Versteckte Regeln

Jene, die sich „Liberale“ nennen, in ihren verschiedenen Spielarten, haben gemeinsam, dass sie staatliche Einflussnahmen ablehnen, als Eingriffe in den scheinbar natürlichen Lauf der Dinge. Das ist im Prinzip nicht völlig falsch (dächte ich anders, wäre ich nicht der Schwarze Kater). Aber dass die Sache mit dem „natürlich“ und „künstlich“ so einfach nicht ist, hätten die Apologeten des freien Spiels der Kräfte vor einiger Zeit an der Kreuzung Katharinenstraße / August Bebel-Straße in Jena lernen können.

 

Hier blickt man von der Katharinenstraße auf diese Kreuzung. Und man sieht schon, dass da was nicht läuft. Der Verkehr nämlich. Und man sieht auch, warum: Wer hier kommt, muss die Vorfahrt achten.

Das ist normalerweise kein Problem. Die kreuzende August Bebel-Straße ist mäßig befahren. Der Hauptverkehr quert eine Straße weiter oben, wo man klein in der Mitte des Bildes die nächste Kreuzung ahnen kann.

Aber für einige Monate war diese große Querstraße, welche die Hauptausfallstraße aus Jena nach Westen ist, bis zur Einmündung der August Bebel-Straße (also links vom Bild) gesperrt, wegen großer Bauarbeiten. Der Verkehr wurde hier über die Katharinenstraße umgeleitet. Das war durchaus logisch, weil das ohnehin der zweite Ausfallweg in die Richtung ist. Und da an der Kreuzung im Bild von rechts kaum je einer kommt, kommt man normalerweise flott raus.

Aber manchmal kommt eben doch einer von rechts. Dann muss man warten. Und wenn das Verkehrsaufkommen (wegen Sperrung der Hauptstraße) größer ist, dann bildet sich eine gewisse Schlange. Und dann kommt vielleicht einer auf die Idee, den (eigentlich unlogischen) Umweg zu fahren, der dafür sorgt, dass man an dieser Kreuzung selbst von rechts kommt.

Die Folge ist klar: Wer aus der Katharinenstraße kommt, muss nun noch länger warten. Die Schlange wird noch länger. Und der Anreiz wächst für weitere Pendler, den Umweg zu nehmen, der ihnen Vorfahrt verschafft. Und schon macht der Teufelskreis seine nächste Umdrehung. Und so weiter.

Nach einigen Wochen ging auf der Katharinenstraße fast gar nichts mehr. Der Rückstau war Hunderte Meter lang und dauerte mindestens eine Viertelstunde. Hätte die Baustelle noch eine Weile weiter bestanden, dann wären irgendwann alle Ortskundigen den Umweg durch die Wohnstraßen der Innenstadt gefahren. Was niemand gewollt haben kann.

Jeder denkende Mensch sieht sogleich, was man dagegen hätte tun können: Ein einfaches Interimsschild mit abknickender Vorfahrt auf der Katharinenstraße, und ein Vorfahrt-achten-Schild auf der August Bebel-Straße, hätten Wunder gewirkt.

Ob dann die Verfechter des freien Spiels der Kräfte auch geschrien hätten: „Staatliche Einflussnahme! Behinderung der freien Selbstentfaltung! Big government!“?

Vermutlich nicht. Sie hätten handgreiflich gesehen, dass so oder so Regeln gelten. Die einen sind wir gewöhnt und erkennen sie darum nicht sofort. Und sie führen zu einer dysfunktionalen Selbstorganisation. Andere wären neu, und darum sichtbar. Aber sie würden funktionieren.

Advertisements

Cady Colleen

Es muss sich wohl wirklich um ein Zwangsverhalten handeln, wie mein Schwager meinte: um ein „zwanghaftes sich Outen der Unterschicht“, wie er sagte. Wie sonst ist zu erklären, dass stets gerade diejenigen die Vornamen ihrer Kinder auf die Heckscheibe kleben, die damit ihren vollumfänglichen Mangel an Geschmack und Bildung in die Welt hinausschreien? Wer den Untergang des Abendlandes untersucht, der sollte Rückscheiben als wichtige Quelle nicht übersehen – und auch nicht die monatlichen Geburtenmeldungen in den Amtsblättern. Man kann da eine Blütenlese zur Erheiterung der Welt veranstalten (und ich freue mich über weitere Beispiele in den Kommentaren). Den Preis für den disjunktesten Doppelnamen zum Beispiel möchte ich Finley Winfried zuerkennen. Er heißt aber immerhin noch zur Hälfte wie mein altehrwürdiger Onkel. (Nein, nicht die Hälfte. Die andere.) Im Marianengraben der rundum enthemmten Beliebigkeit dagegen habe ich am vergangenen Wochenende, auf dem rechten Nachbarparkplatz (links gab es immerhin noch eine Lissy-May zu begaffen), Bekanntschaft machen müssen mit: Cady Colleen. Also: Mit ihrem Namen. Was mir völlig gereicht hat.

Ich war erstaunt, dass so was erlaubt ist. Aber wie kurzes Googlen ergab, ist diese Lautkombination schon einmal als Name vergeben worden, wenngleich im englischsprachigen Ausland, und ist somit automatisch zulässig.

Es gibt Gesetze, die regeln, wie ein Neugeborenes in Deutschland heißen darf. Offensichtlich sind diese Gesetze nötig, wenn auch nicht sonderlich wirksam. Aber wie die oft kolportierten Listen der Namen zeigt, die dann doch nicht erlaubt wurden – Namen wie „Pumuckl“, „Atomfried“, „Frieden Mit Gott Allein Durch Jesus Christus“, „Borussia“, um nur die peinlichsten zu nennen -, verhindern sie noch Schlimmeres. Es gibt zahlreiche Menschen, die gewillt sind, jegliche Vorgaben, die ihnen der Anstand, der gute Geschmack, das Stilgefühl oder wer auch immer machen könnte, in den Wind zu schlagen oder, wahrscheinlicher, gar nicht erst wahrzunehmen. Die Gesellschaft (und vor allem ihre Kinder!) brauchen Gesetze, um diese Menschen zu bändigen.

Und das ist interessant im Hinblick darauf, wie Kulturen und insbesondere kulturelle Regelwerke funktionieren, und die Schlussfolgerungen widersprechen zum Teil dem, was ich selbst gemeinhin für zutreffend halte. Denn noch vor 100, ja, vielleicht nur 50 Jahren brauchte es diese Gesetze nicht. Niemand wollte im Jahr 1920 seine Tochter „Cady Colleen“ nennen. Also musste man es auch niemandem verbieten. Kinder wurden nach dem gleichgeschlechtlichen Eltern- oder Großelternteil benannt, nach dem Tagesheiligen, dem Paten oder allenfalls, wenn es opportun schien, dem Fürsten. Das wurde nicht infrage gestellt. Es wurde mithin, obwohl es sich um eine Regel handelt, nicht als Einschränkung wahrgenommen. Der Wunsch nach „Cady Colleen“ war nicht denkbar. Was auch daran liegt, dass in einer weniger stark individualisierten Gesellschaft das Bedürfnis geringer ist, das eigene Kind von allen Menschen abzuheben. Kinder gliedern sich sozial und transtemporal in eine Tradition ein und tragen diese weiter; sie funktionieren als Teil der Gesellschaft, nicht als sich selbst verwirklichendes Individuum.

Man muss also zwei komplementäre Kräfte berücksichtigen, wenn man über kulturelle Regeln nachdenkt: Auf der einen Seite steht der Wille des einzelnen Menschen, der freie, vor-moralische und also antisoziale Wille, etwas Bestimmtes zu tun, auf der anderen Seite der Regelkodex, der bestimmte Absichten verbietet. Ich neige dazu, und stehe damit vielleicht nicht allein, mich auf letzteren zu fokussieren. Kultur bedeutet für mich (u.a. – das Folgende soll keine Definition sein) die Beherrschung der Triebe durch – zum Teil verinnerlichte – Regeln. Indem der Mensch lernt, seine Affekte zu kontrollieren, wird er zum Kulturwesen und damit überhaupt erst zum Menschen. Ich sehe es daher, nebenbei bemerkt, auch mit Sorge, dass das wuchernde wirtschaftliche Subsystem durch seine Werbebotschaften versucht, genau diese höhere Kontrolle (Freud würde sagen: das Über-Ich; der Neurobiologe: den Präfrontalkortex) zu unterlaufen und die animalischen Triebe durch viel nackte Haut und unverhohlene Aufrufe zur enthemmten Triebbefriedigung anzustacheln. Es könnte irgendwann der Punkt erreicht sein, an dem das geschwächte, überstrapazierte Über-Ich die tobenden Triebe nicht mehr halten kann. Und der Mensch, der seinen Begierden unbeherrscht nachgibt, wird dadurch mitnichten frei. Im Gegenteil: Wie ein Süchtiger wird er zum hilflosen Sklaven seiner Gelüste, zur Marionette der Reize, die ihn steuern. Kultur macht den Menschen frei, indem er Regeln verinnerlicht, nach denen er sich selbst beherrscht.

Aber Cady Colleen zeigt uns, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Gewiss, Regeln und Selbstbeherrschung hindern uns daran, alles zu tun, was wir wollen. Aber in manchen Kulturen anderswo und anderswann – ich will sie kurzerhand und wertend „lebendige Kulturen“ nennen – bedarf es dieser Einschränkungen nicht, oder nicht in diesem Maße, weil der antisoziale Wille des Einzelnen auch weniger stark ausgeprägt ist. Wenn niemand sein Kind Cady Colleen nennen will, braucht man es auch niemandem zu verbieten. Wenn nun „Freiheit“ bedeutet, dass man das tun darf, was man will – dann ist derjenige vollkommen frei, der das will, was er tun darf. Und dann ist in solchen Kulturen die Integrationsfähigkeit des Regelwerks im Einklang mit der Freiheit des Einzelnen.

Diese Sichtweise überrascht. Wer in der abendländischen Zivilisation sozialisiert ist, dem fällt es schwer, die Einordnung in enge kulturelle Regeln und die Wirksamkeit sozialer Kontrolle als „frei“ wahrzunehmen und anzuerkennen. Der Held unserer Geschichten ist der, der aus solchen „Zwängen“ ausbricht, ist der Unangepasste, der Individualist, der Künstler. Die widersprüchliche Wertung ergibt sich daraus, dass es keinen Weg zurück gibt. Der Weg des abendländischen Individualisten ist der Weg fortlaufender Zerstörungen: Regel um Regel muss überwunden werden, um das Gefühl von Freiheit zu erzeugen, bis der Mensch sich auflöst im Wärmetod der kulturellen Entropie. Sich in ein kulturelles Regelsystem zurück zu begeben, würde bedeuten, diesen individuellen Freiheitswillen aufzugeben, sich freiwillig Regeln zu unterwerfen, die, aus der zivilisatorischen Beliebigkeit kommend, notwendigerweise als äußerer Zwang empfunden werden müssten, und sich gleichsam selbst zu indoktrinieren. Verschiedene Ideologien haben dies ja in den vergangenen Jahrzehnten versucht: Durch Gehirnwäsche und Indoktrination schon im Kindesalter sollten in den totalitären Systemen die Menschen dazu gebracht werden, nur das zu wollen, was die Ideologie gut hieß[1]. Wenn auf diese Weise ideologischer Zwang verinnerlicht wird, dann ist dies die schlimmste Form der Unfreiheit.

Skeptiker werden sagen, dass es aber keinen oder allenfalls einen graduellen Unterschied gebe zwischen einer totalitären Ideologie wie den verschiedenen Spielarten von Sozialismus und Faschismus, einerseits, und einer ebenso irrational fundierten Tradition wie etwa den Kulturen der San oder des katholischen Bayern im 19. Jahrhundert. Angenommen, eines der totalitären Systeme hätte zweihundert Jahre länger bestanden: Hätten wir es noch als totalitär wahrgenommen, oder nicht eher als liebenswerte Tradition? Unterscheidet die monotheistischen Religionen etwas Relevantes vom real vegetierenden Sozialismus?

Solange kulturelle Regeln als selbstverständlich wahrgenommen werden, brauchen sie nicht durchgesetzt zu werden. Lebendige kulturelle Regeln genießen denselben Status wie Naturgesetze. Niemand empfindet es als „Zwang“, wenn ein geworfener Ball zu Boden fällt, eine elektromagnetische Welle Wände durchdringt oder das Badewasser kalt wird. Es macht uns nicht „unfrei“, dass wir nicht fliegen können. Ebensowenig fühlt sich wohl der Amische gezwungen, einen Bart zu tragen, oder die Mosuo, den Haushalt ihrer Mutter fortzusetzen. Wer diese Kulturen als „totalitär“ bezeichnen wollte, müsste das Attribut auch auf die Allgemeine Relativitätstheorie anwenden.

Paradoxerweise gebiert erst die Häresie den Zwang. Der Ketzer erschafft die Inquisition. Der Erste wird zum Ketzer, und ihm antworten Sanktionen. Die Repressalien erwecken Trotz, und weitere Abweichungen. Ein Gremium entsteht, das misstrauisch wacht und straft. Das Misstrauen erzeugt seine eigene Bestätigung. Am Ende ist es kaum noch möglich, freiwillig das tun zu wollen, was man tun muss.

Am Ende, um das zu wiederholen, steht der entropische Wärmetod der Zivilisation. Alle Regeln sind Makulatur; die Individuen wabern durcheinander wie Braunsche Teilchen. Bindungslos, halten sie sich womöglich für frei. Doch die Motivationen, von denen sie gelenkt werden, sind nur auf eine animalischere Ebene gerutscht.

Führt denn wirklich kein Weg zurück, wie ich oben schrieb? Nun, Kulturpessimismus ist billig und immer wahr, aber wenig hilfreich. Und wenn auch kein Weg zurück führt, so führen doch viele nach vorn. Dass sich die gesamte Gesellschaft freiwillig neuen kulturellen Regeln unterwirft, ist tatsächlich schwer vorstellbar. Es ist nicht völlig ausgeschlossen: Eine glaubwürdige, bildhafte, positive Utopie könnte vielleicht eine große Mehrheit begeistern. Aber das ist nicht sehr wahrscheinlich. Die Gefahr, dass ein Gesellschaftsentwurf, der beansprucht, alle glücklich zu machen, letztlich alle versklavt, ist erfahrungsgemäß allzu groß. Doch anstelle einer einzigen, totalitären Weltanschauung sind schon längst und ganz zwanglos viele davon im Angebot. Und obwohl es eigentlich logisch unmöglich ist, bzw. sein sollte, sich für einen Glauben zu entscheiden, weil das Geglaubte per definitionem nicht beweisbar ist, es also keine rationalen Gründe für die Entscheidung geben kann, kenne ich trotzdem viele Menschen, die genau das getan haben. Ich kenne Leute, die katholisch geworden sind, oder die komisch essen (keine Tiere, kein Gekochtes, keine Kohlenhydrate – was-weiß-ich: Das Maß, in welchem die Kalorienaufnahme zur Weltanschauung geworden ist, würde eine eigene Betrachtung verdienen), es gibt Menschen, die sich dem selbsternannten Messias Vyssarion in Sibirien anschließen, und eine Mehrheit von Amischen, die nach dem Rumspringa in ihre Dörfer zurückkehren. Das Verlangen nach Bindung, auch nach Rück-Bindung, ist groß. Aus dem großen Webstück der abendländischen Kultur mag ein bunter Flickenteppich werden: Auch der wärmt.

So haben sich aus einem Autoaufkleber ungeahnte Betrachtungen über Kulturen entwickelt. Wenn schon nicht das bedauernswerte Kind, so muss wenigstens ich jenen Eltern dankbar dafür sein, dass sie ihre Tochter „Cady Colleen“ genannt haben.


[1] Es lohnt der Hinweis darauf, dass totalitäre Systeme stets bemüht sind, die Kinder möglichst früh durch Jugendorganisationen einzufangen, weil sie, anders als die Erwachsenen, noch formbar sind. Das Bestreben des real galoppierenden Kapitalismus, die Kinder möglichst früh in die vorschulische Betreuung zu bekommen, damit die Eltern ihrem Daseinszweck als Arbeitende nachkommen können, gliedert sich da nahtlos ein.