Pluralistische Medizin

Zwei Anekdoten zu Anfang:

Eine Bekannte litt seit Jahren an Allem. Schlappheit, Kopfschmerzen, generalisiertes Unwohlsein, bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Das Leben war ein Leiden. Sie ging von Arzt zu Arzt; an Geld mangelte es auch nicht; aber niemand vermochte ihr zu helfen. Man bedenke: Sie ist mitnichten esoterisch oder alternativ angehaucht. Sie ist nüchtern und bodenständig. Sie hat von den Ärzten wirklich Heilung erhofft. Vergebens.

Und dann ging sie zum Osteopathen. Der tat, was Osteopathen tun: Energieströme ausmessen, Zähne überprüfen. Dieser oder jener Zahn musste raus, oder zumindest nicht-metallisch neu gefüllt werden. Die Bekannte folgte der Anweisung.

Und wurde gesund.

Aber meine Frau mit ihrem hohen Blutdruck und ihrer Migräne ging daraufhin zum selben Osteopathen. Und er maß Energieströme und prüfte Zähne, und es wurde ein Zahn repariert.

Und es besserte sich nichts.

 

Eine Person meines Vertrauens hatte Atembeschwerden. Wieder mangelte es weder an Ärzten noch an Privatversicherung. Die medizinischen Maschinenparks wurden angefahren, die Lunge nach Strich und Faden vermessen. Wieder gab es respektvolles Vertrauen zu den Ärzten. Wieder gab es keine Diagnose.

So ging die Person zum Homöopathen. Er tat, was Homöopathen tun: Zuhören, eine gründliche Anamnese machen. Dann gab er ihr ein paar Zuckerkügelchen sofort, und ein paar andere für zu Hause.

Schon nach den ersten Kügelchen waren die Beschwerden weg.

Aber meine Frau mit ihrem hohen Blutdruck und ihrer Migräne ging zum selben Homöopathen. Und er hörte zu und machte seine Anamnese. Und es besserte sich nichts.

 

Wer sich umhört, hört viele solche Geschichten. Solche von wunderbaren Heilungen, und solche von Enttäuschungen. Doch jene, die sich Skeptiker nennen, verweisen auf objektive, doppelt randomisierte Studien, und sagen: Nur die Enttäuschungen sind echt. Das andere sind Anekdoten. Zufallsereignisse. Nicht reproduzierbar. Statistische Verunreinigungen. Solange das, was bei Einzelnen funktioniert zu haben scheint, nicht bei allen funktioniert, ist es wertlos.

Aber muss denn Alles für Jeden funktionieren? Auch die wissenschaftliche Pharmakologie bemüht sich neuerdings um die „personalisierte Medizin“. Aber sie meint damit nur, dass anhand genetischer Marker die für jeden geeigneten Medikamente zusammengestellt werden. Personalisiert sind die Wirkstoffe, nicht die Herangehensweisen.

Vielleicht aber geht die Personalisierung der Heilung noch viel weiter. Vielleicht funktioniert Homöopathie für einige Menschen tatsächlich. Und für andere nicht. Dafür funktioniert für einige von den anderen Osteopathie, für einige weitere Ayurveda, und für noch andere die sogenannte Schulmedizin. Die aber auch nicht für jeden funktioniert.

Vielleicht sind die Wahrheiten der Körper, die Wege der Heilung ganz individuell. Vielleicht gibt es gar keine allgemeingültigen Naturgesetze der Medizin. Dann wäre es falsch, nach dem einen Ansatz für Alle zu suchen. Sondern Jeder müsste – und dürfte – für sich herausfinden, wie er geheilt werden kann. Medizin würde pluralistisch. Ein Reich, in dem jeder nach seiner Façon gesund werden kann.

Selbstgewisse Zweifler

Die deutschen Alphajournalisten hören nicht gerne, dass sie gleichgeschaltete Propaganda machen. Da mögen die Nachdenkseiten noch so hartnäckig das Unisono etwa zur Griechenlandkrise dokumentieren, da mag die Propagandaschau tagtäglich bei den Leitmedien fündig werden – diese reagieren allenfalls, indem sie missliebige Kommentatoren als „Putin-Trolle“ schmähen und sicherheitshalber die Kommentarfunktion im Netz abschalten. Und wenn die Kabarettsendung „Die Anstalt“ auf Basis einer wissenschaftlichen Studie nachweist, dass die deutschen Alphajournalisten in transatlantischen Netzwerken zusammenglucken, dann erweist einer der Betroffenen – Stefan Kornelius von der SZ – in seiner Erwiderung seine völlige Unkenntnis vom wissenschaftlichen Arbeiten, während zwei andere – Jochen Bittner und Josef Joffe von der Zeit – ein bildschönes Eigentor schießen, indem sie die missliebige Analyse zensieren lassen wollen („Wie, Ihr behauptet, abweichende Darstellungen würden nicht zugelassen? Das dürft Ihr nicht sagen!“). Einsicht? Keine.

Es überrascht daher nicht, dass nun mit Gero von Randow wieder ein Zeit-Journalist nachkartet und allen, die an der (objektiv nicht gegebenen) Medienvielfalt zweifeln und mehr als kosmetische Kritik üben, Fehlwahrnehmung, Selbsterhöhung, Sektierertum und Ressentiment unterstellt und sie kurzerhand zum „Mob“ stempelt. Das ist alles peinlich genug und braucht hier nicht noch einmal zerpflückt zu werden; andere haben das hervorragend getan.

Mich interessiert ein anderer Aspekt. Von Randow hat als Wissenschaftsjournalist begonnen und sich mit der Herausgabe mehrerer Bücher intensiv in der sogenannten „Skeptiker“-Bewegung engagiert. „Skeptiker“ – und ich werde das hartnäckig in Anführungszeichen setzen – sind Leute, welche jegliche Aussagen über die Welt einer kritischen und rationalen Betrachtung zu unterziehen streben, und das hinreichend wichtig finden, um es sich zur Weltanschauung zu machen. Sie sind daher in verschiedenen nationalen und internationalen Verbänden organisiert, wie CSI(COP) in den USA oder der GWUP in Deutschland, und geben Zeitschriften wie den Skeptical Inquirer oder den Skeptiker heraus. Das wäre sicherlich alles sehr lobenswert und vernünftig, wenn es nicht unter den Anhängern dieser Bewegung allzu viele „Pseudo-Skeptiker“ gäbe, wie das abtrünnige CSICOP-Gründungsmitglied Marcello Truzzi sie nannte: Leute, die am Paranormalen oder anderen außergewöhnlichen Behauptungen nicht einfach unvoreingenommen zweifeln, sondern von vorneherein wissen, dass sie falsch sind. Leute also, die hingebungsvoll an allem zweifeln, das sie selbst nicht glauben.

Mir fiel das auf, als ich vor Jahren mal aus längst vergessenen Gründen in ein „Skeptiker“-Diskussionsforum zur Homöopathie geriet. Irgendein Artikel hatte eine Welle von Häme in dem Forum ausgelöst, die ich einfach nicht unwidersprochen lassen konnte. In meiner Erwiderung wies ich u.a. darauf hin, dass auch die Physik im Großen wie im Kleinen mit postulierten Substanzen wie der Dunklen Materie oder dem (damals noch nicht gemessenen) Higgs-Boson operierte, die nie beobachtet worden waren. Dieselbe großzügige Haltung, meinte ich, sollte man auch der Homöopathie gewähren. – Nix da! Das sei etwas ganz anderes. Homöopathie sei pseudowissenschaftlicher Humbug; hingegen die Existenz der Dunklen Materie gehe aus Gleichungen ganz klar hervor. Als ob die Keplerschen Gleichungen am Himmel beobachtet worden wären . . .

Aber diese Verwechslung von Vernunft und Empirie – oder vielmehr: die Bevorzugung von Vernunft vor der Empirie – scheint mir typisch zu sein für die „Skeptiker“. In einem der von von Randow herausgebenen Bücher gibt es einen Beitrag aus dem Skeptical Inquirer, der folgendes Phänomen . . . nun, nicht eigentlich untersucht . . . :

Vier Leute versuchen einen erwachsenen Menschen mit den Spitzen ihrer Zeigefinger hochzuheben. Das klappt nicht. Dann klatscht der Proband in die Hände, alle machen einen zweiten Versuch, und plötzlich klappt es.

Der Autor des Beitrags zitiert ausführlich verschiedene Schilderungen dieses Phänomens aus verschiedenen Kulturkreisen. Dann stellt er Berechnungen an und ergeht sich in langen Spekulationen, wie der plötzliche Erfolg zu erklären sei – etwa dadurch, dass die Bemühungen durch das Klatschen synchronisiert würden. Nur Eines, das Allernächstliegende, tut er nicht: Vier Leute zusammentrommeln und sich hochheben lassen.

„Skeptiker“, so scheint mir, sind Rationalisten. Sie gehen von einem anerkannten Satz von Wahrheiten aus und beurteilen anhand derer alle ihnen neuen Aussagen. Empirie stört da nur. Es ist im höchsten Maße frappierend, dass sie damit dieselbe Geisteshaltung und dasselbe Verhalten zeigen, das Paul Feyerabend in „Wider den Methodenzwang“ bei den Wortführern der katholischen Kirche gegen Galilei diagnostiziert. Auch diese weigerten sich ja, durch das von Galilei bereitgehaltene Fernrohr zu schauen, weil die Beobachtung für ihre Überzeugung irrelevant gewesen wäre.

Der sich selbst für sehr „bright“ haltende Ober-„Skeptiker“ Richard Dawkins imitierte dieses Verhalten kürzlich getreulich, wie Rupert Sheldrake berichtet: Die beiden waren von einem Fernsehsender zur einem Streitgespräch über Parapsychologie eingeladen worden. Sheldrake hatte Dawkins seine (in peer-reviewten Zeitschriften) publizierten Arbeiten über Telepathie vorab zugeschickt und regte an, sich die Beweise anzusehen: Richard seemed uneasy and said, „I don’t want to discuss evidence“. „Why not?“ I asked. „There isn’t time. It’s too complicated. And that’s not what this programme is about.“ The camera stopped. The Director, Russell Barnes, confirmed that he too was not interested in evidence.

Es passt, dass Dawkins in seinem (ansonsten sehr guten Buch) “The Greatest Show on Earth“ nur eine abfällige Fußnote für die Epigenetik und die Vererbung erworbener Eigenschaften übrig hat. Die empirische Evidenz dafür ist mittlerweile überwältigend. Aber sie stellt halt die Synthetische Evolutionstheorie infrage. Und an dieser hat Dawkins mit absoluter Sicherheit niemals, niemals gezweifelt.

Dies also ist das Umfeld, ist die Geisteshaltung, aus der Gero von Randow kommt: Man zweifelt an allem, was man ohnehin schon für Unfug hält, aber niemals an dem, was man selbst glaubt. Als skeptisch kann man solch eine Haltung selbstverständlich nicht bezeichnen, allenfalls als „skeptisch“.

Mit seinem Wechsel vom Wissenschafts- ins Politikressort hat von Randow diese pseudoskeptische Herangehensweise mitgenommen und verwendet sie jetzt gegen alle, die politisch anders denken als er: Sie sind Spinner; ihre Beweise und Argumente braucht er nicht wahrzunehmen. Der Mainstream hat Recht, weil er der Mainstream ist. Es scheint leider, dass von Randow mit dieser Haltung nicht allein ist in den deutschen Redaktionsbüros.

Wissen und Irrwissen

Der Versuch, mit denjenigen zu diskutieren, die sich selbst als „Skeptiker“ bezeichnen, ist fast immer unergiebig. Selbst ein Streitgespräch mit Zeugen Jehovas kann offener und fruchtbarer sein. Es hat nun einmal jede Weltanschauung ihre Dogmen und unumstößlichen Überzeugungen. Und diejenigen, die man als Verteidiger ihres Glaubens trifft, repräsentieren naturgemäß eher die Inquisition als die Hinterfrager ihrer Weltanschauung. Im Falle der sogenannten „Skeptiker“ – also der Hohen Kirche der Wissenschaft und des Rationalismus – ist solcher Dogmatismus aber besonders schwierig und unangenehm. Denn zum Selbstverständnis des „Skeptizismus“ gehört ja gerade, keine Dogmen zu akzeptieren und jede scheinbare Gewissheit zu hinterfragen. Seinem Selbstbild nach kann ein „Skeptiker“ ebensowenig dogmatisch sein wie ein Katholik gottlos. Zu den Konstruktionsmechanismen der Wissenschaft, so halten sie einem entgegen, gehöre die ständige Überprüfung aller Befunde, und damit das ständige Ausmerzen von Irrtümern und Fehlern. Zwar könne es natürlich Irrtümer in der Wissenschaft geben, aber die würden unweigerlich früher oder später beseitigt, und also – nun, wenn der Skeptiker keine Zeugen hat, dann glaubt er eigentlich, dass es nur ganz wenige Irrtümer in der Wissenschaft gibt. Also: Keine gravierenden. Und genau genommen: Fast keine. Also eigentlich: Keine. Der Religiöse weiß, dass er glaubt. Der „Skeptiker“ glaubt zu wissen.

Unwillkürlich neige ich immer zu der Annahme, dass die selbsternannten „Skeptiker“ keine Wissenschaftler sind. Sonst müssten sie wissen, was für einen hanebüchenen Unfug sie glauben.

Aber andererseits gilt, was ein sehr geschätzter Bielefelder Prof, Roland Sossinka, einmal über die Wissenschaft sagte: „Es gehen immer die, die Zweifel haben, und es bleiben die, die keine Zweifel haben. Und das ist bedenklich.“ – Wie dem auch sei. Jedenfalls gibt es in vielen Wissenschaften kapitale, unübersehbare Irrtümer in den Grundannahmen. Dieser Essay ist der Auftakt zu einer kleinen Serie über solches „Irrwissen“. Aber ehe ich mit den Beispielen beginne, will ich erst fragen, wie es sein kann, dass Irrwissen hartnäckig überlebt? Denn ganz unrecht haben die „Skeptiker“ nicht: Es gibt diesen Überprüfungsmechanismus in der Wissenschaft. Experimente werden nachgemacht. Befunde werden repliziert. Fehler werden zugegeben. Natürlich nicht immer und alles und jedes. Aber auch wenn das Selbsttestmodul nicht perfekt, und vielleicht sogar recht unvollkommen läuft, darf man es nicht in Bausch und Bogen verwerfen. Es läuft. Wie kann Irrwissen dann trotzdem persistieren?

Selbstverständlich bin ich nicht der Erste, der sich diese Frage stellt. Kuhn und Feyerabend haben schon viel Grundlegendes gesagt zum Selbsterhaltungstrieb von Paradigmata: Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Sie neigen dazu, an Überzeugungen festzuhalten. Und dies umso mehr, wenn sie diesen Überzeugungen ihren Lehrstuhl, ihren Ruhm, ihren Lebensunterhalt verdanken. Daher werden sie widersprechende Befunde wegreden, ignorieren oder mit ad-hoc-Hypothesen anflanschen – bis das beim schlechtesten Willen nicht mehr geht und die Wissenschaft in das gerät, was Kuhn eine „Krise“ nannte. Und was man sich doch eigentlich als Normalfall wünschen würde : Eine Phase offener, kreativer Suche nach erklärungsstarken, neuen Theorien.

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So funktioniert Wissenschaft.
(Arthur Ganson: Machine with concrete. Bildquelle: wikipedia)

Ich möchte dieser Darstellung nur einen kleinen Aspekt hinzufügen: Wissenschaft – jedenfalls empirische Wissenschaft – funktioniert wie die „Maschine mit Beton“ von Arthur Ganson. Dieser amerikanische Künstler fabriziert entzückende, zauberhafte „dreaming machines“, von denen man hier eine größere Auswahl in Betrieb sehen kann (mein persönlicher Favorit: Das hintersinnige „Faster!“). Die „Maschine mit Beton“, in anderen Ausführungen auch „mit Granit“, kann man z.B. im Technorama in Winterthur betrachten. Sie wird angetrieben von einem Elektromotor, der mit 200 Umdrehungen pro Minute rotiert. Die Welle treibt ein Zahnrad mit einer Übersetzung von 1:50. Mittels einer weiteren Welle übersetzt das Zahnrad die Drehung wieder, 1:50, auf ein zweites Zahnrad. Dies wiederholt sich insgesamt zwölf mal. Und das letzte, zwölfte Zahnrad ist fest im Beton bzw. Granit eingebettet. Das erste Zahnrad dreht sich trotzdem, denn es ist genügend Spiel selbst in den präzise gearbeiteten Teilen. Das letzte Zahnrad braucht 2,3 Billionen Jahre für eine Umdrehung; pro Jahr bewegt es sich nur um wenige Atomdurchmesser.

So ähnlich ist es mit den empirischen Wissenschaften. Irgendwo in ihrem Kern haben sie möglicherweise eine fest verankerte THEORIE (ganz großgeschrieben!). Anders, als Popper es gerne gehabt hätte, befassen sich die Wissenschaftler eher selten damit, aus dieser Theorie Hypothesen abzuleiten, in dem Bemühen, darüber die Theorie zu falsifizieren. Lieber – das ist hinlänglich bekannt – bestätigen sie ihre Theorie. Noch häufiger machen sie ein interessantes Experiment und überlegen sich hinterher, was es bedeuten könnte. Aber selbst, wenn sie dem Popperschen Ideal folgten, lägen viele Schritte – viele Zahnräder – zwischen der Theorie und der Hypothese. Sehr selten folgt aus einer Theorie unmittelbar eine testbare Hypothese. Empirische Forschung wird ja nicht an allgemeingültigen Konzepten durchgeführt, sondern an konkreten Beispielen. In einem konkreten Experiment gibt es zahlreiche Rahmenbedingungen, die nicht den idealen Annahmen entsprechen. Ist die Theorie überhaupt irgendwie interessant, dann ist der Versuchsaufbau Teil eines komplexen Systems, dessen Bestandteile niemand alle überblicken kann, und das deswegen modellhaft vereinfacht werden muss. Bestimmte Einflussfaktoren werden b.a.w. vernachlässigt. Und so ist das Ergebnis des Experimentes, das – im Idealfall – die Theorie hätte prüfen sollen – am Ende beliebig weit abgeleitet von der Theorie im Kern der Wissenschaft. Die Folge ist, dass im Prinzip auch das Gegenteil des erwarteten Ergebnisses mit der Theorie vereinbart werden könnte, wenn man andere Rahmenbedingungen und Vereinfachungen annimmt.

Ich habe so einen Fall gerade. Ich habe ein sehr interessantes Ergebnis zur Plastizität des Kortex‘, und habe mir – wie üblich nachträglich – überlegt, wie dieses in das aktuelle theoretische Rahmenwerk zu dieser Plastizitätsform passen könnte. Leider war meine Kontrollbedingung nicht gut gewählt, und es hängt nun von den noch durchzuführenden Kontrollexperimenten ab, ob ich meine Interpretation aufrechterhalten kann. Aber wenn die Experimente anders verlaufen als gewünscht (denn ja, auch Wissenschaftler wünschen sich Ergebnisse!), dann bricht davon nicht die Theorie kortikaler Plastizität zusammen. Sondern es gibt nur auf dem langen, komplexen Weg von der Netzhaut zur Sehrinde Einmündungen und Richtungsänderungen, die ich nicht bedacht habe. Auch das gegenteilige Ergebnis wird sich, mit ein wenig Nachdenken und Recherchieren, mit der Theorie in Einklang bringen lassen.

Je weiter sich also ein Experiment von den Kernaussagen der Theorie entfernt, je mehr Erklärungen, also, je mehr Sätze, nötig sind, um die Hypothese aus der Theorie herzuleiten, desto unschärfer ist die Vorhersage. So erlaubt die Theorie in ihrer Peripherie zahlreiche Umdrehungen der empirischen Befunde, ohne dass sie sich rühren müsste. Und der Dogmatiker wird doch wegen einer Umdrehung in neun Rädern Entfernung seine Theorie nicht losflexen! Und was kümmert ihn der ketzerische Einwand, dass es vielleicht besser gewesen wäre, die Theorie gar nicht erst festzuschweißen? Die Räder da draußen drehen sich doch!

So mag es kommen, dass beides wahr ist: Die Wissenschaft überprüft dauernd ihre Befunde, und verharrt trotzdem in kapitalen Irrtümern. Einige solcher Irrtümer, die mir bekannt sind, will ich in den nächsten Essays dieser Reihe vorstellen. Manche von ihnen widersprechen der Empirie, andere der Logik, und in wenigstens einem Fall bewältigt eine Wissenschaft das Kunststück, an einer Theorie festzuhalten, die beidem widerspricht.