Was ist links?

Früher war das eindeutig. Das politische Spektrum war genau das: eine lineare Abfolge von Farbschattierungen ohne dritte Dimension. Ganz links war es rot, ganz rechts war es braun, dazwischen verteilten sich schwarz und blau-gelb. Auch, als sich später das Grün außen neben das Rot drängte, war die Linearität zumindest nicht gefährdet. Die Orientierung war einfach.

Ebenso klar wie die Farbgebung waren die programmatischen Standpunkte. Die Linken vertraten die Interessen der Arbeiter, der Armen, der Schwachen im Kapitalismus. Sie waren für staatliche Eingriffe in die Wirtschaft und die Gleichheit aller Menschen. Sie wollten Veränderung. Die Rechten vertraten die Interessen der Arbeitgeber, der Reichen, der Starken im Kapitalismus. Sie waren für eine sogenannte freie Marktwirtschaft und das Recht der Starken auf Ungleichheit. Sie wollten, dass alles so bleibt, wie es gewesen war.

Heute ist alles durcheinander. Konservative wie Jan Fleischhauer wähnen sich „Unter Linken“, die AfD gar in einer „links-grün versifften“ Gesellschaft, während linke Kommentatoren einen beständigen Rechtsdrift der Politik beobachten. Leute, die sich für links halten, unterstützten im US-Wahlkampf die konservative, kapitalistische und kriegerische Hillary Clinton, während US-Linke wie Bernie Sanders zumindest zeitweise Donald Trump zur Seite sprangen. Was ist noch links? (Bin ich es?)

Früher, in den eindeutigen Zeiten, bestand die linke Agenda (für die rechte gilt im Prinzip das Spiegelbild) aus Solidarität auf allen Ebenen: den politischen ebenso wie der wirtschaftlichen Ebene. Als Linker solidarisierte man sich mit den wirtschaftlich Schwachen, aber auch mit den auf andere Weise sozial Benachteiligten: den Frauen, den Ausländern, den Homosexuellen, den Behinderten, etc..

Je stärker aber das wirtschaftliche System das politische dominierte, desto schwächer wurde der Aspekt der wirtschaftlichen Solidarität bei den Linken. Das klingt paradox, ist aber folgerichtig: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmen die gesellschaftliche Wirklichkeit so vollständig, dass sie als naturgesetzlich wahrgenommen werden. Das entzog sie dem Zugriff der Politik. Politik war nur noch im engen Rahmen der kapitalistischen Vorgaben möglich, in der vielbeschrienen „Mitte“.

Also verlegte sich die „Linke“ auf die Solidarität mit den politisch Schwachen. Mit der Folge, dass diese oft (nicht immer) aufhörten, schwach zu sein. Frauen sind heute beruflich erfolgreich, homosexuell oder fremdländisch zu sein, ist heute chic, solange man dabei nicht arm ist. Links zu sein, wurde von einer wirtschaftlich definierten Interessenvertretung zu einem Lebensgefühl, und zwar zum Lebensgefühl von Leuten, die oft recht gut verdienten.

Bei den Rechten war derweil das Umgekehrte geschehen: Sie hatten den wirtschaftlichen Egoismus durchgesetzt, dafür aber den politischen Egoismus aufgegeben (weniger aus moralischer Größe als deswegen, weil es nicht weh tut). Darum wird die Gesellschaft von Konservativen alter Schule verwirrenderweise oft als „links“ wahrgenommen: Weil die staatlichen Eingriffe zugunsten von sozial Benachteiligten umfassend und oft bürokratisch sind und häufig die Freiheit der Glücklicheren beschneiden.

Verlierer des Kapitalismus, also Arbeitnehmer, die schlecht verdienend in Unsicherheit leben, und zahllose drangsalierte Arbeitslose, gibt es derweil trotzdem und immer mehr. Sie waren einst die natürliche Klientel der Linken gewesen. Doch ehemals linke Parteien wie die SPD und die Grünen wissen mit ihnen nichts mehr anzufangen und waren bislang ganz froh, dass man die im Dunkeln nicht sieht.

– So, und genau bis hier hin war ich mit meinen Gedanken gekommen, als mir die Nachdenkseiten einen vortrefflichen Abschluss meiner Überlegungen lieferten: den Hinweis auf ein Buch von Christian Baron: „Proleten, Pöbel, Parasiten. Wie die Linken die Arbeiter verachten“. Denn genau das Problem zieht sich bis weit in die Linke hinein: Diejenigen „Linken“, deren Hauptsorge das Wohlergehen ihrer städtischen, gebildeten, multikulturellen, gutverdienenden Wählerschaft ist, haben keinerlei Verständnis dafür, dass die Proleten dringendere Sorgen haben als Gendertoiletten oder Frauenquoten in DAX-Vorständen. Man lese nur einmal diesen journalistischen Offenbarungseid von Christian Stöcker, der sich garantiert selbst für „linksliberal“ hält: Er kommt nicht einmal auf die Idee, dass wirtschaftliche Aspekte die Präferenzen der Wähler in Frankreich beeinflussen könnten. (Ebensowenig, wie er auf die Idee kommt, es könnte ein Frankreich außerhalb der Périphérique geben – was allerdings wohl den meisten Parisern ebenso geht.)

Die ungebildeten Massen der Verlierer sind im Mittel homophob, sexistisch und ausländerfeindlich. Aber Linke, die auf dieses Milieu zugehen, sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, die hehren linken Ideale der Emanzipation von Frauen, Schwulen, Migranten aufgegeben zu haben und eine „Querfront“ mit den Rechten zu betreiben. Lieber verraten und verachten daher viele Linke ihre ehemalige Klientel. Und überlassen sie ohne viele Skrupel (und ohne viel Selbstreflexion) den rechten Arbeiter- und Bauernfängern.

Er hatte schon einmal recht . . .

„Trotz dem heiligen Versprechen der Völker, den Krieg für alle Zeiten zu ächten, trotz dem Ruf der Millionen: „Nie wieder Krieg!“, entgegen all den Hoffnungen auf eine schönere Zukunft muß ich es sagen: Wenn das heutige Geldsystem, die Zinswirtschaft beibehalten wird, so wage ich es, heute schon zu behaupten, daß es keine 25 Jahre dauern wird, bis wir vor einem neuen, noch furchtbareren Krieg stehen. Ich sehe die kommende Entwicklung klar vor mir: Der heutige Stand der Technik läßt die Wirtschaft bald zu einer Höchstleistung steigern. Die Kapitalbildung wird trotz der großen Kriegsverluste rasch erfolgen und durch ein Überangebot den Zins drücken. Das Geld wird dann gehamstert werden. Der Wirtschaftsraum wird einschrumpfen und große Heere von Arbeitslosen werden auf der Straße stehen. An vielen Grenzpfählen wird man dann eine Tafel mit der Aufschrift lesen können: Arbeitsuchende haben keinen Zutritt ins Land, nur die Faulenzer mit vollgestopftem Geldbeutel sind willkommen. Wie zu alten Zeiten wird man dann nach dem Länderraub trachten und wird dazu wieder Kanonen fabrizieren müssen; man hat dann wenigstens für die Arbeitslosen wieder Arbeit. In den unzufriedenen Massen werden wilde, revolutionäre Strömungen wach werden, und auch die Giftpflanze Übernationalismus wird wieder wuchern. Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein.“

Das schrieb Silvio Gesell im November 1918, kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges. „Keine 25 Jahre“ – das war verdammt gut geschätzt. Aber wenn man das Geldsystem versteht, sind Prognosen mehr als bloß Kaffeesatzleserei.

Ich muss dieser Tage immer wieder an dieses Zitat denken. Beschreibt es nicht auch die heutige Situation erschreckend genau? „Die Giftpflanze des Übernationalismus“ hat Ungarn, Polen und die Ukraine längst überwuchert, floriert in Frankreich und sprießt auch in Deutschland aus allen Ritzen.

Und die Tafeln an den Grenzpfählen: „Arbeitssuchende haben keinen Zutritt ins Land“. Auch sie werden allenthalben angenagelt. Ist es nicht eigentlich absurd, wie die (gelogene) Zahl von den angeblich 70% jungen Männern unter den aktuell nach Deutschland kommenden Flüchtlingen ständig als Bedrohung zitiert wird? Da verlieren arme Länder überall im Süden ihre gesündesten, kräftigsten, leistungsfähigsten Arbeitskräfte – denjenigen Wirtschaftsfaktor, auf dem letztlich aller Reichtum basiert -, da kommen diese Arbeitskräfte zu uns, freiwillig und auf eigene Kosten: Und wir machen die Grenzen zu.

Gewiss, innerhalb unseres dahinvegetierenden Systems ergibt das Sinn. Aber das illustriert doch nur, wie durch und durch absurd dieses System ist.

„Kein Land wird das andere mehr verstehen, und das Ende kann nur wieder Krieg sein.“

Ich wünsche uns allen ein friedliches Jahr.

Alle: Ausbeuter

Auf unserem Grundstück stand eine gewaltige Scheune, deren Erdgeschoss mit den halbmeterdicken Mauern, den tonnenschweren Stahlträgern und Betondecken sich lange jedem Abriss widersetzte. Klar, die eine oder andere Firma wäre gerne mit schweren Baggern da reingefahren und hätte alles kurz und klein gehauen, aber erstens wollten wir einige Wände stehen lassen, und zweitens wären dafür fünfstelligen Summen fällig geworden. Das ging nicht.

Dann fand sich Herr B., ein tatkräftiger Ein-Mann-Unternehmer kurz nach der Gründung, und packte die Sache an. Was wir ihm zahlten, war erheblich weniger. Wo wir bei Folgeaufträgen das Verhältnis von Arbeitslohn zu Arbeitsleistung einschätzen konnten, fragten wir uns, was ihm nach Abzug der Spritkosten noch zum Leben übrig bleiben mochte, zumal er noch zwei Mann mitbrachte. Und Arbeitssicherheit . . . pffft. Keiner der Leute trug auch nur einen Helm. Aber innerhalb weniger Wochen waren die Scheune abgerissen und diverse sonstige Steinhaufen beräumt.

Dann, kurz vor dem letzten Handgriff, erlitt Herr B. einen Nervenzusammenbruch. Seine Lebensgefährtin hatte ihm mit Trennung gedroht; er arbeitete zu viel und brachte zu wenig nach Hause. Er schloss die Firma und brach den Kontakt zu uns ab.

Haben wir ihn ausgebeutet? Hat er sich ausgebeutet?

 

Ein Bekannter von uns, kurdischer Flüchtling aus Syrien, findet hier kaum Arbeit. Eine Zeit lang war er bei einer Leiharbeitsfirma. Da bei der Kündigung dort etwas schief ging, bekommt er seit zwei Monaten kein Geld mehr vom Amt. Gäbe es seinen Bruder in Hamburg nicht, seine Frau und er müssten hungern. Daher ist er froh und dankbar, gelegentlich bei Freunden handwerkliche Dienstleistungen in Haus und Garten übernehmen zu können, für einen absurd niedrigen Tageslohn. Er freut sich über das Geld, und braucht es, und mehr könnten sie ihm nicht zahlen.

Wird er ausgebeutet?

Diejenigen seiner Brüder, erzählt er, die in Syrien geblieben sind, sind jetzt arbeitslos, weil die Stadt von Flüchtlingen überlaufen wird, die in ihrer Not für einen Hungerlohn arbeiten. Seine Brüder sind wütend auf die Flüchtlinge, aber er mahnt sie zur Mäßigung: Er tue hier ja auch nichts anderes.

Beutet er aus? Werden die Flüchtlinge in Syrien ausgebeutet? Oder seine Brüder?

 

Von Jeff Bezos, dem Amazon-Gründer, las ich kürzlich, dass er zumindest in der Anfangszeit keine Klimaanlagen in seinen Verteilzentren installierte, sondern die kollabierten Arbeiter lieber vom Rettungsdienst versorgen ließ – das war billiger. Dass er bis heute mit Angestellten auf allen Hierarchieebenen kaum besser verfährt, ist hinreichend bekannt.

Beutet er aus? Ist er schlimmer als wir?

Und der Apple-Zulieferer Foxconn gab zu, Kinder zu beschäftigen.

Ist er ein schlimmerer Ausbeuter als die Arbeitgeber syrischer Flüchtlinge?

 

Ist es hilfreich, Gute und Böse zu unterscheiden? Ausgebeutete und Ausbeuter? Oder ist das nicht eher: naiv? Oder auch: heuchlerisch und gefährlich? Weil es die unvermeidliche Mitschuld der Urteilenden leugnet? Weil es suggeriert, man müsse Menschen für ihre Schuld bestrafen?

Wo doch tatsächlich Jeder in diesem System zum Ausbeuter wird. Die Schwachen weniger als die Starken, gewiss. Aber Stärke ist keine Sünde und Schwachheit kein Verdienst. Der Kuchen wird immer kleiner, und alle wollen satt werden. Die Stühle beim Reise-nach-Jerusalem-Spiel werden immer weniger, und alle, alle rennen und schubsen, um noch einen zu ergattern. Die Starken gewinnen (b.a.w.), und die Schwachen scheiden aus, aber Schuld trägt doch nur der, der die Stühle wegnimmt.

Wenn wir das Hungern und Rennen wirklich leid sind, dann müssen wir das Spiel ändern. Innerhalb dieses Scheißspiels, das wir „Kapitalismus“ nennen, sind wir alle: Ausbeuter.

Irrwissen 4 : Hoffen auf die Supernova

Widerspricht : Empirie & Vernunft

Fachbereich : Volkswirtschaftslehre

Der Wachstumsmotor! Ach, der Wachstumsmotor! Er stockt und sprotzt und ruckelt, und dabei tun unsere Politiker doch alles, damit er „wieder anspringt“. Denn einige vermeidbare Unfälle – Lehman Brothers, Staatsschuldenkrise – sind schuld daran, dass er derzeit nicht rundlaufen mag. Sonst wäre alles in Ordnung. Oder nicht?

Wählen wir doch einmal einen ungewöhnlichen Zugang: Schauen wir uns die Fakten an. Die folgende Graphik zeigt die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts in der BRD seit 1951.

13-02-21 Wirtschaftswachstum BRD

Jährliche Veränderung des BIP in der BRD

Auf den ersten Blick können sich die Vertreter der „Wellentheorie“ bestätigt fühlen: Es geht zyklisch immer rauf und runter. Doch auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Wellen links, in den Fünfzigern, erheblich höher ausfallen als in den letzten Jahrzehnten mehr rechts. Das ist übrigens, wie man in dieser Broschüre sieht, sogar dem Statistischen Bundesamt aufgefallen. Im ersten Jahrzehnt der BRD lag das stärkste Wirtschaftswachstum 1955 bei 12,1%, das schwächste zwei Jahre später immerhin noch bei 6,1%. Ein so hoher Wert ist seit 1970 nicht mehr erreicht worden. Und die 5%-Hürde überschritt das Wirtschaftswachstum zuletzt im Jahr der Wiedervereinigung und dem Folgejahr.

Verdecken die Konjunkturzyklen möglicherweise einen langfristigen Trend? Tun wir also das Naheliegende und filtern die Schwankungen durch ein gleitendes Mittel mit einer Spanne von sieben Jahren heraus.

13-02-21 BRD Wirtschaftswachstum und Mittel

Wirtschaftswachstum mit gleitendem Mittel

Tatsächlich: Die Kurve, die sich ergibt, fällt ziemlich hyperbolisch ab. Einen auffallenden Buckel gibt es um 1990: Die Wiedervereinigung war ein wirkungsvolles Konjunkturprogramm. Seit 1995 dagegen konvergieren die Werte deutlich gegen 1%.

Ein bisschen Mathematik bestätigt den optischen Eindruck. Nach der „Wellentheorie“ müsste das Wirtschaftswachstum um einen festen Mittelwert schwanken. Versucht man aber, eine Regressionsgerade in die Daten zu legen, dann fällt sie mit einer Steigung von –0,12 Prozentpunkt/Jahr, hat die Nulllinie im Jahr 2010 gekreuzt und erklärt auch nur 43% der Schwankungen.

13-02-21 BRD Wirtschaftswachstum mit Trends

Lineare (blau) und gebrochen-rationale (blaugrün) Regression des Wirtschaftswachstums in der BRD

Eine gebrochen-rationale Funktion leistet Besseres (59% der Variation) und läuft asymptotisch auf 1,1% Wirtschaftswachstum hin, wobei auch 0% durchaus im Konfidenzintervall liegen. Noch besser wird es, wenn man die Hyperbel an die gefilterten Daten anpasst: Dann steigt das Bestimmtheitsmaß auf 0,94, also 94% der Variation. Das mittlere Wirtschaftswachstum innerhalb von sieben Jahren lässt sich, das sei hier für die Nachwelt festgehalten, recht gut mit folgender Formel vorhersagen: f(x) = 140,7/(x-1939) –0,7549.

13-02-21 BRD mittleres BIP mit Trend

Gebrochen-rationale Regression am gleitenden Mittel der BIP-Veränderung

Ein interessanter Nebenaspekt dieses hyperbolisch sinkenden prozentualen Wirtschaftswachstums zeigt sich beim Blick auf die absolute Wirtschaftsleistung, die sich daraus ergibt. Verkünden uns Ökonomen und Ökologen nicht immer das exponentielle Wachstum, die einen mit verheißungsvollem, die anderem mit warnendem Ton? Nun, ob unendliches exponentielles Wirtschaftswachstum nun wünschenswert oder bedrohlich ist, ist irrelevant: Es existiert nämlich gar nicht. Die Wirtschaftsleistung in der BRD (1950 = 100, rückgerechnet aus den Wachstumsraten) liegt bemerkenswert genau auf einer Gerade (R² = 0,996). Das ist auch kaum verwunderlich, denn eine Exponentialfunktion mit gebrochen-rationalen Wachstumsraten (e^(1+1/x)) nähert sich einer Geraden an. So erfährt Malthus eine späte Genugtuung.

13-02-21 BRD Wirtschaftsleistung

Wirtschaftsleistung BRD mit Trendlinie

Es ist also eine Fehlannahme, dass exponentielles Wirtschaftswachstum möglich und machbar sei. Dann drängt sich die Frage mit verstärkter Vehemenz auf: Wozu wird es so dringend gebraucht?

Zum  Beispiel brauchen wir es, dem Okunschen Gesetz zufolge, um die Beschäftigungsquote hoch bzw. die Arbeitslosenquote niedrig zu halten. Dieses Gesetz fasst den empirischen Befund zusammen, dass sich die Arbeitslosenzahl gegenläufig zum Wirtschaftswachstum ändert: Wächst diese, schrumpft jene, und umgekehrt. Dabei wird die Nulllinie bei ungefähr 2 bis 3% Wirtschaftswachstum geschnitten. Bei Wachstumsraten von rund 1% sagt das Okunsche Gesetz also voraus, dass die Arbeitslosenzahl steigen wird. Leider ist es nahezu unmöglich, diese Vorhersage zu prüfen, da die Arbeitslosenstatistik laufend umdefiniert wird. Viel aufschlussreicher als die Arbeitslosenzahl sind allerdings sowieso die Entwicklung der Reallöhne und der geleisteten Arbeitsstunden. Erstere befinden sich mindestens seit 2000 im Sinkflug, letztere stagniert. Selbst wenn man also die offiziellen Verlautbarungen der letzten Jahre glauben wollte, nach denen die Beschäftigtenzahlen gestiegen und die Arbeitslosenzahlen gesunken seien, bedeutete dies nur, dass für einen gleichbleibenden Arbeitsumfang immer weniger Lohn gezahlt, und beides auf mehr Leute verteilt wird. Dass also mehr Leute weniger arbeiten und noch weniger verdienen, dabei aber (siehe steigendes BIP) immer mehr leisten.

Ein kurzer Zwischenstand: Die Bedingung, unter der eine Volkswirtschaft nach herrschender Lehre funktionieren könnte – nämlich unendliches exponentielles Wirtschaftswachstum mit mindestens 3% p.a. – ist nachweislich nicht gegeben. (Ganz zu schweigen davon, ob sie wünschenswert wäre, denn ungebremstes exponentielles Wachstum finden wir sonst nur bei Atombombenexplosionen, Krebserkrankungen und – siehe Beitragstitel – Supernovae.).

Damit stellt sich aber eine Frage mit schreiender Dringlichkeit: Warum funktioniert eine Volkswirtschaft nur, wenn sie exponentiell wächst?

Man bedenke (ich verweise noch einmal auf den letzten Link): Das Bruttoinlandsprodukt ist in der BRD allein in den letzten zwölf Jahren um über 60% gestiegen. Die Volkswirtschaft hat also um über 60% mehr eingenommen. Warum sind Arbeitsvolumen und Löhne nicht ebenfalls um über 60% gestiegen, sondern eher zurückgegangen? Wo ist das ganze Geld hin?

Ich habe den Eindruck, dass sich Volkswirtschaftler diese grundlegende Frage niemals stellen. Sonst hätten sie ja bemerken müssen, dass eine plausible Antwort von Silvio Gesell schon seit bald hundert Jahren darauf wartet, von ihnen bemerkt zu werden.

Der grundlegende Irrtum der Volkswirtschaftler besteht darin, Geld als neutrales Medium zu behandeln. Das ist es aber nicht. Geld ist ein von Menschen konstruiertes Werkzeug, das mit bestimmten Eigenschaften versehen wird. Eigenschaften, die man ändern kann, Eigenschaften, die bestimmte Folgen haben. Geld, wie wir es meistens kennen, hat z.B. die Eigenschaft der unendlichen Haltbarkeit: Ein Fünf-Euro-Schein, den ich in der Schreibtischschublade finde, ist noch genauso frisch wie am Tag, als ich ihn dort vergessen habe. Diese Eigenschaft hat modernes Geld vermutlich vom Gold geerbt. Damit hat Geld einen Vorteil gegenüber fast allen Waren, gegen die es eingetauscht wird, denn diese verderben entweder oder verursachen Lagerungskosten. Wer Geld übrig hat, muss es nicht anbieten. Er wird es gerne behalten, es sei denn, man bietet ihm einen Zinssatz, der hinreichend dafür entschädigt, auf Liquidität zu verzichten. Dieser Mindestzinssatz, unterhalb dessen man das Ersparte lieber auf dem Girokonto oder unter der Matratze verfügbar hält, als es langfristig zu binden, ist kein fester Wert. Als Richtwert kursieren 3%.

Nun wird alle Realwirtschaft durch Kredite finanziert. Kredite, die also einen Zinssatz von mindestens 3% tragen, meistens wohl eher mehr. Jeder Wirtschaftstreibende muss also jährlich rund 3% mehr Leistung erbringen, als er selbst eingekauft hat. Und was für jeden Einzelnen gilt, gilt in der Summe für die gesamte realwirtschaftliche Produktion: Um die Kreditzinsen bezahlen zu können, muss sie jährlich um mindestens 3% wachsen. Gelingt ihr das nicht, dann muss sie das Geld anderswo sparen. Z.B. bei den Löhnen.

Das ist schon schlimm genug, aber die Daumenschraube geht noch eine weitere Umdrehung: Da die Arbeitseinkommen sinken, verteilen die Zinsen das Geld zu jenen, die ohnehin schon am meisten haben. Die Mehrheit der Bevölkerung hat dagegen immer weniger Geld auszugeben: Die Binnennachfrage sinkt, und damit die Nachfrage nach der Produktion eben jener Volkswirtschaft, die eigentlich wachsen will. Der Kapitalismus schnürt sich selbst die Luft ab.

Hat man dieses Problem erst einmal bemerkt, dann ist die Lösung recht einfach: Geld muss, wie Silvio Gesell es in seinem Hauptwerk „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ forderte, die Alterung der Waren spiegeln, die es tauscht: Es muss verderben. Der Geldbasiszins, also der Zins auf sofort verfügbares Geld (d.h., auch Bargeld) muss negativ sein, bei ungefähr -3% bis -5% (wobei dieser Wert idealerweise ebenso flexibel wäre wie der Leitzins der Zentralbanken). Selbst langfristig angelegt, erreichte es dann nur noch eine Verzinsung von 0%: Der Wachstumszwang wäre verschwunden. Und das Geld könnte nicht mehr zurückgehalten, unter Matratzen oder in spekulativen Börsenkonstrukten versteckt werden: Das Geld stünde der Realwirtschaft vollständig als Tauschmittel zur Verfügung und entspräche in der Menge genau der angebotenen Arbeit. Kurz: Es gäbe keine Arbeitslosigkeit.

Und was dann möglich wäre – welche Welt dann entstehen könnte – das habe ich ganz zu Anfang dieses Blogs träumerisch entworfen. Nie, niemals und nirgends war das Irrwissen einer „Wissenschaft“ so verhängnisvoll.

(Interessenten finden zahlreiche weitere Materialien hier.)

Zum Einheitstag

Nachdem das Sklavenschiff, vom Osten kommend, im Hafen der neuen Welt festgemacht hatte, schleppten sich, taumeln und hinkend, kaum fähig, ihre Ketten zu tragen, die Überlebenden über die Gangway auf den Kai. Die endlose Qual der Reise hatte jede Erinnerung an ein „Vorher“ ausgelöscht. Nach der Finsternis und Enge des Schiffbauches, nach dem miasmatischen Gestank, der Seekrankheit und dem allgegenwärtigen Jammern und Stöhnen waren sie vom Sonnenlicht geblendet, die Luft erschien ihnen frisch, der Spielraum ihrer Bewegungen unendlich. Es kam ihnen vor wie Freiheit.

Und noch, als sie auf den Zuckerrohrplantagen schufteten, geknechtet von den Peitschen sadistischer Aufseher und der ewig wachsenden Nachfrage nach Melasse, da gedachten sie mit Freude des Tages, an dem sie das Schiff hatten verlassen können, und fühlten sich befreit. Jene wenigen Wirrköpfe aber, jene ewig Unzufriedenen, die nörgelten, „Freiheit“ könnte man das doch wohl nicht nennen, die wurden verhöhnt und gedemütigt. Dass sie sich nach der Mangelwirtschaft und Drangsal des Schiffes zurücksehnten, sagte man ihnen nach, und nannte sie, ob der Richtung ihrer Sehnsucht, „Ostalgiker“.