Zu viel und zu wenig Toleranz

Ich mag das Wort „Toleranz“ immer weniger, weil es mir zugleich zuviel und zu wenig bedeutet.

Zuviel, wenn man es so verwendet, wie es heute üblich ist. Wer sich heute seiner Toleranz rühmt – der vielgepriesenen Toleranz in der westlichen Kultur -, meint damit doch meist nur, dass er das toleriert – also duldet -, was er ertragen kann. Eine Tugend ist das offensichtlich nicht. Diese Art von Toleranz findet ihr abruptes Ende dort, wo etwas Fremdes wirklich fremd ist und sich erfolgreich dagegen wehrt, vereinnahmt zu werden. Erdreistet sich das Fremde gar, mit eigenen Werten aufzuwarten (unter denen „Toleranz“ nicht an erster Stelle steht), dann gilt es geradezu als Ehrenpflicht, solches nicht zu tolerieren. – Diese verlegene Weichspülform von Toleranz ist meistens gemeint, wenn das Wort fällt, das dabei doch einen viel gewichtigeren Klang anschlägt.

Denn gleichzeitig bedeutet es zu wenig. Denn das Wort sollte viel mehr enthalten, aber seine Übersetzung „Duldsamkeit“ trägt dieses Mehr nicht. Wie Michael Ende schrieb, scheint es mir durchaus nicht erstrebenswert, das Fremde nur zu erdulden, und es reicht mir auch nicht, es zu vereinnahmen. Ich will das Fremde als Fremdes gelten lassen, bestaunen und kennenlernen, will, mit Endes Wort, „fremdgierig“ sein.

Damit ist mitnichten gefordert, das Fremde auch zu mögen. Im Gegenteil: Wenn ich die eigenen Werte und Überzeugungen ernst nehme, dann werden mir die fremden bisweilen von Herzen widerlich sein. Gerade dann fordern sie aber meine Fähigkeit zum Verstehen heraus. Gerade dann können sie mich faszinieren. Ich muss nur der Versuchung widerstehen, das Unsympathische für unterlegen zu halten, dem Eklen die Existenzberechtigung abzusprechen. Das Andere ist nicht gleich, aber gleichwertig.

Wir sollten aufhören, uns das Fremde angleichen zu wollen. Aufhören, nach universalen Werten und dem Weltethos zu suchen. Wahrscheinlich bleibt das Fremde fremd. Aber wenn wir das akzeptieren, hat es immerhin keinen Grund mehr, uns feindselig zu sein.

Alle: Ausbeuter

Auf unserem Grundstück stand eine gewaltige Scheune, deren Erdgeschoss mit den halbmeterdicken Mauern, den tonnenschweren Stahlträgern und Betondecken sich lange jedem Abriss widersetzte. Klar, die eine oder andere Firma wäre gerne mit schweren Baggern da reingefahren und hätte alles kurz und klein gehauen, aber erstens wollten wir einige Wände stehen lassen, und zweitens wären dafür fünfstelligen Summen fällig geworden. Das ging nicht.

Dann fand sich Herr B., ein tatkräftiger Ein-Mann-Unternehmer kurz nach der Gründung, und packte die Sache an. Was wir ihm zahlten, war erheblich weniger. Wo wir bei Folgeaufträgen das Verhältnis von Arbeitslohn zu Arbeitsleistung einschätzen konnten, fragten wir uns, was ihm nach Abzug der Spritkosten noch zum Leben übrig bleiben mochte, zumal er noch zwei Mann mitbrachte. Und Arbeitssicherheit . . . pffft. Keiner der Leute trug auch nur einen Helm. Aber innerhalb weniger Wochen waren die Scheune abgerissen und diverse sonstige Steinhaufen beräumt.

Dann, kurz vor dem letzten Handgriff, erlitt Herr B. einen Nervenzusammenbruch. Seine Lebensgefährtin hatte ihm mit Trennung gedroht; er arbeitete zu viel und brachte zu wenig nach Hause. Er schloss die Firma und brach den Kontakt zu uns ab.

Haben wir ihn ausgebeutet? Hat er sich ausgebeutet?

 

Ein Bekannter von uns, kurdischer Flüchtling aus Syrien, findet hier kaum Arbeit. Eine Zeit lang war er bei einer Leiharbeitsfirma. Da bei der Kündigung dort etwas schief ging, bekommt er seit zwei Monaten kein Geld mehr vom Amt. Gäbe es seinen Bruder in Hamburg nicht, seine Frau und er müssten hungern. Daher ist er froh und dankbar, gelegentlich bei Freunden handwerkliche Dienstleistungen in Haus und Garten übernehmen zu können, für einen absurd niedrigen Tageslohn. Er freut sich über das Geld, und braucht es, und mehr könnten sie ihm nicht zahlen.

Wird er ausgebeutet?

Diejenigen seiner Brüder, erzählt er, die in Syrien geblieben sind, sind jetzt arbeitslos, weil die Stadt von Flüchtlingen überlaufen wird, die in ihrer Not für einen Hungerlohn arbeiten. Seine Brüder sind wütend auf die Flüchtlinge, aber er mahnt sie zur Mäßigung: Er tue hier ja auch nichts anderes.

Beutet er aus? Werden die Flüchtlinge in Syrien ausgebeutet? Oder seine Brüder?

 

Von Jeff Bezos, dem Amazon-Gründer, las ich kürzlich, dass er zumindest in der Anfangszeit keine Klimaanlagen in seinen Verteilzentren installierte, sondern die kollabierten Arbeiter lieber vom Rettungsdienst versorgen ließ – das war billiger. Dass er bis heute mit Angestellten auf allen Hierarchieebenen kaum besser verfährt, ist hinreichend bekannt.

Beutet er aus? Ist er schlimmer als wir?

Und der Apple-Zulieferer Foxconn gab zu, Kinder zu beschäftigen.

Ist er ein schlimmerer Ausbeuter als die Arbeitgeber syrischer Flüchtlinge?

 

Ist es hilfreich, Gute und Böse zu unterscheiden? Ausgebeutete und Ausbeuter? Oder ist das nicht eher: naiv? Oder auch: heuchlerisch und gefährlich? Weil es die unvermeidliche Mitschuld der Urteilenden leugnet? Weil es suggeriert, man müsse Menschen für ihre Schuld bestrafen?

Wo doch tatsächlich Jeder in diesem System zum Ausbeuter wird. Die Schwachen weniger als die Starken, gewiss. Aber Stärke ist keine Sünde und Schwachheit kein Verdienst. Der Kuchen wird immer kleiner, und alle wollen satt werden. Die Stühle beim Reise-nach-Jerusalem-Spiel werden immer weniger, und alle, alle rennen und schubsen, um noch einen zu ergattern. Die Starken gewinnen (b.a.w.), und die Schwachen scheiden aus, aber Schuld trägt doch nur der, der die Stühle wegnimmt.

Wenn wir das Hungern und Rennen wirklich leid sind, dann müssen wir das Spiel ändern. Innerhalb dieses Scheißspiels, das wir „Kapitalismus“ nennen, sind wir alle: Ausbeuter.

Von der weglosen Wildnis zum ortlosen Raum

Orte oder Netze?

Vogelperspektive. Eine Landkarte. Städte. Wege. Was sehen wir? Wege, die sich in Städten kreuzen und verknüpfen? Oder Städte, die durch Wege verbunden werden?

Was wir sehen, hat sich über die Jahrhunderte abendländischer Geschichte hinweg drastisch verändert. Einst, im frühen und hohen Mittelalter, waren Städte der Ort, an dem das Leben stattfand. Städte hatten die sichere Burg, Städte boten den Schutz von Kirche und Gericht, Städte prägten und bezahlten Geld, Städte waren umgeben von der Mauer, die alles Böse, Wilde und Gefährliche draußen hielt. Denn draußen war die Wildnis. Da gab es Wölfe und Bären, so furchterregend für die Menschen, dass die Bilder dieser Angst uns bis heute vertraut sind. Und es gab Räuber und Raubritter, Wegelagerer, die jedes Verlassen der bergenden Stadt zum Wagnis machten. Schon, wer nur außerhalb der Stadtmauern zu wohnen hatte, wie Henker, Schlachter und Schmiede, wurde schräg angesehen, aber wer als Fahrender – sei es als Händler, als Zigeuner oder als Schausteller – in eine Stadt kam, stieß auf Misstrauen und wurde möglichst bald hinauskomplimentiert. Wohl dem, der Geleitbriefe oder Empfehlungen hatte. Denn von draußen konnte nur Übles kommen. Wege waren schlecht und schlammig und wenig mehr als ein notwendiges Übel, weil doch letztlich keine Stadt sich selbst genug sein kann. Aber das Eigentliche war die Stadt. Sie war das „Drinnen“, die Heimat, der Ursprung, der Schutz.

Erst mit dem aufkommenden Merkantilismus begann sich das zu ändern. Kaufleute wurden so selbstbewusst, wie sie wohlhabend wurden; und mit ihnen verlor das Reisen seinen schlechten Ruch. Das Land wurde gezähmt und beherrscht, die Wälder verschwanden, die Wege wurden sicherer. Die Städte wuchsen, zunächst noch in ihren Mauern, irgendwann aber auch darüber hinaus. Zwar warf der Dreißigjährige Krieg die Geschichte noch einmal zurück, machte das Land wieder wüst und die Städte zur (trügerischen) Zuflucht. Aber nur gut hundert Jahre später fing man an, die Stadtmauern zu schleifen. Einerseits boten sie kaum noch Schutz gegen die Künste der Sprengmeister, andererseits aber und vor allem konnten sie die Scharen der Landflüchtigen nicht mehr halten. Und schließlich brauchte man sie auch nicht mehr. Es gab keine Räuberhorden mehr, keine Raubritter, keine Fehden, keine Wölfe, keine Bären. Die Städte grenzten sich nicht mehr ab gegen das Land: Sie beherrschten es.

Zugleich wurden die Wege besser, denn sie wurden mehr benutzt. Händler, Handwerker und Studiosi zogen von Stadt zu Stadt. Der Ortswechsel wurde zum typischen Merkmal einer Biographie. Dynastien, die über Jahrhunderte in einem Ort ansässig gewesen waren – die Bachs in Wechmar, die Morgensterns in Rudolstadt, die Goethes in Frankfurt -, sie fingen an, sich auf Deutschland zu verteilen. Man sieht das sehr schön im Video zu einer in Science erschienenen Studie: Die Forscher versuchten, Kulturgeschichte quantifizierbar zu machen, indem sie zu allen lexikalisch erfassten Personen der letzten Tausend Jahre den Geburts- und den Sterbeort erfassten und verbanden. Man sieht, wie diese ab dem Jahr 1000 zunächst meist nah beieinander liegen, aber mit der Zeit nehmen die Abstände zu, der große Bogen wird zur Regel. Bis schließlich, ab dem 19. Jhd., eine wachsende Zahl von Lebensbögen aus der Karte hinaus führt, meist nach Nordamerika, oder in die Kolonien in aller Welt. Die Stadt als Burg und Heimat hatte ausgedient.

Lebensbögen

Aus: Schich et al. (2014) A Network framework of cultural history. Science 345: 558-562

Doch die Entwicklung ging noch weiter. Zwar wurden die Städte groß, wurden zur Metropole. Zugleich aber wurden sie ununterscheidbar. Ob sich der moderne Jetsetter, das Idealbild der Gegenwart, in Berlin befindet, in New York, in Dubai, in Hongkong, in Tokio oder in Curitiba – das wird er in den verwirrten Minuten nach dem Aufwachen so manches Mal nicht zu unterscheiden wissen. Überall dieselben Wolkenkratzer, die Glasfassaden, die Bankentürme, die Fastfood-Ketten und Weltkonzerne, die Mode- und Bekleidungslabels, das schlechte Englisch. Die Stadt hat ihre Grenzen verloren, sie ist kein Ort mehr, sie hat sich aufgelöst und ist ein Knotenpunkt von Verbindungslinien geworden.

Und weiter: Es ist kein Zufall, dass eines der frühen italienischen Internet-Projekte, lange vor dem Web 2.0, nach Calvino „Le città invisibili“ hieß, „Die unsichtbaren Städte“. (Und noch heute heißen reihenweise italienische Netzwerke so.) Die räumliche, wirkliche Stadt, die notwendig einen festen Ort besetzen und ausfüllen muss, wird im Erleben der Menschen ersetzt durch das Internet, das irgendwer einst zutreffend den „ortlosen Raum“ genannt hat. Ein Gebilde, das nur aus Verbindungen besteht. Darin Terrororganisationen ähnlich, oder den immer gleichen Autobahnen, an denen die Orte nur austauschbare weiße Namen auf blauem Grund sind. Und es ist kein Zufall, dass wir spätestens seit Luhmann auch uns selbst und unsere Gesellschaft so wahrnehmen, als ein Geflecht von Beziehungen, und Beziehungen zwischen diesen Beziehungen, zwischen denen der Mensch und sein Ort nicht mehr vorkommen.

Auf den frühen Landkarten, die man gelegentlich in Museen sieht, sind Küsten eingezeichnet, Ländernamen, und Städte. Vor allem Städte. Auf den meisten Karten, die wir heute benutzen, ist es umgekehrt: Die Orte sind nur noch blaßrosa Flecken auf grünem Grund, aber die Straßen heben sich weiß und gelb bis in die feinsten Verästelungen daraus hervor, sind im Autoatlas sogar überproportional dick, bedecken fast das ganze Land, das sie mit ihrem Netz überziehen. Wir leben nicht mehr an Orten, sondern in einem Netz, und dessen Knotenpunkten.

Man könnte eine Kulturgeschichte entlang dieser Entwicklung schreiben: abendländische Kultur als beschleunigte Bewegung. Und nicht nur das Abendland: Jede Kultur könnte man einordnen auf der Skala von Ort und Weg. Auch das Römische Reich, als es untergegangen war, hinterließ ein Netz von Fernstraßen; auch die Römer hatten die Wildnis durch Wege gebunden. Auch von den Inkas sind die Handelswege geblieben. Spengler sah in jeder Kultur eine schicksalhafte Entwicklung vom Dorf über die Kleinstadt und Stadt zur Metropole. Er hat Recht, aber man muss ihn ergänzen: Der Weg geht vom Pfad über die Straße zur Autobahn, zur Datenautobahn, und darin löst die Metropole sich auf.

Aufgeräumt!

Zufällig, weil ich ein paar Links raussuchen musste, habe ich vor ein paar Tagen bemerkt, dass eine elektronische Windhose durch den „Schwarzen Kater“ gewirbelt sein muss: Im Inhaltsverzeichnis (das ich Neubesuchern übrigens sehr ans Herz lege) stimmten reihenweise Links nicht: Einige verwiesen auf andere Beiträge, andere ins Leere – was wiederum daran lag, dass sich die Veröffentlichungsdaten verändert haben. „Der ewige Rassist“ zum Beispiel ist – das kann ich sicher nachvollziehen – am 12.11.2014 geschrieben und publiziert worden, und so stand es auch im Link. Aber jetzt datiert ihn WordPress auf den 3.12. desselben Jahres. Nun, zum Glück kommt es nicht darauf an.

Was das für ein Bit-Tornado war, werde ich wohl nie erfahren. Ich habe mir einfach Inhaltsverzeichnis und Beitragsliste vorgeknöpft und alle Verweise wieder in Ordnung gebracht. Denn da dieser Blog weniger ein Tagebuch als vielmehr eine Essaysammlung ist, lohnt es sich meiner bescheidenen Meinung nach, auch mal in alten Texten zu stöbern.

Und in den nächsten Tagen gibt es auch mal was Neues.

Antwort an einen Rassisten

Heute wurde mir ein Beitrag für den Schwarzen Kater angeboten. Über solche Angebote freue ich mich normalerweise. Nicht in diesem Falle. Es handelt sich um diesen Text, den der Autor an mehreren anderen Stellen im Netz untergebracht hat. Man sieht sofort, warum ich den Beitrag hier nicht veröffentlichen, ja, nicht einmal zitieren will.

Der Kommentar ging also beschleunigt in den Papierkorb. Aber die Höflichkeit – und vielleicht ein naiver Glaube an das Gute und Kluge im Menschen – gebot mir, dem Absender meine Entscheidung zu begründen. Hier die Antwort, die ich ihm geschickt habe:

„Sehr geehrter Herr Neumann,

danke für Ihren angebotenen Beitrag. Allerdings hätten Sie vielleicht erst einmal meine Beiträge zu Migration, Integration und PEGIDA lesen sollen. (Etwa hier: https://derschwarzekater.wordpress.com/2014/12/15/integration-mit-dem-fremden-uber-das-fremdsein-reden/ oder hier: https://derschwarzekater.wordpress.com/2014/12/03/der-ewige-rassist/ oder hier: https://derschwarzekater.wordpress.com/2014/01/27/kultur-und-geld-eine-west-ostliche-autofahrt/)
Dann hätten Sie erkennen können, dass ich keine andere Wahl habe, als Ihren Beitrag auf geradem Wege in den Papierkorb zu befördern. Dass ich (auf Werben meines Dresdner Freundes hin) für einen Dialog mit den Pegida-Teilnehmern geworben habe, heißt nicht, dass ich auch nur die geringste Sympathie für Nationalismus oder rassistische Hetze habe. Und darum – Verzeihung – handelt es sich bei Ihrem Beitrag. Wenn Sie ihn noch einmal nüchtern durchlesen, wird Ihnen vielleicht selbst die völlige Abwesenheit von Argumenten oder konkreten Lösungsangeboten auffallen.
Das Einzige, was ich mit Ihrem Beitrag anfangen könnte, wäre, in einer eigenen Antwort ein Exempel zu statuieren und ihn Satz für Satz zu zerpflücken. Aber dazu fehlen mir Zeit und Lust, und es dürfte auch nicht das sein, was Sie sich erhofften.

Ich bezweifle, dass es zwischen Ihnen und mir zu einem fruchtbaren Dialog oder irgendeiner Form von Annäherung kommen kann, und darum möchte ich Sie bitten, den Kontakt hiermit auch zu beenden. Aber ich möchte Ihnen noch zwei Gedanken mit auf den Weg geben:
1. Derzeit geht es m.E. überhaupt nicht darum, ob einige Hunderttausend Einwanderer aus muslimischen Ländern die deutsche Kultur bedrohen (was sie mit Sicherheit nicht tun). Es geht auch nur nachrangig darum, ob sie hier eine längerfristige Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis etc. bekommen. Sondern es geht erst einmal ganz unmittelbar darum, dass kurz vor dem Winter (bzw., weiter östlich, schon mitten darin) Zehntausende von Menschen (und darunter, anders als Sie schreiben, etwa zur Hälfte Frauen und Kinder) ohne Obdach in Europa unterwegs sind. Es kann überhaupt keinen Zweifel daran geben, dass diesen Menschen geholfen werden muss. Ob sie dann im Frühjahr wieder abgeschoben werden, ist ein andere Frage.
2. Die Wurzeln des Abendlandes, dessen Bewahrung Sie und Ihresgleichen so selbstgewiss im Munde führen, sind das Christentum und die Aufklärung. Wie stark Sie das Eine oder die Andere in den Vordergrund rücken, bleibt Ihren persönlichen Vorlieben überlassen.
Das zentrale Gebot Jesu Christi lautet: „Du sollst den Herrn, Deinen Gott, ehren, und Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.“ Oder konkreter: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen […] Was ihr für die geringsten unter meinen Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“ (http://www.die-bibel.de/online-bibeln/luther-bibel-1984/bibeltext/bibelstelle/mt%2025,%2031-46/).
Das zentrale Gebot der Aufklärung hingegen lautet: „Handle stets so, daß die Maxime Deines Handelns jederzeit zur Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung werden könnte!“ (Immanuel Kant) Alle Aufklärer, ob Kant, Lessing oder Voltaire, haben für religiöse Toleranz, Menschlichkeit und einen rationalen Diskurs gekämpft.
Angesichts dieser Kernbestände unserer Kultur frage ich mich dann natürlich, welche Schimäre Sie verteidigen, und warum?

Mit besten Grüßen,
Konrad Lehmann „

Selbstgewisse Zweifler

Die deutschen Alphajournalisten hören nicht gerne, dass sie gleichgeschaltete Propaganda machen. Da mögen die Nachdenkseiten noch so hartnäckig das Unisono etwa zur Griechenlandkrise dokumentieren, da mag die Propagandaschau tagtäglich bei den Leitmedien fündig werden – diese reagieren allenfalls, indem sie missliebige Kommentatoren als „Putin-Trolle“ schmähen und sicherheitshalber die Kommentarfunktion im Netz abschalten. Und wenn die Kabarettsendung „Die Anstalt“ auf Basis einer wissenschaftlichen Studie nachweist, dass die deutschen Alphajournalisten in transatlantischen Netzwerken zusammenglucken, dann erweist einer der Betroffenen – Stefan Kornelius von der SZ – in seiner Erwiderung seine völlige Unkenntnis vom wissenschaftlichen Arbeiten, während zwei andere – Jochen Bittner und Josef Joffe von der Zeit – ein bildschönes Eigentor schießen, indem sie die missliebige Analyse zensieren lassen wollen („Wie, Ihr behauptet, abweichende Darstellungen würden nicht zugelassen? Das dürft Ihr nicht sagen!“). Einsicht? Keine.

Es überrascht daher nicht, dass nun mit Gero von Randow wieder ein Zeit-Journalist nachkartet und allen, die an der (objektiv nicht gegebenen) Medienvielfalt zweifeln und mehr als kosmetische Kritik üben, Fehlwahrnehmung, Selbsterhöhung, Sektierertum und Ressentiment unterstellt und sie kurzerhand zum „Mob“ stempelt. Das ist alles peinlich genug und braucht hier nicht noch einmal zerpflückt zu werden; andere haben das hervorragend getan.

Mich interessiert ein anderer Aspekt. Von Randow hat als Wissenschaftsjournalist begonnen und sich mit der Herausgabe mehrerer Bücher intensiv in der sogenannten „Skeptiker“-Bewegung engagiert. „Skeptiker“ – und ich werde das hartnäckig in Anführungszeichen setzen – sind Leute, welche jegliche Aussagen über die Welt einer kritischen und rationalen Betrachtung zu unterziehen streben, und das hinreichend wichtig finden, um es sich zur Weltanschauung zu machen. Sie sind daher in verschiedenen nationalen und internationalen Verbänden organisiert, wie CSI(COP) in den USA oder der GWUP in Deutschland, und geben Zeitschriften wie den Skeptical Inquirer oder den Skeptiker heraus. Das wäre sicherlich alles sehr lobenswert und vernünftig, wenn es nicht unter den Anhängern dieser Bewegung allzu viele „Pseudo-Skeptiker“ gäbe, wie das abtrünnige CSICOP-Gründungsmitglied Marcello Truzzi sie nannte: Leute, die am Paranormalen oder anderen außergewöhnlichen Behauptungen nicht einfach unvoreingenommen zweifeln, sondern von vorneherein wissen, dass sie falsch sind. Leute also, die hingebungsvoll an allem zweifeln, das sie selbst nicht glauben.

Mir fiel das auf, als ich vor Jahren mal aus längst vergessenen Gründen in ein „Skeptiker“-Diskussionsforum zur Homöopathie geriet. Irgendein Artikel hatte eine Welle von Häme in dem Forum ausgelöst, die ich einfach nicht unwidersprochen lassen konnte. In meiner Erwiderung wies ich u.a. darauf hin, dass auch die Physik im Großen wie im Kleinen mit postulierten Substanzen wie der Dunklen Materie oder dem (damals noch nicht gemessenen) Higgs-Boson operierte, die nie beobachtet worden waren. Dieselbe großzügige Haltung, meinte ich, sollte man auch der Homöopathie gewähren. – Nix da! Das sei etwas ganz anderes. Homöopathie sei pseudowissenschaftlicher Humbug; hingegen die Existenz der Dunklen Materie gehe aus Gleichungen ganz klar hervor. Als ob die Keplerschen Gleichungen am Himmel beobachtet worden wären . . .

Aber diese Verwechslung von Vernunft und Empirie – oder vielmehr: die Bevorzugung von Vernunft vor der Empirie – scheint mir typisch zu sein für die „Skeptiker“. In einem der von von Randow herausgebenen Bücher gibt es einen Beitrag aus dem Skeptical Inquirer, der folgendes Phänomen . . . nun, nicht eigentlich untersucht . . . :

Vier Leute versuchen einen erwachsenen Menschen mit den Spitzen ihrer Zeigefinger hochzuheben. Das klappt nicht. Dann klatscht der Proband in die Hände, alle machen einen zweiten Versuch, und plötzlich klappt es.

Der Autor des Beitrags zitiert ausführlich verschiedene Schilderungen dieses Phänomens aus verschiedenen Kulturkreisen. Dann stellt er Berechnungen an und ergeht sich in langen Spekulationen, wie der plötzliche Erfolg zu erklären sei – etwa dadurch, dass die Bemühungen durch das Klatschen synchronisiert würden. Nur Eines, das Allernächstliegende, tut er nicht: Vier Leute zusammentrommeln und sich hochheben lassen.

„Skeptiker“, so scheint mir, sind Rationalisten. Sie gehen von einem anerkannten Satz von Wahrheiten aus und beurteilen anhand derer alle ihnen neuen Aussagen. Empirie stört da nur. Es ist im höchsten Maße frappierend, dass sie damit dieselbe Geisteshaltung und dasselbe Verhalten zeigen, das Paul Feyerabend in „Wider den Methodenzwang“ bei den Wortführern der katholischen Kirche gegen Galilei diagnostiziert. Auch diese weigerten sich ja, durch das von Galilei bereitgehaltene Fernrohr zu schauen, weil die Beobachtung für ihre Überzeugung irrelevant gewesen wäre.

Der sich selbst für sehr „bright“ haltende Ober-„Skeptiker“ Richard Dawkins imitierte dieses Verhalten kürzlich getreulich, wie Rupert Sheldrake berichtet: Die beiden waren von einem Fernsehsender zur einem Streitgespräch über Parapsychologie eingeladen worden. Sheldrake hatte Dawkins seine (in peer-reviewten Zeitschriften) publizierten Arbeiten über Telepathie vorab zugeschickt und regte an, sich die Beweise anzusehen: Richard seemed uneasy and said, „I don’t want to discuss evidence“. „Why not?“ I asked. „There isn’t time. It’s too complicated. And that’s not what this programme is about.“ The camera stopped. The Director, Russell Barnes, confirmed that he too was not interested in evidence.

Es passt, dass Dawkins in seinem (ansonsten sehr guten Buch) “The Greatest Show on Earth“ nur eine abfällige Fußnote für die Epigenetik und die Vererbung erworbener Eigenschaften übrig hat. Die empirische Evidenz dafür ist mittlerweile überwältigend. Aber sie stellt halt die Synthetische Evolutionstheorie infrage. Und an dieser hat Dawkins mit absoluter Sicherheit niemals, niemals gezweifelt.

Dies also ist das Umfeld, ist die Geisteshaltung, aus der Gero von Randow kommt: Man zweifelt an allem, was man ohnehin schon für Unfug hält, aber niemals an dem, was man selbst glaubt. Als skeptisch kann man solch eine Haltung selbstverständlich nicht bezeichnen, allenfalls als „skeptisch“.

Mit seinem Wechsel vom Wissenschafts- ins Politikressort hat von Randow diese pseudoskeptische Herangehensweise mitgenommen und verwendet sie jetzt gegen alle, die politisch anders denken als er: Sie sind Spinner; ihre Beweise und Argumente braucht er nicht wahrzunehmen. Der Mainstream hat Recht, weil er der Mainstream ist. Es scheint leider, dass von Randow mit dieser Haltung nicht allein ist in den deutschen Redaktionsbüros.

Nur Skylla oder Charybdis?

Welche Wahl haben die Griechen? Entweder sie kapitulieren vor den Gläubigern und setzen den Sparkurs fort, der sie seit fünf Jahren in immer tieferes Elend gestürzt hat, und das weiterhin tun wird. Denn jegliches Geschwätz von einem wiedererwachenden Wirtschaftswachstum, das Syriza kaputt gemacht habe, ist genau das: Geschwätz. Oder sie gehen in den Staatsbankrott, mit all den kurzfristigen wirtschaftlichen Turbulenzen, die er mit sich bringen wird. Tsipras’ ferner Vorfahr Odysseus hatte wenigstens noch die Wahl eines dritten Weges; er schaffte es, mitten zwischen beiden Gefahren hindurch zu steuern. Tsipras hat diese Option nicht. Und das muss man, bei aller Sympathie, auch ihm und seiner Partei ankreiden.

Es scheint, dass die Strategen von Syriza bei ihrem Regierungsantritt in entzückender Naivität an die Macht des Arguments geglaubt haben. Der Sparkurs der Troika war offensichtlich und furchtbar gescheitert; ein Schuldenschnitt und staatliche Investitionsprogramme sind für Griechenland unumgänglich: Das ist so. Jeder kann das erkennen, und die Syriza-Regierung glaubte, dass angesichts der Tatsachen auch die Gläubigerinstitutionen zur Vernunft kommen würden. Jedoch: Es wurde sehr schnell klar, dass die Gläubiger für die Vernunft nicht zu sprechen sind. Es mag eiskaltes Machtkalkül sein oder verbitterter Altersstarrsinn: Die Austeritätsfanatiker denken nicht daran, sich von Argumenten beeindrucken zu lassen. Die einzige „Rettung“, welche die Gläubiger Griechenland zu gewähren bereit sind, ist die notdürftige Lebenserhaltung, welche der Folterknecht seinem Opfer zuteil werden lässt, um länger seine sadistischen Gelüste an ihm auslassen zu können. Das, wie gesagt, war innerhalb weniger Wochen nach Amtsantritt der Syriza-Regierung klar. Seit diesem Zeitpunkt hätten Tsipras und sein Kabinett einen Plan B (oder C) entwickeln können. Und müssen.

Aber sie haben das nicht getan. Den Griechen bleibt die Wahl zwischen Skylla und Carybdis, und kein dritter Weg ist in Sicht. Gewiss, eine positive Lösung ist wahrlich nicht einfach. Im Kern liegt das Problem Griechenlands ja – allem Anschein zum Trotz – nicht im Gelde. Geld ist nur eine Verrechnungseinheit für Leistung, und auf der Leistungsebene liegt das Problem: Solange Griechenland keine auf dem Weltmarkt konkurrenzfähigen Industrieprodukte herstellt, und sogar einen Großteil seiner Lebensmittel importieren muss, so lange wird es in jeder beliebigen Währung in Schulden geraten. Hier muss jede Wirtschaftspolitik Entwicklungsrichtungen finden und aufzeigen.

Dies wird allerdings einfacher, wenn Griechenland sich vom Euroraum und der übermächtigen deutschen Konkurrenz abkoppelt. Die Drachme würde gegenüber dem Euro so lange fallen, wie das Leistungsbilanzdefizit bestünde – so lange, bis Importe unbezahlbar, Exporte dagegen konkurrenzlos billig wären. Schon früh haben Kommentatoren eine Parallelwährung vorgeschlagen, als eleganten Weg, den Euroraum faktisch zu verlassen, ohne bei der Umstellung in wirtschaftliches Chaos zu stürzen. Tsipras und Varoufakis scheinen nicht zugehört zu haben. Weder sie noch die Gläubiger haben Griechenland eine Hoffnung zu bieten. Nur Angst – nur entweder Skylla, oder Charybdis.