Egal, wer dahinter steckt.

Dies ist ein Leserbrief, den ich soeben an den Herausgeber der Nachdenkseiten geschickt habe.

Lieber Herr Müller,

etwas verspätet kommt hier noch ein Leserbrief zu Ihrem Beitrag vom 25. April, in dem es darum ging, wer hinter der Machtfülle der Neoliberalen und Transatlantiker steckt. Die meisten Leserbriefschreiber scheinen das für eine sinnvolle und wichtige Frage zu halten. Bei allem Respekt vor Ihnen und Ihrer Arbeit an den Nachdenkseiten, deren täglicher Leser ich bin: Da bin ich anderer Ansicht.

Seitdem ich mit anderen über die Ursachen für die wirtschaftlichen und politischen Probleme auf der Welt diskutiere, treffe ich immer wieder auf die Unterstellung, dort müsse eine böse Absicht dahinter stecken. Und von da ist es nur ein kleiner Schritt, bis eine Verschwörung gewittert wird. Ich halte das weder für hilfreich noch für einleuchtend.

Sparsamer als die Erklärung durch Bosheit (jedenfalls mehr Bosheit, als der Mensch unstreitig sowieso in sich trägt) ist es, die Beharrungskraft des Kapitalismus einfach durch Dummheit zu erklären. Dummheit und eine schier unbegrenzte Autoritätsgläubigkeit, die man auch bei durchaus intelligenten Menschen finden kann. Ich habe selbst mit Leuten diskutiert – intelligenten Menschen guten Willens –, welche die neoliberale und antirussische Propaganda tatsächlich für bare Münze nehmen. Seitdem halte ich es für möglich, dass auch die Propagandaschreiber in den Medien gutwillig und aus ihrer eigenen Sicht ehrlich sind. Die meisten Menschen wollen glauben, dass im Prinzip alles in Ordnung sei. Die meisten Menschen wollen den Status quo nicht grundsätzlich infrage stellen. – Das ist die eine Voraussetzung, die es den Vertretern der Machteliten so leicht macht, Machtelite zu bleiben.

Die zweite Erklärung steckt darin, dass Ihre Antwort auf die Frage nach den „interessierten Kreisen“, die hinter Kriegen, Neoliberalismus und gleichlautenden Medien stecken, im Grunde tautologisch ist. Sie besagt doch eigentlich nur: „Mächtige haben Macht, und sie nutzen diese Macht, um ihre Macht zu bewahren.“ Ergänzt um den Gesichtspunkt, dass nichts soviel Macht verleiht wie Geld, lässt sich der übermächtige Einfluss, den Banken, Rüstungskonzerne und Oligarchen auf unsere Politik nehmen, damit vollständig erklären. Oder?

Zusätzlich bösen Willen anzunehmen, trägt zum Verständnis nichts bei. Und es nützt auch nichts. Was wäre denn gewonnen, wenn wir den geheimen Zirkel der „wirklich Mächtigen“ Mann für Mann mit Namen benennen könnten? Erstens würde uns doch niemand glauben, egal wie gut die Beweise wären. Und zweitens: Was dann? Revolution? An die Laterne hängen? Im Ernst? Und dann?

Dann würde ihre Stelle nur von anderen eingenommen. Und die würden, wie Christian Osthold in dem Focus-Beitrag, den Sie kürzlich dankenswerterweise verlinkt haben, richtig feststellt, ihre Macht mit denselben Methoden konsolidieren.

Darum bringt es nach meiner Überzeugung nichts, sich auf die wirklich oder vermeintlich Mächtigen zu konzentrieren. Macht kann nicht durch Gegenmacht überwunden werden, sondern nur dadurch, dass man sie auflöst. Wir müssen daran arbeiten, die Machtstrukturen, wo immer es geht, durch basisdemokratische Strukturen zu ersetzen. Dann werden auch die „interessierten Kreise“ ihre Macht verlieren – egal, wer sie sind.