Menschenkenntnis

„Nur wer den Menschen liebt, wird ihn verstehen.

Wer ihn verachtet, ihn nicht einmal sehen.“

Christian Morgenstern

 

Manche Leute haben ein schlichterdings begnadetes Talent, mit anderen Leute umzugehen. Furchtlos und selbstsicher gehen sie auf Fremde zu, wickeln sie um den Finger, wissen genau das zu sagen, was ihr Gegenüber hören will, und erreichen zuverlässig, was sie wollen.

Seltsam ist nur: Wenn diese gesegneten Menschenlenker gegenüber Dritten ihre Einschätzung darüber abgeben, was andere Menschen antreibt, was in ihren Köpfen vorgeht – dann liegen sie oft völlig daneben und offenbaren ein Verständnis von der menschlichen Seele, das so elaboriert ist wie das Statistikverständnis eines Impfgegners.

Umgekehrt gibt es Menschen, die ihresgleichen lieber meiden. Sie sind etwas linkisch und fühlen sich unsicher, trauen sich nicht recht, Komplimente zu machen, und übersehen Möglichkeiten, andere zu ihrem Vorteil zu beeinflussen.

Aber wenn sie in Ruhe über ihre Begegnungen nachdenken dürfen, dann bemühen sie sich sorgsam, Andere zu verstehen. „Zu verstehen“ nicht allein kognitiv, sondern auch moralisch: Sie urteilen nicht schnell. Sie ahnen, wie vielfältige verborgene Wünsche und Verwundungen einen Menschen treiben können.

Natürlich glauben die Menschen in jeder der beiden Gruppen, Menschenkenntnis zu besitzen. Wir Menschen alle überschätzen laufend unsere Fähigkeiten, und ganz besonders unsere Fähigkeit, andere Menschen zu durchschauen. Das ist wohlbekannt.

Es erscheint jedoch naheliegend, den Menschenlenkern recht zu geben. Wer Andere dazu bringen kann, zu tun, was er will, beweist doch seine Menschenkenntnis praktisch, nicht wahr? So wie derjenige ein guter Autofahrer ist, der wohlbehalten und zügig sein Ziel erreicht, und nicht derjenige, der den Motor erklären kann.

Nun, wenn mein Gedächtnis es richtig zuschreibt, dann war es wiederum Morgenstern, der dazu sinngemäß Folgendes gesagt hat:

„Um einen Menschen zu verstehen, braucht es Jahre des Studiums, des Zuhörens, der Liebe und unendlicher Geduld. Um einen Menschen zu manipulieren, braucht es im einfachsten Fall einen Knüppel.“

Tatsächlich sind die beiden Fähigkeiten – Menschen zu verstehen, und sie zu manipulieren – nicht nur nicht gekoppelt. Sie scheinen einander sogar häufig auszuschließen.

Und das liegt daran, dass sie auf ganz entgegengesetzten Bezügen zu anderen Menschen – und eigentlich zur ganzen Welt – beruhen.

Der Menschenmanipulierer betrachtet sie alle in Bezug auf sich, auf seine Bedürfnisse. Instinktiv erfasst er, was ihm nützt und was ihm schadet. Danach urteilt er, danach handelt er. Im Zentrum seines Interesses steht er selbst.

Für den Menschenversteher hingegen geht es um den Anderen. In seiner Neugier, seinem Zuhören, seinem Verstehen-Wollen vergisst er sich selbst. So, wie man das in der Liebe tut. (Siehe das einleitende Morgensterncouplet.)

Der Menschenmanipulierer hat eine Anzahl Handlungsschemata parat, die ihn in jeder Situation wissen lassen, was er zu tun hat. Darum begibt er sich gern unter Menschen. Sie bieten ihm Gelegenheit, seine Sicherheit zu erproben.

Der Menschenversteher hingegen fühlt sich unter Menschen befangen, denn jeder individuelle Mensch ist ihm ein neues Rätsel.

Der Menschenmanipulierer in reinster Form ist Politiker. Der Menschenversteher in reinster Form ist Wissenschaftler. Kein Wunder, dass die beiden einander nicht verstehen.

 

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„Offene Gesellschaft?“ – Schön wär’s.

In einem Vortrag im Bielefelder Audimax, den ich vor vielen Jahren besuchte, warb die Theologin Dorothee Sölle für den hohen Wert der Gerechtigkeit, und äußerte sich nebenbei besorgt darüber, dass diese im heutigen Sprachgebrauch allzu oft nur als „Fairness“ auftaucht. Das schien ihr nicht dasselbe zu sein.

Ähnlich ist es heute, scheint mir, mit der Vielfalt. Pluralismus ist vermeintlich ein wichtiger Wert in unserer Kultur. Aber das Schlagwort dafür lautet nicht „Vielfalt“, sondern „Diversity“. Es gibt Kurse an Fachhochschulen zum Thema „Diversity“. Alle sind für Diversity. Auch hier beschleicht mich der Verdacht, dass mit „Diversity“ und „Vielfalt“ nicht dasselbe gemeint ist („Die Diversität der Grauen“). Und dass – ebenso wie bei der Gerechtigkeit – das laute Trommeln mit dem Schlagwort darüber hinwegtönen soll, dass die Wirklichkeit trübe aussieht.

Eine Vielfalt des Angebots ist zum Beispiel wichtig für die Marktwirtschaft. Für nichts verachten wir den real vegetierenden Sozialismus so sehr wie dafür, dass es dort nur zwei Automarken, nur eine Sorte Klopapier und eine Schokocreme (wenn überhaupt) gab. Auswahl, Konkurrenz, das ist eine Grundbedingung des freien Markts. Thomas Koudela schätzt in seinem höchst lesenswerten Buch „Entwicklungsprojekt Ökonomie“, dass in einer funktionierenden Marktwirtschaft kein Anbieter mehr als 5% Marktanteil haben sollte. Vermutlich würden ihm in wenigstens diesem einen Punkt die meisten Schulökonomen beipflichten.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Sobald Bayer und Monsanto fusioniert haben werden, werden nur vier Agrochemieriesen die Lebensmittelherstellung der Welt kontrollieren. Im Lebensmittelhandel haben die fünf größten Konzerne Marktanteile von je 10% bis 20%. Ähnlich sieht es bei den Mineralölunternehmen aus. Im Elektrofachhandel führt fast kein Weg an MediaMarkt-Saturn vorbei. Computer laufen mit nur drei verschiedenen Betriebssystemen (Windows, iOS, Linux/Unix), wobei Microsoft auf Privatrechnern einen Marktanteil von rund 80% bei Betriebssystemen und Bürosoftware haben dürfte. Die Postbank gehört seit ein paar Jahren zur Deutschen Bank. Zu VW gehört sowieso fast alles, was fährt.

 

Entwicklungen in verschiedenen Systemen einer Kultur entsprechen einander oft in auffallender Weise. Die Monopolisierung, oder wenigstens Oligopolisierung, die wir in der Wirtschaft beobachten, sehen wir ebenso in Politik und Medien. Was Volker Pispers dazu zu sagen hat, kann man nicht oft genug verlinken, und es ersetzt jeden weiteren Hinweis auf Zahlen.

Zu allen wichtigen Themen – Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Außenpolitik – herrscht bei allen im Bundestag vertretenen Parteien bis auf Teile der Linken (aber inklusive der AfD) völlige Einigkeit. Um noch einmal Pispers zu zitieren: „In der SED wurde mehr über Wirtschaft diskutiert.“ Und in den Medien ebenso. Wie der Medienwissenschaftler Uwe Krüger – popularisiert durch die „Anstalt“ – herausgearbeitet hat, werden alle großen deutschen Chefredaktionen von Männern geleitet, die in transatlantischen, neoliberalen Lobbyorganisationen vernetzt sind. Tatsachen, Überlegungen, Aspekte, die dem von ihnen propagierten Narrativ widersprechen, werden schlicht nicht zugelassen. Sie werden ignoriert oder, wenn das nicht mehr geht, als „fake news“ oder Verschwörungstheorien diskreditiert. Darüber, wie es Leuten ergeht, die sich öffentlich abweichend äußern, hat der Whistleblower Craig Murray gerade einen erschreckenden Text veröffentlicht.

 

Dass der „freie Westen“ gekennzeichnet sei von Pluralismus und Marktwirtschaft, das ist die große Lebenslüge unserer Gesellschaft. Diese Selbsttäuschung versorgt uns mit moralischer Überlegenheit und rechtfertigt alles, was wir tun. Unsere angebliche Toleranz ist das Distinktionsmerkmal gegenüber anderen (impliziert: niederen) Kulturen.

Es stimmt nur leider alles nicht.

Es gibt keinen freien Wettbewerb auf dem Gütermarkt.

Es gibt keinen freien Wettbewerb der Meinungen.

Wir leben nicht in einer Marktwirtschaft.

Und wir leben auch nicht in einer Demokratie.

„Esst mehr Verben“ oder: Die Wirklichkeit unwirklicher Wörter

Wörter haben Macht. Das ist gewiss. Seltsam ist, dass dieselben Wörter zwar Macht haben könne, aber unter Umständen keinen Inhalt. Wie ein Zauberspruch im Harry Potter-Universum, dessen Inhalt die magische Wirkung ist, die er hervorruft.

Aber eben weil Wörter wirken, glauben die Menschen, sie müssten auch bedeuten. Und das führt zu Denkfehlern und Missverständnissen.

Zum Beispiel, wenn ein Psychiater davon spricht, sein Patient „hätte“ eine Schizophrenie, eine Depression, ADHS. Dann glauben damit beide, eine real existierende, klar definierte Krankheit benannt zu haben, die man „haben“ kann wie ein Geschwür oder ein Virus. Doch wie es mein Kollege Stephan Schleim kürzlich vorgeführt hat, erlauben es die Kriterien des DSM-5, die Diagnose „Major Depressive Disorder“ für zwei Patienten zu stellen, die kein einziges Symptom gemeinsam haben. Solche eine Diagnose kann für den Betroffenen erleichternd sein, weil er endlich einen Grund und eine Entschuldigung dafür hat, dass er so ist, wie er ist. Sie ist aber auch eine Küchenschublade, in der sich allerhand Buntes ansammelt, und aus der etwa ein Kind „mit ADHS“ so leicht nicht wieder herauskommt.

Vor allem aber verdinglicht die Benennung das Verhalten. Sie lenkt den Blick fort davon, warum ein Mensch so fühlt und handelt, und was dabei in ihm vorgeht. Wenn ein Kind „ADHS hat“, dann bekämpft der Psychiater ADHS wie ein Kammerjäger die Wanzen bekämpft.

 

Esst mehr Verben!

Was tatsächlich vorgeht, verstünden wir viel besser, wenn wir lernten, Substantiven zu misstrauen. Besser sollten wir in Verben denken und sprechen (was, nebenbei, auch dem Stil zugute käme). Nicht „Tim hat ADHS“, sondern „Tim zappelt viel, kann sich schlecht konzentrieren und lässt sich leicht ablenken“. Sogleich wird dadurch das Denken auf ganz andere Bahnen gelenkt: nicht auf Zustände, sondern auf Tätigkeiten, auf Vorgänge. Und damit auch darauf, was man tun kann, damit es sich ändert.

Im Falle „einer Schizophrenie“ oder „einer Depression“ könnte solches Reden in Verben gar die ganze Krankheit als Konstrukt entlarven. „Patientin A ist reizbar, isst und schläft wenig, spürt sich gedrängt, sich ständig zu bewegen, und kann sich nie entscheiden“, „Patient B fühlt sich niedergeschlagen und freut sich an nichts, er fühlt sich ständig müde und schläft viel, hat zugenommen; er findet sich selbst wertlos, weil er nichts leisten kann, und hat darüber nachgedacht, sich umzubringen“ – wer käme auf die Idee, diese beiden Menschen „hätten“ dieselbe Krankheit (was nach DSM-5 durchaus möglich wäre)?

 

Dingsda und Dingsda

Noch ein ganz anderes Beispiel aus dem Feld der Politik: Ob wohl ein Politiker, der zum Milliardensten Mal die Götterbrüder „Freiheit“ und „Demokratie“ anruft, imstande wäre, substantivfrei zu erklären, was er damit meint? Was bliebe übrig von „Freiheit“, wenn man gezwungen wäre, sie als das zu beschreiben, was Menschen tun oder erleiden?

Und könnten unser Oberhorst oder das Dob-Rindt, die gerade darauf beharrt haben, „der Islam“ gehöre „nicht zu Deutschland“, das auch in Verben sagen? Käme nicht vielleicht heraus, dass die ganze Aussage, ebenso wie ihre Verneinung, inhaltslos ist? Ebenso wie, selbstverständlich, des Horsts weitere Ausführung, Deutschland sei durch das Christentum geprägt. (Bemerkung am Rande: Was er damit meint, hat er immerhin, wenngleich in Substantiven, entlarvt: „der freie Sonntag, kirchliche Feiertage und Rituale wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten“. Sancta Simplicitas. Jesus würde sich im Grabe umdrehen, wenn er in einem läge.)

 

Die Wirklichkeit unwirklicher Wörter

Es ist eine nützliche Denkübung, Substantive – jedenfalls abstrakte – durch Verben zu ersetzen. Michael Halfbrodt hat das getan, um soziale Prozesse damit zu beschreiben.

Aber Obacht! Einer Sprechweise, die auf Erkenntnis und Verständigung aus ist, mag es zuträglich sein, Wörter als hohl zu entlarven. Doch gibt es andere Ziele des Sprechens. Psychiater und Patienten, die von Geisteskrankheiten sprechen, Politiker, die hehre Ideale im Munde führen, täten dies ja nicht, wenn der Wind ihrer Sprache folgenlos verwehte. Sie tun es, weil sie damit etwas bewirken können.

Indem Menschen das Gefühl haben, mit einem Wort etwas zu meinen, erzeugen Worte eine Wirklichkeit, die in ihnen gar nicht steckt. „Freiheit und Demokratie“ im Munde eines Politikers bezeichnen nichts, oder nahezu nichts. Trotzdem wecken sie Emotionen, formen Meinungen, leiten Entscheidungen, machen Politik. „Depression“ mag es nicht geben – trotzdem lenkt die Diagnose die Behandlung durch den Arzt, und beeinflusst das Selbstverständnis des Patienten.

So entstehen die Denkfehler und Missverständnisse, von denen ich eingangs sprach: Wenn man eine Sprechweise, welche die Welt beschreiben und erklären will, verwechselt mit einer Sprechweise, welche sie beeinflussen und beherrschen will. Wer diesen Fehler macht, könnte überrascht feststellen, dass er der Macht des Zauberspruches hilflos ausgeliefert ist.

500 Jahre Trump

Der Weltgeist beweist stets aufs Neue seinen ironischen Sinn für zeitliche Fügungen. Im selben Jahr, in dem die Einen das fünfhundertste Jubiläum der Reformation feiern, beklagen die . . . nun ja, auch die Einen den Beginn der US-Präsidentschaft Donald Trumps. Die Schnittmenge aus den beiden Gruppen dürfte jedenfalls recht groß sein, sind doch Reformationsjubel ebenso wie Trump-Bashing beide mainstreamkompatibel. Die evangelische Kirche hat diesen Doppelstandpunkt sehr klar gemacht, als sie Barack Obama als Redner zum Kirchentag eingeladen hat. (Hier alles, was dazu zu sagen ist.)

Ironisch ist das deswegen, weil man Trump seinen Sexismus, seine Wissenschaftsfeindlichkeit, seinen angeblichen Antisemitismus, sein reaktionäres, antisoziales Poltern und Zwitschern vorwirft. Und zugleich Luther seinen Sexismus, seine Wissenschaftsfeindlichkeit, seinen Antisemitismus und sein reaktionäres, antisoziales Poltern großzügig nachsieht.

Die beiden Medienmenschen – der Flugblattschreiber Luther und der Twitterer Trump – sind einander so ähnlich wie Zwillinge. In einer weiteren glücklichen Fügung nutzt der Weltgeist in der aktuellen Ausgabe von Gehirn&Geist just die Beispiele Luther und Trump, um die Grenzen psychologischer Ferndiagnosen aufzuzeigen. Trotzdem enthält sich der Autor nicht eines Versuchs, die Persönlichkeit jedes der beiden zu quantifizieren. Luther: hohe Offenheit für Neues, hohe Extraversion, geringe Verträglichkeit, vermutlich einiger Neurotizismus und gute Gewissenhaftigkeit. Trump: hohe Offenheit für Neues, hohe Extraversion, geringe Verträglichkeit . . .

Kostproben gefällig? Ich war versucht, mal wieder ein kleines Quiz daraus zu machen: Wer hat’s gesagt? Aber Luther – unleugbare Sprachbegabung hin oder her – konnte kein Englisch, darum wäre das witzlos gewesen. Außerdem kennen wir Trumps Auslassungen zur Genüge. Daher hier zum Abgleich ein wenig echter Luther (größtenteils von hier):

 

Sexismus

„Darum hat die Maid ihr Punzlein, daß es dem Mann ein Heilmittel bringe.“ (englische Übersetzung: „Grab them by the pussy!“)

„Die größte Ehre, die das Weib hat, ist allzumal, dass die Männer durch sie geboren werden.“

„Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.“

„Eine Frau hat häuslich zu sein, das zeigt ihre Beschaffenheit an; Frauen haben nämlich einen breiten Podex und weite Hüften, daß sie sollen stille sitzen.“

„Unkraut wächst schnell, darum wachsen Mädchen schneller als Jungen.“

 

Wissenschaftsfeindlichkeit

„Es ward gedacht eines neuen Atrologi [Kopernikus], der wollte beweisen, daß die Erde bewegt würde und umginge, nicht der Himmel oder das Firmament, Sonne und Monde; gleich als wenn einer auf einem Wagen oder einem Schiffe sitzt und bewegt wird, meinete, er säße still und ruhete, das Erdreich und die Bäume gingen um und bewegten sich … Der Narr will die ganze Kunst Astronomiae umkehren. Aber wie die heilige Schrift anzeigt, so hieß Josua die Sonne still stehen, und nicht das Erdreich.“ (Den Plakatspruch „Reformation heißt, die Welt zu hinterfragen“ kann man bei Kenntnis dieses Zitats getrost als kontrafaktisch abtun.)

 

Antisemitismus

„Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, dass sie 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen…; Man sollte ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecken, … unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien […] ihre Häuser desgleichen zerbrechen und zerstören.“

„Wenn ein Dieb zehn Gülden stiehlet, so muß er henken; raubet er auf der Straßen, so ist der Kopf verloren. Aber ein Jüde, wenn er zehn Tunne Goldes stiehlet und raubet durch seinen Wucher, so ist er lieber denn Gott selbs.“

„Wenn ich einen Juden taufe, will ich ihn an die Elbbrücken führen, einen Stein um den Hals hängen, ihn hinabstoßen und sagen: Ich taufe dich im Namen Abrahams“

 

Antisoziales, reaktionäres Poltern

„Armut ist in der Stadt groß, aber die Faulheit viel größer.“

„Der Esel will Schläge haben, und der Pöbel will mit Gewalt regiert sein. Das wusste Gott wohl; drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.“

„Und es ist besser, wenn ihm [dem Pöbel] die Tyrannen hundertmal Unrecht tun, als dass sie dem Tyrannen einmal unrecht tun. Denn weil ja das Unrecht gelitten werden muss, so ist vorzuziehen, durch die Obrigkeit zu leiden, als dass die Obrigkeit durch die Untertanen zu leiden hat.“

„Drum soll hier erschlagen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und daran denken, daß nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres sein kann als ein aufrührerischer Mensch; (es ist mit ihm) so wie man einen tollen Hund totschlagen muß: schlägst du [ihn] nicht, so schlägt er dich und ein ganzes Land mit dir.“

„Prediger sind die allergrößten Totschläger. Denn sie ermahnen die Obrigkeit, dass sie entschlossen ihres Amtes walte und die Schädlinge bestrafe. Ich habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen; all ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich schiebe es auf unseren Herrgott; der hat mir befohlen, solches zu reden…“

Nachtrag zum Welttag der Katze

Leider hörte ich gestern erst auf dem Weg ins Büro, dass der 8. August anscheinend der „Weltkatzentag“ ist. So konnte ich erst am Abend daheim in meinen Unterlagen nach einem – wie sich herausstellte – mittlerweile fast 25 Jahre alten Gedicht suchen, das ich hiermit nachreiche:

Du Sphinx, so sanft und fürchterlich,

Geschöpf aus einer Sonne Singen,

du Zephyrkind auf Traumesschwingen,

so hör mich an: Ich liebe dich!

 

Dein Dasein ist ein stiller Tanz,

dein Blick ein Fenster in die Wildnis.

Du bist des Lebens reinstes Bildnis,

der Inbegriff der Eleganz.

 

Der Menschheit selbstverliebter Fratze

drehst du kühl den Rücken zu.

Und wirklich lässt man dich in Ruh.

 

Vor Dir fühl ich mich ärmlich klein.

Ich schaff’s mit Mühe, Mensch zu sein.

Doch Du – bist eine Katze.

Versteckte Regeln

Jene, die sich „Liberale“ nennen, in ihren verschiedenen Spielarten, haben gemeinsam, dass sie staatliche Einflussnahmen ablehnen, als Eingriffe in den scheinbar natürlichen Lauf der Dinge. Das ist im Prinzip nicht völlig falsch (dächte ich anders, wäre ich nicht der Schwarze Kater). Aber dass die Sache mit dem „natürlich“ und „künstlich“ so einfach nicht ist, hätten die Apologeten des freien Spiels der Kräfte vor einiger Zeit an der Kreuzung Katharinenstraße / August Bebel-Straße in Jena lernen können.

 

Hier blickt man von der Katharinenstraße auf diese Kreuzung. Und man sieht schon, dass da was nicht läuft. Der Verkehr nämlich. Und man sieht auch, warum: Wer hier kommt, muss die Vorfahrt achten.

Das ist normalerweise kein Problem. Die kreuzende August Bebel-Straße ist mäßig befahren. Der Hauptverkehr quert eine Straße weiter oben, wo man klein in der Mitte des Bildes die nächste Kreuzung ahnen kann.

Aber für einige Monate war diese große Querstraße, welche die Hauptausfallstraße aus Jena nach Westen ist, bis zur Einmündung der August Bebel-Straße (also links vom Bild) gesperrt, wegen großer Bauarbeiten. Der Verkehr wurde hier über die Katharinenstraße umgeleitet. Das war durchaus logisch, weil das ohnehin der zweite Ausfallweg in die Richtung ist. Und da an der Kreuzung im Bild von rechts kaum je einer kommt, kommt man normalerweise flott raus.

Aber manchmal kommt eben doch einer von rechts. Dann muss man warten. Und wenn das Verkehrsaufkommen (wegen Sperrung der Hauptstraße) größer ist, dann bildet sich eine gewisse Schlange. Und dann kommt vielleicht einer auf die Idee, den (eigentlich unlogischen) Umweg zu fahren, der dafür sorgt, dass man an dieser Kreuzung selbst von rechts kommt.

Die Folge ist klar: Wer aus der Katharinenstraße kommt, muss nun noch länger warten. Die Schlange wird noch länger. Und der Anreiz wächst für weitere Pendler, den Umweg zu nehmen, der ihnen Vorfahrt verschafft. Und schon macht der Teufelskreis seine nächste Umdrehung. Und so weiter.

Nach einigen Wochen ging auf der Katharinenstraße fast gar nichts mehr. Der Rückstau war Hunderte Meter lang und dauerte mindestens eine Viertelstunde. Hätte die Baustelle noch eine Weile weiter bestanden, dann wären irgendwann alle Ortskundigen den Umweg durch die Wohnstraßen der Innenstadt gefahren. Was niemand gewollt haben kann.

Jeder denkende Mensch sieht sogleich, was man dagegen hätte tun können: Ein einfaches Interimsschild mit abknickender Vorfahrt auf der Katharinenstraße, und ein Vorfahrt-achten-Schild auf der August Bebel-Straße, hätten Wunder gewirkt.

Ob dann die Verfechter des freien Spiels der Kräfte auch geschrien hätten: „Staatliche Einflussnahme! Behinderung der freien Selbstentfaltung! Big government!“?

Vermutlich nicht. Sie hätten handgreiflich gesehen, dass so oder so Regeln gelten. Die einen sind wir gewöhnt und erkennen sie darum nicht sofort. Und sie führen zu einer dysfunktionalen Selbstorganisation. Andere wären neu, und darum sichtbar. Aber sie würden funktionieren.

Westliche Werte: Vielleicht Mozart?

Mein Schwager brachte kürzlich die These vor, so etwas wie einen allgemein anerkannten Musiker, über dessen Größe und Bedeutung Konsens herrsche, werde es nie wieder geben. Und mehr noch: Auch die Verbindlichkeit vergangener Stars nehme unwiederbringlich ab. Nicht nur werde es sowas wie die Beatles nicht wieder geben, sie würden auch für kommende Generationen keine große Rolle mehr spielen.

Das war einst anders. Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Liszt waren stilprägend. Sie formten die Musik ganz Europas. Etwas später stritt man sich über Brahms vs. Wagner, oder auch Verdi vs. Wagner – aber immerhin stritt man sich, und aus heutiger Sicht waren die Gegensätze nicht unüberbrückbar. Noch etwas später stritt sich die Jugend über Beatles vs. Stones. Das aber trug sich bereits in der Enklave der Popmusik zu. Aber immerhin.

Heute dagegen könnte man sich nicht einmal mehr darüber einigen, welcher Musikstil der relevante sei, innerhalb dessen über die Vorherrschaft gestritten werden sollte.

Mein Schwager sah das nicht kritisch. Ist halt so.

Das ist vermutlich eine vernünftige Haltung. Kulturelle Entwicklungen „sind halt so“ und kümmern sich herzlich wenig um die Sorgen und Vorlieben des Einzelnen. Wir werden auch das „brauchen“ mit „zu“ und den Komparativ mit „als“ nicht mehr retten, und den Genitiv wohl auch nicht.

Trotzdem kann man sich Gedanken machen über die tiefere Bedeutung solcher Entwicklungen. Es geht ja nicht nur um Musik. Nichts verbindet so stark, schafft so wirkungsvoll Einheit und Identität, wie Musik. Musik definiert Gemeinschaft. Das Zerfasern der Musikstile ist daher auch ein Symptom für das Zerfasern der Gesellschaft. Es gibt nichts kulturell Verbindliches mehr.

Längst leben wir ja nicht mehr in einer Gesellschaft, sondern in einem Zopf paralleler Gesellschaften. Von unseren „westlichen Werten“ wird viel geredet, doch was sind sie? Toleranz? – gilt nur noch für einen zunehmend enger begrenzten Mainstream akzeptabler Meinungen. Die siamesischen Götterzwillinge „Freiheit und Demokratie“ – hindern uns nicht, uns mit brutalen Diktaturen zu verbünden oder etwa gerade in Makedonien einen verfassungswidrig an die Macht gekommenen Parlamentspräsidenten anzuerkennen.

Wer von Werten redet, der tut das stets auch, um sich selbst zu erhöhen. Der moralische Diskurs ist stets auch chauvinistisch: „Wir sind die Guten. Wir sind die mit Freiheit und Demokratie. Und Toleranz. Und das sind jedenfalls die besten Werte, die es gibt.“ Obgleich sie, wie gesagt, längst nichts mehr verbinden.

Besser sollten wir von Musik reden. Wer die abendländische Musik schätzt, fällt damit kein Urteil über andere Musiken. Er leugnet auch nicht ihre Eigenständigkeit und Berechtigung. Es kann viele Musiken geben. Und ein Raga oder eine Peking-Oper sind zweifellos große Musik, auch wenn ich sie nicht verstehe, und darum nicht schätzen kann.

Darum sollten wir uns – wenigstens für einen Anfang – lieber über unsere Musik definieren als über unsere sogenannten Werte. Zugegeben: Das wäre, wie oben gesagt, höchstwahrscheinlich ebenso vergeblich. Aber wenigstens könnte man darüber ohne Dünkel sprechen. „Aha, Ihr seid die mit dem maqām? Interessant, lass mal hören. Wir sind die mit Mozart.“