Von der weglosen Wildnis zum ortlosen Raum

Orte oder Netze?

Vogelperspektive. Eine Landkarte. Städte. Wege. Was sehen wir? Wege, die sich in Städten kreuzen und verknüpfen? Oder Städte, die durch Wege verbunden werden?

Was wir sehen, hat sich über die Jahrhunderte abendländischer Geschichte hinweg drastisch verändert. Einst, im frühen und hohen Mittelalter, waren Städte der Ort, an dem das Leben stattfand. Städte hatten die sichere Burg, Städte boten den Schutz von Kirche und Gericht, Städte prägten und bezahlten Geld, Städte waren umgeben von der Mauer, die alles Böse, Wilde und Gefährliche draußen hielt. Denn draußen war die Wildnis. Da gab es Wölfe und Bären, so furchterregend für die Menschen, dass die Bilder dieser Angst uns bis heute vertraut sind. Und es gab Räuber und Raubritter, Wegelagerer, die jedes Verlassen der bergenden Stadt zum Wagnis machten. Schon, wer nur außerhalb der Stadtmauern zu wohnen hatte, wie Henker, Schlachter und Schmiede, wurde schräg angesehen, aber wer als Fahrender – sei es als Händler, als Zigeuner oder als Schausteller – in eine Stadt kam, stieß auf Misstrauen und wurde möglichst bald hinauskomplimentiert. Wohl dem, der Geleitbriefe oder Empfehlungen hatte. Denn von draußen konnte nur Übles kommen. Wege waren schlecht und schlammig und wenig mehr als ein notwendiges Übel, weil doch letztlich keine Stadt sich selbst genug sein kann. Aber das Eigentliche war die Stadt. Sie war das „Drinnen“, die Heimat, der Ursprung, der Schutz.

Erst mit dem aufkommenden Merkantilismus begann sich das zu ändern. Kaufleute wurden so selbstbewusst, wie sie wohlhabend wurden; und mit ihnen verlor das Reisen seinen schlechten Ruch. Das Land wurde gezähmt und beherrscht, die Wälder verschwanden, die Wege wurden sicherer. Die Städte wuchsen, zunächst noch in ihren Mauern, irgendwann aber auch darüber hinaus. Zwar warf der Dreißigjährige Krieg die Geschichte noch einmal zurück, machte das Land wieder wüst und die Städte zur (trügerischen) Zuflucht. Aber nur gut hundert Jahre später fing man an, die Stadtmauern zu schleifen. Einerseits boten sie kaum noch Schutz gegen die Künste der Sprengmeister, andererseits aber und vor allem konnten sie die Scharen der Landflüchtigen nicht mehr halten. Und schließlich brauchte man sie auch nicht mehr. Es gab keine Räuberhorden mehr, keine Raubritter, keine Fehden, keine Wölfe, keine Bären. Die Städte grenzten sich nicht mehr ab gegen das Land: Sie beherrschten es.

Zugleich wurden die Wege besser, denn sie wurden mehr benutzt. Händler, Handwerker und Studiosi zogen von Stadt zu Stadt. Der Ortswechsel wurde zum typischen Merkmal einer Biographie. Dynastien, die über Jahrhunderte in einem Ort ansässig gewesen waren – die Bachs in Wechmar, die Morgensterns in Rudolstadt, die Goethes in Frankfurt -, sie fingen an, sich auf Deutschland zu verteilen. Man sieht das sehr schön im Video zu einer in Science erschienenen Studie: Die Forscher versuchten, Kulturgeschichte quantifizierbar zu machen, indem sie zu allen lexikalisch erfassten Personen der letzten Tausend Jahre den Geburts- und den Sterbeort erfassten und verbanden. Man sieht, wie diese ab dem Jahr 1000 zunächst meist nah beieinander liegen, aber mit der Zeit nehmen die Abstände zu, der große Bogen wird zur Regel. Bis schließlich, ab dem 19. Jhd., eine wachsende Zahl von Lebensbögen aus der Karte hinaus führt, meist nach Nordamerika, oder in die Kolonien in aller Welt. Die Stadt als Burg und Heimat hatte ausgedient.

Lebensbögen

Aus: Schich et al. (2014) A Network framework of cultural history. Science 345: 558-562

Doch die Entwicklung ging noch weiter. Zwar wurden die Städte groß, wurden zur Metropole. Zugleich aber wurden sie ununterscheidbar. Ob sich der moderne Jetsetter, das Idealbild der Gegenwart, in Berlin befindet, in New York, in Dubai, in Hongkong, in Tokio oder in Curitiba – das wird er in den verwirrten Minuten nach dem Aufwachen so manches Mal nicht zu unterscheiden wissen. Überall dieselben Wolkenkratzer, die Glasfassaden, die Bankentürme, die Fastfood-Ketten und Weltkonzerne, die Mode- und Bekleidungslabels, das schlechte Englisch. Die Stadt hat ihre Grenzen verloren, sie ist kein Ort mehr, sie hat sich aufgelöst und ist ein Knotenpunkt von Verbindungslinien geworden.

Und weiter: Es ist kein Zufall, dass eines der frühen italienischen Internet-Projekte, lange vor dem Web 2.0, nach Calvino „Le città invisibili“ hieß, „Die unsichtbaren Städte“. (Und noch heute heißen reihenweise italienische Netzwerke so.) Die räumliche, wirkliche Stadt, die notwendig einen festen Ort besetzen und ausfüllen muss, wird im Erleben der Menschen ersetzt durch das Internet, das irgendwer einst zutreffend den „ortlosen Raum“ genannt hat. Ein Gebilde, das nur aus Verbindungen besteht. Darin Terrororganisationen ähnlich, oder den immer gleichen Autobahnen, an denen die Orte nur austauschbare weiße Namen auf blauem Grund sind. Und es ist kein Zufall, dass wir spätestens seit Luhmann auch uns selbst und unsere Gesellschaft so wahrnehmen, als ein Geflecht von Beziehungen, und Beziehungen zwischen diesen Beziehungen, zwischen denen der Mensch und sein Ort nicht mehr vorkommen.

Auf den frühen Landkarten, die man gelegentlich in Museen sieht, sind Küsten eingezeichnet, Ländernamen, und Städte. Vor allem Städte. Auf den meisten Karten, die wir heute benutzen, ist es umgekehrt: Die Orte sind nur noch blaßrosa Flecken auf grünem Grund, aber die Straßen heben sich weiß und gelb bis in die feinsten Verästelungen daraus hervor, sind im Autoatlas sogar überproportional dick, bedecken fast das ganze Land, das sie mit ihrem Netz überziehen. Wir leben nicht mehr an Orten, sondern in einem Netz, und dessen Knotenpunkten.

Man könnte eine Kulturgeschichte entlang dieser Entwicklung schreiben: abendländische Kultur als beschleunigte Bewegung. Und nicht nur das Abendland: Jede Kultur könnte man einordnen auf der Skala von Ort und Weg. Auch das Römische Reich, als es untergegangen war, hinterließ ein Netz von Fernstraßen; auch die Römer hatten die Wildnis durch Wege gebunden. Auch von den Inkas sind die Handelswege geblieben. Spengler sah in jeder Kultur eine schicksalhafte Entwicklung vom Dorf über die Kleinstadt und Stadt zur Metropole. Er hat Recht, aber man muss ihn ergänzen: Der Weg geht vom Pfad über die Straße zur Autobahn, zur Datenautobahn, und darin löst die Metropole sich auf.

Die armen, ungeliebten Länder

Ist Patriotismus Vaterlandsliebe? Wir haben gelernt, dass man eine Person um ihrer selbst willen liebt, mit all ihren Fehlern, und nicht wegen ihrer Leistungen und Fähigkeiten. Die Liebe sagt: „Es ist egal, was Du kannst; ich nehme Dich, wie Du bist.“

Doch für Vaterländer scheint dies nicht zu gelten. „Doit-Schland! Doit-Schloond!!“ höre ich es prall und prollig bei jedem Spiel von Jogi Löws Mannschaft unter unserem Fenster grölen, wo der Restaurantfernseher steht, und das klingt siegestrunken und testosterongeladen, klingt nach breitbeinigem Stratzen. Da wird Deutschland geliebt, weil es (also: 11 seiner 80Mio. Einwohner) gewinnt.

Woanders nicht anders. Keine Politikerrede, kein Wahlwerbespot in Honduras, wo ich ein gutes Jahr verbrachte, kam ohne die Versicherung – oder die Beschwörung – aus: Honduras es un gran país! Honduras ist ein großes Land! Dabei gibt es, objektiv betrachtet, wenige Länder auf der Welt, die der Größe ferner wären. Swasiland vielleicht. Ost-Timor. Mecklenburg-Vorpommern. Dennoch gibt es durchaus schöne Dinge, die sich von Honduras sagen ließen: „. . . es un país lindo“ (ein süßes Land), „un país amable“ (ein liebenswertes Land), „un país aventurero y variopinto“ (ein abenteuerliches und vielfältiges Land). Aber das genügt anscheinend nicht. Ebensowenig wie in Frankreich, das noch immer Wert darauf legt, „la grande nation“ zu sein („la“, wohlgemerkt, nicht „une“). Oder in Deutschland, wo es wieder um das „Stolz-Sein“ geht, und es doch völlig genügen würde, wenn man glücklich sein könnte. (Bella Italia macht eine rühmliche Ausnahme; ihr genügt es, „bella“ zu sein.)

Der Patriot – den man richtiger auch „Patridiot“ nennt – erwartet von seinem Land, dass es groß sei, überlegen und siegreich. Die Zufriedenheit mit seinem Land soll ihm die mangelnde Selbstzufriedenheit ersetzen. Er mag sich stolz fühlen auf sein Land, aber lieben tut er es nicht.

Dazu müsste er es kennen, denn Vertrautheit – das hat schon der Fuchs dem kleinen Prinzen erklärt – ist der sicherste Weg zur Liebe. Und das Wunderbare ist: Da man sich mehrere Länder und Kulturen vertraut machen kann, kann man auch mehrere lieben, ohne dass dies ein Widerspruch wäre. Man ist dann zwar vielleicht kein Patridiot, aber auch kein Vaterlandsverräter.

Und jedenfalls ist es einem völlig egal, wer die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen hat.

Kultur und Geld – West-Östliche Autofahrt Frankfurt – Weimar

Gerade kommen wir zurück vom Besuch bei Verwandten meiner Frau. Hart arbeitende Kurden, die im Dönerladen den amerikanischen Traum verwirklich haben. Vom Dönertellerwäscher zum Millionär. Und auf der Heimfahrt haben wir uns gewundert, und diskutiert.

Sie: Mir kommt dieses Leben so hohl vor. Die haben zwar Millionen und fahren dicke Autos, aber sie wissen das Leben nicht zu genießen. Necdet hat mir am Abend eine Flasche Wein angeboten. Das ist Lambrusco, hat er gesagt, das trinken die Frauen. Ich habe dankend abgelehnt. Und bei all den Familien, die wir besucht haben, habe ich kein einziges Buch gesehen. Man kann sich mit denen nur über Geld unterhalten, und über den letzten Urlaub in der Türkei. Denn woanders fahren sie nie hin.

Ich: Und mir fällt auf, dass ihnen nicht nur die deutsche Kultur fremd ist, sondern anscheinend auch ihre eigene. Wenn ich es richtig beobachtet habe, findet dort doch außer Wangenküsschen und ein bisschen – und weniger werdender – gegenseitiger familiärer Hilfe keine kurdische oder alevitische Kultur mehr statt, oder? Die feiern kein Nevroz, halten kein Imam-Fasten, und gehen als Kinder nicht zu den Nachbarn, um Butter und Backzutaten zu erbitten. Sie leben so kulturlos, wie ein Mensch nur leben kann.

Sie: Na ja, sie haben ja auch keine Nachbarn, die zur selben Kultur gehören. Sie wohnen in Wohnblocks, wo die Nachbarn Polen oder Araber oder Serben sind. Die sozialen Bindungen sind nicht da, die nachbarschaftliche Nähe. Das ist alles anonym.

Ich: Mich wundert das, weil ich immer dachte, dass Kultur ein menschliches Grundbedürfnis ist. Unter allen Bedingungen und zu allen Zeiten haben Menschen kulturelle Systeme erschaffen. Wie kommt es dann, dass so viele Menschen – es sind ja nicht nur Deine Verwandten, sondern auch ein großer Teil der urdeutschen, bildungsfernen Bevölkerung – ganz ohne Rituale, Spiritualität, kulturelle Sinngebung leben, und anscheinend zufrieden sind? – Anscheinend kann Kultur nur in kleinen Gemeinschaften mit starken sozialen Bindungen und Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen. Und nur im Mangel. Reichtum ist der Kultur nicht förderlich.

Sie: Wenn man reich ist, will man sich ja auch nicht mehr unterordnen. Das war immer ein Grund, warum Necdet und die anderen reich werden wollten: Weil sie sich nicht mehr klein machen wollten. Weil sie etwas gelten wollten. Weil sie frei sein wollten. Und nicht abhängig von anderen.

Ich: Und das ist genau das Gegenteil von dem, was Kultur tut. Kultur bedeutet zwingend den Verzicht auf persönliche Freiheit. Und zwar für alle Beteiligten, egal, wie viel Macht sie haben. Selbst, wenn sie ganz oben in der Hierarchie stehen, können sie nicht immer tun was sie wollen, sondern unterliegen sozialen Erwartungen, Zeitplänen, Aufgaben. Oder, ein Beispiel: Selbst wir finden es schwierig, halbwegs regelmäßig am Wochenende in die Kirche zu gehen, weil das für eine Stunde Verzicht auf unverbindliche Zeitgestaltung bedeutet. Kultur geht nicht ohne das. Aber Geld bedeutet die Macht, zu tun was man will.

Sie: Und auch Macht über andere. Es bekommen ja nicht alle von dem Geld ab. Sondern die Schwager, also die Männer der Schwestern, werden immer schön klein gehalten.

Ich: Hmm. Man muss allerdings sagen, dass das eine Funktion ist, die auch kulturelle Strukturen haben. Nietzsche würde sagen, dass all unser soziales Handeln bloß dazu dient, Macht auszuüben, und wahrscheinlich hat er recht. In dem Punkt gibt es also gar keinen so großen Unterschied zwischen Geld und Kultur. Vielleicht urteilen wir ja nur aus einer subjektiven Position. Vielleicht ist Kultur gar nicht wichtig. Fehlt Deinen Verwandten denn etwas?

Sie: Ja. Sie sagen eigentlich alle, dass sie irgendwie nicht zufrieden sind.

Ich: Tja, worin Geld halt vollkommen versagt, ist Sinngebung. Man kann mit Geld wunderbar komfortabel leben, aber keine Bedeutung schaffen. Man kann damit eigentlich überhaupt nichts Bleibendes schaffen. Wenn man Kinder liebevoll erzieht, oder ein Buch schreibt, oder einen Garten gestaltet, dann hat man etwas erschaffen, das über den eigenen Tod hinaus reicht. Aber das letzte Hemd hat bekanntlich keine Taschen. Geld bleibt zwar, aber nur als unpersönliche, unstrukturierte Masse. Als Potenz, nicht als Akzidenz.

Sie: Damit wird Geld zum Suchtmittel. Man braucht es, um sich über die Hohlheit des Lebens hinwegzutrösten.

Ich: . . . und vertieft sie damit zugleich, weil das Geld einem die Freiheitsbeschränkung verbietet, die für kulturelle Sinngebung nötig ist.

Sie: Darum geben Necdet und die anderen ständig an: Wir machen Urlaub im Hilton, unser Auto ist so teuer, mein Laden macht soviel Geld . . . Sie wollten reich werden, um etwas zu gelten in diesem Land. Und nun stellen sie fest, dass es ihnen zwar gut geht, aber richtig akzeptiert sind sie trotzdem nicht.

Ich: In dieser Hinsicht haben es die armen Schwestern und Schwäger, die nichts abbekommen, langfristig besser. Die und deren Kinder haben wenigstens das Abi oder eine Ausbildung gemacht.

Sie: Damit sind sie zwar immer noch nicht integriert, aber da ist für die nächsten Generationen vielleicht mehr Hoffung.

Ich: Womit von Neuem bewiesen wäre: Geld macht nicht glücklich.

Sie: Aber ich hätte schon gern welches.

Fazit 1: Oh Mensch!

Viel miteinander zu tun haben sie auf den ersten Blick nicht, die verschiedenen Beispiele von Irrwissen, die ich in dieser kleinen Serie gesammelt habe. Fehlgeleitete Hochhausarchitektur, merkbefreite Geldtheorie, geistlose Geistesphilosophie und ein fehlzündender Urknall – das wirkt wie ein zufälliges Sammelsurium von Irrtümern, von denen jeder seine eigenen Hintergründe und Ursachen hat, die in der Geschichte des jeweiligen Faches begründet sind.

Oder? Steckt nicht vielleicht doch mehr dahinter? Ich glaube schon. Denn Eines haben fast alle Beispiele, die ich zusammengetragen habe, gemeinsam: Sie verleugnen den Bezug der Welt zum Menschen. In einigen Fällen ist das offensichtlich: Kosmologie und Evolutionstheorie (die ich allerdings nicht widerlegen konnte) haben in den vergangenen Jahrhunderten zwei der drei sogenannten Demütigungen des Menschen hervorgebracht, indem sie ihn aus der Mitte des Universums und von der Krone der Schöpfung gestürzt haben ( – die dritte Demütigung war bekanntlich Freuds Feststellung, dass der Mensch noch nicht einmal Herr im eigenen Ich ist -), und im Allgemeinen zeigt sich die Wissenschaft stolz auf diese Leistungen. Anthropozentrismus gilt als altbacken, überheblich und sowieso als Ursache aller gegenwärtigen Probleme, daher wird dem Menschen gerne aufs Brot geschmiert, dass er nur ein vergängliches Stäubchen auf einem unbedeutenden Planeten ist, der um eine mediokre Sonne am äußeren Spiralarm einer gewöhnlichen Galaxie kreist. Die abstrusen Versuche zu einer „nicht-anthropozentrischen Ethik“, die daraus erwachsen sind, hätte man in die kleine Sammlung auch noch aufnehmen können.

Nein, Naturwissenschaft und Philosophie verhehlen nicht, dass sie stolz darauf sind, den Menschen entmachtet, gedemütigt und zum bloßen biochemischen Prozess degradiert zu haben. Bei anderen Wissenschaften ist der Zusammenhang weniger offensichtlich, aber trotzdem vorhanden. Ich schrieb schon in dem Artikel über Glasdoppelfassaden, dass ich derartige Architektur für nicht nur technisch untauglich, sondern auch für weltanschaulich totalitär und unmenschlich halte. Es sind nicht Häuser nach dem Maß des Menschen, sondern Gebäude nach den Ansprüchen der Weltmaschine. Und ist nicht unser Geldsystem, das den Bezug zur menschlichen Arbeit als dem einzigen wertschöpfenden Produktionsfaktor längst verloren hat und alle Schranken menschlicher Moral und Kultur niederwalzt, genauso: totalitär und unmenschlich?

Viele zucken die Achseln und sagen: „Nun ja, so ist es nun mal. Damit muss der Mensch sich abfinden, dass er nicht das Maß der Dinge ist.“ Aber erstens, wie ich hinreichend gezeigt habe, ist es in Wahrheit gar nicht so: Das menschliche Bewusstsein ist nicht Ergebnis, sondern Voraussetzung der materiellen Welt. Die Determiniertheit der Welt kollidiert nicht mit menschlicher Moral und Freiheit. Geld ist weder Nahrung noch Selbstzweck, sondern aktuell schlicht katastrophal fehlkonstruiert. Und hätten wir ein brauchbares Geld, dann könnten wir es uns auch wieder leisten, Häuser zu bauen, die wie ein Seelenhandschuh sind.

Und zweitens: Selbst wenn wir Kosmologie und Evolutionstheorie nicht grundsätzlich widerlegen können – was zwingt uns, ihren vorläufigen Wahrheiten normative, kulturbildende Macht einzuräumen? Sollte eine lebendige Kultur nicht stark genug sein, ihr Menschenbild auch angesichts hochinteressanter Spekulationen zu bewahren? Kann man nicht die Wissenschaft im Sandkasten spielen lassen, während Frau Müller und Herr Schmidt nebendran ihr Haus bauen?

Mir macht die allgegenwärtige Menschenverleugnung Angst. Sie hat etwas von einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn erst einmal eine Mehrheit den Menschen für überflüssig hält, verhindert nichts mehr, dass er tatsächlich verschwindet. Daher müssen wir dem in allen Bereichen – in der Kunst, der Wissenschaft, der Wirtschaft und im Miteinander – einen neuen Humanismus entgegensetzen, der seinen Namen verdient. Einen Humanismus, der das Bedürfnis des Menschen nach Sinn erkennt und daher die Welt auf ihn bezieht. Dabei geht es gar nicht darum, dass der Mensch sich arrogant über die Welt erhebe, wie er es – vermeintlich – früher getan hat. Sondern nur darum, dass er notwendigen Gegenpart der Welt begreift. Der Mensch kann nur ganz Mensch werden, wenn er die Welt mit allen Sinnen und Fähigkeiten erkennt, erfasst, erlebt, aber die Welt kann auch nur vom Menschen in ihrer Fülle erkannt und ihrer Schönheit bewundert werden. Wir brauchen den Menschen, wir brauchen die Welt, und wir brauchen eine menschliche Welt.

Der fremde Spiegel

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen den Realismus ist die Wut Calibans, der sein Gesicht im Spiegel sieht.

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen die Romantik ist die Wut Calibans, der sein Gesicht nicht im Spiegel sieht.“

Oscar Wilde

Es ist nicht leicht, sich selbst von außen zu betrachten. Jeder erinnert sich wohl des Schreckens, als er zum ersten Mal seine eigene Stimme auf einer Aufnahme gehört hat. Und größer noch war der Schock, in einem raffinierten Arrangement von Spiegeln sich selbst von der Seite oder von hinten zu sehen. Was, so groß ist die Nase? So fliehend die Stirn? Selbst den Scheitel sehen wir ja in einem normalen Spiegel nicht auf der richtigen Seite.

Was für das Individuum gilt, gilt umso mehr für seine Kultur. Es hat zwar im Abendland immer wieder Versuche gegeben, den Außenblick zu simulieren: Montesquieu schrieb die „Lettres persianes“, Scheurmann den Papalagi und zuletzt Rosendorfer die „Chinesischen Briefe“. Aber so lesenswert diese Bücher auch sind: Letztlich tragen sie doch nur Karnevalsverkleidungen. Montesquieu schreibt nicht wirklich aus Sicht eines Persers, sondern bleibt der Rationalist der französischen Aufklärung, der, versteckt unter dem Turban, die Missstände seiner Zeit anprangert. So auch Scheurmann, so Rosendorfer. Sie alle unterstellen letztlich eine menschliche Weltkultur, die zwar in unterschiedlichen Verkleidungen auftritt, in ihren inneren Werten aber immer dieselbe bleibt.

Eine echte Außensicht dagegen lassen wir nicht zu. Was Muslime („Islamisten“), orthodoxe Christen oder Chinesen von uns meinen, wird allenfalls als Beispiel pittoresker Verbohrtheit und ideologischer Rückständigkeit zitiert. Das ist kein Wunder: Unsere Kultur, unsere Werte (Menschenrechte, Demokratie, etc.) sind ja schließlich universal; es gibt also gar kein „Außen“.

Das ist natürlich ein Irrtum. Auch die abendländische Kultur ist nur eine von vielen Blasen im Schaum des Chaos. Es ist lehrreich und mithin nützlich, die Spiegel so zu arrangieren, dass sie sich wie von außen sieht. Und es gibt diese fremden Spiegel – nicht bei den grünen Männchen auf dem Mars, sondern gleich nebenan.

Was kennzeichnet wohl die abendländische Kultur? Die Innensicht wird zum Beispiel recht gut von den Einbürgerungstests der verschiedenen Länder wiedergegeben. Deutschland fragt:

„Wahlen in Deutschland sind frei. Was bedeutet das?“ Oder: „Der 27. Januar ist in Deutschland ein offizieller Gedenktag. Woran erinnert dieser Tag?“

Österreich fragt sogar:

„Ist die Verletzung von Menschenrechten in Österreich verboten und strafbar?“ (ja, nein, vielleicht) oder: „Wie hieß die einzige Frau an der Spitze des Hauses Habsburg?“ oder: „Wie hieß Österreich bei der ersten urkundlichen Erwähnung?“

Dem entspricht der Schulunterricht, der ja den Nachwuchs auf die Kultur vorbereiten soll, in welcher er leben wird. Da werden Goethe gelesen, und Shakespeare, Frisch und Salinger; Mathematik lernt man natürlich und zunehmend die Naturwissenschaften; Staatsbürgerkunde und Ethik werden wichtig genommen, manchmal auch Musik, obgleich sie meistens ausfällt. Hingegen Wirtschaft wird nicht unterrichtet, denn das hat, so scheint es, mit unserer Kultur nichts zu tun.

Wer sich also in die abendländische Kultur integrieren will, der soll die Menschenrechte und Gesetze kennen, die Klassiker gelesen haben und von der Französischen Revolution wissen; auch von der Reformation sollte er mal gehört haben, und natürlich vom Dritten Reich. Hierzulande muss er Deutsch sprechen. Dann lobt man ihn und seine Integrationswilligkeit und ist sehr zufrieden. Leistet er dagegen diese Dinge nicht, dann verdammt man ihn als integrationsunwillig.

Ich habe vier kurdische Schwägerinnen und Schwager in Deutschland, nebst einer beliebigen Zahl von Schwippvettern, -basen und -großcousins dritten Grades. Drei der vier Geschwister meiner Frau sprechen nicht sonderlich gut Deutsch. Alle vier haben kein Buch im Haus; ob sie mit Namen wie „Goethe“ oder „Beethoven“ allzu viel anzufangen wüssten, bezweifle ich. Bei ihnen laufen türkische und kurdische Programme im Fernsehen; vermutlich bekämen sie nicht alle Landeshauptstädte und verflossenen Bundespräsidenten und die Zusammensetzung des Bundesrats zusammen. Sie wüssten auch gar nicht, wozu.

Sie wollen Geld verdienen. Und die beiden Schwager schaffen das mit beträchtlichem Erfolg; sie führen mittlerweile mehrere Geschäfte, spekulieren in Immobilien und stehen sich finanziell erheblich besser als ich. Ein Cousin meiner Frau kann kaum eine mittelschwere Konversation auf Deutsch führen, aber er hat sich vor einigen Jahren für eine runde Million den gesamten Wohnblock gekauft, in dem sein Imbiss liegt. Das sind die Vorbilder der jüngeren Familienmitglieder.

Eine Nichte immerhin hat etwas Sinn für Bildung. Sie hat den Realschulabschluss erworben, eine Lehre begonnen und das Fachabi ins Auge gefasst. Seit sie jedoch beobachten musste, dass ihr Onkel als habilitierter Neurobiologe am Monatsende aufs Geld schauen muss und noch nicht weiß, ob er im kommenden Sommer überhaupt Arbeit haben wird, und dass ihre Tante einen Magister Artium macht, mit dem sie vermutlich niemals einen Job finden wird, hat ihr Elan sehr nachgelassen. Wozu die Bildung? Geld will sie verdienen. Viel Geld.

Stimmt also das Klischee? Sind sie also so, die Ausländer? Integrationsunwillig, kulturell wurzellos, arbeitsscheu, nur aufs Geld aus? Nein, natürlich nicht. Dieselben Menschen zeigen eine ungeheure Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber Verwandten und Gästen, legen Wert auf Ehre, Ehrlichkeit und Höflichkeit und arbeiten hart und konzentriert in ihren Läden. Sie würden nie einen Cent anrühren, den ich liegen gelassen habe, nie schlecht über mich sprechen oder mir eine unangenehme Wahrheit ins Gesicht klatschen. Was sie von ihren Eltern an alevitischem Brauchtum mitbekommen haben, pflegen sie. Nein, sie sind weder dumm noch kulturlos noch integrationsunwillig.

Sie haben einfach nur gut beobachtet. Einer meiner Schwager sagte es sehr deutlich: „Um in Deutschland akzeptiert zu werden, musst Du Geld haben.“ Das und nur das zählt. Bildung bringt nichts.  Ein Ausländer, der abendländische Bildung hat, ist allenfalls ein dressierter Affe. Ein Ausländer, der Geld hat – der ist wer. So klar wie jeder Kulturphilosoph sehen die „Deutschländer“  die „Armseligkeit unserer Kultur“, von der Peter Finke kürzlich in diesem Blog schrieb. Das Abendland – nein, das ist nicht Reformation, Aufklärung, wissenschaftlicher Rationalismus, es ist nicht Kant, Wittgenstein, Adorno, nicht Sonett, Sonatenhauptsatz und Sonnenblumen von van Gogh, seine Werte sind nicht Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Pluralismus und Toleranz – nein: Sein Wert ist Geld.

Jeder Fremde, der unsere Kultur von außen sieht, erkennt das auf den ersten Blick. Anpassungsfähig, wie der Mensch ist, spiegelt der Fremde seine Beobachtung zurück.

Aber Caliban erkennt Gesicht nicht in diesem Spiegel.

Und dafür hasst er den Spiegel.

Kleiner Beitrag zu einer Theorie der Kreativität

Peter Finke zum 70. gewidmet.

Die erstaunlichste und wunderbarste Fähigkeit lebender Systeme ist, ständig Neues hervorbringen zu können. Wobei ich, falls dies als Definition von Kreativität gelesen wird, gleich einschränken will: Nicht alles Neue ist kreativ. Die Form des auf den Boden aufschlagenden Vogelkots ist nie dagewesen; eine unsichtbare oder gar schädliche Spontanmutation kann neuartig sein; und ebenso erfindet das lallende Kleinkind Lautkombinationen, die vielleicht nie ein Baby vor ihm gelallt hat. Nichts davon ist kreativ. Kreativität setzt – übrigens auch nach Ansicht von Kreativitätsforschern – voraus, dass das Erzeugnis einem gegebenen Problem angemessen ist. Sie ist eine Form des Problemlösens, und, vorher noch, des Problem-Findens.

Der Vorgang des kreativen Problemlösens hat zwei völlig verschiedene Komponenten: Da ist zum Einen die Idee, der Geistesblitz, das „Heureka!“. Diese plötzliche Erleuchtung ist das, was die meisten Menschen meistens meinen, wenn sie von „Kreativität“ sprechen, und auch in diesem kurzen Essay werde ich vorwiegend zu diesem Aspekt ein paar Gedanken skizzieren. Aber die zweite Komponente ist mindestens ebenso wichtig. Denn zum Anderen muss zur Inspiration die Transpiration kommen, und zwar, wie T.A. Edison über das Genie meinte, im Verhältnis von 1:99. Mit der Bedeutung, die der sorgfältigen, hartnäckigen Ausarbeitung einer Idee zukommt, will ich mich demnächst in einem anderen Essay beschäftigen.

Nur der Mensch kann gezielt („bewusst“) Probleme finden, überdenken und lösen. Aber ich glaube, dass man aufschlussreiche Beispiele von Kreativität übersieht, wenn man diese Gezieltheit zur Bedingung macht. Was ist all unsere menschliche Kreativität gegen die Schöpfungen der Evolution? Laufend überbieten sich die Taxonomen mit Schätzungen, wie viele Millionen Arten es derzeit auf der Erde gibt, und das sind nur die (noch) lebenden! „99% aller Arten sind ausgestorben“, räsonniert der Statistiker, „in erster Näherung kann man sagen, dass alle Arten ausgestorben sind.“ Niemand hat all diese Arten einer Problemstellung angepasst, aber sie sind ihrer jeweiligen Nische perfekt angepasst.

Ähnliches gilt für die Vielfalt von Sprachen. Runde 6000 gibt es noch, und ähnlich wie bei den biologischen Arten schauen wir derzeit vor allem auf das Schrumpfen dieser Zahl. Aber es entstehen auch laufend neue, und in irrwitzig rascher Zeit. Etwa die romanischen Sprachen: Ab wann sie sich aus dem Vulgärlatein auffächerten, kann man vielleicht nicht wissen. Vielleicht ein paar Jahrhunderte nach Christus. Schon im 9. Jahrhundert ist der Verläufer des modernen Italienischen erkennbar, und die Divina Commedia (1321) kann man mit soliden Italienischkenntnissen lesen.

Frescomic aus San Clemente, Rom

„Fili de le pute, traite!“ – Schon ziemlich italienisches Vulgärlatein in der Unterkirche von San Clemente. Ein „Frescomic“ aus dem 11. Jhd.

Dasselbe gilt für das rund 100 Jahre ältere „Cantar de Mio Cid“ und modernes Spanisch. Da genügten wenige Jahrhunderte, um das Latein in unterschiedliche Sprachen aufzuspalten. Und der Prozess geht weiter: Ob ein heutiger Spanischsprecher aus Spanien, Mexiko, Costa Rica, Cuba oder Argentinien kommt, kann man recht leicht unterscheiden. Und den Amerikaner kann man, heutiger Mobilität zum Trotz, ohne weiteres der Sprache nach in Texas, Kalifornien, dem mittleren Westen oder an der Ostküste verorten. Keine 500 Jahre sind seit Kolonisation der Amerikas vergangen, und schon jetzt bedarf es nicht vieler Phantasie, hier die Keimlinge neuer Sprachen zu sehen.

Hat das Hervorbringen von Neuem in diesen ganz unterschiedlichen Organisationsformen des Lebendigen etwas gemeinsam? Dürfen wir es immer „Kreativität“ nennen? Ich behaupte: Ja.

Nach aktueller Lehrmeinung können biologische Arten sich nur aufspalten, wenn es zwischen Populationen einer Art Fortpflanzungsbarrieren gibt. Das klassische Beispiel ist die Insel: Madagaskar spaltete sich von Afrika ab, und als sich etliche Jahrmillionen Jahre später die Nachfahren der damals auf beiden Landteilen verbreiteten Affen wiederbegegnen, trägt der Eine eine Spiegelreflex und knipst den Anderen im Geäst. Auch Seen können sozusagen inverse Inseln sein. Gletscherströme können eine Landmasse in Inseln zerteilen und dafür sorgen, dass etwa Nachtigall und Sprosser heute zwei Arten sind. Der Genpool einer Art, in dem prinzipiell jede mit jedem Nachkommen zeugen kann, muss also in Gentümpel zerteilt werden, damit Mutationen, die in einer Population passieren, sich nicht in die andere ausbreiten. In einer völlig homogenen, unzergliederten Landschaft wäre dagegen keine Artbildung – keine biologische Kreativität – möglich.

Ähnlich dürfte die Neuentstehung von Sprachen funktionieren. Innerhalb eines Verbreitungsgebietes mag eine Sprache anfangs (d.h., kurz nach ihrer Ausbreitung) homogen sein. Aber da die Leute in den verschiedenen Landstrichen mehr miteinander als mit Fremden aus der Hauptstadt reden, bilden sich langsam Dialekte, aus denen irgendwann Sprachen entstehen können. Dabei, so vermute ich, beeinflusst der Grad der weiträumigen Kommunikation die Veränderungsgeschwindigkeit. Eine starke politische und mediale Zentralmacht gibt der Hochsprache ein großes Gewicht und verhindert so die Aufspaltung der Dialekte; fällt sie weg, läuft diese dann umso schneller. Ersteres könnte erklären, warum sich die romanischen Sprachen, nach ihrer zunächst rasanten Entwicklung, in den letzten 500 Jahren so wenig verändert haben: In der Renaissance entstanden die spanischen und französischen Zentral- und Nationalstaaten. Letzteres, die beschleunigte Auffächerung, demonstriert dagegen das römische Reich.

Allgemein gesagt, kommunizieren die Elemente eines Systems über kürzere oder längere Entfernungen miteinander, wobei kurze Entfernungen dominieren. Netzwerktheoretiker nennen so etwas ein „small world-Netzwerk“ (unten eine Abbildung aus Strogatzky 2001, Nature).

Small world network. Quelle: Strogatzky (2002), Nature

In so einem small-world-Netwerk ist das Clustering hoch, d.h., benachbarte Elemente sind stark untereinander verbunden. Aber es gibt einige wenige Verbindungen über große Entfernungen, welche die Pfadlänge sehr gering halten: Ein Element von einer Seite des Ringes braucht nur wenige Verknüpfungen, um mit der anderen Seite zu kommunizieren. Je zahlreicher und stärker die langreichweitigen Verbindungen, desto schneller, aber auch zufälliger ist das Netz.

In den beiden Beispielen der Artbildung und der Sprachentstehung gibt es Kreativität dann, wenn die langreichweitigen Verbindungen verschwinden. Könnte es im Gehirn ähnlich sein?

Der mystisch-surrealistische Maler Edgar Ende gibt, finde ich, ein gutes Beispiel dafür ab, wie menschliche Kreativität funktioniert, denn er hatte eine Methode zum Ideenfinden etabliert: Er zog sich in einen fast dunklen Raum zurück, legte sich hin und versank im Halbschlaf, in einer Art Trance, in der Bilder in seiner Vorstellung auftauchten. Die skizzierte er im Halbdunkeln und arbeitete sie später zu Gemälden aus.

Wenige Denker und Künstler haben eine solche Methode, aber im Prinzip, so scheint mir, funktioniert der Heureka-Moment immer ähnlich: Das Wollen, die Kontrolle setzen aus, und etwas Neues springt plötzlich aus dem Dunkel. Die berühmten Beispiele der Einsicht im Schlaf (Kekulé!) illustrieren das sehr schön. Ins Neuronale übersetzt würde das heißen: Die Kontrolle durch diejenigen Gehirngebiete, die Ich-Kohärenz, Selbstbeherrschung, Exekutive vermitteln – also kurz: durch den Präfrontalen Kortex –, lässt nach, zugleich aber auch der Einfluss durch sensorische Felder. Diese stellen also die langreichweitigen Verbindungen dar, und tatsächlich hat der Präfrontale Kortex Verknüpfungen in weite Bereiche der Hirnrinde und emotionaler Hirnregionen, und wirkt dort meistens hemmend. Ohne seinen Einfluss können assoziative Bereiche enthemmt, frei und spontan feuern und neue Vorstellungen bilden. Unter den zahlreichen Studien der letzten Jahre, die versuchen, Kreativität per EEG oder Bildgebung im Gehirn sichtbar zu machen, gibt es tatsächlich mindestens eine (Limb & Braun 2008, PLoS One), die bei Jazzpianisten während der Improvisation weiträumig verringerte Aktivität im Präfrontalen Kortex gefunden hat.

Die erste Komponente der Kreativität – der Geistesblitz, das „Heureka!“ – kann also, so meine ich, dann auftreten, wenn weitreichende, womöglich zentral gesteuerte Verbindungen ihren Einfluss verlieren, und kleine, spontane Fluktuationen in lokalen Netzwerken von äußeren Einschränkungen befreit sind. Die zweite Komponente – die konzentrierte Ausarbeitung – funktioniert dann wahrscheinlich vollkommen anders. Aber das ist eine andere Geschichte.