Eselsgedanken

(Albanische Ernte 3)

Der Esel steht auf weiter Flur,

allein, und schweigt. Was denkt er nur?

Was geht hinter der starren Stirn

ihm durch das schwach gyrierte Hirn?

Betrachtet er den Streifen Gras

am Wegesrand, das er gerad fraß,

die Felder und das Spiel des Lichts,

und denkt sich dabei – einfach nichts?

Gedenkt er seiner Fohlenzeiten?

Hofft, dass man kommt, um ihn zu reiten?

Träumt er von einer Eselin,

und sich zu ihr nach Wesel hin?

Ersinnt er neue Gramgesänge,

die wüst aus seiner Seele drängen?

Erwägt er gar die letzten Fragen

von Sein und Tod, die ihn noch plagen?

Ist er ein großer Philosoph,

und somit: ganz und gar nicht doof? –

Der Esel steht auf weiter Flur,

so rätselhaft wie die Natur.

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Sonnenuntergang am Meer

(Albanische Ernte 2)

 

Wie sich die Sonne rot verschleiert,

ein Kali-Fest am Himmel feiert . . . –

Ist Kitsch.

 

Und wenn die See sich stahlblau färbt,

der Sonne Rot der Himmel erbt . . . –

Bleibt’s Kitsch.

 

Perlmuttern schimmert’s Meer dann auch,

ein Purpurdunst steigt auf wie Rauch . . . –

Und ist dem Kitsch doch eigen.

 

Dann mischt sich Schwarz in allen Glanz,

die Sprach‘ verschlägt es mir nun ganz . . . –

So lass uns schau’n und schweigen.

Windsee

(Albanische Ernte 1)

Die Wellen marschieren in Reih und Glied;

der Wind peitscht sie voran! Voran!

Und hetzt sie auf: Seid Mann! Seid Mann!

– Ich lauscht‘ am Ufer ihrem Lied.

 

Kanonendonnernd bricht die Front.

Es jault der Wind: Berennt den Strand!

Zermalmt den Feind! Verschlingt das Land!

– Ich habe mich am Strand gesonnt.

 

Das Meer zerrinnt im Sand zum Fladen.

Es klagt der Wind: Ihr wart zu schwach!

Wollt Helden sein? Dass ich nicht lach!

Und weht davon. – Ich gehe baden.

Nachtrag zum Welttag der Katze

Leider hörte ich gestern erst auf dem Weg ins Büro, dass der 8. August anscheinend der „Weltkatzentag“ ist. So konnte ich erst am Abend daheim in meinen Unterlagen nach einem – wie sich herausstellte – mittlerweile fast 25 Jahre alten Gedicht suchen, das ich hiermit nachreiche:

Du Sphinx, so sanft und fürchterlich,

Geschöpf aus einer Sonne Singen,

du Zephyrkind auf Traumesschwingen,

so hör mich an: Ich liebe dich!

 

Dein Dasein ist ein stiller Tanz,

dein Blick ein Fenster in die Wildnis.

Du bist des Lebens reinstes Bildnis,

der Inbegriff der Eleganz.

 

Der Menschheit selbstverliebter Fratze

drehst du kühl den Rücken zu.

Und wirklich lässt man dich in Ruh.

 

Vor Dir fühl ich mich ärmlich klein.

Ich schaff’s mit Mühe, Mensch zu sein.

Doch Du – bist eine Katze.

Maibild

Ein Bild: Zur Rechten Rosskastanien

wie blühende Gewitterwolken.

Ganz vorne Bärlauch und Geranien,

ihr Weiß der Erde abgemolken.

Der Himmel blau, doch Cirrusgefieder,

am Boden ausgestreutes Blüh’n.

Weiß und lila: Weißdorn, Flieder.

Gelber Raps und hundert Grün.

Ein Bild. Der Wunsch, es einzufrieren,

bevor sich Weißdornblüten röten.

Aus Angst, die Schönheit zu verlieren,

sie wie Schneewittchen aufzubahren.

Der paradoxe Drang, zu töten,

um das Leben zu bewahren.