Nachtrag zum Welttag der Katze

Leider hörte ich gestern erst auf dem Weg ins Büro, dass der 8. August anscheinend der „Weltkatzentag“ ist. So konnte ich erst am Abend daheim in meinen Unterlagen nach einem – wie sich herausstellte – mittlerweile fast 25 Jahre alten Gedicht suchen, das ich hiermit nachreiche:

Du Sphinx, so sanft und fürchterlich,

Geschöpf aus einer Sonne Singen,

du Zephyrkind auf Traumesschwingen,

so hör mich an: Ich liebe dich!

 

Dein Dasein ist ein stiller Tanz,

dein Blick ein Fenster in die Wildnis.

Du bist des Lebens reinstes Bildnis,

der Inbegriff der Eleganz.

 

Der Menschheit selbstverliebter Fratze

drehst du kühl den Rücken zu.

Und wirklich lässt man dich in Ruh.

 

Vor Dir fühl ich mich ärmlich klein.

Ich schaff’s mit Mühe, Mensch zu sein.

Doch Du – bist eine Katze.

Maibild

Ein Bild: Zur Rechten Rosskastanien

wie blühende Gewitterwolken.

Ganz vorne Bärlauch und Geranien,

ihr Weiß der Erde abgemolken.

Der Himmel blau, doch Cirrusgefieder,

am Boden ausgestreutes Blüh’n.

Weiß und lila: Weißdorn, Flieder.

Gelber Raps und hundert Grün.

Ein Bild. Der Wunsch, es einzufrieren,

bevor sich Weißdornblüten röten.

Aus Angst, die Schönheit zu verlieren,

sie wie Schneewittchen aufzubahren.

Der paradoxe Drang, zu töten,

um das Leben zu bewahren.

Track an – Film ab!

Wenn ich Musik höre, dann genieße ich diese üblicherweise um ihrer selbst willen. Ich liebe schöne Melodien – oder mindestens markante Themen -, und umso mehr, wenn sie mit einem prägnanten Rhythmus unterlegt sind. Darum liegt mir die lateinamerikanische Musik so nahe, aber natürlich auch der Reichtum der Musik des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts. So gut wie nie kommt es vor, selbst bei ausgesprochener Programmmusik, dass ich beim Hören Bilder vor dem inneren Auge sehe. „Scheherazade“ ist für mich in erster Linie ein symphonisches Gewebe herrlicher Themen, und kaum der Klangfilm über Sindbads Abenteuer, als welcher das Stück gedacht war.

Aber es gibt eine Ausnahme, und da kaum jemand das Stück kennt, will ich es hier vorstellen, mitsamt den Filmen, die ich dazu sehe: Der vierte Satz aus dem Klavierkonzert – „Concierto heróico“ – von Joaquín Rodrigo. Ein bombastisches Stück voller Hollywood-Pathos, musikalisch sicherlich nicht ein Zehntel des Concierto de Aranjuez wert, aber wirkungsvoll, ungeheuer wirkungsvoll. Ich schließe die Augen, und ich sehe zum Beispiel folgende Szene:

Eine Wagenburg im Wilden Westen, umzingelt von feindseligen Indianern. Der fiese Indianer mit der schwarzen Feder hat den friedliebenden Häuptling hinterrücks erschossen, den Mord den Weißen in die Schuhe geschoben, und den Stamm zum Angriff auf die Wagenburg aufgestachelt, in welcher der Held mit dem weißen Cowboyhut und seine indianische Geliebte verzweifelt Widerstand leisten. Die Lage erscheint aussichtlos, schon fallen die tapfersten Siedler, von Pfeilen getroffen, schon dringen die ersten Indianer, Messer zwischen den Zähnen, zwischen den Wagen durch. Doch da! Eine Staubwolke am Horizont! Hufgetrappel, Sonnenlicht, das auf Bajonetten funkelt, die flatternde Flagge. Der treue Freund des Helden – glückloser Mitbewerber bei der schönen Indianerin – hat es noch rechtzeitig geschafft, die Fünfte Kavallerie zu holen. Pferd um Pferd galoppiert im gestreckten Galopp, die Gewehre werden gesenkt, Indianer fallen unter der ersten Salve, und weiter galoppieren die Pferde, wirbeln Staub auf, der beste Freund kommt ins Bild, kämpfend und siegesgewiss, dann das Liebespaar in der Wagenburg, mit erleichterten, jubelnden Gesichtern, und immer noch galoppiert die Kavallerie.

Oder:

Die Karibik um 1700. Der verräterische Hauptmann hat das Fort in der Bucht in seine Gewalt gebracht, und zugleich die bildschöne Geliebte des Helden. Dieser hat es mit Getreuen gewagt, durch einen geheimen Tunnel in das Fort einzudringen; fast hätten sie den Verräter überwältigt. Aber als es auf dem höchsten Söller zum Showdown kommen soll, da nimmt der Verräter die Schöne als Geisel und hält ihr den Säbel an die Kehle. Alles scheint verloren, schon legt der Held den Degen nieder. Da taucht ein geblähtes Segel hinter der Landzunge auf, welche die Bucht begrenzt, dann das Schiff dazu, unter der Flagge ihrer Majestät. Kanonenrauch ist zu sehen, dann der Geschützdonner zu hören, und gleichzeitig schlagen die ersten Kugeln ein. Und weitere Schiffe folgen, Schiff um Schiff kommt um die Landzunge gesegelt. Die Schöne nutzt den Augenblick der Verwirrung und reißt sich los; der Held packt die Waffe und stürzt sich in den Kampf auf Leben und Tod, ebenso wie seine Getreuen, und rasch werden die Halunken überwältigt, während die Schiffe majestätisch in die Bucht einlaufen, um den Helden zum rechtmäßigen Gouverneur zu ernennen.

Oder zuletzt die Szene, die Rodrigo sich vielleicht wirklich beim Komponieren vorstellte:

Eine Enklave, von feindlichen Kräften umzingelt. Zahllose Frauen und Kinder fürchten Tod oder Versklavung. Aber es gibt eine Schienenverbindung nach draußen, und dem Helden ist es gelungen, die einzige Lokomotive flott zu machen. Aber wird die Brücke halten? Werden die Schienen frei sein? Ruckend fährt der Zug voller Flüchtlinge an, und schon dies ist ein Erfolg. Er beschleunigt, und mühelos überquert er die schwankende Brücke, gewinnt weiter an Fahrt, und fegt im engen Tal mühelos die hölzerne Barrikade der Angreifer davon. Und noch schneller wird er, bricht aus dem unübersichtlichen Gebirge aus in die freie Ebene, hat die Feinde hinter sich gelassen, gewinnt sicheres Land; schon ahnt man in Überblendungen das jubelnde Willkommen im Bahnhof, den Lobpreis des Helden; dampfend und stampfend rollt der Zug durch die Freiheit, an den offenen Fenstern glückselige Gesichter; und dann wieder der Bahnhof, Jubel, Blende.

Witzig bei alledem ist, dass Rodrigo nie eine Filmszene gesehen hat: Er war blind.

Doch nun genug der Vorrede. Hier kommt die Filmmusik. Dreht den Lautstärkeregler auf laut. Nein, nicht so: Auf ganz laut. Und den Regler am Lautsprecher auch. Ganz laut. Und jetzt: Film ab!

Elfenohren im Wandel der Stile und Zeiten

Das Standardohr

 

Das Standardohr

 

Das ägyptische Ohr

Das ägyptische Ohr

Das chinesische Ohr

Das chinesische Ohr

Das Islamische Ohr

Das Islamische Ohr

Das Maya-Ohr

Das Maya-Ohr

Das klassische Ohr

Das klassische Ohr

Das gotische Ohr

Das gotische Ohr

Das barocke Ohr

Das barocke Ohr

Das romantische Ohr

Das romantische Ohr

Das Jugendstil-Ohr

Das Jugendstil-Ohr

Das moderne Ohr

Das moderne Ohr

Das postmoderne Ohr

Das postmoderne Ohr

Das Industrialisierungohr

Das Industrialisierungs-Ohr

Das Musikohr

Das Musikohr

Das freudianische Ohr

Das freudianische Ohr

Das Wikinger-Ohr

Wikingerohr

Das Dalì-Ohr

Das Dali-Ohr

Das Christo-Ohr

Das Christo-Ohr

 

 

Angewandte Aufklärung

Eine Rezension zu

Peter Finke: Citizen Science – Das unterschätzte Wissen der Laien

Die umfassendste und meistgenutzte Quelle nicht nur von Information, sondern von Wissen, die es auf der Welt gibt, ist die Wikipedia. Ein Lexikon, das, anders als Brockhaus und Britannica, nicht von bezahlten Profis geschrieben wird, sondern von Jedermann. Gewiss, es schreiben auch Universitätsdozenten daran mit. Aber der größte Teil des Inhalts kommt von Laien, Liebhabern, Hobbyexperten.

Damit ist die Wikipedia vielleicht das größte Citizen Science-Projekt unserer Zeit. Aber Citizen Science ist keine neue Erfindung und auch kein Kind des Internets. Immer schon haben sich Menschen aus Neugier mit bestimmten Wissensfeldern befasst, ohne dafür ausgebildet worden zu sein. In vielen Orten gibt es Naturwissenschaftliche Vereine, die ein beträchtliches Alter haben können. Ja, selbst die Großväter der synthetischen Evolutionstheorie, Darwin und Mendel, waren, genau genommen, Laien.

Aber obwohl Citizen Science nicht neu ist, erlebt sie in den letzten Jahren einen Aufschwung, der professionelles Interesse mit sich bringt. Einen großen Anteil daran hat vermutlich der Trend, Laien zur Datenbeschaffung in Forschungsprojekte einzubinden, etwa bei Kartierungen, dem Foldit-Projekt oder dem (aus meiner Sicht ziemlich albernen) SETI-Projekt. Darum war es an der Zeit, dass sich die Wissenschaftstheorie mit dem Phänomen beschäftigt.

Peter Finke, emeritierter Wissenschaftstheoretiker an den Unis von Bielefeld und Witten-Herdecke und selbst Zeit seines Lebens begeisterter Citizen Scientist als Ornithologe und Aquarianer, legt mit diesem Buch die – nach Selbstaussage – erste umfassende deutschsprachige Würdigung und Untersuchung von Citizen Science vor. Er nimmt das Phänomen daher sehr ernst. Wo andere in Citizen Science nur ein von Profiwissenschaftlern geschickt entworfenes Mittel zur Datenbeschaffung sehen (Finke nennt dies „Citizen Science light“), rückt Finke auch die „Citizen Science proper“ ins Blickfeld, also diejenige eigenständige Forschung, die von unbezahlten Laien aus Leidenschaft gemacht wird. Und da er Citizen Science mithin nicht als bloßes Produkt der Professional Science sieht, kann er sie dieser als Partner, Korrektiv, manchmal auch Gegenmodell, jedenfalls aber als eigene, andersartige Wissenschaftsform gegenüberstellen. Citizen Science und Professional Science sind beide „richtige“ Wissenschaft; sie funktionieren nur unterschiedlich. Es ist klar, dass aus diesem Ansatz erhellende Einsichten über beide entstehen können.

Und Finke liefert diese Einsichten. Sein Buch handelt nicht nur von Citizen Science, sondern von Wissenschaft – die für ihn (Einsicht Nr. 1) nicht der bürokratische, von Politik und Wirtschaft am Gängelband geführte „Wissenschaftsbetrieb“ ist, sondern die allen Menschen eigene Suche nach rationaler Erkenntnis. Also ist Wissenschaft das Werkzeug der Aufklärung – das Ergebnis des „Mutes, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen“. Und folglich ist gerade Citizen Science, also die von engagierten und interessierten Bürgern betriebene Suche nach Erkenntnis, mehr als bloß Hobbyspielerei mit Daten: Sie ist eine grunddemokratische Tätigkeit, ist der freie und anarchische Versuch, eigenes Weltwissen zu gewinnen, statt Autoritäten zu folgen.

Darin, dass Finke diese Begeisterung für die Bedeutung und die Möglichkeiten von Citizen Science vermittelt, liegt die Stärke seines Buches. Leider dauert es eine Weile, bis das Buch sich warmgelaufen hat. Es ist in vier Teile unterteilt, deren jeder Citizen Science (und ihr Verhältnis zur Professional Science) anhand eines Bildes untersucht: Die Expedition, aus der die Spitzenbergsteiger nur darum den Gipfel erreichen, weil viele andere die Ausrüstung zum Biwak geschleppt haben – der Apfelbaum, dessen Früchte die Einen am Boden, die anderen mit langen Leitern aus der höchsten Krone ernten – das Gebäude, zusammengesetzt aus vielen Disziplinen, himmelstrebend auf einem breiten Fundament und Erdgeschoss, das jeder durchlaufen muss – die Pyramide mit ihrer breiten Basis. Mir als Naturwissenschaftler wäre es naheliegend erschienen, induktiv vorzugehen, d.h., zu Anfang Citizen Science anhand vieler konkreter Beispiele vorzustellen, um dann daraus Verallgemeinerungen abzuleiten. Finke geht den umgekehrten Weg: Er beginnt mit Begriffsbestimmungen und Verortungen von Citizen Science, ohne dabei auf empirische Beobachtungen zu verweisen. Zwar beginnt jeder Abschnitt mit der Vorstellung eines Citizen Scientist, und gibt es überall im Text unterlegte Kästen, in denen Äußerungen vieler kleiner und großer Citizen Scientists zitiert werden – aber es fehlt in den ersten beiden Teilen am Bezug zwischen den Beispielen und dem Gesamtbild, fehlt einfach an Wendungen wie „Wie das Beispiel XY zeigt, . . .“ Die allgemeine Redeweise und die zahlreichen Wiederholen in diesen Teilen erzeugen den misslichen Eindruck, dass Citizen Science hier weniger beschrieben, als vielmehr beschworen wird.

Konkret fassbar wird sie dann ab dem dritten Teil. Hier folgen auch Klärungen – wie etwa die Abgrenzung von Citizen Science zur bloßen Sammelei –, die ich zuvor vermisst hatte. Im dritten Teil werden Wissensfelder vorgestellt, auf denen Citizen Science besonders tätig ist, werden Fragen der Kommunikation innerhalb der Citizen Science, sowie zwischen dieser und der Professional Science, erörtert, und auch die Frage, wie sich Citizen Science am besten fördern lässt. Und im vierten Teil folgen Untersuchungen, wie Citizen Science die professionelle Wissenschaft, die Politik und die Kultur verändern könnte. Es sind diese Teile, die verdeutlichen, wie wichtig Citizen Science als Motor, aber auch Indikator, demokratischen Geistes und gelebter Aufklärung sein kann, und die damit für das Thema begeistern. Ich rate daher dazu, die Lektüre mit dem Teil III zu beginnen, und erst am Schluss zu den ersten beiden Teilen zurückzublättern. Sie enthalten viele kluge Gedanken und Einsichten, fesseln aber nicht.

Insgesamt aber vermittelt das Buch zugleich eine umfassende und kundige Darstellung seines Themas, und Begeisterung für dieses. Es macht Lust auf Neugier, macht Lust darauf, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Zumal der angewandte Verstand sogleich zahlreiche spannende Diskussionspunkte findet: Hat Feyerabend wirklich übertrieben? Gibt es tatsächlich nur eine Rationalität? Hat jeder Mensch – auch amerikanische Kreationisten – die Gabe und Lust zu rationaler Erkenntnis?

Da hat das Buch doch – trotz seines müden Einstiegs – sein Ziel erreicht.

Der Karneval der Tiere

M. Camille ist eingeladen

zum Ball – es ist im Februar,

und hofft, es sei keins dieser faden

Feste, wo er oft schon war.

Der Grand Salon erstrahlt im Glanze

der Lichter, und der Gäste Schar

ist längst beisammen und zum Tanze

bereit – doch erst gibt’s Kaviar

auf Ei und kleine Kanapées:

Noch wartet alles aufs Buffet.

 

M. Camille streift durch die Räume

und schaut sich um mit wachem Blick:

Die Damen tragen Seidenträume

und Masken – nun, vielleicht zum Glück.

Denn manche tragen sonst schon Fratzen,

und mancher Herr geht schon gebückt,

und manch Korsett droht bald zu platzen,

manch Haaransatz reicht weit zurück.

Und eins nur fragt die Haute Volée:

Wann geht es endlich zum Buffet?

Der Löwe

Sein Auftritt sorgt für kurze Stille.

Er ist zwar klein, doch wirkt er groß,

schaut prüfend übern Rand der Brille

und stürmt gleich auf zwei Diener los

und grollt: Der Schampus ist zu wenig!

Doch jemand fragt ihn quelque chose:

Da grüßt er huldvoll wie ein König

und ist der Majordomus bloß

und spricht, in seiner Prachtlivree:

“Gewiss, es geht gleich zu Buffet.”

 

Hennen und Hahn

Der Saal füllt sich nun rasch mit Leuten.

Etliche sind kostümiert

mit falschen Federn, fremden Häuten,

und alle prächtig ausstaffiert,

und plaudernd, lachend, Küsschen gebend,

und rufend: “Sire, quelle plaisier!”

und kreuz und quer die Stimme hebend,

kaum sieht man wen: “Sie hier, cherie?

Ach, sagen Sie, soweit ich seh

lud man noch nicht uns zum Buffet?”

 

Wilde Esel

Tatsächlich eilen Diener in den

Saal, sie tragen das Geschirr,

und wirbeln gleich gedrehten Winden

von hier nach da, von dort nach hirr.

Die Gäste flüchten in die Ecken.

Die Dienerschar wirkt etwas wirr

und hetzt recht unbedacht um Ecken,

kein Wunder drum, dies laute “Klirr!”

Und allenthalben stöhnt’s: “O weh!

Wird das noch was mit dem Buffet?”

 

Schildkröten

Sie kommen, Gläser abzuräumen,

denn der Champagner ist längst schal

und wandeln still, als ob sie träumen,

schneckengleich von Saal zu Saal.

So zart wie Küh’ mit Spitzensäumen,

behende wie ein junger Wal,

so schweben sie zwischen den Räumen

wie Elfenvolk auf Barbital.

Wenn die servieren, dann, oh weh!,

gibt’s nicht vor Ostern das Buffet.

 

Elefant

Je nun, sie ist schon etwas reifer.

Und nein, sie hat sich nichts versagt.

Manch andre kleidet sich wohl steifer,

doch nein, ihr scheint’s nicht zu gewagt.

Warum denn nicht dies Kleid mit Blümchen?

Und Spitzen trägt man heutzutag.

Und dies zart-duftige Parfümchen

ziert sie wie die junge Magd.

So tanzt sie fast auf großem Zeh

stets vor der Türe zum Buffet.

 

Känguruh

Camille fällt eine Dame auf,

leicht blass, mit langen Wangen,

grad eilt sie mit beschwingtem Lauf,

doch nein, sie hält, fühlt sich befangen,

wendet sich zu neuem Ziel,

und kann es wieder nicht erlangen,

doch jetzt – jetzt fragt sie: “Monsieur, s’il

vous plait . . . ” – er ist schon weggegangen,

und wieder springt sie, wie ein . . . Reh?

Und wüsst nur gern: Wann gibt’s Buffet?

 

Aquarium

Blasse Mienen an den Scheiben

sieht Camille dort in der Nacht.

Gierig folgen sie dem Treiben

nach dem Licht, der Speis, der Pracht.

Große Augen, stumme Münder,

schwarze Hände ohne Macht

drücken sehnsuchtsvolle Kinder

an die Fenster scheu und sacht.

Ein schwacher Trost für die im Schnee:

Auch hier drinnen: Kein Buffet.


Persönlichkeit mit langen Ohren

“Monsieur” – und schon dies Wort ist Klage –

“das ist Musik nicht, das ist Krach.

Erreicht denn niemand heutzutage

Rossini oder Offenbach?!

Bizet ist mir zu roh, und erst der

Berlioz ist Frankreichs Schmach!

Doch von den Klangverbrechern schwerster

ist dieser Saint- . . . Sie gehen? Ach!

Und unser Komponist denkt jäh

an einen Giftmord beim Buffet.

 

Kuckuck

“Madame sind Freund des Hauses?” – “Oui, oui.”

“Und amüsieren sich?” – “Gewiss.”

“Der Winter ist zum Grausen.” – “Oui, oui.”

“Eh bien, wir frieren nicht.” – “Gewiss.”

“Die Masken – wundervoll.” – “Oui, oui.”

“Ein Fest aus schierem Licht.” – “Gewiss.”

“Auch das Buffet wird toll.” – “Oui, oui.”

“Nur sind die Türen dicht.” – “So’n Mist.”

Sie leidet still – träumt vom Soufflé.

Und spricht nicht viel – bis zum Buffet.

 

Vogelhaus

Nun bricht doch noch etwas Leben

in der Gäste Hungerpein:

Mit Flattern, Schwirren, hellem Beben

rauschen Demoiselles herein.

Ein bunter Seidentraum, ein Flirren

von Federn, Fächern, Edelsteinen,

mit Stimmen, die wie Tauben girren,

so laut, als wär’n sie hier allein. –

Vorbei! Sie fliehn. Sie kamen eh

nur in der Hoffnung aufs Buffet.

 

Pianisten

Nun soll mit ein paar kleinen Stücken

des Hauses Tochter am Klavier

die Wartezeit hübsch überbrücken.

Stolz steht der Vater neben ihr.

Doch autsch! Das hätte Fis sein sollen!

Und bitte! Bleiben Sie im Takt!

Und weh! Jetzt langt sie in die Vollen!

Und nein! Der Lauf war zu vertrackt.

Und alle sehnen mehr denn je

sich nach Erlösung durchs Buffet.

 

Fossilien

Auf Wunsch wohl jedes alten Herren

stimmt das Orchester sich neu ein.

Fast scheint er aufs Parkett zu zerren

sein greises Weib – ganz dürr und klein.

Der Taktstock zuckt – und welche ein Rhythmus!

Die beiden schwingen wild das Bein.

Da merkt man nichts vom Rheumatismus,

da glotzt die Jugend hilflos drein.

Die haben noch Saft, die sind noch zäh,

die brauchen dafür kein Buffet.

 

Der Schwan

Und nun begibt sich ein Mirakel:

Just als der Hausherr ruft zum Mahl –

vergisst die Menge das Debakel,

denn sehet: Sie betritt den Saal.

Sie schreitet hoheitsvoll und schweigend,

umweht von einem langen Schal,

sie lächelt sanft, das Haupte neigend,

als träumte sie von süßer Qual.

Die Menge gleicht dem stillen See.

Nichts rührt sie – nicht mal das Buffet.

 

Finale

Doch einer hat etwas gerochen,

und da erschnuppern’s andre auch,

Da ist der Zauber jäh gebrochen!

Da denkt man nur noch mit dem Bauch!

Da springt man auf!

Und stellt sich an!

In schnellem Lauf!

So rasch man kann!

Zum Buffet! Zum Buffet!

Lakaien sausen durch die Menge

und liefern ohne Pause nach.

Doch selbst im dichtesten Gedränge

bleibt jeder Meister seines Fachs.

Sie tragen schnell!

Und stellen hin:

Das Obstrondell,

die Kalbsterrin’.

Zum Buffet! Zum Buffet!

Der Raum füllt sich mit frohem Plappern

der aufgescheuchten Gästeschar.

Das mischt sich mit dem Tellerklappern,

mit Rufen, Lachen, Gackern gar.

Wie delikat!

Der Coq au vin!

Flusskrebssalat!

Und Ragout fin!

Zum Buffet! Zum Buffet!

Und selbst der trübsinnige Esel

klagt nur über den vollen Wanst:

“Ich kann nicht mehr. Nicht einmal Käse.

Ach hätt’ ich vorher doch getanzt!

Ich bin schon voll!

Ich kämpfe ja!

Es schmeckt so toll!

I-ah! I-ah!”

Welch Jubel und Hilarité

an diesem Abend am Buffet!

 

M. Camille allein bleibt hier:

Er ist vom Schauen satt.

Er setzt sich leise ans Klavier

und sucht ein leeres Blatt.