Tatsachenliebe

Über Wissenschaft, Wirtschaft und Sprache

Von Peter Finke

[Eine Bemerkung von mir vorab: Übermorgen marschieren in vielen deutschen Städten, auch in Jena, Kollegen und Wissenschaftsinteressierte beim sogenannten „March for Science„. Nun bin ich sicherlich der Letzte, der etwas gegen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn hat. Dennoch befällt mich bei diesem seltsam ziellosen Marsch ein gewisses Unwohlsein, und nicht nur mich (s. auch hier). Kurz gesagt befremdet mich diese kritiklose Affirmation, die ich in der Initiative spüre. Ich war schon drauf und dran, hier etwas dazu zu schreiben, als mir Peter Finke seinen tief bohrenden Artikel dazu anbot. Danke, und Vorhang auf!]

Was ist eigentlich eine Tatsache? Wenn auf der Kreuzung nebenan zwei Autos kollidieren, kann man zwar ohne Worte auf diese und das Ereignis zeigen, nicht aber auf die damit verbundene Tatsache. Denn diese besteht nicht nur aus Dingen oder Ereignissen, sondern benötigt immer auch eine sprachliche Formulierung. Wir müssen einen Satz bemühen, um uns auf eine Tatsache zu beziehen, mithin eine Sprache. Und davon gibt es viele, großenteils höchst unterschiedliche. Deshalb ist es oft auch ein Problem, ob zwei Sätze in verschiedenen Sprachen wirklich die gleiche Tatsache zum Ausdruck bringen.

Nun ist es zweifellos richtig, sich dafür zu engagieren, dass Tatsachen ernst genommen und das schändliche Spiel von Trump und seiner „Beraterin“ Conway mit Lügen und „Fake News“ in aller Deutlichkeit an den Pranger gestellt werden. Wer nach dem Motto „America first!“ zum Beispiel die Forschungsergebnisse zum Klimawandel einfach leugnet, wird seiner Pflicht als Staatsmann und Erdretter nicht gerecht. Wer ihn so berät, dass man zwischen wirklichen und nur behaupteten Tatsachen, ja Lügen, keine scharfe Unterscheidung mehr soll treffen können, klärt nicht auf, sondern untergräbt Wirklichkeit.

Deshalb ist der für den 22. April geplante „March for Science“, der die Bedeutung von Wahrheit und Macht für die Wissenschaft wieder zurecht rücken soll, eine gute Sache. Dennoch sollte man sich von einer ernsthaften Initiative eine differenzierte Begründung erwarten, die auch einen kritischen Blick auf die Realitäten der Wissenschaft einschließt. Die Organisatoren jenes „Marsches“ machen es sich freilich zu einfach. Das beginnt bei der Wahl einer solchen Gleichschrittmetapher mit militärischem Anklang für eine ganz und gar zivile Sache. Schon Oster- und Friedensmarschierer würden ihrer wichtigen Sache dienen, wenn sie die kriegerischen Marsch-Assoziationen als hinderlich erkennen und künftig beiseite ließen. Die Wissenschaft aber ist leider nicht der unbedingte Garant für Tatsachentreue. Sie sollte es sein, das ist aber etwas anderes. Die Unterscheidung von Ideal und Wirklichkeit wird leider häufig nicht so ernst genommen, wie sie es verdient. Es wäre schön, wenn sich Wissenschaftler immer an den Tatsachen orientieren würden, aber tun sie das? Ich sehe, dass kenntnisreiche, ehrenamtlich forschende Amateure auf ihrem Gebiet sehr oft zuverlässigere Liebhaber der Tatsachen sind als in Fachstudien zu Spezialisten ausgebildete Berufswissenschaftler, die für ihre Forschung bezahlt werden.

Die Sache hat zwei Hauptaspekte: einen ökonomischen und einen linguistischen. Die Frage, aus welchen Quellen das Geld stammt, das Berufsforscher erhalten, war noch nie so aktuell wie heute. In einer Zeit, in der die überwiegend aus Wirtschaft und Industrie fließenden Drittmittel quantitativ inzwischen die Steuermittel des Staates überholt haben, ist die Tatsachenqualität der publizierten Resultate keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie ist es umso weniger, als unbefristete Stellen selten geworden sind und sich die meisten Forscher von einem Auftrag zum nächsten hangeln müssen, gerade auch wenn sie jung sind. Häufiger, als es uns lieb sein kann, stehen sie bei Ablieferung ihrer Ergebnisse vor der Frage abzuwägen, wie man die gefundenen Sachverhalte formulieren soll, wenn sie die Chance auf Anschlussaufträge nicht verlieren sollen. Es gibt leider viel zu viele Beispiele dafür, dass Einschränkungen gemacht, Teilergebnisse ausgelassen, Kommata verrutscht, Rücksichten genommen, Formulierungen geschönt worden sind, als dass man die naive Gleichung „Wissenschaft = unbedingte Tatsachentreue“ noch ernst nehmen könnte.

Die Abhängigkeit der institutionalisierten Wissenschaft von ihren Geldquellen führt für viele abhängig gewordene, nicht mehr wirklich freie Wissenschaftler zu einer früher ungeahnten Unsicherheit im Umgang mit der Darstellung der Resultate. Es findet sich freilich kaum ein Repräsentant unseres Wissenschaftssystems, ob Hochschullehrer oder Bildungspolitiker, der jenes Abhängigkeitsdilemma als ernsthaftes Problem der Verfasstheit der heutigen Wissenschaft anzuerkennen bereit ist; fast alle tun es als Persönlichkeitsproblem ab. Aber geht es tatsächlich nur um eine Serie bedauerlicher Einzelfälle psychisch instabiler Forscherindividuen? Hat es nicht doch etwas mit dem Wandel des Systems zu tun, das wir uns heute als Wissenschaftssystem leisten?

Unsere Universitäten sind spätestens seit der erheblich von ökonomischen Überlegungen inspirierten „Bologna-Reform“ zu Dienstleistern der Drittmittelgeber gemacht worden; ihre Leitung sollte sogar eine unternehmerische Qualität bekommen, Dozenten wurden zu Produktanbietern, Studierende zu „Kunden“ degradiert: ein Unding, wenn man das Grundgesetzwort von der Freiheit der Wissenschaft wirklich noch ernst nimmt. Die Bildungspolitiker Europas haben sich dabei parteiübergreifend wie brave Helfer des stärkeren Nachbarsystems Wirtschaft benommen. Und es ist erst wenige Jahre her, dass in Deutschland Akademiepräsidenten, die selbst eine Karriere in der Pharmaindustrie gemacht haben, vor zuviel Bürgerbeteiligung bei der Wissenschaft gewarnt haben; ihnen war sicher bewusst warum. In einer Demokratie aber kann sich selbst die Wissenschaft nicht leisten, sich auf Dauer außerhalb der offenen Gesellschaft zu stellen. Karl Popper wusste, wovon er sprach, als er „The Open Society and its Enemies“ schrieb.

Nein, die Organisatoren jenes „Marsches“ reden an den Problemen vorbei, so sehr auch ihre Motive ehren- und unterstützenswert sind. Auch sie sparen sich die nötige Wissenschaftskritik, ohne die es heute nicht mehr geht, wenn die Wissenschaft selbst das Thema ist. Dies macht das Problem komplexer, aber zur Tatsachenliebe gehört das dazu. Die Organisatoren verstecken sich hinter dem Ideal, wie sie überhaupt pauschal und falsch „die Wissenschaft“ mit der Berufswissenschaft identifizieren. Nicht nur die fragwürdige Marschmetapher zeigt, dass hier etwas mit der heißen Nadel gestrickt worden ist, sondern auch die Tatsache, dass man nonchalant Englisch redet, weil das angeblich heute die internationale Sprache par excellence und damit auch die Sprache der Wissenschaft ist.

Gibt es auf unserer vielsprachigen Erde wirklich eine internationale Sprache? Und ist dies ausgerechnet das Englische? Ist nicht gerade die tatsachenliebende Wissenschaft aufgerufen, aus der Vielsprachigkeit dieser Welt eine Pflicht zu kognitiver Differenzierung abzuleiten, auch wenn dies  die Kommunikation erst einmal erschwert? Die englische Sprache hat nicht das internationale Gewicht erlangt, welches sie heute besitzt, weil sie die Tatsachen kulturneutral am besten zum Ausdruck brächte und deshalb die perfekte Wissenschaftssprache wäre, sondern aus politischen und ökonomischen Machtgründen. Deshalb haben wir eine wirkliche Globalisierung noch nicht erreicht; sie funktioniert nur vielsprachig. Der Anlass, dass Liebhaber der Wissenschaft und der Tatsachen dieses wahrnehmen, wäre gegeben. Es ist ein doppelter: ein ökonomischer und ein linguistischer. Mit Leisetreterei durch Verschweigen ist niemandem geholfen.

Deshalb muss man darauf hoffen, dass die unbezahlt forschenden Personen in den verschiedensten Ländern, die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sich im Verbund mit einigen verbliebenen kritischen Beobachtern der wissenschaftlichen Entwicklung aufraffen, die komplexere Problematik der wirklichen Tatsachenliebe zu verteidigen und zugleich die hiermit offenbar bei vielen ihrer institutionengebundenen Kollegen oft verbundene linguistische und ökonomische Naivität infrage zu stellen. Es wäre zu wünschen, dass diese auch beim Protestmarsch der Wissenschaftler durchbrochen und angeprangert wird. Denn auch diese verbreitete Naivität macht die Vereinfachungen und Lügen der Trumps allererst möglich.

Advertisements

Pluralistische Medizin

Zwei Anekdoten zu Anfang:

Eine Bekannte litt seit Jahren an Allem. Schlappheit, Kopfschmerzen, generalisiertes Unwohlsein, bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Das Leben war ein Leiden. Sie ging von Arzt zu Arzt; an Geld mangelte es auch nicht; aber niemand vermochte ihr zu helfen. Man bedenke: Sie ist mitnichten esoterisch oder alternativ angehaucht. Sie ist nüchtern und bodenständig. Sie hat von den Ärzten wirklich Heilung erhofft. Vergebens.

Und dann ging sie zum Osteopathen. Der tat, was Osteopathen tun: Energieströme ausmessen, Zähne überprüfen. Dieser oder jener Zahn musste raus, oder zumindest nicht-metallisch neu gefüllt werden. Die Bekannte folgte der Anweisung.

Und wurde gesund.

Aber meine Frau mit ihrem hohen Blutdruck und ihrer Migräne ging daraufhin zum selben Osteopathen. Und er maß Energieströme und prüfte Zähne, und es wurde ein Zahn repariert.

Und es besserte sich nichts.

 

Eine Person meines Vertrauens hatte Atembeschwerden. Wieder mangelte es weder an Ärzten noch an Privatversicherung. Die medizinischen Maschinenparks wurden angefahren, die Lunge nach Strich und Faden vermessen. Wieder gab es respektvolles Vertrauen zu den Ärzten. Wieder gab es keine Diagnose.

So ging die Person zum Homöopathen. Er tat, was Homöopathen tun: Zuhören, eine gründliche Anamnese machen. Dann gab er ihr ein paar Zuckerkügelchen sofort, und ein paar andere für zu Hause.

Schon nach den ersten Kügelchen waren die Beschwerden weg.

Aber meine Frau mit ihrem hohen Blutdruck und ihrer Migräne ging zum selben Homöopathen. Und er hörte zu und machte seine Anamnese. Und es besserte sich nichts.

 

Wer sich umhört, hört viele solche Geschichten. Solche von wunderbaren Heilungen, und solche von Enttäuschungen. Doch jene, die sich Skeptiker nennen, verweisen auf objektive, doppelt randomisierte Studien, und sagen: Nur die Enttäuschungen sind echt. Das andere sind Anekdoten. Zufallsereignisse. Nicht reproduzierbar. Statistische Verunreinigungen. Solange das, was bei Einzelnen funktioniert zu haben scheint, nicht bei allen funktioniert, ist es wertlos.

Aber muss denn Alles für Jeden funktionieren? Auch die wissenschaftliche Pharmakologie bemüht sich neuerdings um die „personalisierte Medizin“. Aber sie meint damit nur, dass anhand genetischer Marker die für jeden geeigneten Medikamente zusammengestellt werden. Personalisiert sind die Wirkstoffe, nicht die Herangehensweisen.

Vielleicht aber geht die Personalisierung der Heilung noch viel weiter. Vielleicht funktioniert Homöopathie für einige Menschen tatsächlich. Und für andere nicht. Dafür funktioniert für einige von den anderen Osteopathie, für einige weitere Ayurveda, und für noch andere die sogenannte Schulmedizin. Die aber auch nicht für jeden funktioniert.

Vielleicht sind die Wahrheiten der Körper, die Wege der Heilung ganz individuell. Vielleicht gibt es gar keine allgemeingültigen Naturgesetze der Medizin. Dann wäre es falsch, nach dem einen Ansatz für Alle zu suchen. Sondern Jeder müsste – und dürfte – für sich herausfinden, wie er geheilt werden kann. Medizin würde pluralistisch. Ein Reich, in dem jeder nach seiner Façon gesund werden kann.

Selbstgewisse Zweifler

Die deutschen Alphajournalisten hören nicht gerne, dass sie gleichgeschaltete Propaganda machen. Da mögen die Nachdenkseiten noch so hartnäckig das Unisono etwa zur Griechenlandkrise dokumentieren, da mag die Propagandaschau tagtäglich bei den Leitmedien fündig werden – diese reagieren allenfalls, indem sie missliebige Kommentatoren als „Putin-Trolle“ schmähen und sicherheitshalber die Kommentarfunktion im Netz abschalten. Und wenn die Kabarettsendung „Die Anstalt“ auf Basis einer wissenschaftlichen Studie nachweist, dass die deutschen Alphajournalisten in transatlantischen Netzwerken zusammenglucken, dann erweist einer der Betroffenen – Stefan Kornelius von der SZ – in seiner Erwiderung seine völlige Unkenntnis vom wissenschaftlichen Arbeiten, während zwei andere – Jochen Bittner und Josef Joffe von der Zeit – ein bildschönes Eigentor schießen, indem sie die missliebige Analyse zensieren lassen wollen („Wie, Ihr behauptet, abweichende Darstellungen würden nicht zugelassen? Das dürft Ihr nicht sagen!“). Einsicht? Keine.

Es überrascht daher nicht, dass nun mit Gero von Randow wieder ein Zeit-Journalist nachkartet und allen, die an der (objektiv nicht gegebenen) Medienvielfalt zweifeln und mehr als kosmetische Kritik üben, Fehlwahrnehmung, Selbsterhöhung, Sektierertum und Ressentiment unterstellt und sie kurzerhand zum „Mob“ stempelt. Das ist alles peinlich genug und braucht hier nicht noch einmal zerpflückt zu werden; andere haben das hervorragend getan.

Mich interessiert ein anderer Aspekt. Von Randow hat als Wissenschaftsjournalist begonnen und sich mit der Herausgabe mehrerer Bücher intensiv in der sogenannten „Skeptiker“-Bewegung engagiert. „Skeptiker“ – und ich werde das hartnäckig in Anführungszeichen setzen – sind Leute, welche jegliche Aussagen über die Welt einer kritischen und rationalen Betrachtung zu unterziehen streben, und das hinreichend wichtig finden, um es sich zur Weltanschauung zu machen. Sie sind daher in verschiedenen nationalen und internationalen Verbänden organisiert, wie CSI(COP) in den USA oder der GWUP in Deutschland, und geben Zeitschriften wie den Skeptical Inquirer oder den Skeptiker heraus. Das wäre sicherlich alles sehr lobenswert und vernünftig, wenn es nicht unter den Anhängern dieser Bewegung allzu viele „Pseudo-Skeptiker“ gäbe, wie das abtrünnige CSICOP-Gründungsmitglied Marcello Truzzi sie nannte: Leute, die am Paranormalen oder anderen außergewöhnlichen Behauptungen nicht einfach unvoreingenommen zweifeln, sondern von vorneherein wissen, dass sie falsch sind. Leute also, die hingebungsvoll an allem zweifeln, das sie selbst nicht glauben.

Mir fiel das auf, als ich vor Jahren mal aus längst vergessenen Gründen in ein „Skeptiker“-Diskussionsforum zur Homöopathie geriet. Irgendein Artikel hatte eine Welle von Häme in dem Forum ausgelöst, die ich einfach nicht unwidersprochen lassen konnte. In meiner Erwiderung wies ich u.a. darauf hin, dass auch die Physik im Großen wie im Kleinen mit postulierten Substanzen wie der Dunklen Materie oder dem (damals noch nicht gemessenen) Higgs-Boson operierte, die nie beobachtet worden waren. Dieselbe großzügige Haltung, meinte ich, sollte man auch der Homöopathie gewähren. – Nix da! Das sei etwas ganz anderes. Homöopathie sei pseudowissenschaftlicher Humbug; hingegen die Existenz der Dunklen Materie gehe aus Gleichungen ganz klar hervor. Als ob die Keplerschen Gleichungen am Himmel beobachtet worden wären . . .

Aber diese Verwechslung von Vernunft und Empirie – oder vielmehr: die Bevorzugung von Vernunft vor der Empirie – scheint mir typisch zu sein für die „Skeptiker“. In einem der von von Randow herausgebenen Bücher gibt es einen Beitrag aus dem Skeptical Inquirer, der folgendes Phänomen . . . nun, nicht eigentlich untersucht . . . :

Vier Leute versuchen einen erwachsenen Menschen mit den Spitzen ihrer Zeigefinger hochzuheben. Das klappt nicht. Dann klatscht der Proband in die Hände, alle machen einen zweiten Versuch, und plötzlich klappt es.

Der Autor des Beitrags zitiert ausführlich verschiedene Schilderungen dieses Phänomens aus verschiedenen Kulturkreisen. Dann stellt er Berechnungen an und ergeht sich in langen Spekulationen, wie der plötzliche Erfolg zu erklären sei – etwa dadurch, dass die Bemühungen durch das Klatschen synchronisiert würden. Nur Eines, das Allernächstliegende, tut er nicht: Vier Leute zusammentrommeln und sich hochheben lassen.

„Skeptiker“, so scheint mir, sind Rationalisten. Sie gehen von einem anerkannten Satz von Wahrheiten aus und beurteilen anhand derer alle ihnen neuen Aussagen. Empirie stört da nur. Es ist im höchsten Maße frappierend, dass sie damit dieselbe Geisteshaltung und dasselbe Verhalten zeigen, das Paul Feyerabend in „Wider den Methodenzwang“ bei den Wortführern der katholischen Kirche gegen Galilei diagnostiziert. Auch diese weigerten sich ja, durch das von Galilei bereitgehaltene Fernrohr zu schauen, weil die Beobachtung für ihre Überzeugung irrelevant gewesen wäre.

Der sich selbst für sehr „bright“ haltende Ober-„Skeptiker“ Richard Dawkins imitierte dieses Verhalten kürzlich getreulich, wie Rupert Sheldrake berichtet: Die beiden waren von einem Fernsehsender zur einem Streitgespräch über Parapsychologie eingeladen worden. Sheldrake hatte Dawkins seine (in peer-reviewten Zeitschriften) publizierten Arbeiten über Telepathie vorab zugeschickt und regte an, sich die Beweise anzusehen: Richard seemed uneasy and said, „I don’t want to discuss evidence“. „Why not?“ I asked. „There isn’t time. It’s too complicated. And that’s not what this programme is about.“ The camera stopped. The Director, Russell Barnes, confirmed that he too was not interested in evidence.

Es passt, dass Dawkins in seinem (ansonsten sehr guten Buch) “The Greatest Show on Earth“ nur eine abfällige Fußnote für die Epigenetik und die Vererbung erworbener Eigenschaften übrig hat. Die empirische Evidenz dafür ist mittlerweile überwältigend. Aber sie stellt halt die Synthetische Evolutionstheorie infrage. Und an dieser hat Dawkins mit absoluter Sicherheit niemals, niemals gezweifelt.

Dies also ist das Umfeld, ist die Geisteshaltung, aus der Gero von Randow kommt: Man zweifelt an allem, was man ohnehin schon für Unfug hält, aber niemals an dem, was man selbst glaubt. Als skeptisch kann man solch eine Haltung selbstverständlich nicht bezeichnen, allenfalls als „skeptisch“.

Mit seinem Wechsel vom Wissenschafts- ins Politikressort hat von Randow diese pseudoskeptische Herangehensweise mitgenommen und verwendet sie jetzt gegen alle, die politisch anders denken als er: Sie sind Spinner; ihre Beweise und Argumente braucht er nicht wahrzunehmen. Der Mainstream hat Recht, weil er der Mainstream ist. Es scheint leider, dass von Randow mit dieser Haltung nicht allein ist in den deutschen Redaktionsbüros.

Wieviele Arten Rationalität?

Wir erfahren die Welt durch unsere Sinne (selbstverständlich nur im Rahmen der a priori gegebenen Modalitäten der Wahrnehmung, Immanuel) und versuchen mittels der Vernunft, in diesen Sinnesdaten Zusammenhänge, Muster, Sinn zu erkennen. Die Ergebnisse dieses Versuchs können sehr verschieden aussehen – vielleicht, weil schon die Erfahrungen, mit denen die Vernunft zu arbeiten hat, bei jedem Menschen andere sind, oder vielleicht, weil nicht jedermanns Vernunft gleich zuverlässig arbeitet (denn es gibt natürlich Philosophaster, Arthur).

Beide Fehlerquellen versiegen zu lassen, unternimmt die Naturwissenschaft. Gegen die Ungleichheit der Erfahrungen setzt sie die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen; gegen die Dummheit die kritische Überprüfung durch Andere. Zwar tropfen die Quellen weiterhin, und das Wasser tritt dafür anderswo aus (etwa bei der Paradigmentreue, der Expertenmacht, dem Kreativitätsmangel, nicht wahr, Peter?), aber es ist weitgehend gelungen, wissenschaftliche Erkenntnis zu normieren. Sie scheinbar sicher zu machen.

Und daher kommt Peter Finke in seinem vorzüglichen Buch „Citizen Science“ zu der Vermutung / der Behauptung, es gebe nur eine Rationalität. Womit gemeint ist: Der Drang, die Welt verstehen zu wollen, ist allen Menschen eigen; wir alle erforschen die Welt von Kindesaugen an und bewahren uns diese Neugier – in unterschiedlichem Maße – zeitlebens. Es gibt daher keinen qualitativen Unterschied zwischen kindlichem Forscherdrang, Liebhaberwissenschaft und Profiforschung: Alles ist rationale Welterkenntnis; alles ist dieselbe, eine Rationalität.

Es versteht sich, dass ich sofort widersprechen wollte (gelle, Paul?). Ich dachte zum Beispiel an den „Untergang des Abendlands“. Das darin entwickelte Geschichtsverständnis ist vollkommen empirisch (total irres Register, Oswald!) und auch ganz rational – und ist dabei ein der naturwissenschaftlichen Methode diametral entgegengesetzter, komplementärer Ansatz: Nicht Kausalität spiele eine Rolle, sondern Analogie. Geschichte erschließe sich nicht durch das Erkennen von Ursachen, sondern durch das Verstehen von Formen. – Man kann das mit guten Gründen ablehnen, denn die intuitive Einsicht in „Gleichzeitigkeiten“ und „Morphologie der Weltgeschichte“ ist, da akausal, nicht beweisbar. Sie verlangt einen Glaubensakt. Aber es wäre falsch, das Buch irrational zu nennen. Es ist nicht das Werk eines Irren, sondern dokumentiert klar und zusammenhängend geschrieben die minutiöse Durchführung einer Methode.

Oder nehmen wir „Momo“. Bzw., um mal etwas Abwechslung in meine Kardinalpunkte zu bringen (sorry, Michael), Peter S. Beagles poetisches Meisterwerk „Das letzte Einhorn“. Fabelwesen sind darin „wirklich“ („Wenn Wirklichkeit das ist, was Wirkung hat – welche Wirklichkeit haben dann Träume?“ – Da bist Du doch wieder, Michael), können aber von den meisten Menschen, die nicht an sie glauben, nicht erkannt werden, sondern erscheinen als gewöhnliche Tiere. Nur Zauberer, Hexen und andere „wirkliche“ Wesen erkennen einander. So entwickelt sich die Geschichte einerseits auf der Ebene eines spannenden Plots, andererseits zugleich als Parabel auf die Entzauberung der Welt. Obwohl es die Personen und Wesen des Buches nicht objektiv gibt, hat die Konstruktion der Geschichte also eine strenge poetische Logik; sie gehorcht (und das gilt für jede gute Geschichte) einer erzählerischen Vernunft, die hart und gründlich gearbeitet hat. Und da eine gute Geschichte wie „Momo“ oder „Das letzte Einhorn“ oder viele andere mehr auch zum Verständnis der Welt beiträgt, haben wir hier eine weitere Form nicht-naturwissenschaftlicher, rationaler Welterkenntnis.

Und eigentlich brauchen wir gar nicht so weit zu schweifen. Denn selbst innerhalb der Wissenschaftler halten doch Naturwissenschaftler das Vorgehen der Geisteswissenschaftler für ziemlich irrational (jaja, Du sagtest schon dergleichen, Charles Percy). Und beide belächeln die Konstrukte und Abstraktionen der Wirtschaftswissenschaftler. Und bei näherer Betrachtung empfindet sogar der Biologe die Modelle des Kernphysikers als Geistesgespinst, während der analytische Philosoph die Arbeiten des Existenzialisten für Geschwafel hält (wir würden ihm bisweilen Recht geben, nicht wahr, Karl?). Ganz zu schweigen von den Hervorbringungen des Theologen, des Dogmatikers gar. Und dabei sind doch die meisten dieser Wissenschaftler helle Köpfchen und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte (was, nebenbei bemerkt, durch das Possessivpronomen so gut wie gar nichts aussagt) und arbeiten höchst vernunftgeleitet.

Ist mein spontaner Zweifel also gerechtfertigt? Gibt es viele Arten von Rationalität? Die naturwissenschaftliche, die hermeneutische, die poetische, und all ihre Unterformen? Einen grenzenlosen Zoo von Rationalitäten, ein Sammelsurium von Vernünften?

Kein sehr ansprechendes Szenario (und sei’s auch nur Deinetwegen, William). Hieße es doch nicht nur, dass wir kein einheitliches philosophisches Konzept von Vernunft bilden könnten – das wäre allenfalls noch zu verschmerzen. Sondern auch, dass wir letztlich außerstande wären, den Gedankengängen eines Anderen zu folgen, weil bzw. wenn er eine andere Vernunft hat. Gedachtes zu veröffentlichen, wäre überflüssig, wir wären lauter Autisten des Geistes.

Zum Glück ist es wahrscheinlich nicht so. Sondern die Vernunft ist (da hättest Du also doch Recht, Peter) nur eine, aber die Spielregeln, nach denen sie spielt, können unendlich vielfältig sein. So wie Schach und Skat zwei völlig rationale Spiele sind, aber niemand auf die Idee käme, beim Schach die Dame mit dem König zu stechen, und umgekehrt ein Bauernopfer beim Skat nur gelegentlich sinnvoll ist (nämlich das Ausspielen des Karobuben beim Grand mit Einem, liebe Skatfreunde meiner Jugend). Die Vernunft tut eigentlich nichts, als Regeln anzuwenden, seien dies Regeln über Beobachtetes, Regeln über Gedachtes, Regeln über Begriffe, oder Regeln über Regeln. Aber welchen Satz von Regeln und Begriffen man verwendet, das ist wahrscheinlich nicht objektiv zu beurteilen (womit Du ins Spiel kämst, David). Gewiss ist es ratsam, sich an den naturwissenschaftlichen Regelkanon zu halten, wenn man Erfolg in der Wissenschaft haben will. Aber dass Erfolg in der Wissenschaft erstrebenswert sei, ist ja ihrerseits eine Regel, der nicht jeder folgen will. Es können ja, wie oben gezeigt, auch andere Spiele dazu dienen, die Welt auf andere Weise zu verstehen.

(Wobei Du einwenden würdest, Hubert, dass zumindest bei Tieren das Spiel dadurch gekennzeichnet sei, dass es eben gerade nicht auf die Umwelt bezogen ist. Ein Spiel mit Weltbezug wäre damit ein Widerspruch. Worauf ich versuchsweise erwidern würde, dass Tiere im wachen, umweltbezogenen Zustand nicht zum rationalen Denken befähigt sind. Wenn Vernunft das „Vermögen der Begriffe“ ist – und damit sind wir wieder bei Dir, Immanuel –, dann verfügen Tiere über Verstand, aber nicht Vernunft. Und so möchte ich zum Abschluss dieser Überlegung die steile These in den Raum werfen, dass sich die Vernunft des Menschen aus dem Spiel der Tiere entwickelt hat (und mithin vielleicht auch die Vernunft des Erwachsenen aus dem Spiel der Kinder). Und dass die spielerische Umdeutung von etwas, das ist, zu etwas, das nicht ist (Alphamännchen zu Spielkamerad, Ball zu Maus, Bauklotz zu Flugzeug) der phylogenetische (und vielleicht auch ontogenetische) Ursprung der Begriffsbildung ist.)

Angewandte Aufklärung

Eine Rezension zu

Peter Finke: Citizen Science – Das unterschätzte Wissen der Laien

Die umfassendste und meistgenutzte Quelle nicht nur von Information, sondern von Wissen, die es auf der Welt gibt, ist die Wikipedia. Ein Lexikon, das, anders als Brockhaus und Britannica, nicht von bezahlten Profis geschrieben wird, sondern von Jedermann. Gewiss, es schreiben auch Universitätsdozenten daran mit. Aber der größte Teil des Inhalts kommt von Laien, Liebhabern, Hobbyexperten.

Damit ist die Wikipedia vielleicht das größte Citizen Science-Projekt unserer Zeit. Aber Citizen Science ist keine neue Erfindung und auch kein Kind des Internets. Immer schon haben sich Menschen aus Neugier mit bestimmten Wissensfeldern befasst, ohne dafür ausgebildet worden zu sein. In vielen Orten gibt es Naturwissenschaftliche Vereine, die ein beträchtliches Alter haben können. Ja, selbst die Großväter der synthetischen Evolutionstheorie, Darwin und Mendel, waren, genau genommen, Laien.

Aber obwohl Citizen Science nicht neu ist, erlebt sie in den letzten Jahren einen Aufschwung, der professionelles Interesse mit sich bringt. Einen großen Anteil daran hat vermutlich der Trend, Laien zur Datenbeschaffung in Forschungsprojekte einzubinden, etwa bei Kartierungen, dem Foldit-Projekt oder dem (aus meiner Sicht ziemlich albernen) SETI-Projekt. Darum war es an der Zeit, dass sich die Wissenschaftstheorie mit dem Phänomen beschäftigt.

Peter Finke, emeritierter Wissenschaftstheoretiker an den Unis von Bielefeld und Witten-Herdecke und selbst Zeit seines Lebens begeisterter Citizen Scientist als Ornithologe und Aquarianer, legt mit diesem Buch die – nach Selbstaussage – erste umfassende deutschsprachige Würdigung und Untersuchung von Citizen Science vor. Er nimmt das Phänomen daher sehr ernst. Wo andere in Citizen Science nur ein von Profiwissenschaftlern geschickt entworfenes Mittel zur Datenbeschaffung sehen (Finke nennt dies „Citizen Science light“), rückt Finke auch die „Citizen Science proper“ ins Blickfeld, also diejenige eigenständige Forschung, die von unbezahlten Laien aus Leidenschaft gemacht wird. Und da er Citizen Science mithin nicht als bloßes Produkt der Professional Science sieht, kann er sie dieser als Partner, Korrektiv, manchmal auch Gegenmodell, jedenfalls aber als eigene, andersartige Wissenschaftsform gegenüberstellen. Citizen Science und Professional Science sind beide „richtige“ Wissenschaft; sie funktionieren nur unterschiedlich. Es ist klar, dass aus diesem Ansatz erhellende Einsichten über beide entstehen können.

Und Finke liefert diese Einsichten. Sein Buch handelt nicht nur von Citizen Science, sondern von Wissenschaft – die für ihn (Einsicht Nr. 1) nicht der bürokratische, von Politik und Wirtschaft am Gängelband geführte „Wissenschaftsbetrieb“ ist, sondern die allen Menschen eigene Suche nach rationaler Erkenntnis. Also ist Wissenschaft das Werkzeug der Aufklärung – das Ergebnis des „Mutes, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Und folglich ist gerade Citizen Science, also die von engagierten und interessierten Bürgern betriebene Suche nach Erkenntnis, mehr als bloß Hobbyspielerei mit Daten: Sie ist eine grunddemokratische Tätigkeit, ist der freie und anarchische Versuch, eigenes Weltwissen zu gewinnen, statt Autoritäten zu folgen.

Darin, dass Finke diese Begeisterung für die Bedeutung und die Möglichkeiten von Citizen Science vermittelt, liegt die Stärke seines Buches. Leider dauert es eine Weile, bis das Buch sich warmgelaufen hat. Es ist in vier Teile unterteilt, deren jeder Citizen Science (und ihr Verhältnis zur Professional Science) anhand eines Bildes untersucht: Die Expedition, aus der die Spitzenbergsteiger nur darum den Gipfel erreichen, weil viele andere die Ausrüstung zum Biwak geschleppt haben – der Apfelbaum, dessen Früchte die Einen am Boden, die anderen mit langen Leitern aus der höchsten Krone ernten – das Gebäude, zusammengesetzt aus vielen Disziplinen, himmelstrebend auf einem breiten Fundament und Erdgeschoss, das jeder durchlaufen muss – die Pyramide mit ihrer breiten Basis. Mir als Naturwissenschaftler wäre es naheliegend erschienen, induktiv vorzugehen, d.h., zu Anfang Citizen Science anhand vieler konkreter Beispiele vorzustellen, um dann daraus Verallgemeinerungen abzuleiten. Finke geht den umgekehrten Weg: Er beginnt mit Begriffsbestimmungen und Verortungen von Citizen Science, ohne dabei auf empirische Beobachtungen zu verweisen. Zwar beginnt jeder Abschnitt mit der Vorstellung eines Citizen Scientist, und gibt es überall im Text unterlegte Kästen, in denen Äußerungen vieler kleiner und großer Citizen Scientists zitiert werden – aber es fehlt in den ersten beiden Teilen am Bezug zwischen den Beispielen und dem Gesamtbild, fehlt einfach an Wendungen wie „Wie das Beispiel XY zeigt, . . .“ Die allgemeine Redeweise und die zahlreichen Wiederholen in diesen Teilen erzeugen den misslichen Eindruck, dass Citizen Science hier weniger beschrieben, als vielmehr beschworen wird.

Konkret fassbar wird sie dann ab dem dritten Teil. Hier folgen auch Klärungen – wie etwa die Abgrenzung von Citizen Science zur bloßen Sammelei –, die ich zuvor vermisst hatte. Im dritten Teil werden Wissensfelder vorgestellt, auf denen Citizen Science besonders tätig ist, werden Fragen der Kommunikation innerhalb der Citizen Science, sowie zwischen dieser und der Professional Science, erörtert, und auch die Frage, wie sich Citizen Science am besten fördern lässt. Und im vierten Teil folgen Untersuchungen, wie Citizen Science die professionelle Wissenschaft, die Politik und die Kultur verändern könnte. Es sind diese Teile, die verdeutlichen, wie wichtig Citizen Science als Motor, aber auch Indikator, demokratischen Geistes und gelebter Aufklärung sein kann, und die damit für das Thema begeistern. Ich rate daher dazu, die Lektüre mit dem Teil III zu beginnen, und erst am Schluss zu den ersten beiden Teilen zurückzublättern. Sie enthalten viele kluge Gedanken und Einsichten, fesseln aber nicht.

Insgesamt aber vermittelt das Buch zugleich eine umfassende und kundige Darstellung seines Themas, und Begeisterung für dieses. Es macht Lust auf Neugier, macht Lust darauf, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Zumal der angewandte Verstand sogleich zahlreiche spannende Diskussionspunkte findet: Hat Feyerabend wirklich übertrieben? Gibt es tatsächlich nur eine Rationalität? Hat jeder Mensch – auch amerikanische Kreationisten – die Gabe und Lust zu rationaler Erkenntnis?

Da hat das Buch doch – trotz seines müden Einstiegs – sein Ziel erreicht.

Fazit 2 : Die Welt ist nicht geheuer.

Man kann aus der kleinen Irrwissen-Reihe noch ein weiteres kleines und, wie ich finde, tröstliches Fazit ziehen: Die Welt ist nicht geheuer.

So endet eine kleine Groteske von Hans Reimann, die ich vor vielen Jahren spät abends im Radio vorgelesen hörte. Sie war mit Beethovens „Für Elise“ unterlegt, und dies ergab zusammen mit der Dunkelheit vor dem Fenster eine Stimmung, die ich hier nicht wiedergeben kann. Die Geschichte ist eigentlich ganz konventionell: Eine skurrile bis surreale Traumerzählung, an deren Details ich mich nicht erinnere, und als der Ich-Erzähler erwacht, findet er einen Gegenstand aus dem Traum in seinem Zimmer wieder. So weit, so bekannt, aber dann endet diese Geschichte mit der so lakonischen wie apodiktischen Feststellung: „Die Welt ist nicht geheuer“, und dazu klingt „Für Elise“ aus.

Seither ist mir dieser Satz fast so etwas wie ein Wahlspruch geworden. Die Welt ist nicht geheuer. Sie ist für den rationalen Geist nie ganz zu erfassen, nie widerspruchsfrei, ordentlich und aufgeräumt. Selbst wenn wir die Irrtümer der Theorien anerkennen, die ich in dieser Serie denunziert habe, sind wir der „Wahrheit“ damit doch eigentlich nicht näher. Die physikalistische Erklärung des Bewusstseins ist falsch, aber kaum jemand ist bereit, stattdessen die idealistische Theorie zu akzeptieren, die gar zu sehr nach Solipsismus klingt. Und was Besseres als Urknall und Evolution hat vermutlich derzeit keiner zu bieten. Wahrscheinlich sind diese großen Fragen der Wissenschaft und Philosophie schlicht unlösbar (womit wir wieder beim „ignoramus et ignorabismus“ sind). Was die Welt im Innersten zusammenhält, werden wir nie ergründen; der gestirnte Himmel über uns und das moralische Gesetz in uns werden ewige Rätsel bleiben.

Und das ist gut so. Die Welt bewahrt ein Geheimnis. Sie ist niemals endgültig, klar, beherrschbar. Sie bietet immer neue Zugänge, neue Erkenntnisse, neue Spiele. Sie hat ihre dunklen Winkel, in denen Unbekanntes, Unerhörtes und Schönes lauert. Sie überrascht uns, erschreckt uns, und legt sich nicht fest. Sie kann morgen anders sein. Sie verlacht Logik und Vernunft und lädt uns dadurch ein, es mit Intuition und Vertrauen zu versuchen. Die Welt ist groß, vielfältig, fremd, schön, aber: Sie ist nicht geheuer.

Fazit 1: Oh Mensch!

Viel miteinander zu tun haben sie auf den ersten Blick nicht, die verschiedenen Beispiele von Irrwissen, die ich in dieser kleinen Serie gesammelt habe. Fehlgeleitete Hochhausarchitektur, merkbefreite Geldtheorie, geistlose Geistesphilosophie und ein fehlzündender Urknall – das wirkt wie ein zufälliges Sammelsurium von Irrtümern, von denen jeder seine eigenen Hintergründe und Ursachen hat, die in der Geschichte des jeweiligen Faches begründet sind.

Oder? Steckt nicht vielleicht doch mehr dahinter? Ich glaube schon. Denn Eines haben fast alle Beispiele, die ich zusammengetragen habe, gemeinsam: Sie verleugnen den Bezug der Welt zum Menschen. In einigen Fällen ist das offensichtlich: Kosmologie und Evolutionstheorie (die ich allerdings nicht widerlegen konnte) haben in den vergangenen Jahrhunderten zwei der drei sogenannten Demütigungen des Menschen hervorgebracht, indem sie ihn aus der Mitte des Universums und von der Krone der Schöpfung gestürzt haben ( – die dritte Demütigung war bekanntlich Freuds Feststellung, dass der Mensch noch nicht einmal Herr im eigenen Ich ist -), und im Allgemeinen zeigt sich die Wissenschaft stolz auf diese Leistungen. Anthropozentrismus gilt als altbacken, überheblich und sowieso als Ursache aller gegenwärtigen Probleme, daher wird dem Menschen gerne aufs Brot geschmiert, dass er nur ein vergängliches Stäubchen auf einem unbedeutenden Planeten ist, der um eine mediokre Sonne am äußeren Spiralarm einer gewöhnlichen Galaxie kreist. Die abstrusen Versuche zu einer „nicht-anthropozentrischen Ethik“, die daraus erwachsen sind, hätte man in die kleine Sammlung auch noch aufnehmen können.

Nein, Naturwissenschaft und Philosophie verhehlen nicht, dass sie stolz darauf sind, den Menschen entmachtet, gedemütigt und zum bloßen biochemischen Prozess degradiert zu haben. Bei anderen Wissenschaften ist der Zusammenhang weniger offensichtlich, aber trotzdem vorhanden. Ich schrieb schon in dem Artikel über Glasdoppelfassaden, dass ich derartige Architektur für nicht nur technisch untauglich, sondern auch für weltanschaulich totalitär und unmenschlich halte. Es sind nicht Häuser nach dem Maß des Menschen, sondern Gebäude nach den Ansprüchen der Weltmaschine. Und ist nicht unser Geldsystem, das den Bezug zur menschlichen Arbeit als dem einzigen wertschöpfenden Produktionsfaktor längst verloren hat und alle Schranken menschlicher Moral und Kultur niederwalzt, genauso: totalitär und unmenschlich?

Viele zucken die Achseln und sagen: „Nun ja, so ist es nun mal. Damit muss der Mensch sich abfinden, dass er nicht das Maß der Dinge ist.“ Aber erstens, wie ich hinreichend gezeigt habe, ist es in Wahrheit gar nicht so: Das menschliche Bewusstsein ist nicht Ergebnis, sondern Voraussetzung der materiellen Welt. Die Determiniertheit der Welt kollidiert nicht mit menschlicher Moral und Freiheit. Geld ist weder Nahrung noch Selbstzweck, sondern aktuell schlicht katastrophal fehlkonstruiert. Und hätten wir ein brauchbares Geld, dann könnten wir es uns auch wieder leisten, Häuser zu bauen, die wie ein Seelenhandschuh sind.

Und zweitens: Selbst wenn wir Kosmologie und Evolutionstheorie nicht grundsätzlich widerlegen können – was zwingt uns, ihren vorläufigen Wahrheiten normative, kulturbildende Macht einzuräumen? Sollte eine lebendige Kultur nicht stark genug sein, ihr Menschenbild auch angesichts hochinteressanter Spekulationen zu bewahren? Kann man nicht die Wissenschaft im Sandkasten spielen lassen, während Frau Müller und Herr Schmidt nebendran ihr Haus bauen?

Mir macht die allgegenwärtige Menschenverleugnung Angst. Sie hat etwas von einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn erst einmal eine Mehrheit den Menschen für überflüssig hält, verhindert nichts mehr, dass er tatsächlich verschwindet. Daher müssen wir dem in allen Bereichen – in der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft und im Miteinander – einen neuen Humanismus entgegensetzen, der seinen Namen verdient. Einen Humanismus, der das Bedürfnis des Menschen nach Sinn erkennt und daher die Welt auf ihn bezieht. Dabei geht es gar nicht darum, dass der Mensch sich arrogant über die Welt erhebe, wie er es – vermeintlich – früher getan hat. Sondern nur darum, dass er notwendigen Gegenpart der Welt begreift. Der Mensch kann nur ganz Mensch werden, wenn er die Welt mit allen Sinnen und Fähigkeiten erkennt, erfasst, erlebt, aber die Welt kann auch nur vom Menschen in ihrer Fülle erkannt und ihrer Schönheit bewundert werden. Wir brauchen den Menschen, wir brauchen die Welt, und wir brauchen eine menschliche Welt.