Versteckte Regeln

Jene, die sich „Liberale“ nennen, in ihren verschiedenen Spielarten, haben gemeinsam, dass sie staatliche Einflussnahmen ablehnen, als Eingriffe in den scheinbar natürlichen Lauf der Dinge. Das ist im Prinzip nicht völlig falsch (dächte ich anders, wäre ich nicht der Schwarze Kater). Aber dass die Sache mit dem „natürlich“ und „künstlich“ so einfach nicht ist, hätten die Apologeten des freien Spiels der Kräfte vor einiger Zeit an der Kreuzung Katharinenstraße / August Bebel-Straße in Jena lernen können.

 

Hier blickt man von der Katharinenstraße auf diese Kreuzung. Und man sieht schon, dass da was nicht läuft. Der Verkehr nämlich. Und man sieht auch, warum: Wer hier kommt, muss die Vorfahrt achten.

Das ist normalerweise kein Problem. Die kreuzende August Bebel-Straße ist mäßig befahren. Der Hauptverkehr quert eine Straße weiter oben, wo man klein in der Mitte des Bildes die nächste Kreuzung ahnen kann.

Aber für einige Monate war diese große Querstraße, welche die Hauptausfallstraße aus Jena nach Westen ist, bis zur Einmündung der August Bebel-Straße (also links vom Bild) gesperrt, wegen großer Bauarbeiten. Der Verkehr wurde hier über die Katharinenstraße umgeleitet. Das war durchaus logisch, weil das ohnehin der zweite Ausfallweg in die Richtung ist. Und da an der Kreuzung im Bild von rechts kaum je einer kommt, kommt man normalerweise flott raus.

Aber manchmal kommt eben doch einer von rechts. Dann muss man warten. Und wenn das Verkehrsaufkommen (wegen Sperrung der Hauptstraße) größer ist, dann bildet sich eine gewisse Schlange. Und dann kommt vielleicht einer auf die Idee, den (eigentlich unlogischen) Umweg zu fahren, der dafür sorgt, dass man an dieser Kreuzung selbst von rechts kommt.

Die Folge ist klar: Wer aus der Katharinenstraße kommt, muss nun noch länger warten. Die Schlange wird noch länger. Und der Anreiz wächst für weitere Pendler, den Umweg zu nehmen, der ihnen Vorfahrt verschafft. Und schon macht der Teufelskreis seine nächste Umdrehung. Und so weiter.

Nach einigen Wochen ging auf der Katharinenstraße fast gar nichts mehr. Der Rückstau war Hunderte Meter lang und dauerte mindestens eine Viertelstunde. Hätte die Baustelle noch eine Weile weiter bestanden, dann wären irgendwann alle Ortskundigen den Umweg durch die Wohnstraßen der Innenstadt gefahren. Was niemand gewollt haben kann.

Jeder denkende Mensch sieht sogleich, was man dagegen hätte tun können: Ein einfaches Interimsschild mit abknickender Vorfahrt auf der Katharinenstraße, und ein Vorfahrt-achten-Schild auf der August Bebel-Straße, hätten Wunder gewirkt.

Ob dann die Verfechter des freien Spiels der Kräfte auch geschrien hätten: „Staatliche Einflussnahme! Behinderung der freien Selbstentfaltung! Big government!“?

Vermutlich nicht. Sie hätten handgreiflich gesehen, dass so oder so Regeln gelten. Die einen sind wir gewöhnt und erkennen sie darum nicht sofort. Und sie führen zu einer dysfunktionalen Selbstorganisation. Andere wären neu, und darum sichtbar. Aber sie würden funktionieren.

Er hatte schon einmal recht . . .

„Trotz dem heiligen Versprechen der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz dem Ruf der Millionen: „Nie wieder Krieg!“, entgegen all den Hoffnungen auf eine schönere Zukunft muß ich es sagen: Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft beibehalten wird, so wage ich es, heute schon zu behaupten, daß es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen. Ich sehe die kommende Entwicklung klar vor mir: Der heutige Stand der Technik läßt die Wirtschaft bald zu einer Höchstleistung steigern. Die Kapitalbildung wird trotz der großen Kriegsverluste rasch erfolgen und durch ein Überangebot den Zins drücken. Das Geld wird dann gehamstert werden. Der Wirtschaftsraum wird einschrumpfen und große Heere von Arbeitslosen werden auf der Straße stehen. An vielen Grenzpfählen wird man dann eine Tafel mit der Aufschrift lesen können: Arbeitsuchende haben keinen Zutritt ins Land, nur die Faulenzer mit vollgestopftem Geldbeutel sind willkommen. Wie zu alten Zeiten wird man dann nach dem Länderraub trachten und wird dazu wieder Kanonen fabrizieren müssen; man hat dann wenigstens für die Arbeitslosen wieder Arbeit. In den unzufriedenen Massen werden wilde, revolutionäre Strömungen wach werden, und auch die Giftpflanze Übernationalismus wird wieder wuchern. Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein.“

Das schrieb Silvio Gesell im November 1918, kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges. „Keine 25 Jahre“ – das war verdammt gut geschätzt. Aber wenn man das Geldsystem versteht, sind Prognosen mehr als bloß Kaffeesatzleserei.

Ich muss dieser Tage immer wieder an dieses Zitat denken. Beschreibt es nicht auch die heutige Situation erschreckend genau? „Die Giftpflanze des Übernationalismus“ hat Ungarn, Polen und die Ukraine längst überwuchert, floriert in Frankreich und sprießt auch in Deutschland aus allen Ritzen.

Und die Tafeln an den Grenzpfählen: „Arbeitssuchende haben keinen Zutritt ins Land“. Auch sie werden allenthalben angenagelt. Ist es nicht eigentlich absurd, wie die (gelogene) Zahl von den angeblich 70% jungen Männern unter den aktuell nach Deutschland kommenden Flüchtlingen ständig als Bedrohung zitiert wird? Da verlieren arme Länder überall im Süden ihre gesündesten, kräftigsten, leistungsfähigsten Arbeitskräfte – denjenigen Wirtschaftsfaktor, auf dem letztlich aller Reichtum basiert -, da kommen diese Arbeitskräfte zu uns, freiwillig und auf eigene Kosten: Und wir machen die Grenzen zu.

Gewiss, innerhalb unseres dahinvegetierenden Systems ergibt das Sinn. Aber das illustriert doch nur, wie durch und durch absurd dieses System ist.

„Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein.“

Ich wünsche uns allen ein friedliches Jahr.

Alle: Ausbeuter

Auf unserem Grundstück stand eine gewaltige Scheune, deren Erdgeschoss mit den halbmeterdicken Mauern, den tonnenschweren Stahlträgern und Betondecken sich lange jedem Abriss widersetzte. Klar, die eine oder andere Firma wäre gerne mit schweren Baggern da reingefahren und hätte alles kurz und klein gehauen, aber erstens wollten wir einige Wände stehen lassen, und zweitens wären dafür fünfstelligen Summen fällig geworden. Das ging nicht.

Dann fand sich Herr B., ein tatkräftiger Ein-Mann-Unternehmer kurz nach der Gründung, und packte die Sache an. Was wir ihm zahlten, war erheblich weniger. Wo wir bei Folgeaufträgen das Verhältnis von Arbeitslohn zu Arbeitsleistung einschätzen konnten, fragten wir uns, was ihm nach Abzug der Spritkosten noch zum Leben übrig bleiben mochte, zumal er noch zwei Mann mitbrachte. Und Arbeitssicherheit . . . pffft. Keiner der Leute trug auch nur einen Helm. Aber innerhalb weniger Wochen waren die Scheune abgerissen und diverse sonstige Steinhaufen beräumt.

Dann, kurz vor dem letzten Handgriff, erlitt Herr B. einen Nervenzusammenbruch. Seine Lebensgefährtin hatte ihm mit Trennung gedroht; er arbeitete zu viel und brachte zu wenig nach Hause. Er schloss die Firma und brach den Kontakt zu uns ab.

Haben wir ihn ausgebeutet? Hat er sich ausgebeutet?

 

Ein Bekannter von uns, kurdischer Flüchtling aus Syrien, findet hier kaum Arbeit. Eine Zeit lang war er bei einer Leiharbeitsfirma. Da bei der Kündigung dort etwas schief ging, bekommt er seit zwei Monaten kein Geld mehr vom Amt. Gäbe es seinen Bruder in Hamburg nicht, seine Frau und er müssten hungern. Daher ist er froh und dankbar, gelegentlich bei Freunden handwerkliche Dienstleistungen in Haus und Garten übernehmen zu können, für einen absurd niedrigen Tageslohn. Er freut sich über das Geld, und braucht es, und mehr könnten sie ihm nicht zahlen.

Wird er ausgebeutet?

Diejenigen seiner Brüder, erzählt er, die in Syrien geblieben sind, sind jetzt arbeitslos, weil die Stadt von Flüchtlingen überlaufen wird, die in ihrer Not für einen Hungerlohn arbeiten. Seine Brüder sind wütend auf die Flüchtlinge, aber er mahnt sie zur Mäßigung: Er tue hier ja auch nichts anderes.

Beutet er aus? Werden die Flüchtlinge in Syrien ausgebeutet? Oder seine Brüder?

 

Von Jeff Bezos, dem Amazon-Gründer, las ich kürzlich, dass er zumindest in der Anfangszeit keine Klimaanlagen in seinen Verteilzentren installierte, sondern die kollabierten Arbeiter lieber vom Rettungsdienst versorgen ließ – das war billiger. Dass er bis heute mit Angestellten auf allen Hierarchieebenen kaum besser verfährt, ist hinreichend bekannt.

Beutet er aus? Ist er schlimmer als wir?

Und der Apple-Zulieferer Foxconn gab zu, Kinder zu beschäftigen.

Ist er ein schlimmerer Ausbeuter als die Arbeitgeber syrischer Flüchtlinge?

 

Ist es hilfreich, Gute und Böse zu unterscheiden? Ausgebeutete und Ausbeuter? Oder ist das nicht eher: naiv? Oder auch: heuchlerisch und gefährlich? Weil es die unvermeidliche Mitschuld der Urteilenden leugnet? Weil es suggeriert, man müsse Menschen für ihre Schuld bestrafen?

Wo doch tatsächlich Jeder in diesem System zum Ausbeuter wird. Die Schwachen weniger als die Starken, gewiss. Aber Stärke ist keine Sünde und Schwachheit kein Verdienst. Der Kuchen wird immer kleiner, und alle wollen satt werden. Die Stühle beim Reise-nach-Jerusalem-Spiel werden immer weniger, und alle, alle rennen und schubsen, um noch einen zu ergattern. Die Starken gewinnen (b.a.w.), und die Schwachen scheiden aus, aber Schuld trägt doch nur der, der die Stühle wegnimmt.

Wenn wir das Hungern und Rennen wirklich leid sind, dann müssen wir das Spiel ändern. Innerhalb dieses Scheißspiels, das wir „Kapitalismus“ nennen, sind wir alle: Ausbeuter.

Irrwissen 5 : Geld kann man nicht essen.

Widerspricht : Empirie & Vernunft

Fachbereich : Volkswirtschaftslehre

Es gibt eigentlich nur zwei Weltmeister, die in Deutschland etwas bedeuten, und es ist schwer zu sagen, welcher davon wichtiger ist: Fußballweltmeister – Exportweltmeister. Fußballweltmeister zu werden, wäre vermutlich das tollere, aber da das mit der deutschen Gurkentruppe nie so recht klappt, ist man auf die Exportweltmeisterschaft umso stolzer. Dass die Chinesen uns diesen Titel seit vier Jahren abgejagt haben – das schmerzt.

Dabei exportieren wir doch wie (aber eben nur wie, und nicht als) die Weltmeister. Immer schon. Seit 1952, Deutschland lag noch halb in Trümmern, ist unsere Außenhandelsbilanz durchgängig positiv. Jahr für Jahr exportieren wir mehr Waren, als wir importieren – und sehen uns damit als Vorbild für die Welt. Ja, wenn das alle so machen würden, dann . . . dann, tja, dann würde das offensichtlich nicht funktionieren. Aber egal. Wir jedenfalls machen das so. Und finden das toll.

12-12-03 Außenhandelsbilanz BRD

Außenhandelsbilanz der BRD im Zeitverlauf seit 1950. Datenquelle: Bundesamt für Statistik

Wäre der zwischenstaatliche Handel ein Tauschhandel, dann spränge es wohl ins Auge, dass dieser Exporteifer „toll“ nur ist im altmodischen Sinne des Wortes: wahnsinnig und tobend. Jahr um Jahr tauschen wir Waren, die einen gewissen Wert haben, ein gegen Waren, die weniger wert sind. Nur ein Verrückter würde das freiwillig regelmäßig tun.

Aber wir bekommen ja Geld dafür. Und nicht zu knapp.

Aufsummierte Außenhandelsbilanz der BRD

Außenhandelsbilanzsumme der BRD

Stolze 2,75 Billionen Euro haben wir seit 1950 eingenommen. Das ist etwas mehr als der Gegenwert aller Waren und Dienstleistungen, die im Jahr 2012 in der BRD produziert worden sind (nämlich 2,645 Billionen Euro). Wir haben ziemlich genau soviel Geld gespart, wie wir in einem Jahr zum Leben brauchen. Sind wir also reich?

Ja und nein. Gewiss, als Ganzes ist Deutschland reich. Es gibt nur zwei Einwände: Erstens: Es deutet nichts darauf hin, dass jemand vorhätte, sich für dieses Geld auch etwas zu kaufen. Klar, es werden damit Börsenpapiere und Ähnliches gekauft, aber in realwirtschaftliche Güter aus anderen Ländern wird es nicht umgesetzt. Diese 2,7 Billionen sind Selbstzweck. Aber leider nicht essbar. Und zweitens: Wie ich früher bereits einmal schrieb, ist dieser Reichtum alles andere als gleich und gerecht verteilt. Gerade jene, die das Geld erarbeitet haben, besitzen es nicht. Dabei würden sie es bestimmt gerne ausgeben, denn sie könnten es gebrauchen. Was wäre das für eine paradisische Vorstellung: Jeder von uns bekommt ca. 50000 Euro; ganz Deutschland macht ein Jahr lang Urlaub, kauft das Essen in Italien, die Kleidung in Frankreich, die Software in den USA, macht Urlaub in Griechenland und Spanien – und am Ende haben wir kein Guthaben mehr, die erwähnten Länder keine Schulden, und wir könnten mit einer vernünftigen Wirtschaftsordnung von vorne anfangen. (Telepolis hat gerade vorgestern einen tollen Artikel von Tomasz Konicz veröffentlicht, der scharf und klar analysiert, wie Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten seine Staatsschulden exportiert hat. Lesen!)

Aber so ist es nicht. Geld kann man nicht essen, und so verschenken wir weiter unsere Leistung, ohne etwas Brauchbares dafür zu bekommen. Das Einzige, was wir davon haben, ist Arbeit. Sie wird – siehe die vorangegangene Folge in dieser Serie – immer schlechter bezahlt, aber immerhin: Man hat Arbeit. Das toll zu finden, ist wohl nur durch die hierzulande tief eingebrannte protestantische Ethik zu erklären. Um diese zufrieden zu stellen, könnte eine konsequente Lösung der europäischen Wirtschaftsprobleme darin bestehen, dass wir Deutschen unsere Waren dem Ausland einfach gleich schenken. Dann müssten sich diese Länder wenigstens nicht mehr verschulden, und hier könnten wieder alle arbeiten. Es sähe zwar aus wie Sklaverei – aber nein! Es wäre toll. Und wir wären wieder Weltmeister.

Irrwissen 4 : Hoffen auf die Supernova

Widerspricht : Empirie & Vernunft

Fachbereich : Volkswirtschaftslehre

Der Wachstumsmotor! Ach, der Wachstumsmotor! Er stockt und sprotzt und ruckelt, und dabei tun unsere Politiker doch alles, damit er „wieder anspringt“. Denn einige vermeidbare Unfälle – Lehman Brothers, Staatsschuldenkrise – sind schuld daran, dass er derzeit nicht rundlaufen mag. Sonst wäre alles in Ordnung. Oder nicht?

Wählen wir doch einmal einen ungewöhnlichen Zugang: Schauen wir uns die Fakten an. Die folgende Graphik zeigt die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts in der BRD seit 1951.

13-02-21 Wirtschaftswachstum BRD

Jährliche Veränderung des BIP in der BRD

Auf den ersten Blick können sich die Vertreter der „Wellentheorie“ bestätigt fühlen: Es geht zyklisch immer rauf und runter. Doch auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Wellen links, in den Fünfzigern, erheblich höher ausfallen als in den letzten Jahrzehnten mehr rechts. Das ist übrigens, wie man in dieser Broschüre sieht, sogar dem Statistischen Bundesamt aufgefallen. Im ersten Jahrzehnt der BRD lag das stärkste Wirtschaftswachstum 1955 bei 12,1%, das schwächste zwei Jahre später immerhin noch bei 6,1%. Ein so hoher Wert ist seit 1970 nicht mehr erreicht worden. Und die 5%-Hürde überschritt das Wirtschaftswachstum zuletzt im Jahr der Wiedervereinigung und dem Folgejahr.

Verdecken die Konjunkturzyklen möglicherweise einen langfristigen Trend? Tun wir also das Naheliegende und filtern die Schwankungen durch ein gleitendes Mittel mit einer Spanne von sieben Jahren heraus.

13-02-21 BRD Wirtschaftswachstum und Mittel

Wirtschaftswachstum mit gleitendem Mittel

Tatsächlich: Die Kurve, die sich ergibt, fällt ziemlich hyperbolisch ab. Einen auffallenden Buckel gibt es um 1990: Die Wiedervereinigung war ein wirkungsvolles Konjunkturprogramm. Seit 1995 dagegen konvergieren die Werte deutlich gegen 1%.

Ein bisschen Mathematik bestätigt den optischen Eindruck. Nach der „Wellentheorie“ müsste das Wirtschaftswachstum um einen festen Mittelwert schwanken. Versucht man aber, eine Regressionsgerade in die Daten zu legen, dann fällt sie mit einer Steigung von –0,12 Prozentpunkt/Jahr, hat die Nulllinie im Jahr 2010 gekreuzt und erklärt auch nur 43% der Schwankungen.

13-02-21 BRD Wirtschaftswachstum mit Trends

Lineare (blau) und gebrochen-rationale (blaugrün) Regression des Wirtschaftswachstums in der BRD

Eine gebrochen-rationale Funktion leistet Besseres (59% der Variation) und läuft asymptotisch auf 1,1% Wirtschaftswachstum hin, wobei auch 0% durchaus im Konfidenzintervall liegen. Noch besser wird es, wenn man die Hyperbel an die gefilterten Daten anpasst: Dann steigt das Bestimmtheitsmaß auf 0,94, also 94% der Variation. Das mittlere Wirtschaftswachstum innerhalb von sieben Jahren lässt sich, das sei hier für die Nachwelt festgehalten, recht gut mit folgender Formel vorhersagen: f(x) = 140,7/(x-1939) –0,7549.

13-02-21 BRD mittleres BIP mit Trend

Gebrochen-rationale Regression am gleitenden Mittel der BIP-Veränderung

Ein interessanter Nebenaspekt dieses hyperbolisch sinkenden prozentualen Wirtschaftswachstums zeigt sich beim Blick auf die absolute Wirtschaftsleistung, die sich daraus ergibt. Verkünden uns Ökonomen und Ökologen nicht immer das exponentielle Wachstum, die einen mit verheißungsvollem, die anderem mit warnendem Ton? Nun, ob unendliches exponentielles Wirtschaftswachstum nun wünschenswert oder bedrohlich ist, ist irrelevant: Es existiert nämlich gar nicht. Die Wirtschaftsleistung in der BRD (1950 = 100, rückgerechnet aus den Wachstumsraten) liegt bemerkenswert genau auf einer Gerade (R² = 0,996). Das ist auch kaum verwunderlich, denn eine Exponentialfunktion mit gebrochen-rationalen Wachstumsraten (e^(1+1/x)) nähert sich einer Geraden an. So erfährt Malthus eine späte Genugtuung.

13-02-21 BRD Wirtschaftsleistung

Wirtschaftsleistung BRD mit Trendlinie

Es ist also eine Fehlannahme, dass exponentielles Wirtschaftswachstum möglich und machbar sei. Dann drängt sich die Frage mit verstärkter Vehemenz auf: Wozu wird es so dringend gebraucht?

Zum  Beispiel brauchen wir es, dem Okunschen Gesetz zufolge, um die Beschäftigungsquote hoch bzw. die Arbeitslosenquote niedrig zu halten. Dieses Gesetz fasst den empirischen Befund zusammen, dass sich die Arbeitslosenzahl gegenläufig zum Wirtschaftswachstum ändert: Wächst diese, schrumpft jene, und umgekehrt. Dabei wird die Nulllinie bei ungefähr 2 bis 3% Wirtschaftswachstum geschnitten. Bei Wachstumsraten von rund 1% sagt das Okunsche Gesetz also voraus, dass die Arbeitslosenzahl steigen wird. Leider ist es nahezu unmöglich, diese Vorhersage zu prüfen, da die Arbeitslosenstatistik laufend umdefiniert wird. Viel aufschlussreicher als die Arbeitslosenzahl sind allerdings sowieso die Entwicklung der Reallöhne und der geleisteten Arbeitsstunden. Erstere befinden sich mindestens seit 2000 im Sinkflug, letztere stagniert. Selbst wenn man also die offiziellen Verlautbarungen der letzten Jahre glauben wollte, nach denen die Beschäftigtenzahlen gestiegen und die Arbeitslosenzahlen gesunken seien, bedeutete dies nur, dass für einen gleichbleibenden Arbeitsumfang immer weniger Lohn gezahlt, und beides auf mehr Leute verteilt wird. Dass also mehr Leute weniger arbeiten und noch weniger verdienen, dabei aber (siehe steigendes BIP) immer mehr leisten.

Ein kurzer Zwischenstand: Die Bedingung, unter der eine Volkswirtschaft nach herrschender Lehre funktionieren könnte – nämlich unendliches exponentielles Wirtschaftswachstum mit mindestens 3% p.a. – ist nachweislich nicht gegeben. (Ganz zu schweigen davon, ob sie wünschenswert wäre, denn ungebremstes exponentielles Wachstum finden wir sonst nur bei Atombombenexplosionen, Krebserkrankungen und – siehe Beitragstitel – Supernovae.).

Damit stellt sich aber eine Frage mit schreiender Dringlichkeit: Warum funktioniert eine Volkswirtschaft nur, wenn sie exponentiell wächst?

Man bedenke (ich verweise noch einmal auf den letzten Link): Das Bruttoinlandsprodukt ist in der BRD allein in den letzten zwölf Jahren um über 60% gestiegen. Die Volkswirtschaft hat also um über 60% mehr eingenommen. Warum sind Arbeitsvolumen und Löhne nicht ebenfalls um über 60% gestiegen, sondern eher zurückgegangen? Wo ist das ganze Geld hin?

Ich habe den Eindruck, dass sich Volkswirtschaftler diese grundlegende Frage niemals stellen. Sonst hätten sie ja bemerken müssen, dass eine plausible Antwort von Silvio Gesell schon seit bald hundert Jahren darauf wartet, von ihnen bemerkt zu werden.

Der grundlegende Irrtum der Volkswirtschaftler besteht darin, Geld als neutrales Medium zu behandeln. Das ist es aber nicht. Geld ist ein von Menschen konstruiertes Werkzeug, das mit bestimmten Eigenschaften versehen wird. Eigenschaften, die man ändern kann, Eigenschaften, die bestimmte Folgen haben. Geld, wie wir es meistens kennen, hat z.B. die Eigenschaft der unendlichen Haltbarkeit: Ein Fünf-Euro-Schein, den ich in der Schreibtischschublade finde, ist noch genauso frisch wie am Tag, als ich ihn dort vergessen habe. Diese Eigenschaft hat modernes Geld vermutlich vom Gold geerbt. Damit hat Geld einen Vorteil gegenüber fast allen Waren, gegen die es eingetauscht wird, denn diese verderben entweder oder verursachen Lagerungskosten. Wer Geld übrig hat, muss es nicht anbieten. Er wird es gerne behalten, es sei denn, man bietet ihm einen Zinssatz, der hinreichend dafür entschädigt, auf Liquidität zu verzichten. Dieser Mindestzinssatz, unterhalb dessen man das Ersparte lieber auf dem Girokonto oder unter der Matratze verfügbar hält, als es langfristig zu binden, ist kein fester Wert. Als Richtwert kursieren 3%.

Nun wird alle Realwirtschaft durch Kredite finanziert. Kredite, die also einen Zinssatz von mindestens 3% tragen, meistens wohl eher mehr. Jeder Wirtschaftstreibende muss also jährlich rund 3% mehr Leistung erbringen, als er selbst eingekauft hat. Und was für jeden Einzelnen gilt, gilt in der Summe für die gesamte realwirtschaftliche Produktion: Um die Kreditzinsen bezahlen zu können, muss sie jährlich um mindestens 3% wachsen. Gelingt ihr das nicht, dann muss sie das Geld anderswo sparen. Z.B. bei den Löhnen.

Das ist schon schlimm genug, aber die Daumenschraube geht noch eine weitere Umdrehung: Da die Arbeitseinkommen sinken, verteilen die Zinsen das Geld zu jenen, die ohnehin schon am meisten haben. Die Mehrheit der Bevölkerung hat dagegen immer weniger Geld auszugeben: Die Binnennachfrage sinkt, und damit die Nachfrage nach der Produktion eben jener Volkswirtschaft, die eigentlich wachsen will. Der Kapitalismus schnürt sich selbst die Luft ab.

Hat man dieses Problem erst einmal bemerkt, dann ist die Lösung recht einfach: Geld muss, wie Silvio Gesell es in seinem Hauptwerk „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ forderte, die Alterung der Waren spiegeln, die es tauscht: Es muss verderben. Der Geldbasiszins, also der Zins auf sofort verfügbares Geld (d.h., auch Bargeld) muss negativ sein, bei ungefähr -3% bis -5% (wobei dieser Wert idealerweise ebenso flexibel wäre wie der Leitzins der Zentralbanken). Selbst langfristig angelegt, erreichte es dann nur noch eine Verzinsung von 0%: Der Wachstumszwang wäre verschwunden. Und das Geld könnte nicht mehr zurückgehalten, unter Matratzen oder in spekulativen Börsenkonstrukten versteckt werden: Das Geld stünde der Realwirtschaft vollständig als Tauschmittel zur Verfügung und entspräche in der Menge genau der angebotenen Arbeit. Kurz: Es gäbe keine Arbeitslosigkeit.

Und was dann möglich wäre – welche Welt dann entstehen könnte – das habe ich ganz zu Anfang dieses Blogs träumerisch entworfen. Nie, niemals und nirgends war das Irrwissen einer „Wissenschaft“ so verhängnisvoll.

(Interessenten finden zahlreiche weitere Materialien hier.)

Wir werden gelernt haben . . .

Norbert Rost, dessen Texte und Blogs ich hier immer gerne verlinke, hat auf seine Seite Peak-Oil.com gerade einen Beitrag gestellt, den der sächsische Bürgerrechtler und Umweltschützer Michael Beleites vor drei Tagen in der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung gehalten hat. Er prognostiziert darin, was wir im Jahre 2030 gelernt haben werden, wenn die bevorstehende Krise abgeklungen ist. Also eines der viel zu seltenen Beispiele utopischen Denkens, das ich mithin hier gerne weiterverbreite.

Der fremde Spiegel

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen den Realismus ist die Wut Calibans, der sein Gesicht im Spiegel sieht.

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen die Romantik ist die Wut Calibans, der sein Gesicht nicht im Spiegel sieht.“

Oscar Wilde

Es ist nicht leicht, sich selbst von außen zu betrachten. Jeder erinnert sich wohl des Schreckens, als er zum ersten Mal seine eigene Stimme auf einer Aufnahme gehört hat. Und größer noch war der Schock, in einem raffinierten Arrangement von Spiegeln sich selbst von der Seite oder von hinten zu sehen. Was, so groß ist die Nase? So fliehend die Stirn? Selbst den Scheitel sehen wir ja in einem normalen Spiegel nicht auf der richtigen Seite.

Was für das Individuum gilt, gilt umso mehr für seine Kultur. Es hat zwar im Abendland immer wieder Versuche gegeben, den Außenblick zu simulieren: Montesquieu schrieb die „Lettres persianes“, Scheurmann den Papalagi und zuletzt Rosendorfer die „Chinesischen Briefe“. Aber so lesenswert diese Bücher auch sind: Letztlich tragen sie doch nur Karnevalsverkleidungen. Montesquieu schreibt nicht wirklich aus Sicht eines Persers, sondern bleibt der Rationalist der französischen Aufklärung, der, versteckt unter dem Turban, die Missstände seiner Zeit anprangert. So auch Scheurmann, so Rosendorfer. Sie alle unterstellen letztlich eine menschliche Weltkultur, die zwar in unterschiedlichen Verkleidungen auftritt, in ihren inneren Werten aber immer dieselbe bleibt.

Eine echte Außensicht dagegen lassen wir nicht zu. Was Muslime („Islamisten“), orthodoxe Christen oder Chinesen von uns meinen, wird allenfalls als Beispiel pittoresker Verbohrtheit und ideologischer Rückständigkeit zitiert. Das ist kein Wunder: Unsere Kultur, unsere Werte (Menschenrechte, Demokratie, etc.) sind ja schließlich universal; es gibt also gar kein „Außen“.

Das ist natürlich ein Irrtum. Auch die abendländische Kultur ist nur eine von vielen Blasen im Schaum des Chaos. Es ist lehrreich und mithin nützlich, die Spiegel so zu arrangieren, dass sie sich wie von außen sieht. Und es gibt diese fremden Spiegel – nicht bei den grünen Männchen auf dem Mars, sondern gleich nebenan.

Was kennzeichnet wohl die abendländische Kultur? Die Innensicht wird zum Beispiel recht gut von den Einbürgerungstests der verschiedenen Länder wiedergegeben. Deutschland fragt:

„Wahlen in Deutschland sind frei. Was bedeutet das?“ Oder: „Der 27. Januar ist in Deutschland ein offizieller Gedenktag. Woran erinnert dieser Tag?“

Österreich fragt sogar:

„Ist die Verletzung von Menschenrechten in Österreich verboten und strafbar?“ (ja, nein, vielleicht) oder: „Wie hieß die einzige Frau an der Spitze des Hauses Habsburg?“ oder: „Wie hieß Österreich bei der ersten urkundlichen Erwähnung?“

Dem entspricht der Schulunterricht, der ja den Nachwuchs auf die Kultur vorbereiten soll, in welcher er leben wird. Da werden Goethe gelesen, und Shakespeare, Frisch und Salinger; Mathematik lernt man natürlich und zunehmend die Naturwissenschaften; Staatsbürgerkunde und Ethik werden wichtig genommen, manchmal auch Musik, obgleich sie meistens ausfällt. Hingegen Wirtschaft wird nicht unterrichtet, denn das hat, so scheint es, mit unserer Kultur nichts zu tun.

Wer sich also in die abendländische Kultur integrieren will, der soll die Menschenrechte und Gesetze kennen, die Klassiker gelesen haben und von der Französischen Revolution wissen; auch von der Reformation sollte er mal gehört haben, und natürlich vom Dritten Reich. Hierzulande muss er Deutsch sprechen. Dann lobt man ihn und seine Integrationswilligkeit und ist sehr zufrieden. Leistet er dagegen diese Dinge nicht, dann verdammt man ihn als integrationsunwillig.

Ich habe vier kurdische Schwägerinnen und Schwager in Deutschland, nebst einer beliebigen Zahl von Schwippvettern, -basen und -großcousins dritten Grades. Drei der vier Geschwister meiner Frau sprechen nicht sonderlich gut Deutsch. Alle vier haben kein Buch im Haus; ob sie mit Namen wie „Goethe“ oder „Beethoven“ allzu viel anzufangen wüssten, bezweifle ich. Bei ihnen laufen türkische und kurdische Programme im Fernsehen; vermutlich bekämen sie nicht alle Landeshauptstädte und verflossenen Bundespräsidenten und die Zusammensetzung des Bundesrats zusammen. Sie wüssten auch gar nicht, wozu.

Sie wollen Geld verdienen. Und die beiden Schwager schaffen das mit beträchtlichem Erfolg; sie führen mittlerweile mehrere Geschäfte, spekulieren in Immobilien und stehen sich finanziell erheblich besser als ich. Ein Cousin meiner Frau kann kaum eine mittelschwere Konversation auf Deutsch führen, aber er hat sich vor einigen Jahren für eine runde Million den gesamten Wohnblock gekauft, in dem sein Imbiss liegt. Das sind die Vorbilder der jüngeren Familienmitglieder.

Eine Nichte immerhin hat etwas Sinn für Bildung. Sie hat den Realschulabschluss erworben, eine Lehre begonnen und das Fachabi ins Auge gefasst. Seit sie jedoch beobachten musste, dass ihr Onkel als habilitierter Neurobiologe am Monatsende aufs Geld schauen muss und noch nicht weiß, ob er im kommenden Sommer überhaupt Arbeit haben wird, und dass ihre Tante einen Magister Artium macht, mit dem sie vermutlich niemals einen Job finden wird, hat ihr Elan sehr nachgelassen. Wozu die Bildung? Geld will sie verdienen. Viel Geld.

Stimmt also das Klischee? Sind sie also so, die Ausländer? Integrationsunwillig, kulturell wurzellos, arbeitsscheu, nur aufs Geld aus? Nein, natürlich nicht. Dieselben Menschen zeigen eine ungeheure Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber Verwandten und Gästen, legen Wert auf Ehre, Ehrlichkeit und Höflichkeit und arbeiten hart und konzentriert in ihren Läden. Sie würden nie einen Cent anrühren, den ich liegen gelassen habe, nie schlecht über mich sprechen oder mir eine unangenehme Wahrheit ins Gesicht klatschen. Was sie von ihren Eltern an alevitischem Brauchtum mitbekommen haben, pflegen sie. Nein, sie sind weder dumm noch kulturlos noch integrationsunwillig.

Sie haben einfach nur gut beobachtet. Einer meiner Schwager sagte es sehr deutlich: „Um in Deutschland akzeptiert zu werden, musst Du Geld haben.“ Das und nur das zählt. Bildung bringt nichts.  Ein Ausländer, der abendländische Bildung hat, ist allenfalls ein dressierter Affe. Ein Ausländer, der Geld hat – der ist wer. So klar wie jeder Kulturphilosoph sehen die „Deutschländer“  die „Armseligkeit unserer Kultur“, von der Peter Finke kürzlich in diesem Blog schrieb. Das Abendland – nein, das ist nicht Reformation, Aufklärung, wissenschaftlicher Rationalismus, es ist nicht Kant, Wittgenstein, Adorno, nicht Sonett, Sonatenhauptsatz und Sonnenblumen von van Gogh, seine Werte sind nicht Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Pluralismus und Toleranz – nein: Sein Wert ist Geld.

Jeder Fremde, der unsere Kultur von außen sieht, erkennt das auf den ersten Blick. Anpassungsfähig, wie der Mensch ist, spiegelt der Fremde seine Beobachtung zurück.

Aber Caliban erkennt Gesicht nicht in diesem Spiegel.

Und dafür hasst er den Spiegel.