„Offene Gesellschaft?“ – Schön wär’s.

In einem Vortrag im Bielefelder Audimax, den ich vor vielen Jahren besuchte, warb die Theologin Dorothee Sölle für den hohen Wert der Gerechtigkeit, und äußerte sich nebenbei besorgt darüber, dass diese im heutigen Sprachgebrauch allzu oft nur als „Fairness“ auftaucht. Das schien ihr nicht dasselbe zu sein.

Ähnlich ist es heute, scheint mir, mit der Vielfalt. Pluralismus ist vermeintlich ein wichtiger Wert in unserer Kultur. Aber das Schlagwort dafür lautet nicht „Vielfalt“, sondern „Diversity“. Es gibt Kurse an Fachhochschulen zum Thema „Diversity“. Alle sind für Diversity. Auch hier beschleicht mich der Verdacht, dass mit „Diversity“ und „Vielfalt“ nicht dasselbe gemeint ist („Die Diversität der Grauen“). Und dass – ebenso wie bei der Gerechtigkeit – das laute Trommeln mit dem Schlagwort darüber hinwegtönen soll, dass die Wirklichkeit trübe aussieht.

Eine Vielfalt des Angebots ist zum Beispiel wichtig für die Marktwirtschaft. Für nichts verachten wir den real vegetierenden Sozialismus so sehr wie dafür, dass es dort nur zwei Automarken, nur eine Sorte Klopapier und eine Schokocreme (wenn überhaupt) gab. Auswahl, Konkurrenz, das ist eine Grundbedingung des freien Markts. Thomas Koudela schätzt in seinem höchst lesenswerten Buch „Entwicklungsprojekt Ökonomie“, dass in einer funktionierenden Marktwirtschaft kein Anbieter mehr als 5% Marktanteil haben sollte. Vermutlich würden ihm in wenigstens diesem einen Punkt die meisten Schulökonomen beipflichten.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Sobald Bayer und Monsanto fusioniert haben werden, werden nur vier Agrochemieriesen die Lebensmittelherstellung der Welt kontrollieren. Im Lebensmittelhandel haben die fünf größten Konzerne Marktanteile von je 10% bis 20%. Ähnlich sieht es bei den Mineralölunternehmen aus. Im Elektrofachhandel führt fast kein Weg an MediaMarkt-Saturn vorbei. Computer laufen mit nur drei verschiedenen Betriebssystemen (Windows, iOS, Linux/Unix), wobei Microsoft auf Privatrechnern einen Marktanteil von rund 80% bei Betriebssystemen und Bürosoftware haben dürfte. Die Postbank gehört seit ein paar Jahren zur Deutschen Bank. Zu VW gehört sowieso fast alles, was fährt.

 

Entwicklungen in verschiedenen Systemen einer Kultur entsprechen einander oft in auffallender Weise. Die Monopolisierung, oder wenigstens Oligopolisierung, die wir in der Wirtschaft beobachten, sehen wir ebenso in Politik und Medien. Was Volker Pispers dazu zu sagen hat, kann man nicht oft genug verlinken, und es ersetzt jeden weiteren Hinweis auf Zahlen.

Zu allen wichtigen Themen – Finanzpolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Außenpolitik – herrscht bei allen im Bundestag vertretenen Parteien bis auf Teile der Linken (aber inklusive der AfD) völlige Einigkeit. Um noch einmal Pispers zu zitieren: „In der SED wurde mehr über Wirtschaft diskutiert.“ Und in den Medien ebenso. Wie der Medienwissenschaftler Uwe Krüger – popularisiert durch die „Anstalt“ – herausgearbeitet hat, werden alle großen deutschen Chefredaktionen von Männern geleitet, die in transatlantischen, neoliberalen Lobbyorganisationen vernetzt sind. Tatsachen, Überlegungen, Aspekte, die dem von ihnen propagierten Narrativ widersprechen, werden schlicht nicht zugelassen. Sie werden ignoriert oder, wenn das nicht mehr geht, als „fake news“ oder Verschwörungstheorien diskreditiert. Darüber, wie es Leuten ergeht, die sich öffentlich abweichend äußern, hat der Whistleblower Craig Murray gerade einen erschreckenden Text veröffentlicht.

 

Dass der „freie Westen“ gekennzeichnet sei von Pluralismus und Marktwirtschaft, das ist die große Lebenslüge unserer Gesellschaft. Diese Selbsttäuschung versorgt uns mit moralischer Überlegenheit und rechtfertigt alles, was wir tun. Unsere angebliche Toleranz ist das Distinktionsmerkmal gegenüber anderen (impliziert: niederen) Kulturen.

Es stimmt nur leider alles nicht.

Es gibt keinen freien Wettbewerb auf dem Gütermarkt.

Es gibt keinen freien Wettbewerb der Meinungen.

Wir leben nicht in einer Marktwirtschaft.

Und wir leben auch nicht in einer Demokratie.

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Westliche Werte: Vielleicht Mozart?

Mein Schwager brachte kürzlich die These vor, so etwas wie einen allgemein anerkannten Musiker, über dessen Größe und Bedeutung Konsens herrsche, werde es nie wieder geben. Und mehr noch: Auch die Verbindlichkeit vergangener Stars nehme unwiederbringlich ab. Nicht nur werde es sowas wie die Beatles nicht wieder geben, sie würden auch für kommende Generationen keine große Rolle mehr spielen.

Das war einst anders. Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Liszt waren stilprägend. Sie formten die Musik ganz Europas. Etwas später stritt man sich über Brahms vs. Wagner, oder auch Verdi vs. Wagner – aber immerhin stritt man sich, und aus heutiger Sicht waren die Gegensätze nicht unüberbrückbar. Noch etwas später stritt sich die Jugend über Beatles vs. Stones. Das aber trug sich bereits in der Enklave der Popmusik zu. Aber immerhin.

Heute dagegen könnte man sich nicht einmal mehr darüber einigen, welcher Musikstil der relevante sei, innerhalb dessen über die Vorherrschaft gestritten werden sollte.

Mein Schwager sah das nicht kritisch. Ist halt so.

Das ist vermutlich eine vernünftige Haltung. Kulturelle Entwicklungen „sind halt so“ und kümmern sich herzlich wenig um die Sorgen und Vorlieben des Einzelnen. Wir werden auch das „brauchen“ mit „zu“ und den Komparativ mit „als“ nicht mehr retten, und den Genitiv wohl auch nicht.

Trotzdem kann man sich Gedanken machen über die tiefere Bedeutung solcher Entwicklungen. Es geht ja nicht nur um Musik. Nichts verbindet so stark, schafft so wirkungsvoll Einheit und Identität, wie Musik. Musik definiert Gemeinschaft. Das Zerfasern der Musikstile ist daher auch ein Symptom für das Zerfasern der Gesellschaft. Es gibt nichts kulturell Verbindliches mehr.

Längst leben wir ja nicht mehr in einer Gesellschaft, sondern in einem Zopf paralleler Gesellschaften. Von unseren „westlichen Werten“ wird viel geredet, doch was sind sie? Toleranz? – gilt nur noch für einen zunehmend enger begrenzten Mainstream akzeptabler Meinungen. Die siamesischen Götterzwillinge „Freiheit und Demokratie“ – hindern uns nicht, uns mit brutalen Diktaturen zu verbünden oder etwa gerade in Makedonien einen verfassungswidrig an die Macht gekommenen Parlamentspräsidenten anzuerkennen.

Wer von Werten redet, der tut das stets auch, um sich selbst zu erhöhen. Der moralische Diskurs ist stets auch chauvinistisch: „Wir sind die Guten. Wir sind die mit Freiheit und Demokratie. Und Toleranz. Und das sind jedenfalls die besten Werte, die es gibt.“ Obgleich sie, wie gesagt, längst nichts mehr verbinden.

Besser sollten wir von Musik reden. Wer die abendländische Musik schätzt, fällt damit kein Urteil über andere Musiken. Er leugnet auch nicht ihre Eigenständigkeit und Berechtigung. Es kann viele Musiken geben. Und ein Raga oder eine Peking-Oper sind zweifellos große Musik, auch wenn ich sie nicht verstehe, und darum nicht schätzen kann.

Darum sollten wir uns – wenigstens für einen Anfang – lieber über unsere Musik definieren als über unsere sogenannten Werte. Zugegeben: Das wäre, wie oben gesagt, höchstwahrscheinlich ebenso vergeblich. Aber wenigstens könnte man darüber ohne Dünkel sprechen. „Aha, Ihr seid die mit dem maqām? Interessant, lass mal hören. Wir sind die mit Mozart.“

Pluralistische Medizin

Zwei Anekdoten zu Anfang:

Eine Bekannte litt seit Jahren an Allem. Schlappheit, Kopfschmerzen, generalisiertes Unwohlsein, bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Das Leben war ein Leiden. Sie ging von Arzt zu Arzt; an Geld mangelte es auch nicht; aber niemand vermochte ihr zu helfen. Man bedenke: Sie ist mitnichten esoterisch oder alternativ angehaucht. Sie ist nüchtern und bodenständig. Sie hat von den Ärzten wirklich Heilung erhofft. Vergebens.

Und dann ging sie zum Osteopathen. Der tat, was Osteopathen tun: Energieströme ausmessen, Zähne überprüfen. Dieser oder jener Zahn musste raus, oder zumindest nicht-metallisch neu gefüllt werden. Die Bekannte folgte der Anweisung.

Und wurde gesund.

Aber meine Frau mit ihrem hohen Blutdruck und ihrer Migräne ging daraufhin zum selben Osteopathen. Und er maß Energieströme und prüfte Zähne, und es wurde ein Zahn repariert.

Und es besserte sich nichts.

 

Eine Person meines Vertrauens hatte Atembeschwerden. Wieder mangelte es weder an Ärzten noch an Privatversicherung. Die medizinischen Maschinenparks wurden angefahren, die Lunge nach Strich und Faden vermessen. Wieder gab es respektvolles Vertrauen zu den Ärzten. Wieder gab es keine Diagnose.

So ging die Person zum Homöopathen. Er tat, was Homöopathen tun: Zuhören, eine gründliche Anamnese machen. Dann gab er ihr ein paar Zuckerkügelchen sofort, und ein paar andere für zu Hause.

Schon nach den ersten Kügelchen waren die Beschwerden weg.

Aber meine Frau mit ihrem hohen Blutdruck und ihrer Migräne ging zum selben Homöopathen. Und er hörte zu und machte seine Anamnese. Und es besserte sich nichts.

 

Wer sich umhört, hört viele solche Geschichten. Solche von wunderbaren Heilungen, und solche von Enttäuschungen. Doch jene, die sich Skeptiker nennen, verweisen auf objektive, doppelt randomisierte Studien, und sagen: Nur die Enttäuschungen sind echt. Das andere sind Anekdoten. Zufallsereignisse. Nicht reproduzierbar. Statistische Verunreinigungen. Solange das, was bei Einzelnen funktioniert zu haben scheint, nicht bei allen funktioniert, ist es wertlos.

Aber muss denn Alles für Jeden funktionieren? Auch die wissenschaftliche Pharmakologie bemüht sich neuerdings um die „personalisierte Medizin“. Aber sie meint damit nur, dass anhand genetischer Marker die für jeden geeigneten Medikamente zusammengestellt werden. Personalisiert sind die Wirkstoffe, nicht die Herangehensweisen.

Vielleicht aber geht die Personalisierung der Heilung noch viel weiter. Vielleicht funktioniert Homöopathie für einige Menschen tatsächlich. Und für andere nicht. Dafür funktioniert für einige von den anderen Osteopathie, für einige weitere Ayurveda, und für noch andere die sogenannte Schulmedizin. Die aber auch nicht für jeden funktioniert.

Vielleicht sind die Wahrheiten der Körper, die Wege der Heilung ganz individuell. Vielleicht gibt es gar keine allgemeingültigen Naturgesetze der Medizin. Dann wäre es falsch, nach dem einen Ansatz für Alle zu suchen. Sondern Jeder müsste – und dürfte – für sich herausfinden, wie er geheilt werden kann. Medizin würde pluralistisch. Ein Reich, in dem jeder nach seiner Façon gesund werden kann.