den politischen ebenso wie der wirtschaftlichen Ebene. Als Linker solidarisierte man sich mit den wirtschaftlich Schwachen, aber auch mit den auf andere Weise sozial Benachteiligten: den Frauen, den Ausländern, den Homosexuellen, den Behinderten, etc..

Je stärker aber das wirtschaftliche System das politische dominierte, desto schwächer wurde der Aspekt der wirtschaftlichen Solidarität bei den Linken. Das klingt paradox, ist aber folgerichtig: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmen die gesellschaftliche Wirklichkeit so vollständig, dass sie als naturgesetzlich wahrgenommen werden. Das entzog sie dem Zugriff der Politik. Politik war nur noch im engen Rahmen der kapitalistischen Vorgaben möglich, in der vielbeschrienen „Mitte“.

Also verlegte sich die „Linke“ auf die Solidarität mit den politisch Schwachen. Mit der Folge, dass diese oft (nicht immer) aufhörten, schwach zu sein. Frauen sind heute beruflich erfolgreich, homosexuell oder fremdländisch zu sein, ist heute chic, solange man dabei nicht arm ist. Links zu sein, wurde von einer wirtschaftlich definierten Interessenvertretung zu einem Lebensgefühl, und zwar zum Lebensgefühl von Leuten, die oft recht gut verdienten.

Bei den Rechten war derweil das Umgekehrte geschehen: Sie hatten den wirtschaftlichen Egoismus durchgesetzt, dafür aber den politischen Egoismus aufgegeben (weniger aus moralischer Größe als deswegen, weil es nicht weh tut). Darum wird die Gesellschaft von Konservativen alter Schule verwirrenderweise oft als „links“ wahrgenommen: Weil die staatlichen Eingriffe zugunsten von sozial Benachteiligten umfassend und oft bürokratisch sind und häufig die Freiheit der Glücklicheren beschneiden.

Verlierer des Kapitalismus, also Arbeitnehmer, die schlecht verdienend in Unsicherheit leben, und zahllose drangsalierte Arbeitslose, gibt es derweil trotzdem und immer mehr. Sie waren einst die natürliche Klientel der Linken gewesen. Doch ehemals linke Parteien wie die SPD und die Grünen wissen mit ihnen nichts mehr anzufangen und waren bislang ganz froh, dass man die im Dunkeln nicht sieht.

– So, und genau bis hier hin war ich mit meinen Gedanken gekommen, als mir die Nachdenkseiten einen vortrefflichen Abschluss meiner Überlegungen lieferten: den Hinweis auf ein Buch von Christian Baron: „Proleten, Pöbel, Parasiten. Wie die Linken die Arbeiter verachten“. Denn genau das Problem zieht sich bis weit in die Linke hinein: Diejenigen „Linken“, deren Hauptsorge das Wohlergehen ihrer städtischen, gebildeten, multikulturellen, gutverdienenden Wählerschaft ist, haben keinerlei Verständnis dafür, dass die Proleten dringendere Sorgen haben als Gendertoiletten oder Frauenquoten in DAX-Vorständen. Man lese nur einmal diesen journalistischen Offenbarungseid von Christian Stöcker, der sich garantiert selbst für „linksliberal“ hält: Er kommt nicht einmal auf die Idee, dass wirtschaftliche Aspekte die Präferenzen der Wähler in Frankreich beeinflussen könnten. (Ebensowenig, wie er auf die Idee kommt, es könnte ein Frankreich außerhalb der Périphérique geben – was allerdings wohl den meisten Parisern ebenso geht.)

Die ungebildeten Massen der Verlierer sind im Mittel homophob, sexistisch und ausländerfeindlich. Aber Linke, die auf dieses Milieu zugehen, sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, die hehren linken Ideale der Emanzipation von Frauen, Schwulen, Migranten aufgegeben zu haben und eine „Querfront“ mit den Rechten zu betreiben. Lieber verraten und verachten daher viele Linke ihre ehemalige Klientel. Und überlassen sie ohne viele Skrupel (und ohne viel Selbstreflexion) den rechten Arbeiter- und Bauernfängern.

Tatsachenliebe

Über Wissenschaft, Wirtschaft und Sprache

Von Peter Finke

[Eine Bemerkung von mir vorab: Übermorgen marschieren in vielen deutschen Städten, auch in Jena, Kollegen und Wissenschaftsinteressierte beim sogenannten „March for Science„. Nun bin ich sicherlich der Letzte, der etwas gegen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn hat. Dennoch befällt mich bei diesem seltsam ziellosen Marsch ein gewisses Unwohlsein, und nicht nur mich (s. auch hier). Kurz gesagt befremdet mich diese kritiklose Affirmation, die ich in der Initiative spüre. Ich war schon drauf und dran, hier etwas dazu zu schreiben, als mir Peter Finke seinen tief bohrenden Artikel dazu anbot. Danke, und Vorhang auf!]

Was ist eigentlich eine Tatsache? Wenn auf der Kreuzung nebenan zwei Autos kollidieren, kann man zwar ohne Worte auf diese und das Ereignis zeigen, nicht aber auf die damit verbundene Tatsache. Denn diese besteht nicht nur aus Dingen oder Ereignissen, sondern benötigt immer auch eine sprachliche Formulierung. Wir müssen einen Satz bemühen, um uns auf eine Tatsache zu beziehen, mithin eine Sprache. Und davon gibt es viele, großenteils höchst unterschiedliche. Deshalb ist es oft auch ein Problem, ob zwei Sätze in verschiedenen Sprachen wirklich die gleiche Tatsache zum Ausdruck bringen.

Nun ist es zweifellos richtig, sich dafür zu engagieren, dass Tatsachen ernst genommen und das schändliche Spiel von Trump und seiner „Beraterin“ Conway mit Lügen und „Fake News“ in aller Deutlichkeit an den Pranger gestellt werden. Wer nach dem Motto „America first!“ zum Beispiel die Forschungsergebnisse zum Klimawandel einfach leugnet, wird seiner Pflicht als Staatsmann und Erdretter nicht gerecht. Wer ihn so berät, dass man zwischen wirklichen und nur behaupteten Tatsachen, ja Lügen, keine scharfe Unterscheidung mehr soll treffen können, klärt nicht auf, sondern untergräbt Wirklichkeit.

Deshalb ist der für den 22. April geplante „March for Science“, der die Bedeutung von Wahrheit und Macht für die Wissenschaft wieder zurecht rücken soll, eine gute Sache. Dennoch sollte man sich von einer ernsthaften Initiative eine differenzierte Begründung erwarten, die auch einen kritischen Blick auf die Realitäten der Wissenschaft einschließt. Die Organisatoren jenes „Marsches“ machen es sich freilich zu einfach. Das beginnt bei der Wahl einer solchen Gleichschrittmetapher mit militärischem Anklang für eine ganz und gar zivile Sache. Schon Oster- und Friedensmarschierer würden ihrer wichtigen Sache dienen, wenn sie die kriegerischen Marsch-Assoziationen als hinderlich erkennen und künftig beiseite ließen. Die Wissenschaft aber ist leider nicht der unbedingte Garant für Tatsachentreue. Sie sollte es sein, das ist aber etwas anderes. Die Unterscheidung von Ideal und Wirklichkeit wird leider häufig nicht so ernst genommen, wie sie es verdient. Es wäre schön, wenn sich Wissenschaftler immer an den Tatsachen orientieren würden, aber tun sie das? Ich sehe, dass kenntnisreiche, ehrenamtlich forschende Amateure auf ihrem Gebiet sehr oft zuverlässigere Liebhaber der Tatsachen sind als in Fachstudien zu Spezialisten ausgebildete Berufswissenschaftler, die für ihre Forschung bezahlt werden.

Die Sache hat zwei Hauptaspekte: einen ökonomischen und einen linguistischen. Die Frage, aus welchen Quellen das Geld stammt, das Berufsforscher erhalten, war noch nie so aktuell wie heute. In einer Zeit, in der die überwiegend aus Wirtschaft und Industrie fließenden Drittmittel quantitativ inzwischen die Steuermittel des Staates überholt haben, ist die Tatsachenqualität der publizierten Resultate keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie ist es umso weniger, als unbefristete Stellen selten geworden sind und sich die meisten Forscher von einem Auftrag zum nächsten hangeln müssen, gerade auch wenn sie jung sind. Häufiger, als es uns lieb sein kann, stehen sie bei Ablieferung ihrer Ergebnisse vor der Frage abzuwägen, wie man die gefundenen Sachverhalte formulieren soll, wenn sie die Chance auf Anschlussaufträge nicht verlieren sollen. Es gibt leider viel zu viele Beispiele dafür, dass Einschränkungen gemacht, Teilergebnisse ausgelassen, Kommata verrutscht, Rücksichten genommen, Formulierungen geschönt worden sind, als dass man die naive Gleichung „Wissenschaft = unbedingte Tatsachentreue“ noch ernst nehmen könnte.

Die Abhängigkeit der institutionalisierten Wissenschaft von ihren Geldquellen führt für viele abhängig gewordene, nicht mehr wirklich freie Wissenschaftler zu einer früher ungeahnten Unsicherheit im Umgang mit der Darstellung der Resultate. Es findet sich freilich kaum ein Repräsentant unseres Wissenschaftssystems, ob Hochschullehrer oder Bildungspolitiker, der jenes Abhängigkeitsdilemma als ernsthaftes Problem der Verfasstheit der heutigen Wissenschaft anzuerkennen bereit ist; fast alle tun es als Persönlichkeitsproblem ab. Aber geht es tatsächlich nur um eine Serie bedauerlicher Einzelfälle psychisch instabiler Forscherindividuen? Hat es nicht doch etwas mit dem Wandel des Systems zu tun, das wir uns heute als Wissenschaftssystem leisten?

Unsere Universitäten sind spätestens seit der erheblich von ökonomischen Überlegungen inspirierten „Bologna-Reform“ zu Dienstleistern der Drittmittelgeber gemacht worden; ihre Leitung sollte sogar eine unternehmerische Qualität bekommen, Dozenten wurden zu Produktanbietern, Studierende zu „Kunden“ degradiert: ein Unding, wenn man das Grundgesetzwort von der Freiheit der Wissenschaft wirklich noch ernst nimmt. Die Bildungspolitiker Europas haben sich dabei parteiübergreifend wie brave Helfer des stärkeren Nachbarsystems Wirtschaft benommen. Und es ist erst wenige Jahre her, dass in Deutschland Akademiepräsidenten, die selbst eine Karriere in der Pharmaindustrie gemacht haben, vor zuviel Bürgerbeteiligung bei der Wissenschaft gewarnt haben; ihnen war sicher bewusst warum. In einer Demokratie aber kann sich selbst die Wissenschaft nicht leisten, sich auf Dauer außerhalb der offenen Gesellschaft zu stellen. Karl Popper wusste, wovon er sprach, als er „The Open Society and its Enemies“ schrieb.

Nein, die Organisatoren jenes „Marsches“ reden an den Problemen vorbei, so sehr auch ihre Motive ehren- und unterstützenswert sind. Auch sie sparen sich die nötige Wissenschaftskritik, ohne die es heute nicht mehr geht, wenn die Wissenschaft selbst das Thema ist. Dies macht das Problem komplexer, aber zur Tatsachenliebe gehört das dazu. Die Organisatoren verstecken sich hinter dem Ideal, wie sie überhaupt pauschal und falsch „die Wissenschaft“ mit der Berufswissenschaft identifizieren. Nicht nur die fragwürdige Marschmetapher zeigt, dass hier etwas mit der heißen Nadel gestrickt worden ist, sondern auch die Tatsache, dass man nonchalant Englisch redet, weil das angeblich heute die internationale Sprache par excellence und damit auch die Sprache der Wissenschaft ist.

Gibt es auf unserer vielsprachigen Erde wirklich eine internationale Sprache? Und ist dies ausgerechnet das Englische? Ist nicht gerade die tatsachenliebende Wissenschaft aufgerufen, aus der Vielsprachigkeit dieser Welt eine Pflicht zu kognitiver Differenzierung abzuleiten, auch wenn dies  die Kommunikation erst einmal erschwert? Die englische Sprache hat nicht das internationale Gewicht erlangt, welches sie heute besitzt, weil sie die Tatsachen kulturneutral am besten zum Ausdruck brächte und deshalb die perfekte Wissenschaftssprache wäre, sondern aus politischen und ökonomischen Machtgründen. Deshalb haben wir eine wirkliche Globalisierung noch nicht erreicht; sie funktioniert nur vielsprachig. Der Anlass, dass Liebhaber der Wissenschaft und der Tatsachen dieses wahrnehmen, wäre gegeben. Es ist ein doppelter: ein ökonomischer und ein linguistischer. Mit Leisetreterei durch Verschweigen ist niemandem geholfen.

Deshalb muss man darauf hoffen, dass die unbezahlt forschenden Personen in den verschiedensten Ländern, die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sich im Verbund mit einigen verbliebenen kritischen Beobachtern der wissenschaftlichen Entwicklung aufraffen, die komplexere Problematik der wirklichen Tatsachenliebe zu verteidigen und zugleich die hiermit offenbar bei vielen ihrer institutionengebundenen Kollegen oft verbundene linguistische und ökonomische Naivität infrage zu stellen. Es wäre zu wünschen, dass diese auch beim Protestmarsch der Wissenschaftler durchbrochen und angeprangert wird. Denn auch diese verbreitete Naivität macht die Vereinfachungen und Lügen der Trumps allererst möglich.

Leuchtet!

Die erste Enttäuschung kam 1998. Wer die sechzehn bleiernen Kohljahre nicht mit erlitten hat, wer nicht seine Jugend unter der schweren grauen Decke von Geistlosigkeit und Selbstgefälligkeit vegetiert hat, wer nicht alle vier Jahre wieder machtlos mit angesehen hat, wie das Wahlvolk im letzten Moment seine Meinung änderte und das überfällige Ende weiter hinauszögerte – der kann die Begeisterung nicht nachvollziehen, mit der ich 1998 mir sogar Briefwahlunterlagen kommen ließ, um trotz Italienurlaubs mithelfen zu können, endlich Rot-Grün an die Macht zu bringen. Der kann das Hochgefühl nicht verstehen, mit dem ich am Montag danach den Corriere della Sera kaufte und die erlösende Nachricht las.

Und dann? Kamen Lafontaine-Rücktritt, Hartz-Gesetze, Kosovokrieg und der Anfang vom Ende der deutschen Sozialdemokratie (†).

 

Aber nein, eigentlich hob eine andere Enttäuschung noch früher an. Aber ich spürte sie erst später. Das war 1989. Die Ossis rissen die Mauer ein (und retteten damit den eigentlich längst erledigten Kohl, was ich ihnen nie verzeihen werde), und eine Welle von Aufbruchsstimmung, von politischer Frischluft flutete durch die bleierne Republik. Allenthalben wurde die Systemfrage gestellt, wurde über das Neue diskutiert, das nun entstehen sollte, wurde laut überlegt, welchen Namen das wiedervereinigte Land tragen sollte – vielleicht DBR? – und welche Hymne es nutzen sollte. Konnte man nicht das Beste aus beiden Systemen bewahren, die Ausbeutung der Schwachen überwinden, eine bessere Welt schaffen?

Nix. Ossis können es sich vielleicht gar nicht vorstellen, was sich für uns Wessis mit der Wiedervereinigung geändert hat. Dabei kann man es in einem kurzen Wort zusammenfassen: Nix. Etwas ausführlicher: Gar nix. Überhaupt nix. Am 3.10.1990 wachte ich in demselben Land auf, in dem ich am 2.10. zu Bett gegangen war. In den Tagen danach begann ich mein Studium – wie geplant -, ich kaufte ein – wie gewohnt -, ich lebte mein Leben – wie gehabt. Vorübergehend gab es ein paar Trabis auf den Straßen. Aber die verschwanden auch bald wieder. Es dauerte zehn Jahre, bis ich die ersten leibhaftigen Ossis kennenlernte.

 

2009 kam es noch einmal dicke. Endlich war G.W. Bush weg, und ihn ersetzte ein sympathischer, dunkelhäutiger Präsident mit warmer Stimme und besten Absichten. Sogar das Nobelkomitee wusste sich vor Begeisterung gar nicht zu halten und verlieh ihm den wohl ersten Vorschuss-Nobelpreis der Geschichte.

Heute ist er ein Massenmörder mit der Drohne, hat mit ungebremster NATO-Erweiterung den Ost-West-Konflikt wieder aufgebrochen, Guantanamo immer noch nicht geschlossen, Freund und Feind abgehört. Und eigentlich nichts anders gemacht als die Halunken, die vor ihm dran waren.

 

Man könnte noch Tsipras erwähnen – den größten Umfaller der jüngeren Geschichte. Aber genug. Denn nein: Es ist hier gar nicht meine Absicht, auf butterweichen, prinzipienlosen Politikern herumzuhacken.

Sondern auf uns.

Auf uns, die wir immer und immer wieder unsere Hoffnungen auf Lichtgestalten projizieren. Lichtgestalten, die nur deswegen so hell leuchten, weil so viele Hoffnungsstrahlen auf sie gerichtet sind. Aus sich heraus leuchten sie nicht. Sie tragen nur Licht.

Indem wir all unsere Hoffnung auf sie werfen, tragen wir sie selbst nicht mehr. Wir geben, mit anderen Worten, unsere Verantwortung ab. Wenn die Welt finster und schäbig ist, dann soll der Licht-Träger es richten. Wir – haben dabei nichts zu tun. Wir haben unsere Energie verbraucht, unsere Möglichkeiten erschöpft. Wir hoffen doch schon, wir bekunden unsere Unterstützung, wir gehen vielleicht sogar zur Wahl – das muss doch reichen!

Es reicht natürlich nicht. Der Licht-Träger – lateinisch: Luci-fer – geht unweigerlich den Weg jedes Luzifers. Und wir stehen erneut im Dunkeln, bis sich der Nächste als Projektionsfläche anbietet.

Wir könnten daraus lernen: Lernen, unser Licht nicht in die Ferne zu bündeln und nutzlos zu verstrahlen. Sondern es gleichmäßig in unsere Umgebung zu leuchten. Wir haben kein Recht, unsere Macht und Verantwortung nach oben wegzudelegieren. Wir müssen das Richtige schon selbst tun. Und wenn wir alle ein bisschen leuchten, dann wird die Welt auch heller.

Frohe Ostern.

Angenommen . . . nur angenommen . . . alle Wirklichkeit wäre kulturabhängig . . .

„Wenn unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit sich ändern, ändert sich dann auch die Wirklichkeit?“ Michael Ende

Zuletzt habe ich den Gedanken in den Raum gestellt, dass sich die Wahrheiten der Medizin von Mensch zu Mensch unterscheiden könnten. Dass Gedankengebäude der Heilung, die für den Einen funktionieren, beim Anderen versagen. Dass es die Medizin folglich nicht geben könnte.

Heute will ich diesen Gedanken weiter spinnen.

Wieder zwei Anekdoten zu Beginn:

 

Ich habe einen lieben alten Freund, der ist Anarchosyndikalist. Also Vertreter jener Spielart des Anarchismus, der aus der klassischen proletarischen Gewerkschaftsbewegung kommt und daher ideologische Nähe zum Kommunismus pflegt. Folglich ist sein Weltbild in vielen Punkten klassisch links geprägt. Dazu gehören selbstverständlich der Atheismus, der Materialismus, und die sich daraus ergebende Ablehnung alles Übersinnlichen / Spirituellen / Esoterischen.

Dieser Freund erzählte mir vor Jahren eine Geschichte, die ihm wiederum eine mexikanische Genossin berichtet hatte. Auch sie: links, materialistisch, gebildet. Als sie zum Dia de los Muertos bei Verwandten zu Besuch war, war sie daher entrüstet, dass diese dem uralten Aberglauben huldigten und kostbares Essen (mit dem man doch die Armen hätte speisen können!) auf dem Hausaltar für die Toten aufstellten. Ihre Vorhaltungen fruchteten allerdings nichts; das Essen wurde vom Familientisch abgezweigt und hingestellt.

Doch aus Trotz ging sie – so erzählte sie es selbst meinem Freund, und der erzählte es mir – in der Nacht, als alle anderen schliefen, und nahm von der Speise, die auf dem Hausaltar kalt geworden war. Es war ein Portion von derselben Mahlzeit, die sie selbst zu Abend genossen hatte, kräftig und scharf mexikanisch gewürzt.

Aber die Portion, die für die Toten bereitgestellt worden war, hatte keinen Geschmack mehr. Fad war sie. Wie Wasser.

 

Die Quelle für die zweite Anekdote ist um Größenordnungen weniger verlässlich. Dafür illustriert sie aber den Punkt, zum dem ich letztlich führen will.

Vor mehr als 35 Jahren brach ein junges Pärchen aus Köln per Motorrad zu einer Tour nach Japan auf, die sie letztlich 16 Jahre lang durch die ganze Welt führen würde. Ich hörte sie ungefähr Ende 2000 bei einer Diashow in Bielefeld und kaufte, beeindruckt von der Schilderung des Abenteuers, das Buch. Mehrfach haben die Beiden ihre Motorräder zu Raddampfern umgebaut; sie sind damit den Yukon und den Amazonas hinabgefahren; in Honduras sind sie äußerst knapp Mordbanden entgangen; in China sind sie illegal herumgefahren, haben mit der Polizei Haschen gespielt und sich von einem General persönlich nach Hongkong abschieben lassen – und das sind nur die Erlebnisse, die mir Jahre später noch in Erinnerung geblieben sind. Sechzehn Jahre voller Abenteuer, eine Fahrt über alle Kontinente, genügend Geschichten zu erzählen für ein Leben.

Und mitten darin folgende: Er fährt im Süden Afrikas – ich glaube, es war Namibia – alleine (das könnte wichtig sein!) durch die Wüste zu einer Schlucht. In der Nähe begegnet er Ureinwohnern, setzt sich mit ihnen hin, teilt ihr Essen. Und kommuniziert – so sagt er – über Telepathie.

 

Zwei Anekdoten, und wieder hat fast jeder schon ähnliche gehört: von Geistersichtungen, Wunderheilungen, wahrgewordenen Prophezeiungen, außersinnlichen Wahrnehmungen, Telekinese, etc..

Zugleich aber haben alle diese Berichte auch eines gemeinsam: Sie haben sich nie unter kontrollierten Bedingungen wiederholen lassen. Seit Jahrzehnten erforschen Institute paranormale Phänomene: mit äußerst mageren Ergebnissen. Ebenso lange steht James Randis Eine-Million-Dollar-Herausforderung, doch noch niemandem ist es gelungen, ihn von paranormalen Fähigkeiten zu überzeugen und damit die Million einzusacken.

Dieses Schicksal teilen sie mit alternativen Ansätzen der Heilung: Homöopathie und Osteopathie mögen Einzelnen durchaus helfen. Aber in wissenschaftlicher Gesamtschau funktionieren sie schlicht: Nicht.

Man könnte diese Diskrepanz leicht abtun. Zufälle passieren. Menschen machen sich wichtig. Die Wahrnehmung lässt sich täuschen.

Aber warum sollte eine ideologisch gefestigte Genossin sich eine Geschichte ausdenken, die ihre eigene Weltsicht infrage stellt? Warum sollte sich jemand, der wahrlich genug zu erzählen hat, mit einer esoterischen Spinnerei lächerlich machen? Und warum gibt es solche Anekdoten immer wieder?

Ich möchte eine andere Erklärung dafür anbieten, warum sich paranormale Phänomene vor Zeugen niemals wiederholen lassen:

Vielleicht ist die Wirklichkeit kulturell bestimmt. Und zwar in noch viel grundlegenderer Weise, als soziologisch kundige Menschen es sowieso für selbstverständlich halten.

Denn dass unsere soziale Wirklichkeit – unsere Wahrnehmung von Menschen, Akzeptanz von Regeln, Definition von Normalität etc. – sozial determiniert sind, ist heutzutage trivial. Vielleicht aber geht die Macht kultureller Übereinkunft noch weiter. Vielleicht ist in der physikalischen Welt das Mögliche und Wirkliche dadurch bestimmt, was Menschen gemeinsam glauben.

Wenn also Menschen sich gemeinsam eine Wirklichkeit konstruieren, in welcher die Toten den Geschmack aus den Speisen saugen: dann geschieht das so. Wenn sie eine Wirklichkeit konstruieren, in der Telepathie möglich ist: dann ist sie das. Die Naturgesetze sind danach nicht (völlig) unabhängig vom kulturellen Einfluss.

Warum aber lassen sich diese Wirklichkeiten anderer Kulturen nicht objektiv beobachten? Warum sind sie aus unserer Sicht so flüchtig? Da kommt der Umstand ins Spiel, dass in beiden Anekdoten, die ich eingangs erzählt habe, die Berichterstatter allein waren. Kultur ist ein soziales Produkt. Eine Individualkultur gibt es ebensowenig wie eine Individualsprache. In der Spekulation, die ich hier durchspielen will, bedeutet das, dass einzelne Beobachter die Wirklichkeit ihrer Kultur nicht, oder nicht hinreichend stark, mit sich tragen können, um eine andere Kultur zu stören. Sie sind notgedrungen offen.

Sobald aber auch nur ein Zweiter dazu kommt, entsteht eine kulturelle Gemeinschaft. Schon der frühe Sozialphilosoph Jesus von Nazareth beschreibt diesen Prozess sehr treffend, durch den eine gemeinsame Wirklichkeit erschaffen wird: „Wo zwei oder drei von Euch in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Zwei oder drei treten in Resonanz. Sie erschaffen eine Wirklichkeitsblase. Diese behauptet sich in der fremden Kultur, und lässt deren Gesetze nicht zu.

 

Selbstverständlich ist diese Spekulation auf wissenschaftliche Weise ebensowenig zu testen, wie es die paranormalen Phänomene sind, die sie rechtfertigt. Das macht sie aber nicht weniger faszinierend, oder?

Zugegebenermaßen lässt sie auch Fragen offen.

Erstens: Ist nach kultureller Übereinkunft alles möglich? Fliegen, feuerspeiende Drachen, Transsubstantation, Auferstehung von den Toten? Oder gibt es doch gewissen Grenzen, die durch Naturgesetze – etwas wattigere Naturgesetze vielleicht, aber eben doch Gesetze – vorgeben werden? – Das können wir nicht wissen. Es ist ja sowieso alles Spekulation, und jeder Leser ist eingeladen, den Gedankengang nach seinem Gutdünken auszuspinnen. Die Beobachtung, dass sich bislang noch keine Kultur auf der Erde über gewisse physikalische Grenzen hinaus gewagt hat, lässt mich vermuten, dass es solche Grenzen gibt. Es wäre reizvoll zu spekulieren, welche Form sie haben.

Und zweitens: Warum gewinnt bei Konfrontation immer die abendländische Kultur? Warum genügt es, zu zweit zu reisen, um von jeglichen paranormalen Erlebnissen verschont zu bleiben, während sich zu zweit reisende Südafrikaner allem Anschein nach nicht telepathisch verständigen können? Auch dies weiß ich nicht. Aber die Erklärung, zu der ich neige, ergibt sich aus der Antwort auf die erste Frage. Wenn es nur einen begrenzten Spielraum für das kulturell Mögliche gibt, dann gibt es darin vielleicht auch eine kulturphysikalische Minimalausstattung. Eine Art Welt-Default, von dem Kulturen nur eine gewisse Spanne abweichen können. Die abendländische Zivilisation, die an nichts mehr glaubt, bleibt auf die kargen Basisgesetze zurückgeworfen. Doch weil diese Minimalwirklichkeit eben der gemeinsame Nenner ist, einigen sich im Konfliktfall alle Kulturen darauf.

Diese Spekulation ist eine Einladung zum Spintisieren. Und eine Einladung zum Träumen. Und eine Einladung zur Offenheit.

Und nicht zuletzt auch eine Einladung zum Abenteuer. Wer allein reist, kann ungeahnte Dinge erleben (denn die Welt ist nicht geheuer). Vermutlich wird sie ihm niemand glauben.

Macht das was?