Im Land der Skipetaren

Den diesjährigen Familiensommerurlaub verbrachten wir in Albanien. Da sich dieses schöne Land in einer unbeachteten Ecke des Balkans versteckt und als Reiseland daher gerne übersehen wird, möchte ich hier ganz knapp ein paar Eindrücke schildern.

Zur Auflockerung gibt’s ein paar Photos dazu. Aber wirklich nur zur Auflockerung. Es sind nur schlechte Schlauphonbildchen ohne sonderlichen Wert.

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Gar nicht so wild

Hierzulande assoziiert man Albanien mit Karl Mays Räuberpistolen von Kara Ben Nemsi, mit der Blutrache, die in den Bergdörfern noch immer geübt wird, mit Mafia und vielleicht noch dem Kosovokrieg. „Da wollt Ihr hinfahren?“ fragten vorher besorgte Freunde. „Ist das nicht furchtbar arm, schmutzig und kriminell?“

Selbstverständlich ist Albanien arm. Viele Wohnblöcke in Tirana könnten mal eine Grundsanierung gebrauchen, unweit des touristisch beliebten Ohridsees findet man Bauernkaten ohne Strom und fließend Wasser, und durch die Strandrestaurants ziehen morgens und abends Bettler. Also ungefähr so wie in Magdeburg oder Mecklenburg-Vorpommern. Der große Unterschied liegt darin, dass sich Albanien nicht arm anfühlt. Ich hatte im Gegenteil das Gefühl von einem aufstrebenden Land. Viele Häuser auch auf dem Land sind neu und gut gebaut, die Straßen sind gut (viel besser als z.B. in Rumänien, durch das wir uns letzten Sommer geschoben haben), die bei weitem meisten Menschen sind gutgekleidet und wirken zufrieden. Der zentrale Skanderbegplatz in Tirana ist soeben erst mit viel Geschmack und Geld hergerichtet worden; anstelle eines Busbahnhofs ist er nun eine riesige Fußgängerzone, gepflastert mit Steinen aus dem ganzen Land, die von Wasser überspült werden, und mit charakteristischen Bäumen aus ganz Albanien bepflanzt. Tirana ist, architektonisch betrachtet, keine schöne Stadt. Aber man kann sich dort wohlfühlen.

Frappant ist die ungeheure Dichte an Autos von Mercedes-Benz. Gelegentlich haben wir an Ampeln oder auf Parkplätzen gezählt. Die Quote war bei ungefähr 50%. Darunter etliche S-Klassen. Zumindest im Raum Tirana muss es eine Menge wohlhabender Leute geben. Andererseits wird die Mercedes-Quote natürlich durch diejenigen Leute nicht gesenkt, die sich gar kein Auto leisten können.

Die anderen beiden Vorurteile gegen Albanien – schmutzig und kriminell – können wir nicht bestätigen. Die Strände sind sauber, die Straßen gepflegt. Und wir haben uns selten in einem südlichen Reiseland so sicher und unbehelligt gefühlt. Kein Verkäufer oder Taxifahrer bedrängt einen! Aufdringlicher als ein gelegentliches, zurückhaltendes „You need taxi?“ wird es nicht, und dann genügt ein höfliches „Nein“, um Ruhe zu haben. Was für ein Kontrast etwa zur Türkei! In den Läden kann man die Ware betrachten und vergleichen, ohne ständig bequatscht zu werden, Und die üblichen Vorsichtsmaßnahmen, was Geld und Wertgegenstände betrifft, empfand ich als völlig hinreichend. Wir haben keinen Versuch bemerkt, uns zu bestehlen, und sind auch nie übers Ohr gehauen worden.

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Bunt und offen

Pauschal gilt Albanien als muslimisches Land, und auch das prägt natürlich die Erwartungen. Und auch diese Erwartungen werden von der Erfahrung konterkariert. Hysterische Islamophobiker, denen vor der Vorstellung graut, dass der Anteil von Muslimen in Deutschland bedeutende Ausmaße erreichen könnte, sollten mal Urlaub in Albanien machen. Dort beträgt der Anteil von Muslimen über 50%, und wir haben uns sehr wohl gefühlt.

Religion spielt im öffentlichen Leben kaum eine Rolle. Moscheen wie Kirchen sind eher dünn gesät. Nicht nur der Reiseführer, auch Einheimische erzählten uns, dass konfessionsübergreifende Ehen gang und gäbe sind. Auf den Straßen sieht man eher weniger verschleierte Frauen als in Weimar, von einer westdeutschen Großstadt ganz zu schweigen.

Auch sprachlich ist es übrigens bunt. Albanisch ist nicht gerade eine zugängliche Sprache, und so bin ich über ein paar Brocken nicht hinausgekommen und musste auf die Sprachkenntnisse der Einheimischen vertrauen. In touristischen Gegenden können Viele Englisch – aber manche auch nicht. Dann hilft bisweilen Italienisch weiter. Aber unsere Wirtinnen im ersten Hotel waren auf einem türkischen College gewesen und sprachen daher auch fast fließend Türkisch. Straßenhändler haben dagegen eine Neigung, Preise auf Russisch zu nennen. Wie sagte schon Heinz Erhard: „Wie nützlich ist es dann und wann, wenn man ‘ne fremde Sprache kann.“

Dajti-Panorama

Und sonst

Interessant fand ich den Autofahrstil. Albaner fahren natürlich mediterran-chaotisch. Aber dabei weder so aggressiv wie etwa die Malteser, noch und schon gar nicht so zuvorkommend wie die Nord- und Mitteleuropäer. Sondern . . . aufmerksam und autonom. Wer sich sein Recht nimmt, wird respektiert. Wer das nicht tut, ist eine arme Sau. Nie, nie, niemals würde ein Albaner am Zebrastreifen einfach anhalten, wenn dort jemand steht. Der Fußgänger muss losgehen und das Auto zum Bremsen zwingen. Das tut es dann auch ohne Mucken. Dasselbe gilt für das Einfädeln, Linksabbiegen usw.. Wenn man sich daran gewöhnt hat, funktioniert es ganz gut.

Albanisches Essen ist nicht bemerkenswert. Fleisch oder Fisch wird gebraten, dazu gibt es Sättigungsbeilage und evtl. Salat. Nur in dem sehr, sehr empfehlenswerten Restaurant „Dajti Ballkonu“ über Tirana gibt es eine Auswahl albanischer Spezialitäten, meist gut gewürzter Eintöpfe, die verraten, dass albanische Köche auch mehr können.

Und gelegentlich habe ich dort im Urlaub ein wenig gedichtet. Die Ergebnisse werde ich hier in den nächsten Tagen präsentieren.

Faleminderit dhe mirupafshim!

Fazit 1: Oh Mensch!

Viel miteinander zu tun haben sie auf den ersten Blick nicht, die verschiedenen Beispiele von Irrwissen, die ich in dieser kleinen Serie gesammelt habe. Fehlgeleitete Hochhausarchitektur, merkbefreite Geldtheorie, geistlose Geistesphilosophie und ein fehlzündender Urknall – das wirkt wie ein zufälliges Sammelsurium von Irrtümern, von denen jeder seine eigenen Hintergründe und Ursachen hat, die in der Geschichte des jeweiligen Faches begründet sind.

Oder? Steckt nicht vielleicht doch mehr dahinter? Ich glaube schon. Denn Eines haben fast alle Beispiele, die ich zusammengetragen habe, gemeinsam: Sie verleugnen den Bezug der Welt zum Menschen. In einigen Fällen ist das offensichtlich: Kosmologie und Evolutionstheorie (die ich allerdings nicht widerlegen konnte) haben in den vergangenen Jahrhunderten zwei der drei sogenannten Demütigungen des Menschen hervorgebracht, indem sie ihn aus der Mitte des Universums und von der Krone der Schöpfung gestürzt haben ( – die dritte Demütigung war bekanntlich Freuds Feststellung, dass der Mensch noch nicht einmal Herr im eigenen Ich ist -), und im Allgemeinen zeigt sich die Wissenschaft stolz auf diese Leistungen. Anthropozentrismus gilt als altbacken, überheblich und sowieso als Ursache aller gegenwärtigen Probleme, daher wird dem Menschen gerne aufs Brot geschmiert, dass er nur ein vergängliches Stäubchen auf einem unbedeutenden Planeten ist, der um eine mediokre Sonne am äußeren Spiralarm einer gewöhnlichen Galaxie kreist. Die abstrusen Versuche zu einer „nicht-anthropozentrischen Ethik“, die daraus erwachsen sind, hätte man in die kleine Sammlung auch noch aufnehmen können.

Nein, Naturwissenschaft und Philosophie verhehlen nicht, dass sie stolz darauf sind, den Menschen entmachtet, gedemütigt und zum bloßen biochemischen Prozess degradiert zu haben. Bei anderen Wissenschaften ist der Zusammenhang weniger offensichtlich, aber trotzdem vorhanden. Ich schrieb schon in dem Artikel über Glasdoppelfassaden, dass ich derartige Architektur für nicht nur technisch untauglich, sondern auch für weltanschaulich totalitär und unmenschlich halte. Es sind nicht Häuser nach dem Maß des Menschen, sondern Gebäude nach den Ansprüchen der Weltmaschine. Und ist nicht unser Geldsystem, das den Bezug zur menschlichen Arbeit als dem einzigen wertschöpfenden Produktionsfaktor längst verloren hat und alle Schranken menschlicher Moral und Kultur niederwalzt, genauso: totalitär und unmenschlich?

Viele zucken die Achseln und sagen: „Nun ja, so ist es nun mal. Damit muss der Mensch sich abfinden, dass er nicht das Maß der Dinge ist.“ Aber erstens, wie ich hinreichend gezeigt habe, ist es in Wahrheit gar nicht so: Das menschliche Bewusstsein ist nicht Ergebnis, sondern Voraussetzung der materiellen Welt. Die Determiniertheit der Welt kollidiert nicht mit menschlicher Moral und Freiheit. Geld ist weder Nahrung noch Selbstzweck, sondern aktuell schlicht katastrophal fehlkonstruiert. Und hätten wir ein brauchbares Geld, dann könnten wir es uns auch wieder leisten, Häuser zu bauen, die wie ein Seelenhandschuh sind.

Und zweitens: Selbst wenn wir Kosmologie und Evolutionstheorie nicht grundsätzlich widerlegen können – was zwingt uns, ihren vorläufigen Wahrheiten normative, kulturbildende Macht einzuräumen? Sollte eine lebendige Kultur nicht stark genug sein, ihr Menschenbild auch angesichts hochinteressanter Spekulationen zu bewahren? Kann man nicht die Wissenschaft im Sandkasten spielen lassen, während Frau Müller und Herr Schmidt nebendran ihr Haus bauen?

Mir macht die allgegenwärtige Menschenverleugnung Angst. Sie hat etwas von einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn erst einmal eine Mehrheit den Menschen für überflüssig hält, verhindert nichts mehr, dass er tatsächlich verschwindet. Daher müssen wir dem in allen Bereichen – in der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft und im Miteinander – einen neuen Humanismus entgegensetzen, der seinen Namen verdient. Einen Humanismus, der das Bedürfnis des Menschen nach Sinn erkennt und daher die Welt auf ihn bezieht. Dabei geht es gar nicht darum, dass der Mensch sich arrogant über die Welt erhebe, wie er es – vermeintlich – früher getan hat. Sondern nur darum, dass er notwendigen Gegenpart der Welt begreift. Der Mensch kann nur ganz Mensch werden, wenn er die Welt mit allen Sinnen und Fähigkeiten erkennt, erfasst, erlebt, aber die Welt kann auch nur vom Menschen in ihrer Fülle erkannt und ihrer Schönheit bewundert werden. Wir brauchen den Menschen, wir brauchen die Welt, und wir brauchen eine menschliche Welt.

Irrwissen 5 : Geld kann man nicht essen.

Widerspricht : Empirie & Vernunft

Fachbereich : Volkswirtschaftslehre

Es gibt eigentlich nur zwei Weltmeister, die in Deutschland etwas bedeuten, und es ist schwer zu sagen, welcher davon wichtiger ist: Fußballweltmeister – Exportweltmeister. Fußballweltmeister zu werden, wäre vermutlich das tollere, aber da das mit der deutschen Gurkentruppe nie so recht klappt, ist man auf die Exportweltmeisterschaft umso stolzer. Dass die Chinesen uns diesen Titel seit vier Jahren abgejagt haben – das schmerzt.

Dabei exportieren wir doch wie (aber eben nur wie, und nicht als) die Weltmeister. Immer schon. Seit 1952, Deutschland lag noch halb in Trümmern, ist unsere Außenhandelsbilanz durchgängig positiv. Jahr für Jahr exportieren wir mehr Waren, als wir importieren – und sehen uns damit als Vorbild für die Welt. Ja, wenn das alle so machen würden, dann . . . dann, tja, dann würde das offensichtlich nicht funktionieren. Aber egal. Wir jedenfalls machen das so. Und finden das toll.

12-12-03 Außenhandelsbilanz BRD

Außenhandelsbilanz der BRD im Zeitverlauf seit 1950. Datenquelle: Bundesamt für Statistik

Wäre der zwischenstaatliche Handel ein Tauschhandel, dann spränge es wohl ins Auge, dass dieser Exporteifer „toll“ nur ist im altmodischen Sinne des Wortes: wahnsinnig und tobend. Jahr um Jahr tauschen wir Waren, die einen gewissen Wert haben, ein gegen Waren, die weniger wert sind. Nur ein Verrückter würde das freiwillig regelmäßig tun.

Aber wir bekommen ja Geld dafür. Und nicht zu knapp.

Aufsummierte Außenhandelsbilanz der BRD

Außenhandelsbilanzsumme der BRD

Stolze 2,75 Billionen Euro haben wir seit 1950 eingenommen. Das ist etwas mehr als der Gegenwert aller Waren und Dienstleistungen, die im Jahr 2012 in der BRD produziert worden sind (nämlich 2,645 Billionen Euro). Wir haben ziemlich genau soviel Geld gespart, wie wir in einem Jahr zum Leben brauchen. Sind wir also reich?

Ja und nein. Gewiss, als Ganzes ist Deutschland reich. Es gibt nur zwei Einwände: Erstens: Es deutet nichts darauf hin, dass jemand vorhätte, sich für dieses Geld auch etwas zu kaufen. Klar, es werden damit Börsenpapiere und Ähnliches gekauft, aber in realwirtschaftliche Güter aus anderen Ländern wird es nicht umgesetzt. Diese 2,7 Billionen sind Selbstzweck. Aber leider nicht essbar. Und zweitens: Wie ich früher bereits einmal schrieb, ist dieser Reichtum alles andere als gleich und gerecht verteilt. Gerade jene, die das Geld erarbeitet haben, besitzen es nicht. Dabei würden sie es bestimmt gerne ausgeben, denn sie könnten es gebrauchen. Was wäre das für eine paradisische Vorstellung: Jeder von uns bekommt ca. 50000 Euro; ganz Deutschland macht ein Jahr lang Urlaub, kauft das Essen in Italien, die Kleidung in Frankreich, die Software in den USA, macht Urlaub in Griechenland und Spanien – und am Ende haben wir kein Guthaben mehr, die erwähnten Länder keine Schulden, und wir könnten mit einer vernünftigen Wirtschaftsordnung von vorne anfangen. (Telepolis hat gerade vorgestern einen tollen Artikel von Tomasz Konicz veröffentlicht, der scharf und klar analysiert, wie Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten seine Staatsschulden exportiert hat. Lesen!)

Aber so ist es nicht. Geld kann man nicht essen, und so verschenken wir weiter unsere Leistung, ohne etwas Brauchbares dafür zu bekommen. Das Einzige, was wir davon haben, ist Arbeit. Sie wird – siehe die vorangegangene Folge in dieser Serie – immer schlechter bezahlt, aber immerhin: Man hat Arbeit. Das toll zu finden, ist wohl nur durch die hierzulande tief eingebrannte protestantische Ethik zu erklären. Um diese zufrieden zu stellen, könnte eine konsequente Lösung der europäischen Wirtschaftsprobleme darin bestehen, dass wir Deutschen unsere Waren dem Ausland einfach gleich schenken. Dann müssten sich diese Länder wenigstens nicht mehr verschulden, und hier könnten wieder alle arbeiten. Es sähe zwar aus wie Sklaverei – aber nein! Es wäre toll. Und wir wären wieder Weltmeister.