Was ist links?

Früher war das eindeutig. Das politische Spektrum war genau das: eine lineare Abfolge von Farbschattierungen ohne dritte Dimension. Ganz links war es rot, ganz rechts war es braun, dazwischen verteilten sich schwarz und blau-gelb. Auch, als sich später das Grün außen neben das Rot drängte, war die Linearität zumindest nicht gefährdet. Die Orientierung war einfach.

Ebenso klar wie die Farbgebung waren die programmatischen Standpunkte. Die Linken vertraten die Interessen der Arbeiter, der Armen, der Schwachen im Kapitalismus. Sie waren für staatliche Eingriffe in die Wirtschaft und die Gleichheit aller Menschen. Sie wollten Veränderung. Die Rechten vertraten die Interessen der Arbeitgeber, der Reichen, der Starken im Kapitalismus. Sie waren für eine sogenannte freie Marktwirtschaft und das Recht der Starken auf Ungleichheit. Sie wollten, dass alles so bleibt, wie es gewesen war.

Heute ist alles durcheinander. Konservative wie Jan Fleischhauer wähnen sich „Unter Linken“, die AfD gar in einer „links-grün versifften“ Gesellschaft, während linke Kommentatoren einen beständigen Rechtsdrift der Politik beobachten. Leute, die sich für links halten, unterstützten im US-Wahlkampf die konservative, kapitalistische und kriegerische Hillary Clinton, während US-Linke wie Bernie Sanders zumindest zeitweise Donald Trump zur Seite sprangen. Was ist noch links? (Bin ich es?)

Früher, in den eindeutigen Zeiten, bestand die linke Agenda (für die rechte gilt im Prinzip das Spiegelbild) aus Solidarität auf allen Ebenen: den politischen ebenso wie der wirtschaftlichen Ebene. Als Linker solidarisierte man sich mit den wirtschaftlich Schwachen, aber auch mit den auf andere Weise sozial Benachteiligten: den Frauen, den Ausländern, den Homosexuellen, den Behinderten, etc..

Je stärker aber das wirtschaftliche System das politische dominierte, desto schwächer wurde der Aspekt der wirtschaftlichen Solidarität bei den Linken. Das klingt paradox, ist aber folgerichtig: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmen die gesellschaftliche Wirklichkeit so vollständig, dass sie als naturgesetzlich wahrgenommen werden. Das entzog sie dem Zugriff der Politik. Politik war nur noch im engen Rahmen der kapitalistischen Vorgaben möglich, in der vielbeschrienen „Mitte“.

Also verlegte sich die „Linke“ auf die Solidarität mit den politisch Schwachen. Mit der Folge, dass diese oft (nicht immer) aufhörten, schwach zu sein. Frauen sind heute beruflich erfolgreich, homosexuell oder fremdländisch zu sein, ist heute chic, solange man dabei nicht arm ist. Links zu sein, wurde von einer wirtschaftlich definierten Interessenvertretung zu einem Lebensgefühl, und zwar zum Lebensgefühl von Leuten, die oft recht gut verdienten.

Bei den Rechten war derweil das Umgekehrte geschehen: Sie hatten den wirtschaftlichen Egoismus durchgesetzt, dafür aber den politischen Egoismus aufgegeben (weniger aus moralischer Größe als deswegen, weil es nicht weh tut). Darum wird die Gesellschaft von Konservativen alter Schule verwirrenderweise oft als „links“ wahrgenommen: Weil die staatlichen Eingriffe zugunsten von sozial Benachteiligten umfassend und oft bürokratisch sind und häufig die Freiheit der Glücklicheren beschneiden.

Verlierer des Kapitalismus, also Arbeitnehmer, die schlecht verdienend in Unsicherheit leben, und zahllose drangsalierte Arbeitslose, gibt es derweil trotzdem und immer mehr. Sie waren einst die natürliche Klientel der Linken gewesen. Doch ehemals linke Parteien wie die SPD und die Grünen wissen mit ihnen nichts mehr anzufangen und waren bislang ganz froh, dass man die im Dunkeln nicht sieht.

– So, und genau bis hier hin war ich mit meinen Gedanken gekommen, als mir die Nachdenkseiten einen vortrefflichen Abschluss meiner Überlegungen lieferten: den Hinweis auf ein Buch von Christian Baron: „Proleten, Pöbel, Parasiten. Wie die Linken die Arbeiter verachten“. Denn genau das Problem zieht sich bis weit in die Linke hinein: Diejenigen „Linken“, deren Hauptsorge das Wohlergehen ihrer städtischen, gebildeten, multikulturellen, gutverdienenden Wählerschaft ist, haben keinerlei Verständnis dafür, dass die Proleten dringendere Sorgen haben als Gendertoiletten oder Frauenquoten in DAX-Vorständen. Man lese nur einmal diesen journalistischen Offenbarungseid von Christian Stöcker, der sich garantiert selbst für „linksliberal“ hält: Er kommt nicht einmal auf die Idee, dass wirtschaftliche Aspekte die Präferenzen der Wähler in Frankreich beeinflussen könnten. (Ebensowenig, wie er auf die Idee kommt, es könnte ein Frankreich außerhalb der Périphérique geben – was allerdings wohl den meisten Parisern ebenso geht.)

Die ungebildeten Massen der Verlierer sind im Mittel homophob, sexistisch und ausländerfeindlich. Aber Linke, die auf dieses Milieu zugehen, sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, die hehren linken Ideale der Emanzipation von Frauen, Schwulen, Migranten aufgegeben zu haben und eine „Querfront“ mit den Rechten zu betreiben. Lieber verraten und verachten daher viele Linke ihre ehemalige Klientel. Und überlassen sie ohne viele Skrupel (und ohne viel Selbstreflexion) den rechten Arbeiter- und Bauernfängern.

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