Hochliteratur ohne Zukunft

Gerade habe ich „Revolutionen“ von Jean-Marie Gustave Le Clézio gelesen. Der Autor ist der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2008, und „Revolutionen“ laut Umschlagtext angeblich sein anspruchsvollster und umfassendster Roman.

Hier kann man meine Rezension des Buches lesen. Ich will sie hier nicht wiederholen (kurz: drei Sterne), denn es geht mir hier um etwas Allgemeineres.

Le Clézios dicker, ereignisarmer und bisweilen langatmiger Wälzer ist eine ausgeweitete Autobiographie, auch wenn sie in der dritten Person geschrieben ist und einige Namen und Details verändert. Ausführlich erzählt er sein eigenes Heranwachsen in Nizza und London, obgleich es darin keine wirklich besonderen Vorkommnisse gab: Hat Abi gemacht, hat Medizin studiert, hat sexuelle Beziehungen gehabt. Darüber hinaus erzählt er den Beginn seiner Familiengeschichte: Die entscheidenden Jahre im Leben jenes Vorfahren, der kurz nach der Französischen Revolution nach Mauritius auswanderte und dort das Familiengut begründete. Als Brücke dazwischen die Großtante des Helden, die ihm berichten kann, wie die Familie das Gut 1910 verlor und nach Frankreich zurückkehrte.

Es ist also rein dokumentarisches Schreiben. Es geht um das, was war. Le Clézio bekennt das offen und macht eine Tugend daraus: „Warum soll man Geschichten erfinden, Geschichten schreiben?“ fragt er gegen Ende des Buches. Er drückt damit, scheint mir, eine Haltung aus, die in der gegenwärtigen Literaturszene verbreitet und für Großschriftsteller typisch ist.

Man gehe einmal die Liste der Literaturnobelpreisträger der, sagen wir, letzten 20 Jahre durch. Viele muss ich nachschlagen, weil ich ihre Werke nicht kenne. Daher nur kursorisch: Grass – schreibt von der jüngeren Vergangenheit, die er erlebt hat. Naipaul – Reiseschriftsteller; seine Romane handeln von den Ländern, die er erlebt hat. Kertész – verarbeitet autobiographische Erfahrungen. Lessing – erzählt in ihren Hauptwerken von sich und ihren Eltern. Müller – kann von gar nichts anderem reden als von der Ceaușescu-Diktatur. Vargas Llosa – erzählt immer wieder autobiographisch. Modiano – hat die Erinnerung an die deutsche Besetzung Frankreichs zu seinem Thema gemacht. Alexijewitsch – schreibt politische Dokumentarprosa. Dylan – singt von unserer Zeit.

Es geht um Erinnerung. Es geht um „Aufarbeitung“. Es geht also um Vergangenheit.

Die von Kritikern, Literaturwissenschaftlern und Jurys geschätzte Literatur handelt stets vom Gewesenen. Selten dagegen handelt sie vom Zukünftigen, vom Möglichen. Oder gar Unmöglichen. Der Blick geht immer nach hinten. Aber wenn Künstler so etwas wie Kundschafter möglicher Zukünfte sind – müsste ihr Blick dann nicht nach vorn gehen? Wer soll die die Ideen, die Hoffnungen, die Utopien in Worte fassen und lebendig machen, wenn nicht die Schriftsteller?

Dass die Literaturkritik die phantastische und Fantasy-Literatur so konsequent verachtet und missachtet, ist ein Symptom für das Misstrauen, das unsere Kultur gegenüber der Utopie hegt. Sie ist ein Symptom für das Gefühl der Alternativlosigkeit, das alles Geistesleben durchdrungen hat. Wenn das Bestehende alternativlos ist, dann hat es keinen Sinn zu fragen, was sein könnte. Dann ist die Zukunft kein Ort der Spekulation, sondern allenfalls der Resignation.

Zum Glück gibt es auch andere Literatur. Zum Glück gibt es Ursula K. LeGuin mit ihren anarchistischen Utopien. Terry Pratchett mit seinem nimmermüden Lob des Geschichtenerzählens. Stanislaw Lem mit seiner brillanten Erkundung des Denkbaren. Jorge Luis Borges mit seinen vielfältigen Einladungen zu Denken und Spekulation. Jasper Fforde mit der heiteren Zertrümmerung aller Konventionen.

Für weitere Empfehlungen bin ich dankbar.

Zu viel und zu wenig Toleranz

Ich mag das Wort „Toleranz“ immer weniger, weil es mir zugleich zuviel und zu wenig bedeutet.

Zuviel, wenn man es so verwendet, wie es heute üblich ist. Wer sich heute seiner Toleranz rühmt – der vielgepriesenen Toleranz in der westlichen Kultur -, meint damit doch meist nur, dass er das toleriert – also duldet -, was er ertragen kann. Eine Tugend ist das offensichtlich nicht. Diese Art von Toleranz findet ihr abruptes Ende dort, wo etwas Fremdes wirklich fremd ist und sich erfolgreich dagegen wehrt, vereinnahmt zu werden. Erdreistet sich das Fremde gar, mit eigenen Werten aufzuwarten (unter denen „Toleranz“ nicht an erster Stelle steht), dann gilt es geradezu als Ehrenpflicht, solches nicht zu tolerieren. – Diese verlegene Weichspülform von Toleranz ist meistens gemeint, wenn das Wort fällt, das dabei doch einen viel gewichtigeren Klang anschlägt.

Denn gleichzeitig bedeutet es zu wenig. Denn das Wort sollte viel mehr enthalten, aber seine Übersetzung „Duldsamkeit“ trägt dieses Mehr nicht. Wie Michael Ende schrieb, scheint es mir durchaus nicht erstrebenswert, das Fremde nur zu erdulden, und es reicht mir auch nicht, es zu vereinnahmen. Ich will das Fremde als Fremdes gelten lassen, bestaunen und kennenlernen, will, mit Endes Wort, „fremdgierig“ sein.

Damit ist mitnichten gefordert, das Fremde auch zu mögen. Im Gegenteil: Wenn ich die eigenen Werte und Überzeugungen ernst nehme, dann werden mir die fremden bisweilen von Herzen widerlich sein. Gerade dann fordern sie aber meine Fähigkeit zum Verstehen heraus. Gerade dann können sie mich faszinieren. Ich muss nur der Versuchung widerstehen, das Unsympathische für unterlegen zu halten, dem Eklen die Existenzberechtigung abzusprechen. Das Andere ist nicht gleich, aber gleichwertig.

Wir sollten aufhören, uns das Fremde angleichen zu wollen. Aufhören, nach universalen Werten und dem Weltethos zu suchen. Wahrscheinlich bleibt das Fremde fremd. Aber wenn wir das akzeptieren, hat es immerhin keinen Grund mehr, uns feindselig zu sein.

Alle: Ausbeuter

Auf unserem Grundstück stand eine gewaltige Scheune, deren Erdgeschoss mit den halbmeterdicken Mauern, den tonnenschweren Stahlträgern und Betondecken sich lange jedem Abriss widersetzte. Klar, die eine oder andere Firma wäre gerne mit schweren Baggern da reingefahren und hätte alles kurz und klein gehauen, aber erstens wollten wir einige Wände stehen lassen, und zweitens wären dafür fünfstelligen Summen fällig geworden. Das ging nicht.

Dann fand sich Herr B., ein tatkräftiger Ein-Mann-Unternehmer kurz nach der Gründung, und packte die Sache an. Was wir ihm zahlten, war erheblich weniger. Wo wir bei Folgeaufträgen das Verhältnis von Arbeitslohn zu Arbeitsleistung einschätzen konnten, fragten wir uns, was ihm nach Abzug der Spritkosten noch zum Leben übrig bleiben mochte, zumal er noch zwei Mann mitbrachte. Und Arbeitssicherheit . . . pffft. Keiner der Leute trug auch nur einen Helm. Aber innerhalb weniger Wochen waren die Scheune abgerissen und diverse sonstige Steinhaufen beräumt.

Dann, kurz vor dem letzten Handgriff, erlitt Herr B. einen Nervenzusammenbruch. Seine Lebensgefährtin hatte ihm mit Trennung gedroht; er arbeitete zu viel und brachte zu wenig nach Hause. Er schloss die Firma und brach den Kontakt zu uns ab.

Haben wir ihn ausgebeutet? Hat er sich ausgebeutet?

 

Ein Bekannter von uns, kurdischer Flüchtling aus Syrien, findet hier kaum Arbeit. Eine Zeit lang war er bei einer Leiharbeitsfirma. Da bei der Kündigung dort etwas schief ging, bekommt er seit zwei Monaten kein Geld mehr vom Amt. Gäbe es seinen Bruder in Hamburg nicht, seine Frau und er müssten hungern. Daher ist er froh und dankbar, gelegentlich bei Freunden handwerkliche Dienstleistungen in Haus und Garten übernehmen zu können, für einen absurd niedrigen Tageslohn. Er freut sich über das Geld, und braucht es, und mehr könnten sie ihm nicht zahlen.

Wird er ausgebeutet?

Diejenigen seiner Brüder, erzählt er, die in Syrien geblieben sind, sind jetzt arbeitslos, weil die Stadt von Flüchtlingen überlaufen wird, die in ihrer Not für einen Hungerlohn arbeiten. Seine Brüder sind wütend auf die Flüchtlinge, aber er mahnt sie zur Mäßigung: Er tue hier ja auch nichts anderes.

Beutet er aus? Werden die Flüchtlinge in Syrien ausgebeutet? Oder seine Brüder?

 

Von Jeff Bezos, dem Amazon-Gründer, las ich kürzlich, dass er zumindest in der Anfangszeit keine Klimaanlagen in seinen Verteilzentren installierte, sondern die kollabierten Arbeiter lieber vom Rettungsdienst versorgen ließ – das war billiger. Dass er bis heute mit Angestellten auf allen Hierarchieebenen kaum besser verfährt, ist hinreichend bekannt.

Beutet er aus? Ist er schlimmer als wir?

Und der Apple-Zulieferer Foxconn gab zu, Kinder zu beschäftigen.

Ist er ein schlimmerer Ausbeuter als die Arbeitgeber syrischer Flüchtlinge?

 

Ist es hilfreich, Gute und Böse zu unterscheiden? Ausgebeutete und Ausbeuter? Oder ist das nicht eher: naiv? Oder auch: heuchlerisch und gefährlich? Weil es die unvermeidliche Mitschuld der Urteilenden leugnet? Weil es suggeriert, man müsse Menschen für ihre Schuld bestrafen?

Wo doch tatsächlich Jeder in diesem System zum Ausbeuter wird. Die Schwachen weniger als die Starken, gewiss. Aber Stärke ist keine Sünde und Schwachheit kein Verdienst. Der Kuchen wird immer kleiner, und alle wollen satt werden. Die Stühle beim Reise-nach-Jerusalem-Spiel werden immer weniger, und alle, alle rennen und schubsen, um noch einen zu ergattern. Die Starken gewinnen (b.a.w.), und die Schwachen scheiden aus, aber Schuld trägt doch nur der, der die Stühle wegnimmt.

Wenn wir das Hungern und Rennen wirklich leid sind, dann müssen wir das Spiel ändern. Innerhalb dieses Scheißspiels, das wir „Kapitalismus“ nennen, sind wir alle: Ausbeuter.

Von der weglosen Wildnis zum ortlosen Raum

Orte oder Netze?

Vogelperspektive. Eine Landkarte. Städte. Wege. Was sehen wir? Wege, die sich in Städten kreuzen und verknüpfen? Oder Städte, die durch Wege verbunden werden?

Was wir sehen, hat sich über die Jahrhunderte abendländischer Geschichte hinweg drastisch verändert. Einst, im frühen und hohen Mittelalter, waren Städte der Ort, an dem das Leben stattfand. Städte hatten die sichere Burg, Städte boten den Schutz von Kirche und Gericht, Städte prägten und bezahlten Geld, Städte waren umgeben von der Mauer, die alles Böse, Wilde und Gefährliche draußen hielt. Denn draußen war die Wildnis. Da gab es Wölfe und Bären, so furchterregend für die Menschen, dass die Bilder dieser Angst uns bis heute vertraut sind. Und es gab Räuber und Raubritter, Wegelagerer, die jedes Verlassen der bergenden Stadt zum Wagnis machten. Schon, wer nur außerhalb der Stadtmauern zu wohnen hatte, wie Henker, Schlachter und Schmiede, wurde schräg angesehen, aber wer als Fahrender – sei es als Händler, als Zigeuner oder als Schausteller – in eine Stadt kam, stieß auf Misstrauen und wurde möglichst bald hinauskomplimentiert. Wohl dem, der Geleitbriefe oder Empfehlungen hatte. Denn von draußen konnte nur Übles kommen. Wege waren schlecht und schlammig und wenig mehr als ein notwendiges Übel, weil doch letztlich keine Stadt sich selbst genug sein kann. Aber das Eigentliche war die Stadt. Sie war das „Drinnen“, die Heimat, der Ursprung, der Schutz.

Erst mit dem aufkommenden Merkantilismus begann sich das zu ändern. Kaufleute wurden so selbstbewusst, wie sie wohlhabend wurden; und mit ihnen verlor das Reisen seinen schlechten Ruch. Das Land wurde gezähmt und beherrscht, die Wälder verschwanden, die Wege wurden sicherer. Die Städte wuchsen, zunächst noch in ihren Mauern, irgendwann aber auch darüber hinaus. Zwar warf der Dreißigjährige Krieg die Geschichte noch einmal zurück, machte das Land wieder wüst und die Städte zur (trügerischen) Zuflucht. Aber nur gut hundert Jahre später fing man an, die Stadtmauern zu schleifen. Einerseits boten sie kaum noch Schutz gegen die Künste der Sprengmeister, andererseits aber und vor allem konnten sie die Scharen der Landflüchtigen nicht mehr halten. Und schließlich brauchte man sie auch nicht mehr. Es gab keine Räuberhorden mehr, keine Raubritter, keine Fehden, keine Wölfe, keine Bären. Die Städte grenzten sich nicht mehr ab gegen das Land: Sie beherrschten es.

Zugleich wurden die Wege besser, denn sie wurden mehr benutzt. Händler, Handwerker und Studiosi zogen von Stadt zu Stadt. Der Ortswechsel wurde zum typischen Merkmal einer Biographie. Dynastien, die über Jahrhunderte in einem Ort ansässig gewesen waren – die Bachs in Wechmar, die Morgensterns in Rudolstadt, die Goethes in Frankfurt -, sie fingen an, sich auf Deutschland zu verteilen. Man sieht das sehr schön im Video zu einer in Science erschienenen Studie: Die Forscher versuchten, Kulturgeschichte quantifizierbar zu machen, indem sie zu allen lexikalisch erfassten Personen der letzten Tausend Jahre den Geburts- und den Sterbeort erfassten und verbanden. Man sieht, wie diese ab dem Jahr 1000 zunächst meist nah beieinander liegen, aber mit der Zeit nehmen die Abstände zu, der große Bogen wird zur Regel. Bis schließlich, ab dem 19. Jhd., eine wachsende Zahl von Lebensbögen aus der Karte hinaus führt, meist nach Nordamerika, oder in die Kolonien in aller Welt. Die Stadt als Burg und Heimat hatte ausgedient.

Lebensbögen

Aus: Schich et al. (2014) A Network framework of cultural history. Science 345: 558-562

Doch die Entwicklung ging noch weiter. Zwar wurden die Städte groß, wurden zur Metropole. Zugleich aber wurden sie ununterscheidbar. Ob sich der moderne Jetsetter, das Idealbild der Gegenwart, in Berlin befindet, in New York, in Dubai, in Hongkong, in Tokio oder in Curitiba – das wird er in den verwirrten Minuten nach dem Aufwachen so manches Mal nicht zu unterscheiden wissen. Überall dieselben Wolkenkratzer, die Glasfassaden, die Bankentürme, die Fastfood-Ketten und Weltkonzerne, die Mode- und Bekleidungslabels, das schlechte Englisch. Die Stadt hat ihre Grenzen verloren, sie ist kein Ort mehr, sie hat sich aufgelöst und ist ein Knotenpunkt von Verbindungslinien geworden.

Und weiter: Es ist kein Zufall, dass eines der frühen italienischen Internet-Projekte, lange vor dem Web 2.0, nach Calvino „Le città invisibili“ hieß, „Die unsichtbaren Städte“. (Und noch heute heißen reihenweise italienische Netzwerke so.) Die räumliche, wirkliche Stadt, die notwendig einen festen Ort besetzen und ausfüllen muss, wird im Erleben der Menschen ersetzt durch das Internet, das irgendwer einst zutreffend den „ortlosen Raum“ genannt hat. Ein Gebilde, das nur aus Verbindungen besteht. Darin Terrororganisationen ähnlich, oder den immer gleichen Autobahnen, an denen die Orte nur austauschbare weiße Namen auf blauem Grund sind. Und es ist kein Zufall, dass wir spätestens seit Luhmann auch uns selbst und unsere Gesellschaft so wahrnehmen, als ein Geflecht von Beziehungen, und Beziehungen zwischen diesen Beziehungen, zwischen denen der Mensch und sein Ort nicht mehr vorkommen.

Auf den frühen Landkarten, die man gelegentlich in Museen sieht, sind Küsten eingezeichnet, Ländernamen, und Städte. Vor allem Städte. Auf den meisten Karten, die wir heute benutzen, ist es umgekehrt: Die Orte sind nur noch blaßrosa Flecken auf grünem Grund, aber die Straßen heben sich weiß und gelb bis in die feinsten Verästelungen daraus hervor, sind im Autoatlas sogar überproportional dick, bedecken fast das ganze Land, das sie mit ihrem Netz überziehen. Wir leben nicht mehr an Orten, sondern in einem Netz, und dessen Knotenpunkten.

Man könnte eine Kulturgeschichte entlang dieser Entwicklung schreiben: abendländische Kultur als beschleunigte Bewegung. Und nicht nur das Abendland: Jede Kultur könnte man einordnen auf der Skala von Ort und Weg. Auch das Römische Reich, als es untergegangen war, hinterließ ein Netz von Fernstraßen; auch die Römer hatten die Wildnis durch Wege gebunden. Auch von den Inkas sind die Handelswege geblieben. Spengler sah in jeder Kultur eine schicksalhafte Entwicklung vom Dorf über die Kleinstadt und Stadt zur Metropole. Er hat Recht, aber man muss ihn ergänzen: Der Weg geht vom Pfad über die Straße zur Autobahn, zur Datenautobahn, und darin löst die Metropole sich auf.

Muss man alles tun, was man darf?

Was darf Satire?

Jedesmal, wenn fanatische Mörder Karikaturen oder Filme (geschriebene Satire weit seltener – sie lesen wahrscheinlich nicht) zum Vorwand nehmen, um deren Schöpfer umzubringen, wird Tucholskys Frage wieder gestellt. Meist als rhetorische Frage: „Alles“, lautet bekanntlich die apodiktische Antwort des heiligen Kurt, und „Alles“ muss daher auch die reflexartig aus dem intellektuellen Maschinengewehr gefeuerte Antwort sein. „Alles“: Das ist die richtige Antwort. Wir alle wissen das.

Und insofern es um Rechte und Gesetze, auch ungeschriebene, geht, ist sie richtig. Eines der wichtigsten Rechte, das Menschen behaupten können, ist das Recht auf freie Meinungsäußerung. Innerhalb sehr weiter Grenzen, die nur durch Verleumdung, Ehrabschneidung, Volksverhetzung und den Umgang mit politischem Extremismus gezogen sind, darf jeder alles sagen, was er für richtig hält. Wenn wir uns eine Gesellschaft von aufgeklärten, selbstverantwortlichen Menschen wünschen, dann ist dieses Recht zentral, und kein Gesetz, keine Zensur und kein vorauseilender Gehorsam darf es einschränken.

Aber ist damit alles gesagt?

Muss man alles tun, was man darf?

Die Menschenrechte bestehen aus einer Aufzählung dessen, was man darf. Sie gelten als Grundlage aller Rechtsprechung, und damit aller verbindlichen Regeln sozialen Miteinanders. Aber viele Ethiker und Sozialwissenschaftler – besonders solche aus nicht-westlichen Kulturkreisen, oder mit Forschungserfahrung in diesen – bezweifeln, dass sich eine funktionierende Gesellschaft so zusammenhalten lässt. Wenn jeder auf seine Rechte pocht, wird eine Gesellschaft zu einem Sammelsurium von Monaden in Braunscher Molekularbewegung: Jeder fährt die Ellenbogen aus und verteidigt seinen Bewegungsspielraum. Ein Zusammenhalt ist in so einem Extremmodell nicht vorgesehen, denn es gibt keinen Verzicht auf Freiheiten, und keine Verantwortung. In jeder realen Gesellschaft – wenngleich zu sehr unterschiedlichen Anteilen – beruht das reibungslose Funktionieren hingegen darauf, dass Menschen freiwillig nicht alles tun, was sie dürfen.

Das gilt auch für Meinungsäußerungen. Mir kommt da die berühmte Geschichte der drei sokratischen Siebe in den Sinn:

Zu Sokrates kam einer seiner Schüler gerannt: „Sokrates, Sokrates! Weißt Du, was ich gerade über Diomedes gehört habe? Das muss ich Dir unbedingt erzählen. Hör mal: -„

„Halt“, hob Sokrates die Hand. „Bevor Du es mir erzählst, sage mir: Geht Deine Neuigkeit durch die drei Siebe?“

„Drei Siebe?“

„Ist das, was Du mir erzählen willst, gut?“

„Nee, gut ist es eben nicht, hehe“, kicherte der Schüler verschwörerisch. „Die Sache ist nämlich die . . .“

„Halt. Ist die Sache denn wahr?“

„Ob sie wahr ist“, fragte der Schüler. „Weiß nicht. Ich hab’s gerade von Glaukos gehört, und der hat’s, glaube ich, von Epimetheus, oder so . . .“

„Soso. Ist es denn nötig, dass Du es mir erzählst?“

„Nein“, gab der Schüler kleinlaut zu. „Nötig ist es eigentlich nicht. Ich dachte halt, es würde Dich vielleicht interessieren.“

„Also“, endete Sokrates. „Wenn das, was Du mir erzählen wolltest, weder gut noch wahr noch nötig ist – warum wolltest Du es mir dann erzählen?“

Wir dürfen alles sagen, was wir wollen. Aber wir müssen es vielleicht nicht unbedingt tun. Nicht aus Angst vor Zensur, Sanktionen, Terror. Auch nicht – um Himmels Willen! – weil ein Gesetz es verbieten würde. Sondern weil jeder von uns auch Verantwortung für das übernehmen muss, was er sagt und tut, und für dessen gesellschaftliche Wirkungen. Das ist ein freiwilliges Müssen: In einer freien Gesellschaft darf kein Gesetz mich zwingen, etwas zu unterlassen, wozu ich das Recht habe. Ich muss mich selbst dazu entscheiden, im Hinblick auf die Welt, die ich mir wünsche.

So darf, am konkreten Beispiel, der Spiegel einen Anti-Islam-Hetzaufmacher nach dem anderen bringen. Niemand darf ihm das verbieten. Aber obgleich ich den sunnitischen Islam heutiger Prägung, wie ich ihn etwa in der Türkei erlebe, auch nicht sonderlich mag, habe ich mich längst entschieden, darüber nichts zu schreiben – nicht aus Angst vor Islamisten, sondern weil ich sicher bin, dass ich damit die Welt nicht besser machen würde – im Gegenteil. Ich wünschte, die Spiegel-Redaktion sähe das ähnlich, aber mehr als wünschen kann ich das nicht.

Die Macher von Charlie Hebdo haben sich entschieden, die kompromisslos laizistische Tradition Frankreichs zu verteidigen. Die Welt, die sie sich gewünscht haben, war eine, in der Religionen keinerlei Macht außerhalb ihrer Glaubensgemeinschaft haben. Sie haben dafür – wie manche andere Satiriker und Kommentatoren – ihr Leben riskiert, und einige haben es dafür geopfert. Das bewundere ich.

Aber ich hätte es nicht getan, denn meine Vorstellung vom idealen Miteinander ist eine andere. Ich bestehe darauf, dass Satire alles darf, und dass ich Gott lästern darf, soviel ich will.

Aber ich finde nicht, dass ich es tun muss.

Track an – Film ab!

Wenn ich Musik höre, dann genieße ich diese üblicherweise um ihrer selbst willen. Ich liebe schöne Melodien – oder mindestens markante Themen -, und umso mehr, wenn sie mit einem prägnanten Rhythmus unterlegt sind. Darum liegt mir die lateinamerikanische Musik so nahe, aber natürlich auch der Reichtum der Musik des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts. So gut wie nie kommt es vor, selbst bei ausgesprochener Programmmusik, dass ich beim Hören Bilder vor dem inneren Auge sehe. „Scheherazade“ ist für mich in erster Linie ein symphonisches Gewebe herrlicher Themen, und kaum der Klangfilm über Sindbads Abenteuer, als welcher das Stück gedacht war.

Aber es gibt eine Ausnahme, und da kaum jemand das Stück kennt, will ich es hier vorstellen, mitsamt den Filmen, die ich dazu sehe: Der vierte Satz aus dem Klavierkonzert – „Concierto heróico“ – von Joaquín Rodrigo. Ein bombastisches Stück voller Hollywood-Pathos, musikalisch sicherlich nicht ein Zehntel des Concierto de Aranjuez wert, aber wirkungsvoll, ungeheuer wirkungsvoll. Ich schließe die Augen, und ich sehe zum Beispiel folgende Szene:

Eine Wagenburg im Wilden Westen, umzingelt von feindseligen Indianern. Der fiese Indianer mit der schwarzen Feder hat den friedliebenden Häuptling hinterrücks erschossen, den Mord den Weißen in die Schuhe geschoben, und den Stamm zum Angriff auf die Wagenburg aufgestachelt, in welcher der Held mit dem weißen Cowboyhut und seine indianische Geliebte verzweifelt Widerstand leisten. Die Lage erscheint aussichtlos, schon fallen die tapfersten Siedler, von Pfeilen getroffen, schon dringen die ersten Indianer, Messer zwischen den Zähnen, zwischen den Wagen durch. Doch da! Eine Staubwolke am Horizont! Hufgetrappel, Sonnenlicht, das auf Bajonetten funkelt, die flatternde Flagge. Der treue Freund des Helden – glückloser Mitbewerber bei der schönen Indianerin – hat es noch rechtzeitig geschafft, die Fünfte Kavallerie zu holen. Pferd um Pferd galoppiert im gestreckten Galopp, die Gewehre werden gesenkt, Indianer fallen unter der ersten Salve, und weiter galoppieren die Pferde, wirbeln Staub auf, der beste Freund kommt ins Bild, kämpfend und siegesgewiss, dann das Liebespaar in der Wagenburg, mit erleichterten, jubelnden Gesichtern, und immer noch galoppiert die Kavallerie.

Oder:

Die Karibik um 1700. Der verräterische Hauptmann hat das Fort in der Bucht in seine Gewalt gebracht, und zugleich die bildschöne Geliebte des Helden. Dieser hat es mit Getreuen gewagt, durch einen geheimen Tunnel in das Fort einzudringen; fast hätten sie den Verräter überwältigt. Aber als es auf dem höchsten Söller zum Showdown kommen soll, da nimmt der Verräter die Schöne als Geisel und hält ihr den Säbel an die Kehle. Alles scheint verloren, schon legt der Held den Degen nieder. Da taucht ein geblähtes Segel hinter der Landzunge auf, welche die Bucht begrenzt, dann das Schiff dazu, unter der Flagge ihrer Majestät. Kanonenrauch ist zu sehen, dann der Geschützdonner zu hören, und gleichzeitig schlagen die ersten Kugeln ein. Und weitere Schiffe folgen, Schiff um Schiff kommt um die Landzunge gesegelt. Die Schöne nutzt den Augenblick der Verwirrung und reißt sich los; der Held packt die Waffe und stürzt sich in den Kampf auf Leben und Tod, ebenso wie seine Getreuen, und rasch werden die Halunken überwältigt, während die Schiffe majestätisch in die Bucht einlaufen, um den Helden zum rechtmäßigen Gouverneur zu ernennen.

Oder zuletzt die Szene, die Rodrigo sich vielleicht wirklich beim Komponieren vorstellte:

Eine Enklave, von feindlichen Kräften umzingelt. Zahllose Frauen und Kinder fürchten Tod oder Versklavung. Aber es gibt eine Schienenverbindung nach draußen, und dem Helden ist es gelungen, die einzige Lokomotive flott zu machen. Aber wird die Brücke halten? Werden die Schienen frei sein? Ruckend fährt der Zug voller Flüchtlinge an, und schon dies ist ein Erfolg. Er beschleunigt, und mühelos überquert er die schwankende Brücke, gewinnt weiter an Fahrt, und fegt im engen Tal mühelos die hölzerne Barrikade der Angreifer davon. Und noch schneller wird er, bricht aus dem unübersichtlichen Gebirge aus in die freie Ebene, hat die Feinde hinter sich gelassen, gewinnt sicheres Land; schon ahnt man in Überblendungen das jubelnde Willkommen im Bahnhof, den Lobpreis des Helden; dampfend und stampfend rollt der Zug durch die Freiheit, an den offenen Fenstern glückselige Gesichter; und dann wieder der Bahnhof, Jubel, Blende.

Witzig bei alledem ist, dass Rodrigo nie eine Filmszene gesehen hat: Er war blind.

Doch nun genug der Vorrede. Hier kommt die Filmmusik. Dreht den Lautstärkeregler auf laut. Nein, nicht so: Auf ganz laut. Und den Regler am Lautsprecher auch. Ganz laut. Und jetzt: Film ab!

Nicht alle Schlangen sind giftig, oder: Integriert die Integrationskritiker!

Man stelle sich einen Schaffarmer vor, der in Australien aufgewachsen ist und den Kontinent nie verlassen hat. Durch die Jahre auf den Schafweiden hat er ein solides feldbiologisches Anschauungswissen erworben, und verbindet das mit einem Misstrauen gegen die biologische Profiwissenschaft. Denn seine Erfahrungen sind, nun, halt Erfahrungen, und somit unmittelbar und nicht hinterfragbar.

Solche Leute gibt’s ja.

Es wäre recht verständlich, dass dieser Farmer eine wilde Abneigung gegen Schlangen entwickelt, die ihm und seinen Schafen das Leben bitter machen, und bisweilen kurz. Er wäre überzeugt, dass alle Schlangen giftig seien, ja, mehr noch: tödlich giftig und brandgefährlich. Er würde sich an die Medien wenden mit seiner Warnung vor den teuflischen Reptilien, würde eine Kampagne starten zu ihrer Ausrottung. Und weil die Medien nun einmal so funktionieren, würde darüber auf der ganzen Welt berichtet, und nicht wenige Menschen würden finden, dass er recht hat.

Wohingegen besonnene Geister natürlich darauf hinweisen würden, dass Australien nun mal zufällig evolutionär eine ungewöhnlich große Zuteilung von Giftschlangen abbekommen hat, und dass aber Schlangen sonst meistens ungiftig und harmlos seien. Doch unser Farmer, unbeirrt in seiner Felderfahrung, würde das wütend für verharmlosende Schönrednerei erklären. Ist denn nicht letzte Woche erst das Schaf eines Kollegen am Schlangenbiss gestorben? Das beweist es doch!

Wir alle kennen solche Leute. Nicht immer wenden sie ihren Hass gegen Schlangen, nicht immer wohnen sie in Australien. Manche wohnen auch, z.B., in Berlin. Und ihre Schlangen heißen Muslime.

Arthur Dinter, der geistige Vorfahr (sofern „Geist“ hier das richtige Wort ist) von Thilo Sarrazin, wurde in Berlin zum Antisemiten. Thilo Sarrazin wurde selbigen Ortes zum muslimphoben Rassisten. Heinz Buschkowsky, einer von Sarrazins Kronzeugen, ist Bürgermeister von Neukölln. Seyran Ateş, die Kritikerin missratener Integration, betreibt ihre Kanzlei wo?

Erraten.

Nun ist Berlin ohnehin schon keine Stadt, in der man leben möchte. (Ich habe nie verstanden, warum das Parlament mit seiner Hauptstadtwahl ausgerechnet an die Jahre 1871 bis 1945 anknüpfen wollte, die überwiegend nicht eben zu den besten deutschen Jahren gehören. Und der Nimbus Berlins als Kreativhauptstadt gründet sich auf: nichts. So gut wie kein großer deutscher Künstler gleich welcher Gattung (außer ein paar Stückeschreibern) hat je in Berlin gearbeitet. Aber das nur am Rande.)

Und besonders ist Berlin, das „Groß-Bielefeld“, wie ich es gerne nenne, eine Stadt aus lauter Stadtteilen, in denen eine muntere Gentrifizierung und Ghettoisierung abläuft. Das abgehängte Drittel der Gesellschaft – unter dem sich viele Muslime nicht deswegen finden, weil sie dümmer oder bösartiger wären, sondern einfach, weil ihre Eltern und Großeltern einfache Bauern waren und zu einer Zeit nach Deutschland kamen, als die guten Plätze schon belegt waren -, dieses untere Drittel sammelt sich in Berlin in wenigen Stadtteilen. Und weil diese Stadtteile ziemlich groß sind, bilden sie eine in sich geschlossene Infrastruktur und eigene Stadtteilkultur, und erscheinen von außen problematisch. In den anderen deutschen Großstädten – vor allem dem Rhein-Ruhr-Gebiet und Hamburg, wo (surprise, surprise) Necla Kelek lebt und arbeitet – sieht es ähnlich aus. Wer in diesen Städten wohnt, ist täglich mit einem unabgeschlossenen Integrationsprozess konfrontiert, der sich im Stadium der „Druckkapsel“ befindet, wie Integrationsforscher das nennen: Die Einwanderer bewahren ihre Ursprungskultur noch eine Weile in abgeschlossenen Gemeinschaften, die sich mit der Zeit aber von selbst auflösen. Nichts anderes tun Migranten gleich welcher Religion und Herkunft seit jeher überall auf der Welt.

Aber der Integrationskritiker ist nicht überall auf der Welt, sondern in Berlin und nur in Berlin, und er macht die Erfahrung, dass Integration nicht funktioniert. Auf die Idee, dass in diesen Vierteln nicht nur Muslime leben, sondern auch ebenso abgehängte und sozialschwache Urdeutsche, kommt er nicht. Er sieht vorwiegend Muslime, also sind sie das Problem. Und auf die Idee, diesen anhand der letztlich doch relativ kleinen Stichprobe „Berlin“ gewonnenen Eindruck auf der großen Fläche kritisch zu überprüfen, kommt er schon gar nicht. Berliner Schlangen sind giftig, also sind alle Schlangen giftig.

Dabei braucht man nur die Ghettos und Großstädte zu verlassen, um ein ganz anderes Bild zu gewinnen. Ich denke da z.B. an unsere Freunde Engin und Nihal bei Gifhorn, die in ihrer Eigentumswohnung in einem überwiegend urdeutschen Wohngebiet wohnen; er ist als Facharbeiter festangestellt, sie ist Hausfrau. Oder an Erdal und Sevinc bei Heppenheim, beide Lehrer, mit ihrem gut gepflegten Schrebergarten. Auch an meine Schwippschwägerin, die auf dem Papier die klassische Klischee-Importbraut ist, wie so was die Integrationskritiker nennen, und die, obwohl sie nur Hausfrau ist und gewiss keine große Leuchte, nach wenigen Jahren mittlerweile ganz gut Deutsch spricht. Mir fällt auch mein Schwippschwager ein, ein Sunnit ohne nennenswerten Bildungsabschluss, der aber geschäftlich erfolgreich ist und eine sehr nachsichtige und vernünftige Einstellung zu den amourösen Eskapaden seiner Tochter hat. Natürlich fällt mir auch Canan die Theaterregisseurin ein, und Hassan der Kardiologie-Chefarzt, und Elif die Rechtsanwältin, oder die andere Elif, die Hispanistik studiert . . . – Man missverstehe mich nicht: Diese Menschen gibt es natürlich auch in Berlin. Aber man kann sie dort womöglich leichter übersehen.

Und so sitzen die Integrationskritiker in Berlin in ihrem Latte macchiato-Szeneviertel und schotten sich völlig von der kulturellen Erlebniswelt in Restdeutschland ab. Mir scheint, wir müssen die Integrationskritiker integrieren! Das ist dringender als die Integration der Muslime, vielleicht auch schwieriger, aber auch dem gesellschaftlichen Frieden förderlicher. Wir müssen die Ghettos der Integrationskritiker im gentrifizierten Berlin auflösen und sie auf die kleinen Kommunen zwangsverteilen. Nur so können sie in echten Kontakt mit der türkisch-islamischen Kultur kommen, die halt auch zu Deutschland gehört. Wir müssen Sarrazin nach Fulda umsetzen (nein, wirklich, ich habe nichts gegen Fulda) und Ateş nach Herford. Damit sie mit der Mentalität des australischen Schafhirten auch ihre Integrationsunwilligkeit ablegen und sich friedlich in die multikulturelle Gesellschaft eingliedern.