Tatsachenliebe

Über Wissenschaft, Wirtschaft und Sprache

Von Peter Finke

[Eine Bemerkung von mir vorab: Übermorgen marschieren in vielen deutschen Städten, auch in Jena, Kollegen und Wissenschaftsinteressierte beim sogenannten „March for Science„. Nun bin ich sicherlich der Letzte, der etwas gegen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn hat. Dennoch befällt mich bei diesem seltsam ziellosen Marsch ein gewisses Unwohlsein, und nicht nur mich (s. auch hier). Kurz gesagt befremdet mich diese kritiklose Affirmation, die ich in der Initiative spüre. Ich war schon drauf und dran, hier etwas dazu zu schreiben, als mir Peter Finke seinen tief bohrenden Artikel dazu anbot. Danke, und Vorhang auf!]

Was ist eigentlich eine Tatsache? Wenn auf der Kreuzung nebenan zwei Autos kollidieren, kann man zwar ohne Worte auf diese und das Ereignis zeigen, nicht aber auf die damit verbundene Tatsache. Denn diese besteht nicht nur aus Dingen oder Ereignissen, sondern benötigt immer auch eine sprachliche Formulierung. Wir müssen einen Satz bemühen, um uns auf eine Tatsache zu beziehen, mithin eine Sprache. Und davon gibt es viele, großenteils höchst unterschiedliche. Deshalb ist es oft auch ein Problem, ob zwei Sätze in verschiedenen Sprachen wirklich die gleiche Tatsache zum Ausdruck bringen.

Nun ist es zweifellos richtig, sich dafür zu engagieren, dass Tatsachen ernst genommen und das schändliche Spiel von Trump und seiner „Beraterin“ Conway mit Lügen und „Fake News“ in aller Deutlichkeit an den Pranger gestellt werden. Wer nach dem Motto „America first!“ zum Beispiel die Forschungsergebnisse zum Klimawandel einfach leugnet, wird seiner Pflicht als Staatsmann und Erdretter nicht gerecht. Wer ihn so berät, dass man zwischen wirklichen und nur behaupteten Tatsachen, ja Lügen, keine scharfe Unterscheidung mehr soll treffen können, klärt nicht auf, sondern untergräbt Wirklichkeit.

Deshalb ist der für den 22. April geplante „March for Science“, der die Bedeutung von Wahrheit und Macht für die Wissenschaft wieder zurecht rücken soll, eine gute Sache. Dennoch sollte man sich von einer ernsthaften Initiative eine differenzierte Begründung erwarten, die auch einen kritischen Blick auf die Realitäten der Wissenschaft einschließt. Die Organisatoren jenes „Marsches“ machen es sich freilich zu einfach. Das beginnt bei der Wahl einer solchen Gleichschrittmetapher mit militärischem Anklang für eine ganz und gar zivile Sache. Schon Oster- und Friedensmarschierer würden ihrer wichtigen Sache dienen, wenn sie die kriegerischen Marsch-Assoziationen als hinderlich erkennen und künftig beiseite ließen. Die Wissenschaft aber ist leider nicht der unbedingte Garant für Tatsachentreue. Sie sollte es sein, das ist aber etwas anderes. Die Unterscheidung von Ideal und Wirklichkeit wird leider häufig nicht so ernst genommen, wie sie es verdient. Es wäre schön, wenn sich Wissenschaftler immer an den Tatsachen orientieren würden, aber tun sie das? Ich sehe, dass kenntnisreiche, ehrenamtlich forschende Amateure auf ihrem Gebiet sehr oft zuverlässigere Liebhaber der Tatsachen sind als in Fachstudien zu Spezialisten ausgebildete Berufswissenschaftler, die für ihre Forschung bezahlt werden.

Die Sache hat zwei Hauptaspekte: einen ökonomischen und einen linguistischen. Die Frage, aus welchen Quellen das Geld stammt, das Berufsforscher erhalten, war noch nie so aktuell wie heute. In einer Zeit, in der die überwiegend aus Wirtschaft und Industrie fließenden Drittmittel quantitativ inzwischen die Steuermittel des Staates überholt haben, ist die Tatsachenqualität der publizierten Resultate keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie ist es umso weniger, als unbefristete Stellen selten geworden sind und sich die meisten Forscher von einem Auftrag zum nächsten hangeln müssen, gerade auch wenn sie jung sind. Häufiger, als es uns lieb sein kann, stehen sie bei Ablieferung ihrer Ergebnisse vor der Frage abzuwägen, wie man die gefundenen Sachverhalte formulieren soll, wenn sie die Chance auf Anschlussaufträge nicht verlieren sollen. Es gibt leider viel zu viele Beispiele dafür, dass Einschränkungen gemacht, Teilergebnisse ausgelassen, Kommata verrutscht, Rücksichten genommen, Formulierungen geschönt worden sind, als dass man die naive Gleichung „Wissenschaft = unbedingte Tatsachentreue“ noch ernst nehmen könnte.

Die Abhängigkeit der institutionalisierten Wissenschaft von ihren Geldquellen führt für viele abhängig gewordene, nicht mehr wirklich freie Wissenschaftler zu einer früher ungeahnten Unsicherheit im Umgang mit der Darstellung der Resultate. Es findet sich freilich kaum ein Repräsentant unseres Wissenschaftssystems, ob Hochschullehrer oder Bildungspolitiker, der jenes Abhängigkeitsdilemma als ernsthaftes Problem der Verfasstheit der heutigen Wissenschaft anzuerkennen bereit ist; fast alle tun es als Persönlichkeitsproblem ab. Aber geht es tatsächlich nur um eine Serie bedauerlicher Einzelfälle psychisch instabiler Forscherindividuen? Hat es nicht doch etwas mit dem Wandel des Systems zu tun, das wir uns heute als Wissenschaftssystem leisten?

Unsere Universitäten sind spätestens seit der erheblich von ökonomischen Überlegungen inspirierten „Bologna-Reform“ zu Dienstleistern der Drittmittelgeber gemacht worden; ihre Leitung sollte sogar eine unternehmerische Qualität bekommen, Dozenten wurden zu Produktanbietern, Studierende zu „Kunden“ degradiert: ein Unding, wenn man das Grundgesetzwort von der Freiheit der Wissenschaft wirklich noch ernst nimmt. Die Bildungspolitiker Europas haben sich dabei parteiübergreifend wie brave Helfer des stärkeren Nachbarsystems Wirtschaft benommen. Und es ist erst wenige Jahre her, dass in Deutschland Akademiepräsidenten, die selbst eine Karriere in der Pharmaindustrie gemacht haben, vor zuviel Bürgerbeteiligung bei der Wissenschaft gewarnt haben; ihnen war sicher bewusst warum. In einer Demokratie aber kann sich selbst die Wissenschaft nicht leisten, sich auf Dauer außerhalb der offenen Gesellschaft zu stellen. Karl Popper wusste, wovon er sprach, als er „The Open Society and its Enemies“ schrieb.

Nein, die Organisatoren jenes „Marsches“ reden an den Problemen vorbei, so sehr auch ihre Motive ehren- und unterstützenswert sind. Auch sie sparen sich die nötige Wissenschaftskritik, ohne die es heute nicht mehr geht, wenn die Wissenschaft selbst das Thema ist. Dies macht das Problem komplexer, aber zur Tatsachenliebe gehört das dazu. Die Organisatoren verstecken sich hinter dem Ideal, wie sie überhaupt pauschal und falsch „die Wissenschaft“ mit der Berufswissenschaft identifizieren. Nicht nur die fragwürdige Marschmetapher zeigt, dass hier etwas mit der heißen Nadel gestrickt worden ist, sondern auch die Tatsache, dass man nonchalant Englisch redet, weil das angeblich heute die internationale Sprache par excellence und damit auch die Sprache der Wissenschaft ist.

Gibt es auf unserer vielsprachigen Erde wirklich eine internationale Sprache? Und ist dies ausgerechnet das Englische? Ist nicht gerade die tatsachenliebende Wissenschaft aufgerufen, aus der Vielsprachigkeit dieser Welt eine Pflicht zu kognitiver Differenzierung abzuleiten, auch wenn dies  die Kommunikation erst einmal erschwert? Die englische Sprache hat nicht das internationale Gewicht erlangt, welches sie heute besitzt, weil sie die Tatsachen kulturneutral am besten zum Ausdruck brächte und deshalb die perfekte Wissenschaftssprache wäre, sondern aus politischen und ökonomischen Machtgründen. Deshalb haben wir eine wirkliche Globalisierung noch nicht erreicht; sie funktioniert nur vielsprachig. Der Anlass, dass Liebhaber der Wissenschaft und der Tatsachen dieses wahrnehmen, wäre gegeben. Es ist ein doppelter: ein ökonomischer und ein linguistischer. Mit Leisetreterei durch Verschweigen ist niemandem geholfen.

Deshalb muss man darauf hoffen, dass die unbezahlt forschenden Personen in den verschiedensten Ländern, die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sich im Verbund mit einigen verbliebenen kritischen Beobachtern der wissenschaftlichen Entwicklung aufraffen, die komplexere Problematik der wirklichen Tatsachenliebe zu verteidigen und zugleich die hiermit offenbar bei vielen ihrer institutionengebundenen Kollegen oft verbundene linguistische und ökonomische Naivität infrage zu stellen. Es wäre zu wünschen, dass diese auch beim Protestmarsch der Wissenschaftler durchbrochen und angeprangert wird. Denn auch diese verbreitete Naivität macht die Vereinfachungen und Lügen der Trumps allererst möglich.

Wieviele Arten Rationalität?

Wir erfahren die Welt durch unsere Sinne (selbstverständlich nur im Rahmen der a priori gegebenen Modalitäten der Wahrnehmung, Immanuel) und versuchen mittels der Vernunft, in diesen Sinnesdaten Zusammenhänge, Muster, Sinn zu erkennen. Die Ergebnisse dieses Versuchs können sehr verschieden aussehen – vielleicht, weil schon die Erfahrungen, mit denen die Vernunft zu arbeiten hat, bei jedem Menschen andere sind, oder vielleicht, weil nicht jedermanns Vernunft gleich zuverlässig arbeitet (denn es gibt natürlich Philosophaster, Arthur).

Beide Fehlerquellen versiegen zu lassen, unternimmt die Naturwissenschaft. Gegen die Ungleichheit der Erfahrungen setzt sie die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen; gegen die Dummheit die kritische Überprüfung durch Andere. Zwar tropfen die Quellen weiterhin, und das Wasser tritt dafür anderswo aus (etwa bei der Paradigmentreue, der Expertenmacht, dem Kreativitätsmangel, nicht wahr, Peter?), aber es ist weitgehend gelungen, wissenschaftliche Erkenntnis zu normieren. Sie scheinbar sicher zu machen.

Und daher kommt Peter Finke in seinem vorzüglichen Buch „Citizen Science“ zu der Vermutung / der Behauptung, es gebe nur eine Rationalität. Womit gemeint ist: Der Drang, die Welt verstehen zu wollen, ist allen Menschen eigen; wir alle erforschen die Welt von Kindesaugen an und bewahren uns diese Neugier – in unterschiedlichem Maße – zeitlebens. Es gibt daher keinen qualitativen Unterschied zwischen kindlichem Forscherdrang, Liebhaberwissenschaft und Profiforschung: Alles ist rationale Welterkenntnis; alles ist dieselbe, eine Rationalität.

Es versteht sich, dass ich sofort widersprechen wollte (gelle, Paul?). Ich dachte zum Beispiel an den „Untergang des Abendlands“. Das darin entwickelte Geschichtsverständnis ist vollkommen empirisch (total irres Register, Oswald!) und auch ganz rational – und ist dabei ein der naturwissenschaftlichen Methode diametral entgegengesetzter, komplementärer Ansatz: Nicht Kausalität spiele eine Rolle, sondern Analogie. Geschichte erschließe sich nicht durch das Erkennen von Ursachen, sondern durch das Verstehen von Formen. – Man kann das mit guten Gründen ablehnen, denn die intuitive Einsicht in „Gleichzeitigkeiten“ und „Morphologie der Weltgeschichte“ ist, da akausal, nicht beweisbar. Sie verlangt einen Glaubensakt. Aber es wäre falsch, das Buch irrational zu nennen. Es ist nicht das Werk eines Irren, sondern dokumentiert klar und zusammenhängend geschrieben die minutiöse Durchführung einer Methode.

Oder nehmen wir „Momo“. Bzw., um mal etwas Abwechslung in meine Kardinalpunkte zu bringen (sorry, Michael), Peter S. Beagles poetisches Meisterwerk „Das letzte Einhorn“. Fabelwesen sind darin „wirklich“ („Wenn Wirklichkeit das ist, was Wirkung hat – welche Wirklichkeit haben dann Träume?“ – Da bist Du doch wieder, Michael), können aber von den meisten Menschen, die nicht an sie glauben, nicht erkannt werden, sondern erscheinen als gewöhnliche Tiere. Nur Zauberer, Hexen und andere „wirkliche“ Wesen erkennen einander. So entwickelt sich die Geschichte einerseits auf der Ebene eines spannenden Plots, andererseits zugleich als Parabel auf die Entzauberung der Welt. Obwohl es die Personen und Wesen des Buches nicht objektiv gibt, hat die Konstruktion der Geschichte also eine strenge poetische Logik; sie gehorcht (und das gilt für jede gute Geschichte) einer erzählerischen Vernunft, die hart und gründlich gearbeitet hat. Und da eine gute Geschichte wie „Momo“ oder „Das letzte Einhorn“ oder viele andere mehr auch zum Verständnis der Welt beiträgt, haben wir hier eine weitere Form nicht-naturwissenschaftlicher, rationaler Welterkenntnis.

Und eigentlich brauchen wir gar nicht so weit zu schweifen. Denn selbst innerhalb der Wissenschaftler halten doch Naturwissenschaftler das Vorgehen der Geisteswissenschaftler für ziemlich irrational (jaja, Du sagtest schon dergleichen, Charles Percy). Und beide belächeln die Konstrukte und Abstraktionen der Wirtschaftswissenschaftler. Und bei näherer Betrachtung empfindet sogar der Biologe die Modelle des Kernphysikers als Geistesgespinst, während der analytische Philosoph die Arbeiten des Existenzialisten für Geschwafel hält (wir würden ihm bisweilen Recht geben, nicht wahr, Karl?). Ganz zu schweigen von den Hervorbringungen des Theologen, des Dogmatikers gar. Und dabei sind doch die meisten dieser Wissenschaftler helle Köpfchen und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte (was, nebenbei bemerkt, durch das Possessivpronomen so gut wie gar nichts aussagt) und arbeiten höchst vernunftgeleitet.

Ist mein spontaner Zweifel also gerechtfertigt? Gibt es viele Arten von Rationalität? Die naturwissenschaftliche, die hermeneutische, die poetische, und all ihre Unterformen? Einen grenzenlosen Zoo von Rationalitäten, ein Sammelsurium von Vernünften?

Kein sehr ansprechendes Szenario (und sei’s auch nur Deinetwegen, William). Hieße es doch nicht nur, dass wir kein einheitliches philosophisches Konzept von Vernunft bilden könnten – das wäre allenfalls noch zu verschmerzen. Sondern auch, dass wir letztlich außerstande wären, den Gedankengängen eines Anderen zu folgen, weil bzw. wenn er eine andere Vernunft hat. Gedachtes zu veröffentlichen, wäre überflüssig, wir wären lauter Autisten des Geistes.

Zum Glück ist es wahrscheinlich nicht so. Sondern die Vernunft ist (da hättest Du also doch Recht, Peter) nur eine, aber die Spielregeln, nach denen sie spielt, können unendlich vielfältig sein. So wie Schach und Skat zwei völlig rationale Spiele sind, aber niemand auf die Idee käme, beim Schach die Dame mit dem König zu stechen, und umgekehrt ein Bauernopfer beim Skat nur gelegentlich sinnvoll ist (nämlich das Ausspielen des Karobuben beim Grand mit Einem, liebe Skatfreunde meiner Jugend). Die Vernunft tut eigentlich nichts, als Regeln anzuwenden, seien dies Regeln über Beobachtetes, Regeln über Gedachtes, Regeln über Begriffe, oder Regeln über Regeln. Aber welchen Satz von Regeln und Begriffen man verwendet, das ist wahrscheinlich nicht objektiv zu beurteilen (womit Du ins Spiel kämst, David). Gewiss ist es ratsam, sich an den naturwissenschaftlichen Regelkanon zu halten, wenn man Erfolg in der Wissenschaft haben will. Aber dass Erfolg in der Wissenschaft erstrebenswert sei, ist ja ihrerseits eine Regel, der nicht jeder folgen will. Es können ja, wie oben gezeigt, auch andere Spiele dazu dienen, die Welt auf andere Weise zu verstehen.

(Wobei Du einwenden würdest, Hubert, dass zumindest bei Tieren das Spiel dadurch gekennzeichnet sei, dass es eben gerade nicht auf die Umwelt bezogen ist. Ein Spiel mit Weltbezug wäre damit ein Widerspruch. Worauf ich versuchsweise erwidern würde, dass Tiere im wachen, umweltbezogenen Zustand nicht zum rationalen Denken befähigt sind. Wenn Vernunft das „Vermögen der Begriffe“ ist – und damit sind wir wieder bei Dir, Immanuel –, dann verfügen Tiere über Verstand, aber nicht Vernunft. Und so möchte ich zum Abschluss dieser Überlegung die steile These in den Raum werfen, dass sich die Vernunft des Menschen aus dem Spiel der Tiere entwickelt hat (und mithin vielleicht auch die Vernunft des Erwachsenen aus dem Spiel der Kinder). Und dass die spielerische Umdeutung von etwas, das ist, zu etwas, das nicht ist (Alphamännchen zu Spielkamerad, Ball zu Maus, Bauklotz zu Flugzeug) der phylogenetische (und vielleicht auch ontogenetische) Ursprung der Begriffsbildung ist.)