Anders, aber vernünftig

Politische Propaganda ist gewiss ein schwieriges Handwerk voller Raffinesse und Subtilität, aber im Prinzip ist sie einfach: Die öffentliche Meinung muss dazu gebracht werden, zu akzeptieren, dass wir die Guten sind und die Anderen die Bösen. Das ist immer so gewesen, und man kann es gerade jetzt an der kaum verhohlenen antirussischen und Putin-dämonisierenden Propaganda der deutschen Mainstreammedien wieder bestens beobachten. Das muss auch so sein, denn nur, wenn wir die Guten sind, sind wir emotional gewillt, uns gegen das Böse zu verteidigen (immer nur verteidigen! Und sei es am Hindukusch, oder Zurückschießenderweise in der Vorwärtsverteidigung). (Und darum – noch ein Seitengedanke – macht mir die antirussische Propagandaschlacht solche Sorgen. Wozu wäre sie gut, wenn nicht, um einen Krieg vorzubereiten?)

Was „gut“ ist, unterliegt aber – selbstverständlich – der Mode. Im Zeichen des Kreuzes kann man heute keine Armee mehr zum Siege führen, auch für Kaiser und Vaterland begeistert sich kaum noch ein waffenfähiger Mann. Heute kämpfen wir für die Dioskuren der Moderne: Freiheit und Demokratie. Zweifel daran, dass das Abendland Hort und Vorkämpfer von „Freiheit und Demokratie“ sei, sind daher häretisch und finden sich niemals, NIEMALS in den Massenmedien. Und dass das Mutterland von „Freiheit und Demokratie“, die USA, eine gerade ebensolche Oligarchie ist wie Russland, ist eine unbequeme und daher eifrig verschwiegene Wahrheit.

„Freiheit und Demokratie“ sind eine Gesellschaftsordnung. Sie rechtfertigen sich also nicht aus sich selbst. Für „gut“ gelten sie uns, weil sie mutmaßlich der Leitidee unserer Epoche entsprechen: der Vernunft. Die Dioskuren der Moderne sind Kinder der Aufklärung – „Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ – man kennt das. Das „Gute“ ist uns heute das Rationale. Wir stehen stets auf der Seite der Vernunft. Also ist die Vernunft immer da, wo wir sind.

Und also ist es immer unvernünftig, gegen uns zu sein. Wer dem Westen entgegentritt, ist nicht bloß unbestimmt „böse“, auch nicht nur undemokratisch, unfrei und diktatorisch (das sowieso auch). Er ist im Grunde immer auch irrational. Denn nur so ist zu erklären, dass er die geistig-moralische Überlegenheit des Westens verkennt und sich nicht willfährig fügt. Darum hat sich die Propagandapresse in den letzten Monaten darin überschlagen, Psychogramme von Wladimir Putin zu phantasieren, die allesamt darauf abzielten, ihn als verblendeten, unter vergangenen Demütigungen und schweren Minderwertigkeitskomplexen leidenden, seine eigenen Interessen nicht erkennenden, im Handeln unvorhersagbaren Irren darzustellen. Und die Russen, die ihm trotzdem folgen, als ebenso komplexbeladenes Volk, das wodkaselig von vergangener Großmacht träumt. Darum wiederholt die Mainstreampresse unaufhörlich das Mantra, dass es unmöglich sei, Putin zu verstehen oder vorherzusagen, was er tun werde. – Eine Behauptung, die tatsächlich viel mehr über den eingeschränkten Intellekt unserer transatlantischen Journalisten aussagt, als über den Verstand Wladimir Putins.

Denn natürlich handelt Putin vollständig rational. Es ist sein Job, die russischen Interessen zu verteidigen, und genau das tut er. Dass er „trotzdem“ gegen „uns“ ist, beruht nicht auf einem Mangel an Vernunft auf der einen oder anderen Seite, sondern auf dem meist übersehenen (hier kürzlich behandelten) Umstand, dass vernünftiges Handeln nur eine Methode ist, der ihre Ziele vorgegeben werden müssen. Jede fähige Regierung verteidigt höchst rational die Interessen ihres Landes, obwohl die Interessen von kaum zwei Ländern deckungsgleich sind. So wie jeder intelligente Mensch seine Vernunft einsetzt, um seine Ziele zu erreichen, obgleich diese Ziele davon abhängen, was er jeweils für gut und richtig hält. Und obgleich das, was der Eine für richtig hält, für den Anderen ganz unsinnig sein kann: Strenggläubige Atheisten mögen es nicht für möglich halten, aber im Vatikan sitzen Dutzende, wenn nicht Hundertschaften von hochintelligenten und hochgebildeten Männern, die völlig rational die Macht von Glauben und Kirche verteidigen. Und wenn es stimmt, was Seymour Hersh recherchiert hat: Dass die Giftgasangriffe in Syrien verdeckte Aktionen der Türkei gewesen seien -: Dann bedeutet das nicht, dass Recep Tayyip Erdogan ein Irrer sei (ein Arschloch ist er trotzdem), sondern nur, dass er nicht, wie der Westen es gerne hätte, für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte kämpft, sondern für die regionale Vorherrschaft einer vom sunnitischen Islam definierten Türkei. Und dafür kämpft er ebenso skrupellos, wie es Putin, Obama und Xi für jeweils ihre Machtinteressen tun. Denn moralische Skrupel sind leider nicht automatisch Bestandteil rationalen Handelns.

Nein, die Vernunft taugt nicht als Schlachtruf. Weder unterscheidet sie uns von unseren Gegnern (es sei denn, diese Gegner heißen Berlusconi, Hollande, Poroschenko, Samaras oder Kim, und selbst da . . . ), noch ist sie an sich gut. Man kann Anderes wollen als ich, und sogar Böses, und trotzdem rational sein. Wer die Vernunft zum Feldzeichen macht, beleidigt sie letztlich, indem er sie anderen abspricht.

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Wieviele Arten Rationalität?

Wir erfahren die Welt durch unsere Sinne (selbstverständlich nur im Rahmen der a priori gegebenen Modalitäten der Wahrnehmung, Immanuel) und versuchen mittels der Vernunft, in diesen Sinnesdaten Zusammenhänge, Muster, Sinn zu erkennen. Die Ergebnisse dieses Versuchs können sehr verschieden aussehen – vielleicht, weil schon die Erfahrungen, mit denen die Vernunft zu arbeiten hat, bei jedem Menschen andere sind, oder vielleicht, weil nicht jedermanns Vernunft gleich zuverlässig arbeitet (denn es gibt natürlich Philosophaster, Arthur).

Beide Fehlerquellen versiegen zu lassen, unternimmt die Naturwissenschaft. Gegen die Ungleichheit der Erfahrungen setzt sie die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen; gegen die Dummheit die kritische Überprüfung durch Andere. Zwar tropfen die Quellen weiterhin, und das Wasser tritt dafür anderswo aus (etwa bei der Paradigmentreue, der Expertenmacht, dem Kreativitätsmangel, nicht wahr, Peter?), aber es ist weitgehend gelungen, wissenschaftliche Erkenntnis zu normieren. Sie scheinbar sicher zu machen.

Und daher kommt Peter Finke in seinem vorzüglichen Buch „Citizen Science“ zu der Vermutung / der Behauptung, es gebe nur eine Rationalität. Womit gemeint ist: Der Drang, die Welt verstehen zu wollen, ist allen Menschen eigen; wir alle erforschen die Welt von Kindesaugen an und bewahren uns diese Neugier – in unterschiedlichem Maße – zeitlebens. Es gibt daher keinen qualitativen Unterschied zwischen kindlichem Forscherdrang, Liebhaberwissenschaft und Profiforschung: Alles ist rationale Welterkenntnis; alles ist dieselbe, eine Rationalität.

Es versteht sich, dass ich sofort widersprechen wollte (gelle, Paul?). Ich dachte zum Beispiel an den „Untergang des Abendlands“. Das darin entwickelte Geschichtsverständnis ist vollkommen empirisch (total irres Register, Oswald!) und auch ganz rational – und ist dabei ein der naturwissenschaftlichen Methode diametral entgegengesetzter, komplementärer Ansatz: Nicht Kausalität spiele eine Rolle, sondern Analogie. Geschichte erschließe sich nicht durch das Erkennen von Ursachen, sondern durch das Verstehen von Formen. – Man kann das mit guten Gründen ablehnen, denn die intuitive Einsicht in „Gleichzeitigkeiten“ und „Morphologie der Weltgeschichte“ ist, da akausal, nicht beweisbar. Sie verlangt einen Glaubensakt. Aber es wäre falsch, das Buch irrational zu nennen. Es ist nicht das Werk eines Irren, sondern dokumentiert klar und zusammenhängend geschrieben die minutiöse Durchführung einer Methode.

Oder nehmen wir „Momo“. Bzw., um mal etwas Abwechslung in meine Kardinalpunkte zu bringen (sorry, Michael), Peter S. Beagles poetisches Meisterwerk „Das letzte Einhorn“. Fabelwesen sind darin „wirklich“ („Wenn Wirklichkeit das ist, was Wirkung hat – welche Wirklichkeit haben dann Träume?“ – Da bist Du doch wieder, Michael), können aber von den meisten Menschen, die nicht an sie glauben, nicht erkannt werden, sondern erscheinen als gewöhnliche Tiere. Nur Zauberer, Hexen und andere „wirkliche“ Wesen erkennen einander. So entwickelt sich die Geschichte einerseits auf der Ebene eines spannenden Plots, andererseits zugleich als Parabel auf die Entzauberung der Welt. Obwohl es die Personen und Wesen des Buches nicht objektiv gibt, hat die Konstruktion der Geschichte also eine strenge poetische Logik; sie gehorcht (und das gilt für jede gute Geschichte) einer erzählerischen Vernunft, die hart und gründlich gearbeitet hat. Und da eine gute Geschichte wie „Momo“ oder „Das letzte Einhorn“ oder viele andere mehr auch zum Verständnis der Welt beiträgt, haben wir hier eine weitere Form nicht-naturwissenschaftlicher, rationaler Welterkenntnis.

Und eigentlich brauchen wir gar nicht so weit zu schweifen. Denn selbst innerhalb der Wissenschaftler halten doch Naturwissenschaftler das Vorgehen der Geisteswissenschaftler für ziemlich irrational (jaja, Du sagtest schon dergleichen, Charles Percy). Und beide belächeln die Konstrukte und Abstraktionen der Wirtschaftswissenschaftler. Und bei näherer Betrachtung empfindet sogar der Biologe die Modelle des Kernphysikers als Geistesgespinst, während der analytische Philosoph die Arbeiten des Existenzialisten für Geschwafel hält (wir würden ihm bisweilen Recht geben, nicht wahr, Karl?). Ganz zu schweigen von den Hervorbringungen des Theologen, des Dogmatikers gar. Und dabei sind doch die meisten dieser Wissenschaftler helle Köpfchen und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte (was, nebenbei bemerkt, durch das Possessivpronomen so gut wie gar nichts aussagt) und arbeiten höchst vernunftgeleitet.

Ist mein spontaner Zweifel also gerechtfertigt? Gibt es viele Arten von Rationalität? Die naturwissenschaftliche, die hermeneutische, die poetische, und all ihre Unterformen? Einen grenzenlosen Zoo von Rationalitäten, ein Sammelsurium von Vernünften?

Kein sehr ansprechendes Szenario (und sei’s auch nur Deinetwegen, William). Hieße es doch nicht nur, dass wir kein einheitliches philosophisches Konzept von Vernunft bilden könnten – das wäre allenfalls noch zu verschmerzen. Sondern auch, dass wir letztlich außerstande wären, den Gedankengängen eines Anderen zu folgen, weil bzw. wenn er eine andere Vernunft hat. Gedachtes zu veröffentlichen, wäre überflüssig, wir wären lauter Autisten des Geistes.

Zum Glück ist es wahrscheinlich nicht so. Sondern die Vernunft ist (da hättest Du also doch Recht, Peter) nur eine, aber die Spielregeln, nach denen sie spielt, können unendlich vielfältig sein. So wie Schach und Skat zwei völlig rationale Spiele sind, aber niemand auf die Idee käme, beim Schach die Dame mit dem König zu stechen, und umgekehrt ein Bauernopfer beim Skat nur gelegentlich sinnvoll ist (nämlich das Ausspielen des Karobuben beim Grand mit Einem, liebe Skatfreunde meiner Jugend). Die Vernunft tut eigentlich nichts, als Regeln anzuwenden, seien dies Regeln über Beobachtetes, Regeln über Gedachtes, Regeln über Begriffe, oder Regeln über Regeln. Aber welchen Satz von Regeln und Begriffen man verwendet, das ist wahrscheinlich nicht objektiv zu beurteilen (womit Du ins Spiel kämst, David). Gewiss ist es ratsam, sich an den naturwissenschaftlichen Regelkanon zu halten, wenn man Erfolg in der Wissenschaft haben will. Aber dass Erfolg in der Wissenschaft erstrebenswert sei, ist ja ihrerseits eine Regel, der nicht jeder folgen will. Es können ja, wie oben gezeigt, auch andere Spiele dazu dienen, die Welt auf andere Weise zu verstehen.

(Wobei Du einwenden würdest, Hubert, dass zumindest bei Tieren das Spiel dadurch gekennzeichnet sei, dass es eben gerade nicht auf die Umwelt bezogen ist. Ein Spiel mit Weltbezug wäre damit ein Widerspruch. Worauf ich versuchsweise erwidern würde, dass Tiere im wachen, umweltbezogenen Zustand nicht zum rationalen Denken befähigt sind. Wenn Vernunft das „Vermögen der Begriffe“ ist – und damit sind wir wieder bei Dir, Immanuel –, dann verfügen Tiere über Verstand, aber nicht Vernunft. Und so möchte ich zum Abschluss dieser Überlegung die steile These in den Raum werfen, dass sich die Vernunft des Menschen aus dem Spiel der Tiere entwickelt hat (und mithin vielleicht auch die Vernunft des Erwachsenen aus dem Spiel der Kinder). Und dass die spielerische Umdeutung von etwas, das ist, zu etwas, das nicht ist (Alphamännchen zu Spielkamerad, Ball zu Maus, Bauklotz zu Flugzeug) der phylogenetische (und vielleicht auch ontogenetische) Ursprung der Begriffsbildung ist.)